„Ich will mein altes Leben zurück“: So sehr leidet Rudolf H. an den Folgen seiner Corona-Infektion Doris Christoph Minden. Rudolf H. spricht gerne in Bildern. „Wenn Sie ein Auto mit einem fast leeren Tank fahren, dann fahren Sie nicht mehr so schnell.“ Und so ist auch der 52-Jährige seit seiner Corona-Infektion Anfang des Jahres unterwegs – auf Sparflamme. Dass der Tank fast leer ist, würden Außenstehende bei einem Auto aber nicht sehen. Und auch bei ihm seien Menschen manchmal verwundert, berichtet der aus dem Kreisgebiet stammende Lehrer: „Rein äußerlich bin ich der Alte – wenn ich es schaffe, die Belastung niedrig zu halten.“ Bei Langzeitfolgen einer Corona-Infektion ist von „Long-Covid“ und „Post-Covid-Syndrom“ die Rede. Bei Long-Covid bestehen laut Bundesgesundheitsministerium Symptome mehr als vier Wochen nach einer Infektion oder Erkrankung weiter. Beim „Post-Covid-19-Syndrom“ leiden Betroffene auch jenseits von zwölf Wochen noch unter Symptomen und Gesundheitsstörungen oder es treten sogar neue auf, die anderweitig nicht erklärt werden können. Rudolf H. leidet nach eigenen Angaben an beiden Erscheinungsformen. „Ich habe das Gefühl, dass Covid eine Schneise in meinen Kopf gerissen hat. Da ist was im Eimer, das mir Energie nachliefert“, erklärt Rudolf H., der eigentlich anders heißt. Er ist schnell müde und erschöpft. Geblieben sind auch ein dumpfer Dauerkopfschmerz im Hinterkopf sowie Gelenkbeschwerden. Aber: „Eine Covid-Erkrankung kann ganz unterschiedliche Bereiche des Körpers angreifen. Sie kann ganz viele Symptome aufweisen, die spezifische Behandlungsmethoden erfordern.“ Diese Vielfalt sei ihm durch die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Long- bzw. Post-Covid-Syndrom bewusst geworden, sagt Rudolf H. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe, die von PariSozial Minden-Lübbecke/Herford initiiert wurde und die sich seit August mittwochs online trifft. „Es gibt viele verschiedene Symptome“, bestätigt Dr. Hermann Lorenz, Hausarzt aus Herford und Leiter der Bezirksstelle Minden der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Darunter seien viele nicht fassbare Sachen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung listet als häufigste gesundheitliche Langzeitfolgen unter anderem Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, depressive Verstimmungen sowie Schlaf- und Angststörungen auf. Betroffene berichten aber auch von Brustschmerzen oder Haarausfall. Als bei Rudolf H. der Corona-Test positiv ausfiel, hatte er nicht mal gesundheitliche Beschwerden. H. hatte sich im Januar in einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik in Thüringen mit dem Virus infiziert. Hier wollte er sich wegen seiner Depressionen behandeln lassen. Der Corona-Test bei der Aufnahme in die Klinik fiel negativ aus. Nach fast fünf Wochen Aufenthalt wurde er noch einmal getestet, nun war das Ergebnis positiv. H. kam zunächst in der Klinik in Quarantäne, konnte dann nach Absprache mit dem heimischen Gesundheitsamt nach Hause fahren und sich in seiner Wohnung isolieren, Nachbarn versorgten ihn mit dem Nötigsten. Die Viruslast im PCR-Test vor der Abreise war so gering, dass die Infektion schon überstanden schien. Die Beschwerden kamen in der Heimat: Er war verschnupft, konnte irgendwann nicht mehr riechen und schmecken, hatte tagelang mehr als 38 Grad Fieber, dazu Kopf- und Gliederschmerzen, Sehbeschwerden. Während des Gesprächs schaut H. in seinem Tagebuch nach, um nichts zu vergessen. „Long-Covid-Patienten erinnern sich unter Stress schlecht“, sagt er. Erst nach fünf Wochen wurde die Quarantäne aufgehoben. Der geistige Leistungsabfall – also Wortfindungsstörungen und mangelnde Konzentrationsfähigkeit –, der von nun an sein täglicher Begleiter war, fiel ihm erst jetzt auf. Als weiteres Symp-tom nennt er eine deutlich eingeschränkte Stressresistenz: „Stress macht mich fertig.“ Ist er geistig angespannt und kommt ein Störfaktor hinzu oder eine seelische Belastung wie ein Streit, werde er regelrecht bewegungsunfähig. „Bei einer Attacke fühlt es sich an, als würde ich im Nacken gepackt werden und kann mich dann nicht mehr bewegen.“ Mit seiner Depression, wegen der er bis zum vergangenen Schuljahresende krankgeschrieben war, habe das nichts zu tun. „Das tritt auf, auch wenn ich mich seelisch sicher fühle“, betont der 52-Jährige auf Nachfrage. Er arbeite sich aus seiner Depression heraus, nun kämen die Corona-Symptome oben drauf. „Ich hatte den Wunsch, aus meiner Depression rauszukommen, mein Leben strukturiert zu bekommen.“ Das habe nicht geklappt. Bis zum heutigen Tag ist er krankgeschrieben. Rudolf H. war bei etlichen Ärzten. Beim Nacken wurde ein orthopädisches Problem ausgeschlossen, wegen seiner Gelenkbeschwerden macht er zurzeit eine spezielle Diät, um Laktose- und Fruktoseintoleranz auszuschließen. Betroffene erlebten eine Odyssee, bei der sie von Arzt zu Arzt geschickt würden, sagt er. Die Hausärzte habe er als hilflos erlebt. Erst durch Recherchen im Internet sei ihm klar geworden, dass es so etwas wie Long-Covid gebe. Im Juli war er in der Post-Covid-Ambulanz am Johannes-Wesling-Klinikum in Minden. Sie gibt es seit Februar dieses Jahres. Auch dieser Besuch habe ihm nicht weitergeholfen. Allerdings gab er ihm Hoffnung. Denn dort habe er eine Medizinerin kennengelernt, die selber Covid-Patientin gewesen sei. Sie habe ihm berichtet, dass es ihr nach einem dreiviertel Jahr besser gegangen sei. „Es hilft zu warten“, habe sie ihm gesagt. „Seitdem hat sich meine seelische Haltung gebessert.“ Das Gespräch mit der Ärztin hat ihm zudem gezeigt, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen ist. Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Long- bzw. Post-Covid-Syndrom bestätigt ihn noch einmal darin. „Wir wollen einen Wissenspool bilden“, sagt er zu den Treffen. Jeder wisse ein bisschen und das trage man zusammen. Die Teilnehmenden wollen sich austauschen über Ärzte und Rehakliniken, Verfahrensweisen, Sportangebote, den mitmenschlichen Umgang und den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Was in der Runde gesagt werde, bleibe in der Runde, betont H. „Wir sind das Sprungtuch für Long-Covid-Erkrankte, sie können sich bei uns reinfallen lassen“, beschreibt er wieder bildhaft. Rudolf H. hofft, dass irgendwann sein „Tank“ im Kopf neue Energie bekommt. „Darauf warte ich.“ Er hat gelernt, sich nicht zu überlasten. „Ich muss mir wenige Dinge vornehmen und dafür viel Zeit einplanen.“ Sich vor emotionaler Belastung zu schützen und „Stop“ zu sagen, gehört dazu. Bis der Energienachschub wieder klappt, wolle er seine Seele pflegen, mit Sport, Musik und Leuten, die ihm gut tun. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wieder in meinem alten Beruf arbeiten zu können. Ich will mein altes Leben zurück.“

„Ich will mein altes Leben zurück“: So sehr leidet Rudolf H. an den Folgen seiner Corona-Infektion

„Der Tank ist leer“: Rudolf H. ist seit seiner Covid-19-Erkrankung schnell erschöpft. Zusätzlich plagen ihn noch andere Langzeitfolgen. Symbolfoto: Gerd Altmann/Pixabay © Gerd Altmann/Pixabay

Minden. Rudolf H. spricht gerne in Bildern. „Wenn Sie ein Auto mit einem fast leeren Tank fahren, dann fahren Sie nicht mehr so schnell.“ Und so ist auch der 52-Jährige seit seiner Corona-Infektion Anfang des Jahres unterwegs – auf Sparflamme. Dass der Tank fast leer ist, würden Außenstehende bei einem Auto aber nicht sehen. Und auch bei ihm seien Menschen manchmal verwundert, berichtet der aus dem Kreisgebiet stammende Lehrer: „Rein äußerlich bin ich der Alte – wenn ich es schaffe, die Belastung niedrig zu halten.“

Bei Langzeitfolgen einer Corona-Infektion ist von „Long-Covid“ und „Post-Covid-Syndrom“ die Rede. Bei Long-Covid bestehen laut Bundesgesundheitsministerium Symptome mehr als vier Wochen nach einer Infektion oder Erkrankung weiter. Beim „Post-Covid-19-Syndrom“ leiden Betroffene auch jenseits von zwölf Wochen noch unter Symptomen und Gesundheitsstörungen oder es treten sogar neue auf, die anderweitig nicht erklärt werden können. Rudolf H. leidet nach eigenen Angaben an beiden Erscheinungsformen.

„Ich habe das Gefühl, dass Covid eine Schneise in meinen Kopf gerissen hat. Da ist was im Eimer, das mir Energie nachliefert“, erklärt Rudolf H., der eigentlich anders heißt. Er ist schnell müde und erschöpft. Geblieben sind auch ein dumpfer Dauerkopfschmerz im Hinterkopf sowie Gelenkbeschwerden. Aber: „Eine Covid-Erkrankung kann ganz unterschiedliche Bereiche des Körpers angreifen. Sie kann ganz viele Symptome aufweisen, die spezifische Behandlungsmethoden erfordern.“ Diese Vielfalt sei ihm durch die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Long- bzw. Post-Covid-Syndrom bewusst geworden, sagt Rudolf H. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe, die von PariSozial Minden-Lübbecke/Herford initiiert wurde und die sich seit August mittwochs online trifft.


„Es gibt viele verschiedene Symptome“, bestätigt Dr. Hermann Lorenz, Hausarzt aus Herford und Leiter der Bezirksstelle Minden der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Darunter seien viele nicht fassbare Sachen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung listet als häufigste gesundheitliche Langzeitfolgen unter anderem Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, depressive Verstimmungen sowie Schlaf- und Angststörungen auf. Betroffene berichten aber auch von Brustschmerzen oder Haarausfall.

Als bei Rudolf H. der Corona-Test positiv ausfiel, hatte er nicht mal gesundheitliche Beschwerden. H. hatte sich im Januar in einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik in Thüringen mit dem Virus infiziert. Hier wollte er sich wegen seiner Depressionen behandeln lassen. Der Corona-Test bei der Aufnahme in die Klinik fiel negativ aus. Nach fast fünf Wochen Aufenthalt wurde er noch einmal getestet, nun war das Ergebnis positiv.

H. kam zunächst in der Klinik in Quarantäne, konnte dann nach Absprache mit dem heimischen Gesundheitsamt nach Hause fahren und sich in seiner Wohnung isolieren, Nachbarn versorgten ihn mit dem Nötigsten. Die Viruslast im PCR-Test vor der Abreise war so gering, dass die Infektion schon überstanden schien.

Die Beschwerden kamen in der Heimat: Er war verschnupft, konnte irgendwann nicht mehr riechen und schmecken, hatte tagelang mehr als 38 Grad Fieber, dazu Kopf- und Gliederschmerzen, Sehbeschwerden. Während des Gesprächs schaut H. in seinem Tagebuch nach, um nichts zu vergessen. „Long-Covid-Patienten erinnern sich unter Stress schlecht“, sagt er. Erst nach fünf Wochen wurde die Quarantäne aufgehoben.

Der geistige Leistungsabfall – also Wortfindungsstörungen und mangelnde Konzentrationsfähigkeit –, der von nun an sein täglicher Begleiter war, fiel ihm erst jetzt auf. Als weiteres Symp-tom nennt er eine deutlich eingeschränkte Stressresistenz: „Stress macht mich fertig.“ Ist er geistig angespannt und kommt ein Störfaktor hinzu oder eine seelische Belastung wie ein Streit, werde er regelrecht bewegungsunfähig. „Bei einer Attacke fühlt es sich an, als würde ich im Nacken gepackt werden und kann mich dann nicht mehr bewegen.“ Mit seiner Depression, wegen der er bis zum vergangenen Schuljahresende krankgeschrieben war, habe das nichts zu tun. „Das tritt auf, auch wenn ich mich seelisch sicher fühle“, betont der 52-Jährige auf Nachfrage.

Er arbeite sich aus seiner Depression heraus, nun kämen die Corona-Symptome oben drauf. „Ich hatte den Wunsch, aus meiner Depression rauszukommen, mein Leben strukturiert zu bekommen.“ Das habe nicht geklappt. Bis zum heutigen Tag ist er krankgeschrieben.

Rudolf H. war bei etlichen Ärzten. Beim Nacken wurde ein orthopädisches Problem ausgeschlossen, wegen seiner Gelenkbeschwerden macht er zurzeit eine spezielle Diät, um Laktose- und Fruktoseintoleranz auszuschließen. Betroffene erlebten eine Odyssee, bei der sie von Arzt zu Arzt geschickt würden, sagt er. Die Hausärzte habe er als hilflos erlebt. Erst durch Recherchen im Internet sei ihm klar geworden, dass es so etwas wie Long-Covid gebe.

Im Juli war er in der Post-Covid-Ambulanz am Johannes-Wesling-Klinikum in Minden. Sie gibt es seit Februar dieses Jahres. Auch dieser Besuch habe ihm nicht weitergeholfen.

Allerdings gab er ihm Hoffnung. Denn dort habe er eine Medizinerin kennengelernt, die selber Covid-Patientin gewesen sei. Sie habe ihm berichtet, dass es ihr nach einem dreiviertel Jahr besser gegangen sei. „Es hilft zu warten“, habe sie ihm gesagt. „Seitdem hat sich meine seelische Haltung gebessert.“

Das Gespräch mit der Ärztin hat ihm zudem gezeigt, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen ist. Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Long- bzw. Post-Covid-Syndrom bestätigt ihn noch einmal darin. „Wir wollen einen Wissenspool bilden“, sagt er zu den Treffen. Jeder wisse ein bisschen und das trage man zusammen. Die Teilnehmenden wollen sich austauschen über Ärzte und Rehakliniken, Verfahrensweisen, Sportangebote, den mitmenschlichen Umgang und den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Was in der Runde gesagt werde, bleibe in der Runde, betont H. „Wir sind das Sprungtuch für Long-Covid-Erkrankte, sie können sich bei uns reinfallen lassen“, beschreibt er wieder bildhaft.

Rudolf H. hofft, dass irgendwann sein „Tank“ im Kopf neue Energie bekommt. „Darauf warte ich.“ Er hat gelernt, sich nicht zu überlasten. „Ich muss mir wenige Dinge vornehmen und dafür viel Zeit einplanen.“ Sich vor emotionaler Belastung zu schützen und „Stop“ zu sagen, gehört dazu. Bis der Energienachschub wieder klappt, wolle er seine Seele pflegen, mit Sport, Musik und Leuten, die ihm gut tun. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wieder in meinem alten Beruf arbeiten zu können. Ich will mein altes Leben zurück.“

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