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„Jagdfieber ist unangemessen“: Erfolgspodcast „Macht und Millionen“ zu Gast in Minden Benjamin Piel Minden. Das journalistische Onlineportal „Business Insider“ ist spätestens seit dem RBB-Skandal deutschlandweit bekannt. Chefredakteur Kayhan Özgenc und Redakteurin Solveig Gode sind auf Einladung des Mindener Tageblatts am Mittwoch, 7. Dezember, ab 20 Uhr mit ihrem Erfolgspodcast „Macht und Millionen“ live zu Gast im Mindener BÜZ (Karten gibt es im Express-Ticketservice in der Obermarkstraße). Auf der Bühne berichten sie bei einem „Mindener Mediengespräch spezial“ über spannende Fälle deutscher Wirtschaftskriminalität. Herr Özgenc, der Business Insider ist in Deutschland eher unbekannt. Dann hat Ihr Mitarbeiter Jan Wehmeyer aus Petershagen den Anstoß für eine Reihe von Berichterstattungen rund um den RBB und seine damalige Intendantin Patricia Schlesinger gebracht. Wie wichtig war die Recherche für Sie? Wir hatten auch vorher etliche Scoops. Aber mit den Recherchen unseres Investigativ-Chefs zum RBB haben wir bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil die Recherchen erstmals zum Rücktritt einer ARD-Intendantin geführt und die größte Krise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgelöst haben. Nach allem, was Sie ans Licht gebracht haben: Hätten Sie das vorher für möglich gehalten und halten Sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für reformierbar? Ich bin wirklich erschüttert über die jahrelangen Missstände, die jetzt ans Tageslicht gekommen sind. Da haben die Kontrollinstanzen vollständig versagt. Denn es gibt ja Gremien wie Rundfunk- und Verwaltungsrat. Doch es fehlte offenbar an Expertise und am Interesse, die Vorgänge wirklich zu überwachen. Ein unglaublicher Skandal auf Kosten der Gebührenzahler. Nach der Affäre um den früheren Bundespräsidenten Wulff blieb der schale Nachgeschmack, dass die Reporter auch Dinge ans Licht bringen zu müssen glaubten, die nachher lächerlich wirkten – Stichwort Bobbycar. Bei einigen Punkten in der Affäre Schlesinger habe ich den Eindruck auch – Stichwort Wandbepflanzung. Wie ziehen Sie die Grenze zwischen relevanten Verfehlungen und irrelevanten Nebenaspekten? Im Kern geht es in der Affäre um Verschwendung von Gebührengeldern. Die Wandbepflanzungen im Büro oder die mittlerweile berühmten Massagesitze im Dienstwagen spielen dabei eine Nebenrolle, zeigen aber zugleich, dass es dort überhaupt kein Fingerspitzengefühl gab. Viel schwerer wiegen allerdings Beraterhonorare in Millionenhöhe, die für einen geplanten Neubau ausgegeben wurden. In diesem Skandal sind in so kurzer Zeit so viele Fälle von Verschwendung bekannt geworden, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Das unterscheidet die Affäre auch vom Wulff-Absturz, bei der es nur um geringe Geldbeträge gegangen war. Dürfen Journalisten in ein Jagdfieber verfallen? Jagdfieber bedeutet ja, dass man unbedingt jemand zur Strecke bringen will. Das ist selbstverständlich unangemessen für den verantwortungsvollen Job von Journalisten. Wir haben die wichtige Aufgabe, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und notfalls auch zu hauen. Journalisten üben eine verfassungsrechtlich verankerte Kontrollfunktion in unserer Gesellschaft aus. Darum geht es auch in der RBB-Affäre: Wir haben rund um Schlesinger Missstände enthüllt, was zu ihrer fristlosen Kündigung geführt hat. Zugleich haben wir nicht nur versucht, auf jede Art von Polemik zu verzichten, sondern uns auch Meinungsbeiträge verboten – etwa zur Abschaffung der ARD, die bereits viele gefordert haben. Der Podcast „Macht & Millionen“ ist sehr erfolgreich. Was ist das Faszinierende an Wirtschaftskriminalität? True-Crime-Formate mit Mörder und Leichen gibt es inzwischen viele. Als wir vor zwei Jahren starteten, wollten wir ausprobieren, ob auch Kriminalfälle aus der Wirtschaft beim Publikum funktionieren. Mich faszinieren Machtkämpfe in Chefetagen großer Konzerne wie VW oder Siemens, aber auch der Blick hinter die Kulissen von Familienunternehmen wie Aldi oder Tengelmann. Es geht in unseren Geschichten aber auch um Betrug, Korruption, Spionage. Wir erzählen möglichst spannend, verständlich und unterhaltsam. Damit treffen wir einen Nerv. Denn die Hörerzahlen sind nach oben geschnellt, das Feedback ist positiv, wir haben kürzlich ein Buch veröffentlicht und sind jetzt auf Live-Tour. Welcher Fall war Ihr Highlight in den bisher 40 Folgen? Die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW. Der kleinere Sportwagenhersteller wollte den Autogiganten schlucken, am Ende kam es umgekehrt. Es war eine der aufregendsten Fälle in der deutschen Wirtschaftswelt. Ich habe damals den spektakulären Machtkampf als Reporter jahrelang verfolgt und konnte im Podcast viele Inside-Geschichten erzählen. Eine Folge haben Sie auch über jemandem aus unserem Kreisgebiet gemacht: Lars Windhorst, der umstrittene Unternehmer aus Rahden. Wie windig ist er? Lars Windhorst träumt davon, mal als erfolgreicher Geschäftsmann anerkannt zu werden. Allerdings glaube ich nicht, dass es dazu kommen wird. Ich fürchte eher, dass sein Fall eines Tages tragisch enden wird.
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„Jagdfieber ist unangemessen“: Erfolgspodcast „Macht und Millionen“ zu Gast in Minden

Sprechen auf der BÜZ-Bühne über Wirtschaftskriminalität: Kayhan Öcgenc und Solveig Gode. Foto: Lisa Kempke © X

Minden. Das journalistische Onlineportal „Business Insider“ ist spätestens seit dem RBB-Skandal deutschlandweit bekannt. Chefredakteur Kayhan Özgenc und Redakteurin Solveig Gode sind auf Einladung des Mindener Tageblatts am Mittwoch, 7. Dezember, ab 20 Uhr mit ihrem Erfolgspodcast „Macht und Millionen“ live zu Gast im Mindener BÜZ (Karten gibt es im Express-Ticketservice in der Obermarkstraße). Auf der Bühne berichten sie bei einem „Mindener Mediengespräch spezial“ über spannende Fälle deutscher Wirtschaftskriminalität.

Herr Özgenc, der Business Insider ist in Deutschland eher unbekannt. Dann hat Ihr Mitarbeiter Jan Wehmeyer aus Petershagen den Anstoß für eine Reihe von Berichterstattungen rund um den RBB und seine damalige Intendantin Patricia Schlesinger gebracht. Wie wichtig war die Recherche für Sie?

Wir hatten auch vorher etliche Scoops. Aber mit den Recherchen unseres Investigativ-Chefs zum RBB haben wir bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil die Recherchen erstmals zum Rücktritt einer ARD-Intendantin geführt und die größte Krise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgelöst haben.

Benjamin Piel

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Jeden Donnerstag von unserem Chefredakteur Benjamin Piel

Nach allem, was Sie ans Licht gebracht haben: Hätten Sie das vorher für möglich gehalten und halten Sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für reformierbar?

Ich bin wirklich erschüttert über die jahrelangen Missstände, die jetzt ans Tageslicht gekommen sind. Da haben die Kontrollinstanzen vollständig versagt. Denn es gibt ja Gremien wie Rundfunk- und Verwaltungsrat. Doch es fehlte offenbar an Expertise und am Interesse, die Vorgänge wirklich zu überwachen. Ein unglaublicher Skandal auf Kosten der Gebührenzahler.

Nach der Affäre um den früheren Bundespräsidenten Wulff blieb der schale Nachgeschmack, dass die Reporter auch Dinge ans Licht bringen zu müssen glaubten, die nachher lächerlich wirkten – Stichwort Bobbycar. Bei einigen Punkten in der Affäre Schlesinger habe ich den Eindruck auch – Stichwort Wandbepflanzung. Wie ziehen Sie die Grenze zwischen relevanten Verfehlungen und irrelevanten Nebenaspekten?

Im Kern geht es in der Affäre um Verschwendung von Gebührengeldern. Die Wandbepflanzungen im Büro oder die mittlerweile berühmten Massagesitze im Dienstwagen spielen dabei eine Nebenrolle, zeigen aber zugleich, dass es dort überhaupt kein Fingerspitzengefühl gab. Viel schwerer wiegen allerdings Beraterhonorare in Millionenhöhe, die für einen geplanten Neubau ausgegeben wurden. In diesem Skandal sind in so kurzer Zeit so viele Fälle von Verschwendung bekannt geworden, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Das unterscheidet die Affäre auch vom Wulff-Absturz, bei der es nur um geringe Geldbeträge gegangen war.

Dürfen Journalisten in ein Jagdfieber verfallen?

Jagdfieber bedeutet ja, dass man unbedingt jemand zur Strecke bringen will. Das ist selbstverständlich unangemessen für den verantwortungsvollen Job von Journalisten. Wir haben die wichtige Aufgabe, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und notfalls auch zu hauen. Journalisten üben eine verfassungsrechtlich verankerte Kontrollfunktion in unserer Gesellschaft aus. Darum geht es auch in der RBB-Affäre: Wir haben rund um Schlesinger Missstände enthüllt, was zu ihrer fristlosen Kündigung geführt hat. Zugleich haben wir nicht nur versucht, auf jede Art von Polemik zu verzichten, sondern uns auch Meinungsbeiträge verboten – etwa zur Abschaffung der ARD, die bereits viele gefordert haben.

Der Podcast „Macht & Millionen“ ist sehr erfolgreich. Was ist das Faszinierende an Wirtschaftskriminalität?

True-Crime-Formate mit Mörder und Leichen gibt es inzwischen viele. Als wir vor zwei Jahren starteten, wollten wir ausprobieren, ob auch Kriminalfälle aus der Wirtschaft beim Publikum funktionieren. Mich faszinieren Machtkämpfe in Chefetagen großer Konzerne wie VW oder Siemens, aber auch der Blick hinter die Kulissen von Familienunternehmen wie Aldi oder Tengelmann. Es geht in unseren Geschichten aber auch um Betrug, Korruption, Spionage. Wir erzählen möglichst spannend, verständlich und unterhaltsam. Damit treffen wir einen Nerv. Denn die Hörerzahlen sind nach oben geschnellt, das Feedback ist positiv, wir haben kürzlich ein Buch veröffentlicht und sind jetzt auf Live-Tour.

Welcher Fall war Ihr Highlight in den bisher 40 Folgen?

Die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW. Der kleinere Sportwagenhersteller wollte den Autogiganten schlucken, am Ende kam es umgekehrt. Es war eine der aufregendsten Fälle in der deutschen Wirtschaftswelt. Ich habe damals den spektakulären Machtkampf als Reporter jahrelang verfolgt und konnte im Podcast viele Inside-Geschichten erzählen.

Eine Folge haben Sie auch über jemandem aus unserem Kreisgebiet gemacht: Lars Windhorst, der umstrittene Unternehmer aus Rahden. Wie windig ist er?

Lars Windhorst träumt davon, mal als erfolgreicher Geschäftsmann anerkannt zu werden. Allerdings glaube ich nicht, dass es dazu kommen wird. Ich fürchte eher, dass sein Fall eines Tages tragisch enden wird.

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