Identitätsdiebstahl: Nicht zu fassen - das Phantom ist abgehauen Stefan Koch Minden (mt). Eigentlich sollte der Prozess gegen einen vorbestraften Serienbetrüger am 15. November vor dem Schöffengericht in Wuppertal beginnen. Doch der Tatverdächtige, der sich unter der Identität eines unbescholtenen Mindeners in Krankenhäuser einschlich und nach seiner Festnahme in die Justizvollzugsanstalt Remscheid kam, ist verschwunden. Gerichte hatten zuvor die Haft ausgesetzt. „Ich bin fassungslos“, sagt Heinrich Traue aus Minden, den am Donnerstag das ZDF über die Flucht informierte. Der Sender will sich in dem Format „Aktenzeichen XY...“ um den Fall des 61-Jährigen kümmern, der monatelange mit den Folgen der Betrügereien des Tatverdächtigen zu kämpfen hatte. So nutzte der 55-Jährige Traues Namen und schlich sich als Selbstzahler in Kliniken in Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf, Remscheid und Wuppertal ein. Dort bestellte er dann Waren aller Art von Textilien bis hin zu Gesprächskontakten an Sex-Telefonen. Besonders dreist trieb es der Betrüger, als er sich von Standesämtern Familienurkunden des Mindeners besorgte, weil er vermutlich unter falschem Namen heiraten wollte. Außerdem versuchte er, in Tschechien einen Führerschein mit Hilfe von Traues Identität zu erwerben. Für das Opfer blieb der Serientäter lange Zeit ein Phantom – Traue hatte nie geglaubt, dass die Polizei den Täter eines Tages überführen könnte. Als die Beamten das Phantom im April dieses Jahrs schnappten, war der Abgleich von DNA-Spuren der entscheidende Hinweis. Das Material fand sich bei einem Betrugsversuch über die Handelsplattform eBay. Die XY-Redaktion erfuhr von dem Fall, interviewte Traue in Minden und bereitete sich auf einen Drehtermin im Amtsgericht Wuppertal zu dem Prozessauftakt Mitte November vor. Was zu diesem Zeitpunkt wohl nur wenige Prozessbeteiligte wussten: Das Phantom hatte schon längst Woche vorher das Weite gesucht. Wie die Pressestelle des Wuppertaler Amtsgerichts gestern auf MT-Anfrage mitteilte, sei der Vollzug der Untersuchungshaft gegen den Angeklagten bereits im April 2019 ausgesetzt worden. Dies sei unter der Auflage geschehen, dass der Mann eine Drogentherapie durchführe. Gleichwohl habe sich der Angeklagte in Strafhaft befunden, weil eine früher verhängt Strafe gegen ihn vollstreckt worden sei. „Die Vollstreckung der Strafhaft wurde im August 2019 durch die Staatsanwaltschaft Hof nach § 35 Betäubungsmittelgesetz zurückgestellt – ebenfalls mit der Maßgabe, dass der Angeklagte unmittelbar nach der Entlassung eine Drogentherapie absolviere“, teilt das Wuppertaler Amtsgericht weiterhin mit. Und dann? „Nachdem hier bekannt wurde, dass der Angeklagte die ihm erteilte Auflage nach der Haftentlassung nicht erfüllt, ist der Haftbefehl im hiesigen Verfahren Anfang September 2019 wieder in Vollzug gesetzt worden“, teilt das Amtsgericht zur Flucht mit. Zudem sei der Angeklagte über das Landeskriminalamt Düsseldorf zur Fahndung ausgeschrieben worden. Obwohl der Fall des Serienbetrügers im Fokus der Medien steht, war der Wuppertaler Polizei von einer Fahndung nichts bekannt. In der Online-Fahndungsliste des Landeskriminalamtes ist der 55-Jährige nicht auszumachen. „Ich habe Angst, dass er sich jetzt wieder unter meinem Namen in Krankenhausbetten legt und hohe Rechnungen verursacht“, sagt der Mindener, der eine neue Telefonverbindung hat und seinen Wohnsitz wechselte. Immer wieder hatte er es mit Inkassofirmen und Anwälten zu tun bekommen, weil das Phantom die Rechnungen an Traues alte Mindener Adresse schicken ließ. Und immer noch ist Heinrich Traue bei der Schufa als kreditunwürdige Person gespeichert, obwohl er nicht an den Ausständen schuld ist, die sich unter seinem Namen angesammelt hatten. Von dem geplatzten Gerichtsprozess erhoffte sich der Mindener vor allem eins: endlich zu erfahren, auf welchem Wege Angeklagte an seine Daten gelangt war. Doch bis zu ein neuer Verhandlungstermin ansteht, muss die Polizei das Phantom schnappen. Und Richter dürften es dann nicht wieder aus der Haft entlassen. Hier finden Sie alle Artikel zum Thema

Identitätsdiebstahl: Nicht zu fassen - das Phantom ist abgehauen

Minden (mt). Eigentlich sollte der Prozess gegen einen vorbestraften Serienbetrüger am 15. November vor dem Schöffengericht in Wuppertal beginnen. Doch der Tatverdächtige, der sich unter der Identität eines unbescholtenen Mindeners in Krankenhäuser einschlich und nach seiner Festnahme in die Justizvollzugsanstalt Remscheid kam, ist verschwunden. Gerichte hatten zuvor die Haft ausgesetzt.

MT-Illustration: Alex Lehn
MT-Illustration: Alex Lehn

„Ich bin fassungslos“, sagt Heinrich Traue aus Minden, den am Donnerstag das ZDF über die Flucht informierte. Der Sender will sich in dem Format „Aktenzeichen XY...“ um den Fall des 61-Jährigen kümmern, der monatelange mit den Folgen der Betrügereien des Tatverdächtigen zu kämpfen hatte. So nutzte der 55-Jährige Traues Namen und schlich sich als Selbstzahler in Kliniken in Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf, Remscheid und Wuppertal ein. Dort bestellte er dann Waren aller Art von Textilien bis hin zu Gesprächskontakten an Sex-Telefonen. Besonders dreist trieb es der Betrüger, als er sich von Standesämtern Familienurkunden des Mindeners besorgte, weil er vermutlich unter falschem Namen heiraten wollte. Außerdem versuchte er, in Tschechien einen Führerschein mit Hilfe von Traues Identität zu erwerben. Für das Opfer blieb der Serientäter lange Zeit ein Phantom – Traue hatte nie geglaubt, dass die Polizei den Täter eines Tages überführen könnte.

Als die Beamten das Phantom im April dieses Jahrs schnappten, war der Abgleich von DNA-Spuren der entscheidende Hinweis. Das Material fand sich bei einem Betrugsversuch über die Handelsplattform eBay. Die XY-Redaktion erfuhr von dem Fall, interviewte Traue in Minden und bereitete sich auf einen Drehtermin im Amtsgericht Wuppertal zu dem Prozessauftakt Mitte November vor. Was zu diesem Zeitpunkt wohl nur wenige Prozessbeteiligte wussten: Das Phantom hatte schon längst Woche vorher das Weite gesucht.

Wie die Pressestelle des Wuppertaler Amtsgerichts gestern auf MT-Anfrage mitteilte, sei der Vollzug der Untersuchungshaft gegen den Angeklagten bereits im April 2019 ausgesetzt worden. Dies sei unter der Auflage geschehen, dass der Mann eine Drogentherapie durchführe. Gleichwohl habe sich der Angeklagte in Strafhaft befunden, weil eine früher verhängt Strafe gegen ihn vollstreckt worden sei. „Die Vollstreckung der Strafhaft wurde im August 2019 durch die Staatsanwaltschaft Hof nach § 35 Betäubungsmittelgesetz zurückgestellt – ebenfalls mit der Maßgabe, dass der Angeklagte unmittelbar nach der Entlassung eine Drogentherapie absolviere“, teilt das Wuppertaler Amtsgericht weiterhin mit. Und dann?

„Nachdem hier bekannt wurde, dass der Angeklagte die ihm erteilte Auflage nach der Haftentlassung nicht erfüllt, ist der Haftbefehl im hiesigen Verfahren Anfang September 2019 wieder in Vollzug gesetzt worden“, teilt das Amtsgericht zur Flucht mit. Zudem sei der Angeklagte über das Landeskriminalamt Düsseldorf zur Fahndung ausgeschrieben worden. Obwohl der Fall des Serienbetrügers im Fokus der Medien steht, war der Wuppertaler Polizei von einer Fahndung nichts bekannt. In der Online-Fahndungsliste des Landeskriminalamtes ist der 55-Jährige nicht auszumachen.

„Ich habe Angst, dass er sich jetzt wieder unter meinem Namen in Krankenhausbetten legt und hohe Rechnungen verursacht“, sagt der Mindener, der eine neue Telefonverbindung hat und seinen Wohnsitz wechselte. Immer wieder hatte er es mit Inkassofirmen und Anwälten zu tun bekommen, weil das Phantom die Rechnungen an Traues alte Mindener Adresse schicken ließ. Und immer noch ist Heinrich Traue bei der Schufa als kreditunwürdige Person gespeichert, obwohl er nicht an den Ausständen schuld ist, die sich unter seinem Namen angesammelt hatten.

Von dem geplatzten Gerichtsprozess erhoffte sich der Mindener vor allem eins: endlich zu erfahren, auf welchem Wege Angeklagte an seine Daten gelangt war. Doch bis zu ein neuer Verhandlungstermin ansteht, muss die Polizei das Phantom schnappen. Und Richter dürften es dann nicht wieder aus der Haft entlassen.

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