„Ich hatte keine Lust mehr auf Latein“: So ist Jürgen Piske Optiker geworden - und 50 Jahre im selben Betrieb geblieben Vasco Stemmer Minden. Als sich Jürgen Piske 1971 entschließt Augenoptiker zu werden, ist das eine pragmatische Entscheidung. Sie erlöst ihn vor allem von der Bürde, eine tote Sprache lernen zu müssen. Bereut hat er diese Entscheidung allerdings nie und aus dem Zweckbündnis ist eine Berufung geworden. Heute ist der 65-Jährige genau 50 Jahre im Job und auch seinem Lehrbetrieb hält er seit 1971 die Treue. „Ich hatte keine Lust mehr auf Latein“, erklärt Piske seinen Entschluss, die schulische Karriere zu beenden und das Gymnasium Petershagen nach der mittleren Reife zu verlassen. Statt des Abiturs will er eine Ausbildung machen. Auch heute erinnert sich „Pisi“, unter dem Spitznamen er vor allem in der heimischen Handball-Szene bekannt ist, noch ganz genau: Es war ein Samstag im Jahr 1971, als der damals 15-Jährige das Mindener Tageblatt durchblättert und dabei zwei Stellenanzeigen entdeckt. „Die eine war für eine Ausbildung zum Optiker bei der Firma Lihra, die andere zum Drogisten bei Firma Stricker“, erzählt der Optiker. Piske zögert nicht lange, bewirbt sich auf beide Stellen – und bekommt zwei Zusagen. Die Entscheidung, wie es mit seinem Leben weitergehen soll, erleichtert dieser Umstand allerdings nicht. „Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte“, gibt Piske zu. Seine Mutter gibt ihm schließlich den entscheidenden Rat. „Brillen werden immer gebraucht, hat sie gesagt. Das werde ich nie vergessen“, erinnert er sich noch genau an den Moment, der den Startschuss für seine lange Karriere als Augenoptiker darstellt. 1975 wird er als Geselle in den Betrieb übernommen und auch als der Seniorchef das Geschäft 1991 an seinen Sohn übergibt, ist Piske weiter mit dabei. In der Zwischenzeit hat er sich mehrmals fortgebildet. Neben Weiterbildungen in anderen Unternehmen verbringt er zwei Semester an einer Schule in Köln. Dort spezialisiert er sich in Bereichen wie Kontaktlinsen und vergrößernde Sehhilfen. „Worin ich mir aber einen Namen gemacht habe, ist die Sehstärkenbestimmung“, erzählt Piske. Diese Spezialisierung intensiviert den direkten Kundenkontakt. Der 65-Jährige schätzt an seinem Beruf besonders die Kombination aus der Arbeit mit Menschen und dem handwerklichen Aspekt. „Ich kann auch immer mal eine Brille bauen“, sagt der 65-Jährige. Auch in Zeiten, in denen viele Optiker ihre Werkstatt aus Kostengründen ausgelagert hätten, habe sein Betrieb es ihm ermöglicht weiterhin auch selbst in der Werkstatt zu stehen. „Da sind wir auch stolz drauf“, sagt Piske. Diese Vielseitigkeit hat dazu beigetragen, dass er auch nach 50 Jahren nicht ans Aufhören denkt. „Der Beruf hat mich immer voll erfüllt und ich habe noch Spaß dran“, berichtet Jürgen Piske. Theoretisch sei er zwar schon Rentner, doch er bleibt vorerst in Vollzeit dabei. Dass er sich damit in einer glücklichen Situation befindet, ist Piske bewusst: „Es ist sicher nicht schön, wenn man jeden Morgen vor der Arbeit denkt: Jetzt muss ich da schon wieder hin.“ Sein Job habe es ihm ermöglicht, sich ein sorgenfreies Leben aufzubauen, mit dem er rundum zufrieden ist. „Das hat man sich ja auch selbst geschaffen“, sagt Piske stolz. Wenn Piske sein Berufsleben Revue passieren lässt, muss er immer wieder schmunzeln. Besonders zwei Fälle sind dem Optiker in Erinnerung geblieben: Sein skurrilstes Arbeitserlebnis bescherte ihm ein Internethype aus dem Jahr 2014. Mit seinen Kollegen nimmt er an der „Ice-Bucket-Challenge“ teil. „Ich musste mich damals nur mit meinem weißen Kittel bekleidet unter die Dusche in der Firma stellen und habe mir einen Eimer mit Eis über den Kopf geschüttet“, erzählt Piske lachend. Ein anderes Mal übernimmt er wichtige Aufklärungsarbeit für die Polizei. „Die sind mit einem in Handschellen gelegten Gefangenen in den Laden gekommen“, erinnert sich der Optiker noch genau: „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Weshalb dem Mann Handschellen umgelegt wurden, weiß Piske bis heute nicht, Streitfrage ist aber seine Sehhilfe. Der Mann behauptete, dass er Kontaktlinsen tragen würde – wie in seinem Führerschein vermerkt. Als Piske ihm mit einer speziellen Lampe in die Augen leuchtet wird sofort klar, dass der Mann lügt: „Kontaktlinsen hatte er nicht drin“, erinnert sich der Jubilar. Auch wenn der Beruf des Optikers immer wieder neue Facetten zu bieten hat, ist Piske sich bei einer Sache immer treu geblieben: Während viele seiner Kollegen ihren Modegeschmack mittlerweile auch auf der Arbeit ausleben, hat sich sich der 65-Jährige immer auf die klassischen Bekleidung des Optikers verlassen: „Ich trage seit 50 Jahren einen weißen Kittel bei der Arbeit.“ Im seinem Privatleben ist der passionierte Handballer eng mit GWD Minden verbunden. Piske war viele Jahre als Trainer tätig, zu vielen ehemaligen Spielern und Jugendspielern pflegt er heute noch ein freundschaftliches Verhältnis. Für GWD übernimmt er noch immer ehrenamtliche Aufgaben. „Aber mehr aus der zweiten Reihe“, erzählt er. Die Leidenschaft für Handball hat er an seinen Sohn Christoph weitergegeben, der als Profi in Deutschland in der zweiten Liga und in der Schweiz in der ersten Liga gespielt hat. Mit seinem Sohn Maik verbindet ihn ein ganz anderes Hobby: das Motorradfahren. Piske besitzt eine ganz nach seinem Geschmack umgebaute Harley-Davidson. „Das ist ein altes Modell, das noch richtig Krach macht“, berichtet er. Die wilden Zeiten seien für ihn aber vorbei. Seine Maschine wird im Moment häufiger geputzt als gefahren.

„Ich hatte keine Lust mehr auf Latein“: So ist Jürgen Piske Optiker geworden - und 50 Jahre im selben Betrieb geblieben

Während viele seiner Kollegen mittlerweile ihren persönlichen Modegeschmack mit zur Arbeit bringen, ist Jürgen Piske dem weißen Kittel immer treu geblieben. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn

Minden. Als sich Jürgen Piske 1971 entschließt Augenoptiker zu werden, ist das eine pragmatische Entscheidung. Sie erlöst ihn vor allem von der Bürde, eine tote Sprache lernen zu müssen. Bereut hat er diese Entscheidung allerdings nie und aus dem Zweckbündnis ist eine Berufung geworden. Heute ist der 65-Jährige genau 50 Jahre im Job und auch seinem Lehrbetrieb hält er seit 1971 die Treue.

„Ich hatte keine Lust mehr auf Latein“, erklärt Piske seinen Entschluss, die schulische Karriere zu beenden und das Gymnasium Petershagen nach der mittleren Reife zu verlassen. Statt des Abiturs will er eine Ausbildung machen. Auch heute erinnert sich „Pisi“, unter dem Spitznamen er vor allem in der heimischen Handball-Szene bekannt ist, noch ganz genau: Es war ein Samstag im Jahr 1971, als der damals 15-Jährige das Mindener Tageblatt durchblättert und dabei zwei Stellenanzeigen entdeckt. „Die eine war für eine Ausbildung zum Optiker bei der Firma Lihra, die andere zum Drogisten bei Firma Stricker“, erzählt der Optiker.

Piske zögert nicht lange, bewirbt sich auf beide Stellen – und bekommt zwei Zusagen. Die Entscheidung, wie es mit seinem Leben weitergehen soll, erleichtert dieser Umstand allerdings nicht. „Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte“, gibt Piske zu. Seine Mutter gibt ihm schließlich den entscheidenden Rat. „Brillen werden immer gebraucht, hat sie gesagt. Das werde ich nie vergessen“, erinnert er sich noch genau an den Moment, der den Startschuss für seine lange Karriere als Augenoptiker darstellt. 1975 wird er als Geselle in den Betrieb übernommen und auch als der Seniorchef das Geschäft 1991 an seinen Sohn übergibt, ist Piske weiter mit dabei.


In der Zwischenzeit hat er sich mehrmals fortgebildet. Neben Weiterbildungen in anderen Unternehmen verbringt er zwei Semester an einer Schule in Köln. Dort spezialisiert er sich in Bereichen wie Kontaktlinsen und vergrößernde Sehhilfen. „Worin ich mir aber einen Namen gemacht habe, ist die Sehstärkenbestimmung“, erzählt Piske. Diese Spezialisierung intensiviert den direkten Kundenkontakt. Der 65-Jährige schätzt an seinem Beruf besonders die Kombination aus der Arbeit mit Menschen und dem handwerklichen Aspekt.

„Ich kann auch immer mal eine Brille bauen“, sagt der 65-Jährige. Auch in Zeiten, in denen viele Optiker ihre Werkstatt aus Kostengründen ausgelagert hätten, habe sein Betrieb es ihm ermöglicht weiterhin auch selbst in der Werkstatt zu stehen. „Da sind wir auch stolz drauf“, sagt Piske. Diese Vielseitigkeit hat dazu beigetragen, dass er auch nach 50 Jahren nicht ans Aufhören denkt. „Der Beruf hat mich immer voll erfüllt und ich habe noch Spaß dran“, berichtet Jürgen Piske. Theoretisch sei er zwar schon Rentner, doch er bleibt vorerst in Vollzeit dabei. Dass er sich damit in einer glücklichen Situation befindet, ist Piske bewusst: „Es ist sicher nicht schön, wenn man jeden Morgen vor der Arbeit denkt: Jetzt muss ich da schon wieder hin.“ Sein Job habe es ihm ermöglicht, sich ein sorgenfreies Leben aufzubauen, mit dem er rundum zufrieden ist. „Das hat man sich ja auch selbst geschaffen“, sagt Piske stolz.

Wenn Piske sein Berufsleben Revue passieren lässt, muss er immer wieder schmunzeln. Besonders zwei Fälle sind dem Optiker in Erinnerung geblieben: Sein skurrilstes Arbeitserlebnis bescherte ihm ein Internethype aus dem Jahr 2014. Mit seinen Kollegen nimmt er an der „Ice-Bucket-Challenge“ teil. „Ich musste mich damals nur mit meinem weißen Kittel bekleidet unter die Dusche in der Firma stellen und habe mir einen Eimer mit Eis über den Kopf geschüttet“, erzählt Piske lachend. Ein anderes Mal übernimmt er wichtige Aufklärungsarbeit für die Polizei. „Die sind mit einem in Handschellen gelegten Gefangenen in den Laden gekommen“, erinnert sich der Optiker noch genau: „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Weshalb dem Mann Handschellen umgelegt wurden, weiß Piske bis heute nicht, Streitfrage ist aber seine Sehhilfe. Der Mann behauptete, dass er Kontaktlinsen tragen würde – wie in seinem Führerschein vermerkt. Als Piske ihm mit einer speziellen Lampe in die Augen leuchtet wird sofort klar, dass der Mann lügt: „Kontaktlinsen hatte er nicht drin“, erinnert sich der Jubilar.

Auch wenn der Beruf des Optikers immer wieder neue Facetten zu bieten hat, ist Piske sich bei einer Sache immer treu geblieben: Während viele seiner Kollegen ihren Modegeschmack mittlerweile auch auf der Arbeit ausleben, hat sich sich der 65-Jährige immer auf die klassischen Bekleidung des Optikers verlassen: „Ich trage seit 50 Jahren einen weißen Kittel bei der Arbeit.“

Im seinem Privatleben ist der passionierte Handballer eng mit GWD Minden verbunden. Piske war viele Jahre als Trainer tätig, zu vielen ehemaligen Spielern und Jugendspielern pflegt er heute noch ein freundschaftliches Verhältnis. Für GWD übernimmt er noch immer ehrenamtliche Aufgaben. „Aber mehr aus der zweiten Reihe“, erzählt er. Die Leidenschaft für Handball hat er an seinen Sohn Christoph weitergegeben, der als Profi in Deutschland in der zweiten Liga und in der Schweiz in der ersten Liga gespielt hat.

Mit seinem Sohn Maik verbindet ihn ein ganz anderes Hobby: das Motorradfahren. Piske besitzt eine ganz nach seinem Geschmack umgebaute Harley-Davidson. „Das ist ein altes Modell, das noch richtig Krach macht“, berichtet er. Die wilden Zeiten seien für ihn aber vorbei. Seine Maschine wird im Moment häufiger geputzt als gefahren.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden