Hinsehen, wo andere es nicht können: Boris Roessler fotografiert für die Deutsche Presse-Agentur Monika Jäger Minden. Wenn Boris Roessler seine Familie in Petershagen besucht, sind hinterher auf seinem Instagram-Account auch mal Störche und grüne Wiesen zu sehen. Ansonsten hat es der dpa-Fotograf eher mit Demonstrationen, Politikern oder Polizeieinsätzen zu tun. Die Corona-Pandemie hat auch seinen Arbeitsalltag verändert. Mit MT-Redakteurin Monika Jäger sprach er über „Lügenpresse"-Sprechchöre, warum es im Dannenröder Forst auch ekelig werden kann und was maskentragende Prominente für Profi-Fotografen bedeuten. Bei Demonstrationen, beispielsweise von Gegnern der Corona-Maßnahmen, wurden in letzter Zeit mehrfach Journalisten angegriffen. Ist es heutzutage gefährlicher, in Deutschland Fotograf zu sein, als früher? In manchen Situationen definitiv ja. Es gibt Demonstrationen, wo wir die sich ändernde Medienwahrnehmung deutlich zu spüren bekommen. Und weil wir Kameras tragen, sind wir auch sofort als Journalisten erkennbar und können direkt als Ziele ausgemacht werden. Was heißt das genau, „als Ziel ausgemacht"? Wie reagieren die Menschen? Mit Sprechchören „Lügenpresse". Mit verbalen Attacken. Mit körperlichen Angriffen wie Schubsen, einem Schlag im Vorbeigehen, Anspucken, einem Tritt in die Kniekehle, um jemanden zu Fall zu bringen. Ohne Vorwarnung. Manche versuchen, unsere Gesichtsschutzmasken herunterzureißen. In der Regel bleibt es aber zum Glück bei verbalen Angriffen. Das trifft übrigens auch fotografierende Kolleginnen – und das gab es vor ein paar Jahren definitiv noch nicht. Was macht das mit Ihnen? Es erschwert mir, die professionelle Distanz zu dem zu wahren, was ich da gerade als Fotograf begleite. Aber mir ist in 22 Jahren bei der dpa noch nie tendenzielles Arbeiten vorgeworfen worden. Wir arbeiten professionell und sind absolut der journalistischen Neutralität verpflichtet, und darum gehe ich auch professionell und sachlich mit solchen Situationen um. Ich pöbele nicht zurück – auch, weil ich mich mit diesem Niveau nicht gemein machen mag. Außerdem kann es immer sein, dass jemand diese – möglicherweise inszenierte – Provokation filmt und bei Youtube postet, und das würde der ganzen „Fake News"-Debatte definitiv nicht guttun. Wenn mich jemand bedrängt, gehe ich weg, was oft schwer ist, weil man dann etwas von den Ereignissen verpasst, die man ja eigentlich im Bild festhalten will. Haben Sie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen? Ja, tatsächlich, vor vielen Jahren in einem Seminar in England: „Survival in Hostile Environments", Überleben in feindlicher Umgebung. Das ist ein Kriegsreporter-Kurs, wo du in Szenarien lernst, dich richtig zu verhalten. Und dann sind da ja auch die über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung, wo man einfach weiß: „Jetzt wird es richtig ernst, und das ist das Foto nicht wert. Jetzt haust du ab." Man muss den Zeitpunkt erkennen, wo es nötig ist, sich zurückzuziehen. Im Vorfeld einer Demo mache ich das meist so, dass ich zu den Demonstranten gehe, ein wenig mit ihnen rede, das wirkt dann auch auf viele andere, die das sehen. Ebenso wechsele ich mit dem einen oder anderen bei der Polizei ein paar Worte. Mit der Zeit kennt man auf beiden Seiten ja einige vom Sehen. Es schützt einen, in dieser Weise bei beiden Lagern mal sein Gesicht gezeigt zu haben. Was fotografieren Sie nicht? Ich fotografiere grundsätzlich erst einmal alles, was mir nachrichtlich relevant erscheint. Der entscheidende Punkt ist aber der, ob ich es an die dpa-Zentrale zur Verbreitung an unsere Kunden sende. Ich sende beispielsweise keine Fotos von toten Kindern, keine entwürdigenden oder extremst privaten Szenen, es sei denn, die journalistische Bedeutung ist entsprechend hoch. Aber Sie müssen das alles sehen. Ich kenne auch unter den vermeintlich so harten Agenturkollegen niemanden, der nicht schon mehrfach heulend die Kamera vom Auge genommen hat. Es gibt diese Situationen, in denen musst du als professioneller Fotojournalist eben einfach sein, aber du siehst da Dinge, die möchte der Mensch in dir gar nicht wissen. Die Kamera hilft da als Distanzinstrument nur wenig. Fotografieren Sie bei Demos bestimmte Personengruppen nicht, weil die Ihnen gefährlich erscheinen? Nein. Wir fotografieren alles. Ich könnte nicht arbeiten, wenn ich mit einer Angsthaltung unterwegs wäre. Und auch zu sagen, „wir gehen mit der Polizei mit, dann passiert uns nichts", hilft erfahrungsgemäß nicht. Denn dann werden wir von den Beteiligten oft noch schneller als vermeintliche Gegner eingeordnet. Ich bin dazu da, hinzusehen, wo andere nicht hinsehen können – so definiere ich meine Aufgabe. Dazu muss ich erkennen, wie sich Situationen entwickeln, wo der zentrale Punkt der Ereignisse ist oder sein wird. Und wir zeigen immer beide Seiten – Demonstranten genauso wie Gegendemonstranten, visuell ausgewogen. Nun ist es oft eine Taktik der Demonstranten, dass an vielen Stellen gleichzeitig Action ist. Wie entscheiden Sie, wo Sie sich hinstellen? Intuitiv. Man hat ein Gefühl dafür, wo es sich fotomäßig am besten lohnt. Im Dannenröder Forst ging das so: Mein Kollege und ich sind vor Einbruch der Dämmerung da, auch schon vor Eintreffen der Polizei, und schauen, welche Bäume über Nacht wieder besetzt worden sind. Dann suchen wir einen Standort: Auf einem Baum verdeckt vielleicht die Hängematte den Aktivisten, bei dem nächsten sind Blätter vor dem Gesicht – das werden keine guten Motive. Also stellen wir uns so hin, dass wir Demonstranten sehen, und von wo aus wir das Abräumen durch die SEK der Polizei später gut abbilden können. Ist es bei solchen Einsätzen im Wald auch gefährlich? Bedingt. Es kann etwas von oben auf einen herunterfallen, und da ist auch ein gewisses Maß an Ekel, weil die Aktivisten ja leider auch Fäkalien von den Baumhäusern werfen. Auf der einen Seite ist da die meist professionell agierende Polizei, die auch deine Interessen kennt und berücksichtigt, und auf der anderen Seite sind da mittlerweile auch hochprofessionelle Aktivisten, die sehr genau wissen, wie sie auf einem Foto rüberkommen. Sie haben von Carola Rackete, der Klimaschutzaktivistin, im Dannenröder Forst Portraits gemacht, da wirkt sie sehr gelöst und fast privat. Bei Porträts ist es immer die Frage, wie man sich selbst auf den Menschen einlässt und wie er sich auf dich einlässt. Diese ganze Serie hat keine drei Minuten gedauert. Ich mache da keinen großen Aufriss. Ob jemand prominent ist, steht bei mir nicht an erster Stelle. Die Bilder sind letztlich immer ein Zusammenspiel. Manchmal geht es schnell, manchmal ist es auch gut, Zeit zu haben. Vor Jahren, im Himalaya, da war ich beim Dalai Lama. Sein Privatsekretär wollte mir drei Minuten Zeit geben – nach neun Stunden Anfahrt in einem stickigen Jeep. Der Dalai Lama bekam das mit, fing schallend an zu lachen und erklärte, ich könne so lange bleiben, wie ich wolle. Und bei Carola Rackete, die ich von anderen Gelegenheiten schon kannte, war die Atmosphäre von Beginn an locker. Ich habe sie da einfach kurz angesprochen. Viele Ihrer besten Portraits von Prominenten entstanden in Momenten, wo die sich unbeobachtet fühlten. Und jetzt tragen alle Masken. Schwierig. Irgendwann sind diese Fotos mit Masken bestimmt historische Dokumente. Aber ich wage mal die Prognose, dass später niemand ein Archivbild mit Maske wählen wird, wenn er eine Person zeigen will. Die Zeit auf offiziellen Terminen schmilzt auf die paar Sekunden zusammen, wo derjenige in 20 Metern Entfernung in den Raum kommt und sich die Maske aufsetzt oder wo er am Mikrofon steht und ein Statement abgibt – und das sind dann Momente, in denen sich die Profis auch sehr stark kontrollieren. Und das macht meine Art der Fotografie zurzeit tatsächlich schwerer. Ich warte einfach gerne ab, bis die Leute sich unbeobachtet fühlen. Sind auch die Anlässe für Fotos wegen Corona zusammengeschnurrt? Ja. Terminberichterstattung ist zum größten Teil weggebrochen, etwa Banken-Bilanz-Pressekonferenzen oder Geschehnisse am Flughafen hier in Frankfurt. Das ist vorbei. Wenn die Politiker nur bei einer virtuellen Pressekonferenz auftreten, bist du raus als Fotograf – ich kann ja keinen Bildschirm abfotografieren. Das ist bitter. Andererseits eröffnet das auch Möglichkeiten, die unsere Kunden sehr schätzen: Dass du dann eben mal vier Tage am Stück im Dannenröder Wald pennst. Wir sind dann jeden Tag zehn bis zwölf Stunden da und können auch reportagesk fotografieren. Sonst wäre das so, dass wir zwischen zwei Terminen nur immer kurz vor Ort sein könnten. So entstehen dann die besseren, die „anderen" Bilder. Welches Foto wird in zehn Jahren das Jahr 2020 darstellen? Es wird sicherlich eine Maske drauf sein. Oder ein leerer Platz.

Hinsehen, wo andere es nicht können: Boris Roessler fotografiert für die Deutsche Presse-Agentur

Widerstandsfähige Outdoor-Kleidung, Laptop, Kameras: DPA-Fotograf Boris Roessler bei der Arbeit. Foto: Weigel © Boris Ruessler

Minden. Wenn Boris Roessler seine Familie in Petershagen besucht, sind hinterher auf seinem Instagram-Account auch mal Störche und grüne Wiesen zu sehen. Ansonsten hat es der dpa-Fotograf eher mit Demonstrationen, Politikern oder Polizeieinsätzen zu tun. Die Corona-Pandemie hat auch seinen Arbeitsalltag verändert. Mit MT-Redakteurin Monika Jäger sprach er über „Lügenpresse"-Sprechchöre, warum es im Dannenröder Forst auch ekelig werden kann und was maskentragende Prominente für Profi-Fotografen bedeuten.

Bei Demonstrationen, beispielsweise von Gegnern der Corona-Maßnahmen, wurden in letzter Zeit mehrfach Journalisten angegriffen. Ist es heutzutage gefährlicher, in Deutschland Fotograf zu sein, als früher?

In manchen Situationen definitiv ja. Es gibt Demonstrationen, wo wir die sich ändernde Medienwahrnehmung deutlich zu spüren bekommen. Und weil wir Kameras tragen, sind wir auch sofort als Journalisten erkennbar und können direkt als Ziele ausgemacht werden.

Beamte des Höheninterventionsteams des SEK nehmen beim Räumen des Dannenröder Forsts einen Aktivisten fest. Fotos (4): Boris Roessler - © Boris Roessler
Beamte des Höheninterventionsteams des SEK nehmen beim Räumen des Dannenröder Forsts einen Aktivisten fest. Fotos (4): Boris Roessler - © Boris Roessler

Was heißt das genau, „als Ziel ausgemacht"? Wie reagieren die Menschen?

Mit Sprechchören „Lügenpresse". Mit verbalen Attacken. Mit körperlichen Angriffen wie Schubsen, einem Schlag im Vorbeigehen, Anspucken, einem Tritt in die Kniekehle, um jemanden zu Fall zu bringen. Ohne Vorwarnung. Manche versuchen, unsere Gesichtsschutzmasken herunterzureißen. In der Regel bleibt es aber zum Glück bei verbalen Angriffen. Das trifft übrigens auch fotografierende Kolleginnen – und das gab es vor ein paar Jahren definitiv noch nicht.

Neutral bleiben, alle Seiten zeigen: Polizei im Dannenröder Forst. - © Boris Roessler
Neutral bleiben, alle Seiten zeigen: Polizei im Dannenröder Forst. - © Boris Roessler

Was macht das mit Ihnen?

Es erschwert mir, die professionelle Distanz zu dem zu wahren, was ich da gerade als Fotograf begleite. Aber mir ist in 22 Jahren bei der dpa noch nie tendenzielles Arbeiten vorgeworfen worden. Wir arbeiten professionell und sind absolut der journalistischen Neutralität verpflichtet, und darum gehe ich auch professionell und sachlich mit solchen Situationen um. Ich pöbele nicht zurück – auch, weil ich mich mit diesem Niveau nicht gemein machen mag. Außerdem kann es immer sein, dass jemand diese – möglicherweise inszenierte – Provokation filmt und bei Youtube postet, und das würde der ganzen „Fake News"-Debatte definitiv nicht guttun. Wenn mich jemand bedrängt, gehe ich weg, was oft schwer ist, weil man dann etwas von den Ereignissen verpasst, die man ja eigentlich im Bild festhalten will.

Portraits in drei Minuten: Die Umweltaktivistin Carola Rackete. - © Boris Roessler
Portraits in drei Minuten: Die Umweltaktivistin Carola Rackete. - © Boris Roessler

Haben Sie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen?

Ja, tatsächlich, vor vielen Jahren in einem Seminar in England: „Survival in Hostile Environments", Überleben in feindlicher Umgebung. Das ist ein Kriegsreporter-Kurs, wo du in Szenarien lernst, dich richtig zu verhalten. Und dann sind da ja auch die über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung, wo man einfach weiß: „Jetzt wird es richtig ernst, und das ist das Foto nicht wert. Jetzt haust du ab." Man muss den Zeitpunkt erkennen, wo es nötig ist, sich zurückzuziehen. Im Vorfeld einer Demo mache ich das meist so, dass ich zu den Demonstranten gehe, ein wenig mit ihnen rede, das wirkt dann auch auf viele andere, die das sehen. Ebenso wechsele ich mit dem einen oder anderen bei der Polizei ein paar Worte. Mit der Zeit kennt man auf beiden Seiten ja einige vom Sehen. Es schützt einen, in dieser Weise bei beiden Lagern mal sein Gesicht gezeigt zu haben.

Was fotografieren Sie nicht?

Ich fotografiere grundsätzlich erst einmal alles, was mir nachrichtlich relevant erscheint. Der entscheidende Punkt ist aber der, ob ich es an die dpa-Zentrale zur Verbreitung an unsere Kunden sende. Ich sende beispielsweise keine Fotos von toten Kindern, keine entwürdigenden oder extremst privaten Szenen, es sei denn, die journalistische Bedeutung ist entsprechend hoch.

Aber Sie müssen das alles sehen.

Ich kenne auch unter den vermeintlich so harten Agenturkollegen niemanden, der nicht schon mehrfach heulend die Kamera vom Auge genommen hat. Es gibt diese Situationen, in denen musst du als professioneller Fotojournalist eben einfach sein, aber du siehst da Dinge, die möchte der Mensch in dir gar nicht wissen. Die Kamera hilft da als Distanzinstrument nur wenig.

Fotografieren Sie bei Demos bestimmte Personengruppen nicht, weil die Ihnen gefährlich erscheinen?

Nein. Wir fotografieren alles. Ich könnte nicht arbeiten, wenn ich mit einer Angsthaltung unterwegs wäre. Und auch zu sagen, „wir gehen mit der Polizei mit, dann passiert uns nichts", hilft erfahrungsgemäß nicht. Denn dann werden wir von den Beteiligten oft noch schneller als vermeintliche Gegner eingeordnet. Ich bin dazu da, hinzusehen, wo andere nicht hinsehen können – so definiere ich meine Aufgabe. Dazu muss ich erkennen, wie sich Situationen entwickeln, wo der zentrale Punkt der Ereignisse ist oder sein wird. Und wir zeigen immer beide Seiten – Demonstranten genauso wie Gegendemonstranten, visuell ausgewogen.

Nun ist es oft eine Taktik der Demonstranten, dass an vielen Stellen gleichzeitig Action ist. Wie entscheiden Sie, wo Sie sich hinstellen?

Intuitiv. Man hat ein Gefühl dafür, wo es sich fotomäßig am besten lohnt. Im Dannenröder Forst ging das so: Mein Kollege und ich sind vor Einbruch der Dämmerung da, auch schon vor Eintreffen der Polizei, und schauen, welche Bäume über Nacht wieder besetzt worden sind. Dann suchen wir einen Standort: Auf einem Baum verdeckt vielleicht die Hängematte den Aktivisten, bei dem nächsten sind Blätter vor dem Gesicht – das werden keine guten Motive. Also stellen wir uns so hin, dass wir Demonstranten sehen, und von wo aus wir das Abräumen durch die SEK der Polizei später gut abbilden können.

Ist es bei solchen Einsätzen im Wald auch gefährlich?

Bedingt. Es kann etwas von oben auf einen herunterfallen, und da ist auch ein gewisses Maß an Ekel, weil die Aktivisten ja leider auch Fäkalien von den Baumhäusern werfen. Auf der einen Seite ist da die meist professionell agierende Polizei, die auch deine Interessen kennt und berücksichtigt, und auf der anderen Seite sind da mittlerweile auch hochprofessionelle Aktivisten, die sehr genau wissen, wie sie auf einem Foto rüberkommen.

Sie haben von Carola Rackete, der Klimaschutzaktivistin, im Dannenröder Forst Portraits gemacht, da wirkt sie sehr gelöst und fast privat.

Bei Porträts ist es immer die Frage, wie man sich selbst auf den Menschen einlässt und wie er sich auf dich einlässt. Diese ganze Serie hat keine drei Minuten gedauert. Ich mache da keinen großen Aufriss. Ob jemand prominent ist, steht bei mir nicht an erster Stelle. Die Bilder sind letztlich immer ein Zusammenspiel. Manchmal geht es schnell, manchmal ist es auch gut, Zeit zu haben. Vor Jahren, im Himalaya, da war ich beim Dalai Lama. Sein Privatsekretär wollte mir drei Minuten Zeit geben – nach neun Stunden Anfahrt in einem stickigen Jeep. Der Dalai Lama bekam das mit, fing schallend an zu lachen und erklärte, ich könne so lange bleiben, wie ich wolle. Und bei Carola Rackete, die ich von anderen Gelegenheiten schon kannte, war die Atmosphäre von Beginn an locker. Ich habe sie da einfach kurz angesprochen.

Viele Ihrer besten Portraits von Prominenten entstanden in Momenten, wo die sich unbeobachtet fühlten. Und jetzt tragen alle Masken.

Schwierig. Irgendwann sind diese Fotos mit Masken bestimmt historische Dokumente. Aber ich wage mal die Prognose, dass später niemand ein Archivbild mit Maske wählen wird, wenn er eine Person zeigen will.

Die Zeit auf offiziellen Terminen schmilzt auf die paar Sekunden zusammen, wo derjenige in 20 Metern Entfernung in den Raum kommt und sich die Maske aufsetzt oder wo er am Mikrofon steht und ein Statement abgibt – und das sind dann Momente, in denen sich die Profis auch sehr stark kontrollieren. Und das macht meine Art der Fotografie zurzeit tatsächlich schwerer. Ich warte einfach gerne ab, bis die Leute sich unbeobachtet fühlen.

Sind auch die Anlässe für Fotos wegen Corona zusammengeschnurrt?

Ja. Terminberichterstattung ist zum größten Teil weggebrochen, etwa Banken-Bilanz-Pressekonferenzen oder Geschehnisse am Flughafen hier in Frankfurt. Das ist vorbei.

Wenn die Politiker nur bei einer virtuellen Pressekonferenz auftreten, bist du raus als Fotograf – ich kann ja keinen Bildschirm abfotografieren. Das ist bitter.

Andererseits eröffnet das auch Möglichkeiten, die unsere Kunden sehr schätzen: Dass du dann eben mal vier Tage am Stück im Dannenröder Wald pennst. Wir sind dann jeden Tag zehn bis zwölf Stunden da und können auch reportagesk fotografieren. Sonst wäre das so, dass wir zwischen zwei Terminen nur immer kurz vor Ort sein könnten. So entstehen dann die besseren, die „anderen" Bilder.

Welches Foto wird in zehn Jahren das Jahr 2020 darstellen?

Es wird sicherlich eine Maske drauf sein. Oder ein leerer Platz.

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