Kinder leiden stark unter Corona: So möchten Schulsozialarbeiter sie jetzt unterstützen Anja Peper Minden. Kinder leiden psychisch stark unter Corona. Mehrere Studien ergaben, dass ihnen die Pandemie samt ihrer Folgen – besonders geschlossene Schulen – schwer zu schaffen macht. Im Lockdown können Schulsozialarbeiter helfen. Wenn die Kinder nicht in ihre Büros oder Besprechungsräume kommen können, gehen sie eben zu den Kindern: „Walk and Talk“ heißt diese Methode, also „Reden im Gehen“. Mit Bewegung bekommt man den Kopf frei, das wissen nicht nur Sportler. Eine kleine Runde um den Block reicht meist schon aus, um Präsenz zu zeigen: „Wir sind da und denken an euch“, ist das gemeinsame Signal. Schulsozialarbeiter leisten flexibel Hilfe in verschiedenen Formen, die Lehrer gar nicht leisten können. Welche Rahmenbedingungen sind dazu nötig? Heike Ramin, seit fünf Jahren zuständig für Koordination und Fachberatung Schulsozialarbeit bei der Stadt Minden, hat dazu mit einigen Beteiligten ein Rahmenkonzept erstellt. Es ist auf der Internetseite der Stadt Minden zu finden oder kann als Druckausgabe im Schulbüro angefordert werden. Auf 34 DinA4-Seiten geht es um Zahlen, Selbstverständnis, rechtliche Grundlagen, Ziele, Integration und Inklusion – ein ziemlich weites Feld. Ein Interview mit Heike Ramin. Frau Ramin, viele Menschen stellen sich Schulsozialarbeit vor wie in den 90er Jahren: Streit schlichten nach einer Prügelei zum Beispiel. Ist das noch so? Nein, da hat sich einiges geändert. Heute geht es viel öfter um Themen wie zum Beispiel Cybermobbing oder um persönliche Krisen. Aber die Vorstellung von einer Art Feuerwehr ist teilweise noch verbreitet. So nach dem Motto: „Der Lehrer bringt einen Schüler zur Sozialarbeit – und die machen ihn in zwei Stunden wieder heile.“ Aber so funktioniert das natürlich nicht. Es geht weniger um Krisenintervention und mehr um langfristige Beziehungsarbeit. Wir arbeiten so präventiv wie möglich mit dem Ziel, dass eine Krise nach Möglichkeit gar nicht erst entsteht. Zum Beispiel lernen Schüler etwas darüber, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen, wenn sie zum Beispiel wütend oder traurig sind. Dabei orientieren wir uns an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Jetzt zur Corona-Zeit gibt es viele Beratungsspaziergänge um im Kontakt zu bleiben und die Sorgen und Probleme etwas aufzufangen. Was die Ausstattung mit Schulsozialarbeitern angeht, gibt es durchaus Unterschiede. Zum Beispiel gibt es an der Mosaikschule eine ganze Stelle, an der Grundschule Kutenhausen nur eine halbe. Warum? Der Bedarf an den Schulen ist unterschiedlich. Auch die Probleme sind nicht überall gleich. Es gibt Schüler, die familiär belastet sind und auffällig werden, vielleicht aggressiv sind oder nicht zum Unterricht erscheinen. Es gibt aber auch Lehrkräfte, die mir sagen: „Wir haben hier die kleinen Prinzen und Prinzessinnen.“ Da kann der Umgang ebenfalls schwierig sein. Das Ziel ist, nach und nach die Schulsozialarbeit bedarfsgerecht weiter auszubauen. Auch die neue Sekundarschule soll von Anfang an einen Ansprechpartnerin haben. Im Lockdown kommen viele Kinder kaum noch vor die Tür. Wie können Sie diese Schüler erreichen? Ungewöhnliche Zeiten erfordern in der Tat ungewöhnliche Maßnahmen. An der Käthe-Kollwitz-Realschule gab es zum Beispiel eine QR-Code-Rallye. Dabei kann die ganze Familie mitmachen und gleichzeitig die Stadt kennenlernen. Auch sonst wurden verschiedene Ideen probiert, zum Beispiel gemeinsame Sportangebote per Zoom zu einer vorher verabredeten Uhrzeit. Manche Kinder hat das überhaupt erst aus dem Bett geholt. Wenn Kinder im Lockdown die Nacht zum Tag machen und die Tagesstruktur komplett verloren geht, ist das natürlich ganz schlecht. Zudem sind viele Eltern schlicht überfordert, gerade auch mit dem Homeschooling und benötigen ebenfalls Beratung und Unterstützung. Viele Fünftklässler aus dem jetzigen Jahrgang mit Gymnasialempfehlung haben deutliche Lücken und drohen zu scheitern. Das ist für die Kinder ein Drama uns es müssten jetzt dringend Konzepte her: Wie kann das aufgeholt werden? Welche Ideen gibt es zur Unterstützung? Wenn die Schulsozialarbeiter zu den Kindern nach Hause kommen: Werden sie mit offenen Armen empfangen? In der Regel ja. Die Kinder wissen, dass Schulsozialarbeiter sie unterstützen wollen und sich gerne Zeit nehmen. Aber es ist im Lockdown auch passiert, dass Familien plötzlich nicht mehr aufzufinden waren. Die Kollegen klingeln dann und kommen auch mehrmals wieder, wenn sie niemanden antreffen. Manche tauchen komplett ab. Das kommt an allen Schulen und bei allen Schulformen vor. Dann stellen wir uns die Frage: Was wissen wir über den Hintergrund? Bei ganz hartnäckigen Fällen erfolgt durch die Schulleitung eine Meldung an die Schulaufsicht und von dort werden eventuell auch Bußgelder verhängt. Eine Fotomontage in der Broschüre zeigt die Mindener Sozialarbeiter im Jahr 2020 – es sind 19 Frauen und nur drei Männer. Ist das der übliche Schnitt? Ja, es ist nach wie vor ein traditioneller Frauenberuf. Auch in der sozialen Arbeit insgesamt arbeiten zu 75 Prozent Frauen. Gut ist: Sozialarbeiter müssen sich aktuell keine Sorgen um Stellen machen. Nicht nur in der Schulsozialarbeit haben wir gerade jetzt alle Hände voll zu tun.

Kinder leiden stark unter Corona: So möchten Schulsozialarbeiter sie jetzt unterstützen

Minden. Kinder leiden psychisch stark unter Corona. Mehrere Studien ergaben, dass ihnen die Pandemie samt ihrer Folgen – besonders geschlossene Schulen – schwer zu schaffen macht. Im Lockdown können Schulsozialarbeiter helfen. Wenn die Kinder nicht in ihre Büros oder Besprechungsräume kommen können, gehen sie eben zu den Kindern: „Walk and Talk“ heißt diese Methode, also „Reden im Gehen“.

Schulsozialarbeiter haben gerade im Lockdown alle Hände voll zu tun, ist die Erfahrung von Koordinatorin Heike Ramin. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper
Schulsozialarbeiter haben gerade im Lockdown alle Hände voll zu tun, ist die Erfahrung von Koordinatorin Heike Ramin. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper

Mit Bewegung bekommt man den Kopf frei, das wissen nicht nur Sportler. Eine kleine Runde um den Block reicht meist schon aus, um Präsenz zu zeigen: „Wir sind da und denken an euch“, ist das gemeinsame Signal. Schulsozialarbeiter leisten flexibel Hilfe in verschiedenen Formen, die Lehrer gar nicht leisten können.

Welche Rahmenbedingungen sind dazu nötig? Heike Ramin, seit fünf Jahren zuständig für Koordination und Fachberatung Schulsozialarbeit bei der Stadt Minden, hat dazu mit einigen Beteiligten ein Rahmenkonzept erstellt. Es ist auf der Internetseite der Stadt Minden zu finden oder kann als Druckausgabe im Schulbüro angefordert werden. Auf 34 DinA4-Seiten geht es um Zahlen, Selbstverständnis, rechtliche Grundlagen, Ziele, Integration und Inklusion – ein ziemlich weites Feld. Ein Interview mit Heike Ramin.

Frau Ramin, viele Menschen stellen sich Schulsozialarbeit vor wie in den 90er Jahren: Streit schlichten nach einer Prügelei zum Beispiel. Ist das noch so?

Nein, da hat sich einiges geändert. Heute geht es viel öfter um Themen wie zum Beispiel Cybermobbing oder um persönliche Krisen. Aber die Vorstellung von einer Art Feuerwehr ist teilweise noch verbreitet. So nach dem Motto: „Der Lehrer bringt einen Schüler zur Sozialarbeit – und die machen ihn in zwei Stunden wieder heile.“ Aber so funktioniert das natürlich nicht. Es geht weniger um Krisenintervention und mehr um langfristige Beziehungsarbeit. Wir arbeiten so präventiv wie möglich mit dem Ziel, dass eine Krise nach Möglichkeit gar nicht erst entsteht. Zum Beispiel lernen Schüler etwas darüber, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen, wenn sie zum Beispiel wütend oder traurig sind. Dabei orientieren wir uns an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Jetzt zur Corona-Zeit gibt es viele Beratungsspaziergänge um im Kontakt zu bleiben und die Sorgen und Probleme etwas aufzufangen.

Was die Ausstattung mit Schulsozialarbeitern angeht, gibt es durchaus Unterschiede. Zum Beispiel gibt es an der Mosaikschule eine ganze Stelle, an der Grundschule Kutenhausen nur eine halbe. Warum?

Der Bedarf an den Schulen ist unterschiedlich. Auch die Probleme sind nicht überall gleich. Es gibt Schüler, die familiär belastet sind und auffällig werden, vielleicht aggressiv sind oder nicht zum Unterricht erscheinen. Es gibt aber auch Lehrkräfte, die mir sagen: „Wir haben hier die kleinen Prinzen und Prinzessinnen.“ Da kann der Umgang ebenfalls schwierig sein. Das Ziel ist, nach und nach die Schulsozialarbeit bedarfsgerecht weiter auszubauen. Auch die neue Sekundarschule soll von Anfang an einen Ansprechpartnerin haben.

Im Lockdown kommen viele Kinder kaum noch vor die Tür. Wie können Sie diese Schüler erreichen?

Ungewöhnliche Zeiten erfordern in der Tat ungewöhnliche Maßnahmen. An der Käthe-Kollwitz-Realschule gab es zum Beispiel eine QR-Code-Rallye. Dabei kann die ganze Familie mitmachen und gleichzeitig die Stadt kennenlernen. Auch sonst wurden verschiedene Ideen probiert, zum Beispiel gemeinsame Sportangebote per Zoom zu einer vorher verabredeten Uhrzeit. Manche Kinder hat das überhaupt erst aus dem Bett geholt. Wenn Kinder im Lockdown die Nacht zum Tag machen und die Tagesstruktur komplett verloren geht, ist das natürlich ganz schlecht. Zudem sind viele Eltern schlicht überfordert, gerade auch mit dem Homeschooling und benötigen ebenfalls Beratung und Unterstützung. Viele Fünftklässler aus dem jetzigen Jahrgang mit Gymnasialempfehlung haben deutliche Lücken und drohen zu scheitern. Das ist für die Kinder ein Drama uns es müssten jetzt dringend Konzepte her: Wie kann das aufgeholt werden? Welche Ideen gibt es zur Unterstützung?

Wenn die Schulsozialarbeiter zu den Kindern nach Hause kommen: Werden sie mit offenen Armen empfangen?

In der Regel ja. Die Kinder wissen, dass Schulsozialarbeiter sie unterstützen wollen und sich gerne Zeit nehmen. Aber es ist im Lockdown auch passiert, dass Familien plötzlich nicht mehr aufzufinden waren. Die Kollegen klingeln dann und kommen auch mehrmals wieder, wenn sie niemanden antreffen. Manche tauchen komplett ab. Das kommt an allen Schulen und bei allen Schulformen vor. Dann stellen wir uns die Frage: Was wissen wir über den Hintergrund? Bei ganz hartnäckigen Fällen erfolgt durch die Schulleitung eine Meldung an die Schulaufsicht und von dort werden eventuell auch Bußgelder verhängt.

Eine Fotomontage in der Broschüre zeigt die Mindener Sozialarbeiter im Jahr 2020 – es sind 19 Frauen und nur drei Männer. Ist das der übliche Schnitt?

Ja, es ist nach wie vor ein traditioneller Frauenberuf. Auch in der sozialen Arbeit insgesamt arbeiten zu 75 Prozent Frauen. Gut ist: Sozialarbeiter müssen sich aktuell keine Sorgen um Stellen machen. Nicht nur in der Schulsozialarbeit haben wir gerade jetzt alle Hände voll zu tun.

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