Gepostet, geklaut, missbraucht: Wie Eltern ungewollt Pädokriminelle mit Kinderfotos beliefern Lea Oetjen Minden. Auf einigen Fotos posiert Melisa mit einer Designer-Handtasche in der Innenstadt. Andere Bilder zeigen das Mädchen einen knappen schwarzen Rock tragend. Außerdem dokumentiert ein Video, wie sie nur mit einem Badeanzug bekleidet in einem See spielt. Diese Aufnahmen sind auf dem Instagram-Account der Mindenerin zu finden. Öffentlich. Jeder kann sich diese anschauen. Und das, obwohl Melisa all das gar nicht gepostet hat. Dafür ist sie viel zu jung. Das Mädchen ist erst vor wenigen Tagen drei Jahre alt geworden. Hinter dem Account steckt ihre Mutter. Sie plant die Beiträge, legt ihrer Tochter verschiedene Outfits heraus und organisiert Werbekooperationen. Mehr als 2.300 Menschen folgen dem Account von Melisa. So heißt sie übrigens nicht. Um das Mädchen zu schützen, hat sich das Mindener Tageblatt dazu entschieden, den Namen zu ändern. Denn: Ein kurzer Blick in die Abonnenten-Liste reicht schon aus, um zu erkennen, was für Menschen das Leben des Kindes verfolgen. So tauchen dort neben Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten auch diverse Fake-Accounts ohne Fotos auf. Diese Art von Profilen wird in den sozialen Netzwerken in Zusammenhang mit Kinderfotos vor allem von Pädokriminellen genutzt. Das haben verschiedenste Studien zuletzt belegt. Und auch Birgit Thinnes, Leiterin des Kommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz der Kreispolizei, bestätigt das Risiko auf MT-Anfrage. „Was sollen die denn mit den Bildern machen?" Die Mutter von Melisa möchte davon aber nichts wissen. Was für Menschen zu den vielen Abonnenten ihres Kindes zählen, ist der jungen Frau gar nicht bewusst. Das wird in einem Gespräch schnell deutlich. „Das ist ein kleines Mädchen. Was sollen die denn mit den Bildern machen?", fragt die Mindenerin unter anderem. Sie betont, keine Angst vor Pädokriminellen zu haben – „weil ich ja nicht die einzige bin, die Fotos von ihrer Tochter macht. Das ist toll. Ihre Bilder sind in Ordnung und sehr süß", sagt die Mutter. Nach der Aufforderung, ihr nicht länger Angst zu machen, bricht sie das Gespräch ab. Es wirkt, als würde die junge Frau nicht wahrhaben wollen, wie groß die Gefahr im Internet ist. Das ist ein Fehler, wie Kriminalhauptkommissarin Birgit Thinnes nur zu gut weiß. Sie warnt ausdrücklich vor dem „Risiko, dass freizügige Fotos der Kinder auf Internetseiten landen, um den Vorlieben von Tätern sexuellen Missbrauchs zu genügen". Denn genau diese Gefahr bestehe laut der erfahrenen Beamtin vor allem bei öffentlichen Profilen nun mal jederzeit. Auch wenn bislang nicht eindeutig geklärt ist, wie die Täterinnen und Täter an die Bilder genau herankommen. „Theoretisch können Fotos und Videos vom letzten Geburtstag oder Weihnachten, die sich auf sozialen Netzwerken oder auch im Status von Messenger-Diensten befinden, immer zweckentfremdet werden", erklärt Birgit Thinnes. „Natürlich würden wir nicht vermuten, dass jemand aus unserem sozialen Umfeld unsere Kinderfotos für eigene Zwecke missbraucht. Aber ich habe ja auch keinen Überblick, wer die von mir geposteten Inhalte weiterleitet." Diese Tipps gibt die Polizei zum Umgang mit Kinderfotos Es sei daher umso wichtiger, dass das Recht am eigenen Bild gewahrt wird – bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen. „Gerade die Persönlichkeitsrechte von Kindern werden von den eigenen Eltern oder Verwandten häufig verletzt. Grundsätzlich raten wir dazu, Kinder zu fragen, ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden sind", erklärt Birgit Thinnes. Dabei müsse aber beachtet werden, dass kleine Mädchen und Jungen nicht einschätzen können, was mit ihren Bildern passiert, wenn diese einmal im Netz sind. Davon unabhängig sollten „auf gar keinen Fall irgendwelche Fotos veröffentlicht werden, auf denen die Kinder nackt oder nur spärlich bekleidet sind. Gleiches gilt für Videos, die Eltern von den Kindern gedreht haben", stellt die Polizistin mit Nachdruck klar. Für Eltern, die dennoch unbedingt Aufnahmen ihrer Familie verbreiten wollen, hat die Kommissarin ein paar Tipps. In erster Linie sollte unbedingt auf die richtigen Privatsphäre-Einstellungen geachtet werden. „Ein zusätzlicher Schutz für die Kinder besteht, wenn sie von hinten fotografiert werden oder die Gesichter nicht zu erkennen sind", erläutert Birgit Thinnes. Viele Jugendliche würden es heutzutage vermeiden, ihre Gesichter auf Profilfotos zu zeigen, indem sie ein Selfie vor einem Spiegel machen, damit das Handy das Gesicht verdeckt. „Es ist schade, wenn Kinder und Jugendliche sich Gedanken um den eigenen Schutz machen und die Eltern genau dies durch die Verbreitung der Kinderfotos missachten", findet Birgit Thinnes. Ob das eines Tages mal rechtliche Konsequenzen für die Eltern haben kann, lässt sich nicht eindeutig beantworten. „Generell besteht ja die Möglichkeit eine Unterlassungserklärung oder Schmerzensgeld zu erwirken", erklärt die Kriminalhauptkommissarin. Da kommt es aber mit Blick auf die Verjährung darauf an, wann die Fotos gepostet wurden. Mutter aus Porta achtet sehr auf den Schutz ihrer Töchter Darüber muss sich Sarah Köhler aus Porta Westfalica-Holzhausen ohnehin keine Gedanken machen. Unter dem Namen „Sarahs_Familie" postet die zweifache Mutter auf Instagram. Obwohl der Familienalltag auf ihrem Profil im Mittelpunkt steht, zeigt sie ihre Kinder selten. Und selbst wenn: nie mit Gesicht. Das sei für sie und ihren Ehemann nie eine Option gewesen. „Wir sind zwar unfassbar stolz auf unsere Kinder und würden sie am liebsten der ganzen Welt zeigen", erklärt sie. Aber der Schutz ihrer Töchter habe oberste Priorität. Vor allem jetzt, „wo sie noch nicht alt genug sind, um zu verstehen, was im Internet so abgeht", sagt sie. Für Sarah Köhler ist das eine absolute Selbstverständlichkeit. Sie nennt als Grund auch die zunehmenden Fälle von Pädokriminellen. „Da habe ich große Angst vor. Ich habe auch schon mitbekommen, dass es wohl Codewörter in der Szene gibt oder bestimmte Smileys die diesen kriminellen Hinweise geben", berichtet die Holzhauserin. Es sei nun einmal so, dass es heutzutage „zu viele kranke Menschen gibt, die auch Kinder einfach ansprechen". Solchen Personen will die Familie keine Plattform bieten. Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von 𝐌𝐨𝐦𝐥𝐢𝐟𝐞 | 𝐀𝐥𝐥𝐭𝐚𝐠 | 𝐌ä𝐝𝐜𝐡𝐞𝐧𝐦𝐚𝐦𝐚 (@sarahs_familie) Umso schlimmer findet es die zweifache Mutter, dass zunehmend Eltern ihre Kinder für Social Media vermarkten – für Abonnenten, Likes und Aufmerksamkeit. Das ist längst keine Seltenheit mehr im Internet. Influencer, also Menschen mit großer Social-Media-Reichweite, nutzen immer häufiger auch ihre Kinder, um durch Kooperationen mit verschiedenen Marken Geld zu verdienen. „Das Internet vergisst nie. Und das kann meiner Meinung nach auch später, wenn die Kinder etwas älter sind, zu Mobbing führen", befürchtet Sarah Köhler. Sie würde es befürworten, wenn soziale Netzwerke in dieser Angelegenheit mehr durchgreifen würden, um Kinder zu schützen. „Als Erwachsener darf man sich ja auch nicht zu freizügig zeigen, weil es sonst als pornografischer Inhalt gesperrt wird. Ich finde es unverantwortlich, dass es Eltern in Kauf nehmen, dass Pädophile sich ihre Kinder ansehen können – und das nur für Follower und Klicks."

Gepostet, geklaut, missbraucht: Wie Eltern ungewollt Pädokriminelle mit Kinderfotos beliefern

Das Recht am eigenen Bild gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. „Gerade die Persönlichkeitsrechte von Kindern werden häufig verletzt“, kritisiert Kriminalhauptkommissarin Birgit Thinnes. Symbolfoto: Imago © imago stock&people

Minden. Auf einigen Fotos posiert Melisa mit einer Designer-Handtasche in der Innenstadt. Andere Bilder zeigen das Mädchen einen knappen schwarzen Rock tragend. Außerdem dokumentiert ein Video, wie sie nur mit einem Badeanzug bekleidet in einem See spielt. Diese Aufnahmen sind auf dem Instagram-Account der Mindenerin zu finden. Öffentlich. Jeder kann sich diese anschauen. Und das, obwohl Melisa all das gar nicht gepostet hat. Dafür ist sie viel zu jung. Das Mädchen ist erst vor wenigen Tagen drei Jahre alt geworden.

Hinter dem Account steckt ihre Mutter. Sie plant die Beiträge, legt ihrer Tochter verschiedene Outfits heraus und organisiert Werbekooperationen. Mehr als 2.300 Menschen folgen dem Account von Melisa. So heißt sie übrigens nicht. Um das Mädchen zu schützen, hat sich das Mindener Tageblatt dazu entschieden, den Namen zu ändern. Denn: Ein kurzer Blick in die Abonnenten-Liste reicht schon aus, um zu erkennen, was für Menschen das Leben des Kindes verfolgen. So tauchen dort neben Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten auch diverse Fake-Accounts ohne Fotos auf. Diese Art von Profilen wird in den sozialen Netzwerken in Zusammenhang mit Kinderfotos vor allem von Pädokriminellen genutzt. Das haben verschiedenste Studien zuletzt belegt. Und auch Birgit Thinnes, Leiterin des Kommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz der Kreispolizei, bestätigt das Risiko auf MT-Anfrage.

„Was sollen die denn mit den Bildern machen?"


Die Mutter von Melisa möchte davon aber nichts wissen. Was für Menschen zu den vielen Abonnenten ihres Kindes zählen, ist der jungen Frau gar nicht bewusst. Das wird in einem Gespräch schnell deutlich. „Das ist ein kleines Mädchen. Was sollen die denn mit den Bildern machen?", fragt die Mindenerin unter anderem. Sie betont, keine Angst vor Pädokriminellen zu haben – „weil ich ja nicht die einzige bin, die Fotos von ihrer Tochter macht. Das ist toll. Ihre Bilder sind in Ordnung und sehr süß", sagt die Mutter. Nach der Aufforderung, ihr nicht länger Angst zu machen, bricht sie das Gespräch ab.

Es wirkt, als würde die junge Frau nicht wahrhaben wollen, wie groß die Gefahr im Internet ist. Das ist ein Fehler, wie Kriminalhauptkommissarin Birgit Thinnes nur zu gut weiß. Sie warnt ausdrücklich vor dem „Risiko, dass freizügige Fotos der Kinder auf Internetseiten landen, um den Vorlieben von Tätern sexuellen Missbrauchs zu genügen". Denn genau diese Gefahr bestehe laut der erfahrenen Beamtin vor allem bei öffentlichen Profilen nun mal jederzeit. Auch wenn bislang nicht eindeutig geklärt ist, wie die Täterinnen und Täter an die Bilder genau herankommen. „Theoretisch können Fotos und Videos vom letzten Geburtstag oder Weihnachten, die sich auf sozialen Netzwerken oder auch im Status von Messenger-Diensten befinden, immer zweckentfremdet werden", erklärt Birgit Thinnes. „Natürlich würden wir nicht vermuten, dass jemand aus unserem sozialen Umfeld unsere Kinderfotos für eigene Zwecke missbraucht. Aber ich habe ja auch keinen Überblick, wer die von mir geposteten Inhalte weiterleitet."

Diese Tipps gibt die Polizei zum Umgang mit Kinderfotos

Es sei daher umso wichtiger, dass das Recht am eigenen Bild gewahrt wird – bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen. „Gerade die Persönlichkeitsrechte von Kindern werden von den eigenen Eltern oder Verwandten häufig verletzt. Grundsätzlich raten wir dazu, Kinder zu fragen, ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden sind", erklärt Birgit Thinnes. Dabei müsse aber beachtet werden, dass kleine Mädchen und Jungen nicht einschätzen können, was mit ihren Bildern passiert, wenn diese einmal im Netz sind. Davon unabhängig sollten „auf gar keinen Fall irgendwelche Fotos veröffentlicht werden, auf denen die Kinder nackt oder nur spärlich bekleidet sind. Gleiches gilt für Videos, die Eltern von den Kindern gedreht haben", stellt die Polizistin mit Nachdruck klar.

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Für Eltern, die dennoch unbedingt Aufnahmen ihrer Familie verbreiten wollen, hat die Kommissarin ein paar Tipps. In erster Linie sollte unbedingt auf die richtigen Privatsphäre-Einstellungen geachtet werden. „Ein zusätzlicher Schutz für die Kinder besteht, wenn sie von hinten fotografiert werden oder die Gesichter nicht zu erkennen sind", erläutert Birgit Thinnes. Viele Jugendliche würden es heutzutage vermeiden, ihre Gesichter auf Profilfotos zu zeigen, indem sie ein Selfie vor einem Spiegel machen, damit das Handy das Gesicht verdeckt. „Es ist schade, wenn Kinder und Jugendliche sich Gedanken um den eigenen Schutz machen und die Eltern genau dies durch die Verbreitung der Kinderfotos missachten", findet Birgit Thinnes.

Ob das eines Tages mal rechtliche Konsequenzen für die Eltern haben kann, lässt sich nicht eindeutig beantworten. „Generell besteht ja die Möglichkeit eine Unterlassungserklärung oder Schmerzensgeld zu erwirken", erklärt die Kriminalhauptkommissarin. Da kommt es aber mit Blick auf die Verjährung darauf an, wann die Fotos gepostet wurden.

Mutter aus Porta achtet sehr auf den Schutz ihrer Töchter

Darüber muss sich Sarah Köhler aus Porta Westfalica-Holzhausen ohnehin keine Gedanken machen. Unter dem Namen „Sarahs_Familie" postet die zweifache Mutter auf Instagram. Obwohl der Familienalltag auf ihrem Profil im Mittelpunkt steht, zeigt sie ihre Kinder selten. Und selbst wenn: nie mit Gesicht. Das sei für sie und ihren Ehemann nie eine Option gewesen. „Wir sind zwar unfassbar stolz auf unsere Kinder und würden sie am liebsten der ganzen Welt zeigen", erklärt sie. Aber der Schutz ihrer Töchter habe oberste Priorität. Vor allem jetzt, „wo sie noch nicht alt genug sind, um zu verstehen, was im Internet so abgeht", sagt sie.

Für Sarah Köhler ist das eine absolute Selbstverständlichkeit. Sie nennt als Grund auch die zunehmenden Fälle von Pädokriminellen. „Da habe ich große Angst vor. Ich habe auch schon mitbekommen, dass es wohl Codewörter in der Szene gibt oder bestimmte Smileys die diesen kriminellen Hinweise geben", berichtet die Holzhauserin. Es sei nun einmal so, dass es heutzutage „zu viele kranke Menschen gibt, die auch Kinder einfach ansprechen". Solchen Personen will die Familie keine Plattform bieten.

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