"Je kleiner die Stadt, desto schlimmer die Situation": Junge Frauen schildern ausweglose Suche nach Therapieplatz Malina Reckordt Porta Westfalica/Bielefeld. Die Tage wurden kürzer und dunkler, Marie (Namen der Betroffenen geändert) ging es immer schlechter. Sie weinte erst oft, dann konnte sie überhaupt nicht mehr weinen. „Es war dunkel und leer in mir. Ich habe gesehen, dass etwas Schönes passiert, aber ich habe es nicht gespürt", erzählt die 27-Jährige. Im November vergangenen Jahres ging sie zum Hausarzt, ließ sich mehrmals krankschreiben und nahm schließlich Kontakt zu einer Mindener Psychologin auf. Ihre Diagnose: Depressionen. Die Suche „Einen Termin in einer Sprechstunde habe ich damals recht schnell bekommen. Ich habe allerdings nur Informationen zur Therapieplatz-Suche bekommen", erzählt die 27-Jährige im MT-Gespräch. Bei 14 Psychologen und Psychotherapeuten hat sie seitdem angerufen und wurde meist kurz und knapp abgewimmelt. Nachrichten auf Anrufbeantwortern blieben unbeantwortet. „Bei einigen Ärzten beträgt die Wartezeit bis zu drei Jahren", so die Erzieherin. Die vielen erfolglosen Anrufe waren für Marie jedes Mal ein Dämpfer. Hinzu seien im privaten Umfeld einige Dinge passiert, die ihre Situation verschlimmert hätten. Von ihrem Hausarzt bekam die Frau aus Porta Westfalica schließlich Antidepressiva verschrieben, doch diese vertrug sie nicht. Ein halbes Jahr später hat sie erneut einen Termin für ein Erstgespräch – das ist ein erstes Kennenlernen, wo geprüft werden soll, ob eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden kann. „Das Gespräch lief sehr gut und ich wurde auf die Warteliste aufgenommen", berichtet Marie. Doch auf einen Anruf wartet sie bis heute. Aktuell geht es der 27-Jährigen gut und dass, obwohl es draußen dunkel, kalt und nass ist. Nichtsdestotrotz wartet sie weiter auf den Therapieplatz. „Die Suche war einfach so kompliziert und anstrengend." Währenddessen ist bei ihr auch eine gewisse Wut entstanden. „Wenn ich mir das Bein gebrochen hätte, wäre mir direkt geholfen worden und mit einer Depression muss man erst ein Jahr warten", betont die Erzieherin. In einer ähnlichen Situation steckt die 23-jährige Katharina – nur schon viel länger. Denn seitdem sie 16 Jahre alt ist, leidet die Frau aus Porta Westfalica an Depressionen. Als sie Jugendliche war, fand sie schnell Hilfe bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Ein paar Jahre später ging es mir wieder schlechter, doch zu meiner Psychotherapeutin durfte ich nicht zurück, weil ich mit 21 Jahren zu alt war", erzählt sie. Weil die 23-Jährige zwischenzeitlich so verzweifelt war, hat sie einen Termin bei einem Psychotherapeuten ausgemacht. „Drei Stunden haben 600 Euro gekostet. Das kann ich mir nicht leisten", so die Konditorin. Das Problem Schon seit vielen Jahren gibt es nicht genügend Psychotherapieplätze. „Je kleiner die Stadt, desto schlimmer die Situation", meint Psychotherapeut Andreas Abel. In größeren Städten wie Bielefeld sei die Lage deutlich besser. Psychotherapeuten können nicht einfach eine Praxis eröffnen, denn für jede Region ist eine Obergrenze an Ärzten vorgeschrieben, die mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen möchten. Eine private Praxis kann jederzeit eröffnet werden. „Diese Zahl orientiert sich an der Bedarfsplanung der Weltgesundheitsorganisation, nicht aber an dem eigentlichen Bedarf", kritisiert Abel.  Zumal die Kapazitäten eines Psychotherapeuten sehr schnell erschöpft seien, ganz im Gegensatz zu anderen Fachärzten, so der Bielefelder. Pro Tag führt der Psychotherapeut acht Sitzungen, rund 100 Patienten behandelt er gleichzeitig, im Durchschnitt mit je 30 Sitzungen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sehr lange dauert, bis überhaupt ein Behandlungsplatz frei wird. „Ich arbeite Vollzeit, 50 bis 60 Stunden die Woche. Mehr kann ich nicht tun", so Abel. Der Weg zur Therapie Eine Überweisung vom Hausarzt ist nicht nötig. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für eine Psychotherapie. Vor deren Beginn finden Gespräche statt, um herauszufinden, ob die „Chemie" zwischen Patient und Therapeut passt. In der Regel können Betroffene nicht direkt mit der Therapie starten, sondern müssen sich erst auf Wartelisten setzen lassen. Abel rät Betroffenen aus Minden und Umgebung, sich auch in Bielefeld nach einem Psychotherapeuten umzusehen, weil es dort verhältnismäßig viele Praxen gebe. Im Notfall Die psychotherapeutische Versorgung wurde 2017 neu strukturiert, so dass bei akuten Krisen schneller eingegriffen werden kann. Die sogenannte Akutbehandlung soll auf anschließende Therapien vorbereiten, dafür stehen 24 Behandlungseinheiten mit 25-minütiger Dauer zur Verfügung. Über die Servicestelle (116 117) bekommen Betroffene einen Psychotherapeuten mit freien Terminen für die Akuttherapie vermittelt. Weitere Anlaufstellen finden sich unter www.app-bielefeld.de oder www.kvwl.de

"Je kleiner die Stadt, desto schlimmer die Situation": Junge Frauen schildern ausweglose Suche nach Therapieplatz

Bevor man überhaupt einen Therapieplatz bekommt, vergehen oft Wochen und Monate. Zwei junge Frauen schildern im MT-Gespräch ihre Probleme. Symbolfoto: © imago images/Westend61

Porta Westfalica/Bielefeld. Die Tage wurden kürzer und dunkler, Marie (Namen der Betroffenen geändert) ging es immer schlechter. Sie weinte erst oft, dann konnte sie überhaupt nicht mehr weinen. „Es war dunkel und leer in mir. Ich habe gesehen, dass etwas Schönes passiert, aber ich habe es nicht gespürt", erzählt die 27-Jährige. Im November vergangenen Jahres ging sie zum Hausarzt, ließ sich mehrmals krankschreiben und nahm schließlich Kontakt zu einer Mindener Psychologin auf. Ihre Diagnose: Depressionen.

Die Suche

„Einen Termin in einer Sprechstunde habe ich damals recht schnell bekommen. Ich habe allerdings nur Informationen zur Therapieplatz-Suche bekommen", erzählt die 27-Jährige im MT-Gespräch. Bei 14 Psychologen und Psychotherapeuten hat sie seitdem angerufen und wurde meist kurz und knapp abgewimmelt. Nachrichten auf Anrufbeantwortern blieben unbeantwortet. „Bei einigen Ärzten beträgt die Wartezeit bis zu drei Jahren", so die Erzieherin. Die vielen erfolglosen Anrufe waren für Marie jedes Mal ein Dämpfer. Hinzu seien im privaten Umfeld einige Dinge passiert, die ihre Situation verschlimmert hätten. Von ihrem Hausarzt bekam die Frau aus Porta Westfalica schließlich Antidepressiva verschrieben, doch diese vertrug sie nicht.

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Patrick Schwemmling

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Ein halbes Jahr später hat sie erneut einen Termin für ein Erstgespräch – das ist ein erstes Kennenlernen, wo geprüft werden soll, ob eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden kann. „Das Gespräch lief sehr gut und ich wurde auf die Warteliste aufgenommen", berichtet Marie. Doch auf einen Anruf wartet sie bis heute.

Aktuell geht es der 27-Jährigen gut und dass, obwohl es draußen dunkel, kalt und nass ist. Nichtsdestotrotz wartet sie weiter auf den Therapieplatz. „Die Suche war einfach so kompliziert und anstrengend." Währenddessen ist bei ihr auch eine gewisse Wut entstanden. „Wenn ich mir das Bein gebrochen hätte, wäre mir direkt geholfen worden und mit einer Depression muss man erst ein Jahr warten", betont die Erzieherin.

In einer ähnlichen Situation steckt die 23-jährige Katharina – nur schon viel länger. Denn seitdem sie 16 Jahre alt ist, leidet die Frau aus Porta Westfalica an Depressionen. Als sie Jugendliche war, fand sie schnell Hilfe bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Ein paar Jahre später ging es mir wieder schlechter, doch zu meiner Psychotherapeutin durfte ich nicht zurück, weil ich mit 21 Jahren zu alt war", erzählt sie.

Weil die 23-Jährige zwischenzeitlich so verzweifelt war, hat sie einen Termin bei einem Psychotherapeuten ausgemacht. „Drei Stunden haben 600 Euro gekostet. Das kann ich mir nicht leisten", so die Konditorin.

Das Problem

Schon seit vielen Jahren gibt es nicht genügend Psychotherapieplätze. „Je kleiner die Stadt, desto schlimmer die Situation", meint Psychotherapeut Andreas Abel. In größeren Städten wie Bielefeld sei die Lage deutlich besser. Psychotherapeuten können nicht einfach eine Praxis eröffnen, denn für jede Region ist eine Obergrenze an Ärzten vorgeschrieben, die mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen möchten. Eine private Praxis kann jederzeit eröffnet werden. „Diese Zahl orientiert sich an der Bedarfsplanung der Weltgesundheitsorganisation, nicht aber an dem eigentlichen Bedarf", kritisiert Abel. 

Psychotherapeut Andreas Abel. Foto: pr - © pr
Psychotherapeut Andreas Abel. Foto: pr - © pr

Zumal die Kapazitäten eines Psychotherapeuten sehr schnell erschöpft seien, ganz im Gegensatz zu anderen Fachärzten, so der Bielefelder. Pro Tag führt der Psychotherapeut acht Sitzungen, rund 100 Patienten behandelt er gleichzeitig, im Durchschnitt mit je 30 Sitzungen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sehr lange dauert, bis überhaupt ein Behandlungsplatz frei wird. „Ich arbeite Vollzeit, 50 bis 60 Stunden die Woche. Mehr kann ich nicht tun", so Abel.

Der Weg zur Therapie

Eine Überweisung vom Hausarzt ist nicht nötig. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für eine Psychotherapie. Vor deren Beginn finden Gespräche statt, um herauszufinden, ob die „Chemie" zwischen Patient und Therapeut passt. In der Regel können Betroffene nicht direkt mit der Therapie starten, sondern müssen sich erst auf Wartelisten setzen lassen. Abel rät Betroffenen aus Minden und Umgebung, sich auch in Bielefeld nach einem Psychotherapeuten umzusehen, weil es dort verhältnismäßig viele Praxen gebe.

Im Notfall

Die psychotherapeutische Versorgung wurde 2017 neu strukturiert, so dass bei akuten Krisen schneller eingegriffen werden kann. Die sogenannte Akutbehandlung soll auf anschließende Therapien vorbereiten, dafür stehen 24 Behandlungseinheiten mit 25-minütiger Dauer zur Verfügung. Über die Servicestelle (116 117) bekommen Betroffene einen Psychotherapeuten mit freien Terminen für die Akuttherapie vermittelt. Weitere Anlaufstellen finden sich unter www.app-bielefeld.de oder www.kvwl.de

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