"Kein Einwanderungsland mehr" Prof. Klaus Bade geht scharf mit Sarrazin-Debatte ins Gericht Minden (lkp). "Deutschland ist kein Einwanderungsland mehr", sagt Prof. Klaus J. Bade. "Im deutschsprachigen Europa ist Deutschland ein Migrationsverlierer", warnt der Historiker und Migrationsforscher. Einen Schuldigen dafür, dass vor allem hoch qualifizierte Migranten Deutschland den Rücken kehren oder gar nicht erst kommen, hat Bade ausgemacht: "Sarrazin - oder das Geschäft mit der Angst" nennt er deshalb einen Abschnitt seines Vortrags, den er im Rahmen der VHS-Schwerpunktreihe "Integration gemeinsam gestalten" vor mehr als 100 Zuhörern in Victoria-Hotel hält.2015 könnten bereits drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, 2020 gar fünf Millionen. Statt eines Zustroms von Menschen verließen mehr Leute Deutschland, "Abwanderer auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit", warnt Bade und weist auf Fehler in der Vergangenheit hin: "Deutschland hat migrationspolitisch zu lange gebremst - und war dabei zu erfolgreich."Trotzdem sieht der nach eigenen Worten "Wanderprediger in Sachen Migration und Integration seit Anfang der 80er Jahre" nicht nur Schattenseiten. Die Arbeitslosenquote von Migranten sei hierzulande zwar doppelt so hoch wie die der Deutschen, in anderen EU-Ländern sei sie jedoch oft drei bis vier Mal so hoch. Prekäre Sozialmilieus würden allerdings häufig von einer Generation zur nächsten "vererbt", kritisiert der Emeritus der Universität Osnabrück das ungerechte "meritokratische Bildungssystem".Migranten auf der anderen Seite sind offen für Integration. "Sie trauen den Deutschen viel zu, manchmal sogar mehr als die Deutschen sich selbst."Sarrazins Thesen kritisiert Bade als "Spiel mit dem Feuer". Der ehemalige Finanzsenator und Bundesbanker habe "mangelnde Kenntnis durch Statistiken" ersetzt. Dem Volkswirt hält er vor, soziale Daten aus dem Kontext herausgerissen und falsch interpretiert zu haben - und das alles, auf einen Erfolg auf dem Buchmarkt schielend. "Ich wollte ein Skandalon haben, um in den Markt der Meinungen hineinzukommen", zitiert Bade Sarrazin. Mit dieser Strategie erzielte der Demagoge "in drei Monaten die höchste Auflagenzahl seit 1945: 1,1 Millionen Exemplare - dafür habe der NS-Theoretiker Alfred Rosenberg 14 Jahre gebraucht. Immerhin habe Sarrazin in der zweiten Auflage seines Buches einige sozialbiologistische Abwertungen von Ausländern getilgt.Zu den Folgen der Sarrazin-Debatte gehöre, so Bade, dass sie die Tendenz zur Abwanderung türkischer Eliten verstärkt habe. Kritik übt er an Angel Merkels und Horst Seehofers "Multikulti ist tot" als "doppelt abwegig". In Deutschland gebe es "eine multikulturelle Gesellschaft, aber wir haben nie ein multikulturelles Konzept gehabt".Stattdessen lobt Bade die Erkenntnis Wolfgang Schäubles, gesellschaftliche Vielfalt aushalten zu lernen sei Aufgabe für alle. Ein Vorbild kann sich Deutschland an der kanadischen Einwanderungsphilosophie nehmen, die da heißt: "Diversity ist our strength" - Vielfalt ist unsere Stärke.Interview auf: www.mt-online.de/lokales/minden/4258114_Deutschland_ muss_attraktiver_werden. html

"Kein Einwanderungsland mehr"

Minden (lkp). "Deutschland ist kein Einwanderungsland mehr", sagt Prof. Klaus J. Bade. "Im deutschsprachigen Europa ist Deutschland ein Migrationsverlierer", warnt der Historiker und Migrationsforscher.

Anschließendes Gespräch: Prof. Klaus Bade im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Integrationsrates der Stadt Minden, Alper Ergin. - © MT-Foto: Langenkämper
Anschließendes Gespräch: Prof. Klaus Bade im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Integrationsrates der Stadt Minden, Alper Ergin. - © MT-Foto: Langenkämper

Einen Schuldigen dafür, dass vor allem hoch qualifizierte Migranten Deutschland den Rücken kehren oder gar nicht erst kommen, hat Bade ausgemacht: "Sarrazin - oder das Geschäft mit der Angst" nennt er deshalb einen Abschnitt seines Vortrags, den er im Rahmen der VHS-Schwerpunktreihe "Integration gemeinsam gestalten" vor mehr als 100 Zuhörern in Victoria-Hotel hält.

2015 könnten bereits drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, 2020 gar fünf Millionen. Statt eines Zustroms von Menschen verließen mehr Leute Deutschland, "Abwanderer auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit", warnt Bade und weist auf Fehler in der Vergangenheit hin: "Deutschland hat migrationspolitisch zu lange gebremst - und war dabei zu erfolgreich."

Trotzdem sieht der nach eigenen Worten "Wanderprediger in Sachen Migration und Integration seit Anfang der 80er Jahre" nicht nur Schattenseiten. Die Arbeitslosenquote von Migranten sei hierzulande zwar doppelt so hoch wie die der Deutschen, in anderen EU-Ländern sei sie jedoch oft drei bis vier Mal so hoch. Prekäre Sozialmilieus würden allerdings häufig von einer Generation zur nächsten "vererbt", kritisiert der Emeritus der Universität Osnabrück das ungerechte "meritokratische Bildungssystem".

Migranten auf der anderen Seite sind offen für Integration. "Sie trauen den Deutschen viel zu, manchmal sogar mehr als die Deutschen sich selbst."

Sarrazins Thesen kritisiert Bade als "Spiel mit dem Feuer". Der ehemalige Finanzsenator und Bundesbanker habe "mangelnde Kenntnis durch Statistiken" ersetzt. Dem Volkswirt hält er vor, soziale Daten aus dem Kontext herausgerissen und falsch interpretiert zu haben - und das alles, auf einen Erfolg auf dem Buchmarkt schielend. "Ich wollte ein Skandalon haben, um in den Markt der Meinungen hineinzukommen", zitiert Bade Sarrazin. Mit dieser Strategie erzielte der Demagoge "in drei Monaten die höchste Auflagenzahl seit 1945: 1,1 Millionen Exemplare - dafür habe der NS-Theoretiker Alfred Rosenberg 14 Jahre gebraucht. Immerhin habe Sarrazin in der zweiten Auflage seines Buches einige sozialbiologistische Abwertungen von Ausländern getilgt.

Zu den Folgen der Sarrazin-Debatte gehöre, so Bade, dass sie die Tendenz zur Abwanderung türkischer Eliten verstärkt habe. Kritik übt er an Angel Merkels und Horst Seehofers "Multikulti ist tot" als "doppelt abwegig". In Deutschland gebe es "eine multikulturelle Gesellschaft, aber wir haben nie ein multikulturelles Konzept gehabt".

Stattdessen lobt Bade die Erkenntnis Wolfgang Schäubles, gesellschaftliche Vielfalt aushalten zu lernen sei Aufgabe für alle. Ein Vorbild kann sich Deutschland an der kanadischen Einwanderungsphilosophie nehmen, die da heißt: "Diversity ist our strength" - Vielfalt ist unsere Stärke.

Interview auf: www.mt-online.de/lokales/minden/4258114_Deutschland_ muss_attraktiver_werden. html

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