Kandidat der kruden Thesen: Dietrich Janzen kandidiert für das Bündnis C für den Bundestag Frank Hartmann Espelkamp. Dietrich Janzen ist ein Mann des Wortes. Dabei verweist der Espelkamper zwar kaum auf Bibelstellen, wie es seine Parteizugehörigkeit zum christlich-fundamentalistischen Bündnis C vermuten lassen könnte. Um so mehr bewertet er die politischen Vorgänge in Deutschland und weltweit aus streng christlicher Sicht. Der Bewerber um ein Bundestags-Direktmandat im Wahlkreis 134 bringt laut Selbstbeschreibung „eine beachtliche Lebenserfahrung mit“. Außerdem weist er nach eigener Darstellung theoretische und praktische Fähigkeiten auf, versteht Eltern und Familien mit ihren Sorgen, hat sich durch ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in den 80er-Jahren „ökonomischen Sachverstand“ angeeignet, versteht verschiedene Kulturen und kann zu kooperativem Verhalten ermutigen. Aktuell beschäftige er sich in einem Fernstudium mit Kulturwissenschaften, Schwerpunkt Geschichte. Schade nur: Von all seinen behaupteten oder tatsächlichen Fähigkeiten, die der mitteilungsfreudige Janzen ungefragt aufzählt, kann die Redaktion sich nicht selbst ein Bild machen. Denn ein Treffen und ein Gespräch hat der von sich so überzeugte Bundestagsbewerber abgelehnt. Nur per Mail gibt er Auskunft, aber auch nur dann, wenn er die Fragen im Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf als „sinnvoll“ bewertet – sprich: die Kontrolle behält. Sonst lässt er Nachfragen per Mail unbeantwortet, etwa auf die Frage, warum er von der AfD zum Bündnis C gewechselt ist. Um für die anderen Bundestagsbewerber, die das Interview-Angebot angenommen haben, Chancengleichheit zu wahren, wird somit kein Porträt über den Kandidaten und Menschen Dietrich Janzen erscheinen. Trotzdem ist einiges über ihn bekannt. Geboren wurde der Mann mit dem markanten Schnauzbart und besonderem Interesse an Außenpolitik („Deutschlands Freiheit und Souveränität wird an den Grenzen der Bundesrepublik verteidigt und nicht in Afrika, Nahem oder Fernen Osten!“) 1958 im russischen Borowsk/Ural. Dort hätten sich seine Eltern nach der Deportation aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen. Im Juli 1977, schreibt er, sei er als 19-Jähriger zusammen mit Mutter, Großmutter und vier Geschwistern nach Deutschland als Spätaussiedler gekommen: „Weil wir in Russland und der UdSSR keine Perspektive mehr für uns als Deutsche und Christen im atheistischen Staat sahen.“ Der Dolmetscher und Übersetzer ist verheiratet, Vater von zwölf Kindern – sechs Mädchen und sechs Jungen im Alter von 7 bis 31 Jahren – und hat fünf Enkel. Als Hobbys nennt er Schach spielen, Pilze sammeln und im Urlaub Angeln. Außerdem habe er bis vor kurzen Fußball gespielt und sei sechs Jahre lang Fußballschiedsrichter gewesen. Zu seinen Stärken zählt er unter anderem eine schnelle Auffassungsgabe, Menschenkenntnis und rational-analytisches Denkvermögen. Man fragt sich deshalb, warum er dann in seinem Facebook-Profil gelegentlich bis nachts um drei krude Thesen von „kla.tv“ verbreitet. Klagemauer.tv sei seit Jahren dafür bekannt, „Desinformation zu verbreiten“, urteilt Correctiv, ein spendenfinanziertes Recherchezentrum, das Fakten checkt und für investigativen Journalismus steht. Hinter „kla.tv“ stehen demnach der Schweizer Ivo Sasek und seine Sekte „Organische Christus-Generation“, die „teilweise antisemitische Tendenzen“ aufweise. Und „Desinformation zur Corona-Pandemie“, ist bei Correctiv nachzulesen. Damit liegt der Sektenkanal voll auf Janzens Linie – er hält Corona für eine „grippeähnliche Erkrankung“. Neben verharmlosenden Aussagen zeigt Janzen auch ein anderes Gesicht. Manchmal werde er getrieben von „übertriebenem Ehrgeiz“, räumt er ein. Er sei ungeduldig, könne auch jähzornig werden. Vielleicht ist das der Grund für verbale Entgleisungen wie bei einem der umstrittenen „Friedensspaziergänge“ in Espelkamp, bei dem Janzen in einer Rede wilde Verschwörungstheorien über Covid-19, Bill Gates, eine Impfkampagne zur „Reduktion der Weltbevölkerung“ und „globalistische Eliten“ verbreitete. Und bei der er die Abtreibung von Kindern einen „lautlosen Holocaust“ nannte. Ist es das, was seine Partei meint, wenn sie auf ihrer Internetseite veröffentlicht: „In Bündnis C arbeiten wir für eine christlich fundierte Politik auf der Basis der biblischen Ethik. (...) Wir schließen uns keinen Fraktionen oder Koalitionen an, wo (...) wir unverantwortliche Kompromisse mittragen müssten.“ Abgesehen von kritischen Fragen, die Dietrich Janzen gänzlich oder mit süffisanten Anmerkungen versehen unbeantwortet lässt, zeigt er sich unerschütterlich – im Glauben wie in seinen Botschaften. Linke ideologische Stereotypen, kritisiert er, hätten zwei Generationen geprägt. Die Jugend sei zu großen Teilen unruhig, aufgewühlt, aufgestachelt gegen die Erwachsenen, nervös, besserwisserisch, unreif: „Greta Thunberg – dieser Name sagt alles.“ Während Thunbergs Engagement weltweit Beachtung findet, lässt Janzen unerwähnt, wofür die schwedische und andere Klimaschutzaktivisten überhaupt stehen: eine an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte Klimapolitik. Ihm ist das Thema bei all seinen Ausführungen über Gottlosigkeit und verloren gegangene Freiheit und Menschenwürde aufgrund von Coronaschutzverordnungen keine Zeile wert. Im September hofft Janzen auf „eine Koalition der besorgten und anständigen Bürger“, weiß aber auch, dass er mit seiner Kandidatur scheitern könnte. Unaufgefordert teilt der Bündnis-C-Mann dazu mit: „Sollte ich nicht in den Bundestag gewählt werden, werde ich mich weiter in der Kommunalpolitik in Espelkamp und im Kreis Minden-Lübbecke zum gemeinsamen Wohl aller Bürger einbringen, meinem Beruf nachgehen, mich um die Familie kümmern und kirchlich engagieren.“

Kandidat der kruden Thesen: Dietrich Janzen kandidiert für das Bündnis C für den Bundestag

Dietrich Janzen, hier bei einem Vortrag 2017 vor der Kommunalwahl im Espelkamper Bürgerhaus. Seinerzeit war er noch Mitglied der AfD, bevor er zum Bündnis C wechselte. NW-Archivfoto: Karsten Schulz © Karsten Schulz

Espelkamp. Dietrich Janzen ist ein Mann des Wortes. Dabei verweist der Espelkamper zwar kaum auf Bibelstellen, wie es seine Parteizugehörigkeit zum christlich-fundamentalistischen Bündnis C vermuten lassen könnte. Um so mehr bewertet er die politischen Vorgänge in Deutschland und weltweit aus streng christlicher Sicht. Der Bewerber um ein Bundestags-Direktmandat im Wahlkreis 134 bringt laut Selbstbeschreibung „eine beachtliche Lebenserfahrung mit“. Außerdem weist er nach eigener Darstellung theoretische und praktische Fähigkeiten auf, versteht Eltern und Familien mit ihren Sorgen, hat sich durch ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in den 80er-Jahren „ökonomischen Sachverstand“ angeeignet, versteht verschiedene Kulturen und kann zu kooperativem Verhalten ermutigen. Aktuell beschäftige er sich in einem Fernstudium mit Kulturwissenschaften, Schwerpunkt Geschichte.

Schade nur: Von all seinen behaupteten oder tatsächlichen Fähigkeiten, die der mitteilungsfreudige Janzen ungefragt aufzählt, kann die Redaktion sich nicht selbst ein Bild machen. Denn ein Treffen und ein Gespräch hat der von sich so überzeugte Bundestagsbewerber abgelehnt. Nur per Mail gibt er Auskunft, aber auch nur dann, wenn er die Fragen im Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf als „sinnvoll“ bewertet – sprich: die Kontrolle behält. Sonst lässt er Nachfragen per Mail unbeantwortet, etwa auf die Frage, warum er von der AfD zum Bündnis C gewechselt ist. Um für die anderen Bundestagsbewerber, die das Interview-Angebot angenommen haben, Chancengleichheit zu wahren, wird somit kein Porträt über den Kandidaten und Menschen Dietrich Janzen erscheinen. Trotzdem ist einiges über ihn bekannt.

Geboren wurde der Mann mit dem markanten Schnauzbart und besonderem Interesse an Außenpolitik („Deutschlands Freiheit und Souveränität wird an den Grenzen der Bundesrepublik verteidigt und nicht in Afrika, Nahem oder Fernen Osten!“) 1958 im russischen Borowsk/Ural. Dort hätten sich seine Eltern nach der Deportation aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen. Im Juli 1977, schreibt er, sei er als 19-Jähriger zusammen mit Mutter, Großmutter und vier Geschwistern nach Deutschland als Spätaussiedler gekommen: „Weil wir in Russland und der UdSSR keine Perspektive mehr für uns als Deutsche und Christen im atheistischen Staat sahen.“


Der Dolmetscher und Übersetzer ist verheiratet, Vater von zwölf Kindern – sechs Mädchen und sechs Jungen im Alter von 7 bis 31 Jahren – und hat fünf Enkel. Als Hobbys nennt er Schach spielen, Pilze sammeln und im Urlaub Angeln. Außerdem habe er bis vor kurzen Fußball gespielt und sei sechs Jahre lang Fußballschiedsrichter gewesen.

Zu seinen Stärken zählt er unter anderem eine schnelle Auffassungsgabe, Menschenkenntnis und rational-analytisches Denkvermögen. Man fragt sich deshalb, warum er dann in seinem Facebook-Profil gelegentlich bis nachts um drei krude Thesen von „kla.tv“ verbreitet. Klagemauer.tv sei seit Jahren dafür bekannt, „Desinformation zu verbreiten“, urteilt Correctiv, ein spendenfinanziertes Recherchezentrum, das Fakten checkt und für investigativen Journalismus steht. Hinter „kla.tv“ stehen demnach der Schweizer Ivo Sasek und seine Sekte „Organische Christus-Generation“, die „teilweise antisemitische Tendenzen“ aufweise. Und „Desinformation zur Corona-Pandemie“, ist bei Correctiv nachzulesen. Damit liegt der Sektenkanal voll auf Janzens Linie – er hält Corona für eine „grippeähnliche Erkrankung“.

Neben verharmlosenden Aussagen zeigt Janzen auch ein anderes Gesicht. Manchmal werde er getrieben von „übertriebenem Ehrgeiz“, räumt er ein. Er sei ungeduldig, könne auch jähzornig werden. Vielleicht ist das der Grund für verbale Entgleisungen wie bei einem der umstrittenen „Friedensspaziergänge“ in Espelkamp, bei dem Janzen in einer Rede wilde Verschwörungstheorien über Covid-19, Bill Gates, eine Impfkampagne zur „Reduktion der Weltbevölkerung“ und „globalistische Eliten“ verbreitete. Und bei der er die Abtreibung von Kindern einen „lautlosen Holocaust“ nannte. Ist es das, was seine Partei meint, wenn sie auf ihrer Internetseite veröffentlicht: „In Bündnis C arbeiten wir für eine christlich fundierte Politik auf der Basis der biblischen Ethik. (...) Wir schließen uns keinen Fraktionen oder Koalitionen an, wo (...) wir unverantwortliche Kompromisse mittragen müssten.“

Abgesehen von kritischen Fragen, die Dietrich Janzen gänzlich oder mit süffisanten Anmerkungen versehen unbeantwortet lässt, zeigt er sich unerschütterlich – im Glauben wie in seinen Botschaften. Linke ideologische Stereotypen, kritisiert er, hätten zwei Generationen geprägt. Die Jugend sei zu großen Teilen unruhig, aufgewühlt, aufgestachelt gegen die Erwachsenen, nervös, besserwisserisch, unreif: „Greta Thunberg – dieser Name sagt alles.“ Während Thunbergs Engagement weltweit Beachtung findet, lässt Janzen unerwähnt, wofür die schwedische und andere Klimaschutzaktivisten überhaupt stehen: eine an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte Klimapolitik. Ihm ist das Thema bei all seinen Ausführungen über Gottlosigkeit und verloren gegangene Freiheit und Menschenwürde aufgrund von Coronaschutzverordnungen keine Zeile wert.

Im September hofft Janzen auf „eine Koalition der besorgten und anständigen Bürger“, weiß aber auch, dass er mit seiner Kandidatur scheitern könnte. Unaufgefordert teilt der Bündnis-C-Mann dazu mit: „Sollte ich nicht in den Bundestag gewählt werden, werde ich mich weiter in der Kommunalpolitik in Espelkamp und im Kreis Minden-Lübbecke zum gemeinsamen Wohl aller Bürger einbringen, meinem Beruf nachgehen, mich um die Familie kümmern und kirchlich engagieren.“

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