Hexenprozesse in Minden: Unschuldige gefoltert und getötet Ausstellung informiert in Offener Kirche St. Simeonis über dunkles Kapitel / Verfolgungswellen auch in Minden Von Jürgen Langenkämper Minden (mt). "Eines der dunkelsten Kapitel des christlichen Abendlandes" nennt Pfarrer i. R. Hartmut Hegeler die Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts. Eine von ihm konzipierte Wanderausstellung ist seit Freitag in der Offenen Kirche St. Simeonis zu sehen. "Das Thema findet in unserer Stadt Resonanz", sagte Bürgermeister Michael Buhre bei der Ausstellungseröffnung, an der eine beachtliche Zahl von mehr als 60 Personen teilnahm. Die Ausstellung ist Auftakt für eine ganz Reine von Veranstaltungen, um in der Auseinandersetzung mit der Thematik einen "Mindener Weg" des Umgangs mit der eigenen Geschichte zu beschreiten. Dazu gehören bereits während der vierwöchigen Ausstellungsdauer eine Reihe von Vorträgen (MT vom 28. August).Die Verurteilten seien längst rehabilitiert, sagte Buhre. "Keiner geht heute davon aus, dass die gefolterten Frauen, Männer und Kinder schuldig waren."Einen Bezug zur Gegenwart und jüngeren Geschichte stellte der stellvertretende Superintendent Bernd Hüffmann. "Die Mechanismen der Verfolgung von Außenseitern funktionieren heute noch", sagte der Barkhauser Pfarrer und wies vor allem auf die Ausgrenzung, Vertreibung und schließlich Tötung ganzer Volksgruppen im NS-Staat hin, aber auch auf die Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Rostock vor 20 Jahren und die Morde durch die Zelle des National-Sozialistischen Untergrunds (NSU). "Bis heute gibt es immer wieder Situationen, dass Menschengruppen an den Pranger gestellt werden."In seinem Grußwort überbrachte Hüffmann auch die Sichtweise des Superintendenten Jürgen Tiemann, dass es nicht darum gehe, über vergangene Generationen zu richten, sondern um historische Genauigkeit. Die Ausstellung solle dazu beitragen, die Urteilsfähigkeit ihrer Besucher zu fördern.Hartmut Hegeler verdeutlichte, wie er zu dem für ihn bis dahin wenig bekannten Thema gekommen vor. Vor zehn Jahren hätten ihn Schülerinnen darauf angesprochen, erzählte der pensionierte Religionspädagoge an einem Berufskolleg. Fortan las er sich in die historische Literatur ein, die gerade in den jüngsten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse erbracht hat. Besonders bewegt habe ihn die Hexenverfolgung, "weil der christliche Glaube dabei so missbraucht wurde".An Minden faszinierte Hegeler, der die 2008 erschienene Dissertation von Barbara Groß über Hexerei in Minden aufgriff, vor allem die Rolle des Rates. Zu Hexenverfolgungen sei es vor allem in politischen Krisen gekommen. Auf drei zusätzlich konzipierten Tafeln fasst er vier Verfolgungswellen zwischen 1584 und 1675 zusammen und stellt den Fall der Magarethe Rockemann zu Beginn der vierten Welle 1669 exemplarisch vor.Ein Projektkurs des Ratsgymnasiums, an dem unter Leitung von Malte Schmidt neun Schülerinnen unterschiedlicher Jahrgangsstufen teilnahmen, hatte aus der Dissertation von Barbara Groß den Fall der als Hexe angeklagten Mindenerin Anna Meyers, Heinrich Maßmeyers Frau, aufgegriffen. Die Schülerinnen berichteten, dass sie die vollständig überlieferten Akten aus dem Jahr 1655 im Kommunalarchiv angesehen und ausgewertet hatten. Eine Tagesfahrt führte sie zudem ins Hexenbürgermeisterhaus nach Lemgo, wo die Geschichte der dortigen Hexenverfolgung dokumentiert ist. Die Ergebnisse ihrer Recherchen stellt die Projektgruppe in Ergänzung der laufenden Wanderausstellung im Vorraum der Kirche aus.Zum Abschluss ergab sich eine lebhafte Diskussion mit vielen interessierten Fragen. Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Susanne Burgschweiger (Flöte). Veranstalter sind das Frauenreferat und die Männerarbeit des Kirchenkreises Minden und die Evangelische Erwachsenenbildung Ostwestfalen.Die Ausstellung ist bis Freitag, 28. September, in der Offenen Kirche St. Simeonis zu den üblichen Öffnungszeiten, Dienstag bis Samstag, 11 bis 17 Uhr, zu sehen.

Hexenprozesse in Minden: Unschuldige gefoltert und getötet

Minden (mt). "Eines der dunkelsten Kapitel des christlichen Abendlandes" nennt Pfarrer i. R. Hartmut Hegeler die Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts. Eine von ihm konzipierte Wanderausstellung ist seit Freitag in der Offenen Kirche St. Simeonis zu sehen.

Offene Kirche St. Simeonis: Bürgermeister Michael Buhre (von links), stellv. Superintendent Bernd Hüffmann, Pfarrer i. R. Hartmut Hegeler, Susanne Burgschweiger, Pfarrer Andreas Brügmann, Imke Reinhardt-Winteler und Irene Esser eröffneten die Wanderausstellung über Hexenprozesse, die um Details zu Mindener Verfahren angereichert wurde. - © MT-Foto: Langenkämper
Offene Kirche St. Simeonis: Bürgermeister Michael Buhre (von links), stellv. Superintendent Bernd Hüffmann, Pfarrer i. R. Hartmut Hegeler, Susanne Burgschweiger, Pfarrer Andreas Brügmann, Imke Reinhardt-Winteler und Irene Esser eröffneten die Wanderausstellung über Hexenprozesse, die um Details zu Mindener Verfahren angereichert wurde. - © MT-Foto: Langenkämper

"Das Thema findet in unserer Stadt Resonanz", sagte Bürgermeister Michael Buhre bei der Ausstellungseröffnung, an der eine beachtliche Zahl von mehr als 60 Personen teilnahm. Die Ausstellung ist Auftakt für eine ganz Reine von Veranstaltungen, um in der Auseinandersetzung mit der Thematik einen "Mindener Weg" des Umgangs mit der eigenen Geschichte zu beschreiten. Dazu gehören bereits während der vierwöchigen Ausstellungsdauer eine Reihe von Vorträgen (MT vom 28. August).

Die Verurteilten seien längst rehabilitiert, sagte Buhre. "Keiner geht heute davon aus, dass die gefolterten Frauen, Männer und Kinder schuldig waren."

Einen Bezug zur Gegenwart und jüngeren Geschichte stellte der stellvertretende Superintendent Bernd Hüffmann. "Die Mechanismen der Verfolgung von Außenseitern funktionieren heute noch", sagte der Barkhauser Pfarrer und wies vor allem auf die Ausgrenzung, Vertreibung und schließlich Tötung ganzer Volksgruppen im NS-Staat hin, aber auch auf die Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Rostock vor 20 Jahren und die Morde durch die Zelle des National-Sozialistischen Untergrunds (NSU). "Bis heute gibt es immer wieder Situationen, dass Menschengruppen an den Pranger gestellt werden."

In seinem Grußwort überbrachte Hüffmann auch die Sichtweise des Superintendenten Jürgen Tiemann, dass es nicht darum gehe, über vergangene Generationen zu richten, sondern um historische Genauigkeit. Die Ausstellung solle dazu beitragen, die Urteilsfähigkeit ihrer Besucher zu fördern.

Hartmut Hegeler verdeutlichte, wie er zu dem für ihn bis dahin wenig bekannten Thema gekommen vor. Vor zehn Jahren hätten ihn Schülerinnen darauf angesprochen, erzählte der pensionierte Religionspädagoge an einem Berufskolleg. Fortan las er sich in die historische Literatur ein, die gerade in den jüngsten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse erbracht hat. Besonders bewegt habe ihn die Hexenverfolgung, "weil der christliche Glaube dabei so missbraucht wurde".

An Minden faszinierte Hegeler, der die 2008 erschienene Dissertation von Barbara Groß über Hexerei in Minden aufgriff, vor allem die Rolle des Rates. Zu Hexenverfolgungen sei es vor allem in politischen Krisen gekommen. Auf drei zusätzlich konzipierten Tafeln fasst er vier Verfolgungswellen zwischen 1584 und 1675 zusammen und stellt den Fall der Magarethe Rockemann zu Beginn der vierten Welle 1669 exemplarisch vor.

Ein Projektkurs des Ratsgymnasiums, an dem unter Leitung von Malte Schmidt neun Schülerinnen unterschiedlicher Jahrgangsstufen teilnahmen, hatte aus der Dissertation von Barbara Groß den Fall der als Hexe angeklagten Mindenerin Anna Meyers, Heinrich Maßmeyers Frau, aufgegriffen. Die Schülerinnen berichteten, dass sie die vollständig überlieferten Akten aus dem Jahr 1655 im Kommunalarchiv angesehen und ausgewertet hatten. Eine Tagesfahrt führte sie zudem ins Hexenbürgermeisterhaus nach Lemgo, wo die Geschichte der dortigen Hexenverfolgung dokumentiert ist. Die Ergebnisse ihrer Recherchen stellt die Projektgruppe in Ergänzung der laufenden Wanderausstellung im Vorraum der Kirche aus.

Zum Abschluss ergab sich eine lebhafte Diskussion mit vielen interessierten Fragen. Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Susanne Burgschweiger (Flöte). Veranstalter sind das Frauenreferat und die Männerarbeit des Kirchenkreises Minden und die Evangelische Erwachsenenbildung Ostwestfalen.

Die Ausstellung ist bis Freitag, 28. September, in der Offenen Kirche St. Simeonis zu den üblichen Öffnungszeiten, Dienstag bis Samstag, 11 bis 17 Uhr, zu sehen.

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