MT-Interview Heute gibt es nur noch rund 4000 überlebende Kriegsgefangene 5,7 Millionen Rotarmisten in Kriegsgefangenschaft: Einsatz für Entschädigung Minden (mt). Es leben nur noch wenige ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Für eine Entschädigung setzt sich die in Berlin ansässige Organisation Kontakte-KOHTAKTbI ein. Mit der Mitarbeiterin Sibylle Suchan-Floß sprach MT-Redakteur Jürgen Langenkämper. Wie viele Zwangsarbeiter gab es während des Zweiten Weltkriegs?Im Reichsgebiet waren es circa 13,5 Millionen, eventuell gab es ebenso viele in den besetzten Gebieten, aber darüber gibt es bis jetzt keine genauen Zahlen.Wie viele sowjetische Kriegsgefangene waren darunter?Im Reichsgebiet wurden circa 1,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene registriert, in den besetzen Gebieten, Polen und Skandinavien etwa 1,3 Millionen. Davon überlebten viele nicht bis zu ihrem Arbeitseinsatz. Die höchste Zahl sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitseinsatz im Reichsgebiet betrug im September 1944 gut 600.000.Wo waren die größten "Russenlager"?Die größten "Russenlager": Stalag 326 Senne (Paderborn), Stalag 318 Lamsdorf (Oberschlesien), die "Heidelager" Stalag 311, 310, 321 Wietzendorf, Bergen-Belsen, Oerbke, Zeithain und Mühlberg in Sachsen mit jeweils zwischen 120000 und 180000 nachgewiesenen Registrierungen. Allerdings wurden sowjetische Kriegsgefangene auch in alle anderen Stalags verlegt und registriert. Die größten Lager mit den schlimmsten Bedingungen waren aber die Dulags (Durchgangslager) und die Zwischenlager in Polen und im Wehrkreis I. Von den circa 3,35 Millionen bis Februar 1942 gefangen genommenen Rotarmisten starben in diesem Zeitraum zwei Millionen an Auszehrung infolge ungenügender Essensrationen, mangelnder medizinischer Betreuung und fehlenden Schutzes vor Hitze und Kälte, sowohl im Reichsgebiet als auch in den besetzten Gebieten vor den Augen der Bevölkerung. Aus Wietzendorf gibt es einen Zeitzeugenbericht, der die Zustände in Buchenwald, wohin er strafweise verlegt wurde, als "Paradies" bezeichnet. Dazu kamen gezielte Erschießungen von Juden und "politisch untragbaren" Gefangenen und Übergriffe der Wachmannschaften. Die Gesamtzahlen: Von bis zu 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind bis zu 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommen.Und wie viele haben überlebt und sind in die Sowjetunion zurückgekehrt?Repatriiert aus dem Ausland wurden rund 1,5 Millionen. Eine unbekannte Zahl gelangte in die USA, Kanada und Großbritannien. Insgesamt überlebt haben circa 2,4 Millionen, darunter sind auch die in der Sowjetunion aus den Lagern der Wehrmacht befreiten.Was macht die Anerkennung und Entschädigung der heute noch Lebenden so schwierig?Nach dem Völkerrecht, der Genfer Konvention, fällt die Entschädigung von Kriegsgefangenen unter das Reparationsrecht, der Entsenderstaat ist dafür zuständig. Das gilt auch für die zivilen Zwangsarbeiter. Bei den sowjetischen Kriegsgefangenen erschwert der Reflex der Aufrechnung begangenen Unrechts die Beschäftigung mit den an den sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen. Sowjetische Kriegsgefangene wurden aus rassistischen und ideologischen Gründen als "jüdisch-bolschewistische Untermenschen" von Deutschland rechtswidrig aus dem Schutz des Völkerrechts genommen.Kontakte-KOHTAKTbI hat 2006 eine Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestags gerichtet? Was war der Zweck?Zweck war die Anerkennung der "Russenlager" als KZ-ähnliche Haftstätten. Damit sollten die sowjetischen Kriegsgefangenen im Gesetz über die Stiftung EVZ - Erinnerung, Verantwortung und Zukunft - als "leistungsberechtigt" anerkannt werden. Nach §11,3 sind Kriegsgefangene explizit ausgeschlossen, sofern sie nicht in KZ-Haft waren. Die Kriterien für Haftstätten unter KZ-Bedingungen sind ungenügende Essensrationen, kein Zugang zu medizinischer Betreuung und mangelhafte Unterbringung. Diese Kriterien treffen für die "Russenlager" zu. Sie waren Sterbelager, wenn auch keine Vernichtungslager.Und was ist seither geschehen?Über die Petition ist immer noch nicht entschieden. Bundestagspräsident Lammert hat die sowjetischen Kriegsgefangenen am 27. Januar 2011 als NS-Opfer gewürdigt und in der Bundestagsdebatte zum 22.Juni 2011 haben Redner aller Fraktionen, besonders Gernot Erler, die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen als Verbrechen bezeichnet.Was wurde aus den betroffenen Veteranen? Wie viele leben Ihres Wissens heute noch?Die Repatriierten durchliefen Filtrationslager des "Smersch", der militärischen Abwehr "Tod den Spionen". Etwa 15 Prozent - darunter auch tatsächliche Kollaborateure - wurden dem NKWD übergeben, 22 Prozent kamen in Arbeitsbataillone, 43 Prozent mussten weiter Militärdienst leisten, 18 Prozent wurden nach Hause entlassen. Die meisten wurden weiterhin sozial ausgegrenzt und hatten Probleme bei Studium, Arbeitsaufnahme etc. Rehabilitiert wurden sie 1995. Wir schätzen, dass etwa 4000 noch leben.Gibt es auch Fortschritte?In den Heimatländern sind fast alle inzwischen als Kriegsveteranen anerkannt - vorher nur als Kriegsteilnehmer wie etwas die Bevölkerung der besetzten Gebiete. Das hatte finanzielle Folgen. In Deutschland bemühen sich SPD, Grüne und Linke um die Realisierung einer humanitären Zahlung an die Überlebenden, aber die Regierungskoalition ist dagegen.
MT-Interview

Heute gibt es nur noch rund 4000 überlebende Kriegsgefangene

Minden (mt). Es leben nur noch wenige ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Für eine Entschädigung setzt sich die in Berlin ansässige Organisation Kontakte-KOHTAKTbI ein. Mit der Mitarbeiterin Sibylle Suchan-Floß sprach MT-Redakteur Jürgen Langenkämper.

Tod im Lager: Namensziegel erinnern seit Kurzem auf dem Friedhof des Lagers Sandbostel an dort umgekommene sowjetische Kriegsgefangene. - © Foto: Gerd Meyer/pr
Tod im Lager: Namensziegel erinnern seit Kurzem auf dem Friedhof des Lagers Sandbostel an dort umgekommene sowjetische Kriegsgefangene. - © Foto: Gerd Meyer/pr

Wie viele Zwangsarbeiter gab es während des Zweiten Weltkriegs?

Im Reichsgebiet waren es circa 13,5 Millionen, eventuell gab es ebenso viele in den besetzten Gebieten, aber darüber gibt es bis jetzt keine genauen Zahlen.

Wie viele sowjetische Kriegsgefangene waren darunter?


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Im Reichsgebiet wurden circa 1,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene registriert, in den besetzen Gebieten, Polen und Skandinavien etwa 1,3 Millionen. Davon überlebten viele nicht bis zu ihrem Arbeitseinsatz. Die höchste Zahl sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitseinsatz im Reichsgebiet betrug im September 1944 gut 600.000.

Wo waren die größten "Russenlager"?

Die größten "Russenlager": Stalag 326 Senne (Paderborn), Stalag 318 Lamsdorf (Oberschlesien), die "Heidelager" Stalag 311, 310, 321 Wietzendorf, Bergen-Belsen, Oerbke, Zeithain und Mühlberg in Sachsen mit jeweils zwischen 120000 und 180000 nachgewiesenen Registrierungen. Allerdings wurden sowjetische Kriegsgefangene auch in alle anderen Stalags verlegt und registriert. Die größten Lager mit den schlimmsten Bedingungen waren aber die Dulags (Durchgangslager) und die Zwischenlager in Polen und im Wehrkreis I. Von den circa 3,35 Millionen bis Februar 1942 gefangen genommenen Rotarmisten starben in diesem Zeitraum zwei Millionen an Auszehrung infolge ungenügender Essensrationen, mangelnder medizinischer Betreuung und fehlenden Schutzes vor Hitze und Kälte, sowohl im Reichsgebiet als auch in den besetzten Gebieten vor den Augen der Bevölkerung. Aus Wietzendorf gibt es einen Zeitzeugenbericht, der die Zustände in Buchenwald, wohin er strafweise verlegt wurde, als "Paradies" bezeichnet. Dazu kamen gezielte Erschießungen von Juden und "politisch untragbaren" Gefangenen und Übergriffe der Wachmannschaften. Die Gesamtzahlen: Von bis zu 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind bis zu 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommen.

Und wie viele haben überlebt und sind in die Sowjetunion zurückgekehrt?

Repatriiert aus dem Ausland wurden rund 1,5 Millionen. Eine unbekannte Zahl gelangte in die USA, Kanada und Großbritannien. Insgesamt überlebt haben circa 2,4 Millionen, darunter sind auch die in der Sowjetunion aus den Lagern der Wehrmacht befreiten.

Was macht die Anerkennung und Entschädigung der heute noch Lebenden so schwierig?

Nach dem Völkerrecht, der Genfer Konvention, fällt die Entschädigung von Kriegsgefangenen unter das Reparationsrecht, der Entsenderstaat ist dafür zuständig. Das gilt auch für die zivilen Zwangsarbeiter. Bei den sowjetischen Kriegsgefangenen erschwert der Reflex der Aufrechnung begangenen Unrechts die Beschäftigung mit den an den sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen. Sowjetische Kriegsgefangene wurden aus rassistischen und ideologischen Gründen als "jüdisch-bolschewistische Untermenschen" von Deutschland rechtswidrig aus dem Schutz des Völkerrechts genommen.

Kontakte-KOHTAKTbI hat 2006 eine Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestags gerichtet? Was war der Zweck?

Zweck war die Anerkennung der "Russenlager" als KZ-ähnliche Haftstätten. Damit sollten die sowjetischen Kriegsgefangenen im Gesetz über die Stiftung EVZ - Erinnerung, Verantwortung und Zukunft - als "leistungsberechtigt" anerkannt werden. Nach §11,3 sind Kriegsgefangene explizit ausgeschlossen, sofern sie nicht in KZ-Haft waren. Die Kriterien für Haftstätten unter KZ-Bedingungen sind ungenügende Essensrationen, kein Zugang zu medizinischer Betreuung und mangelhafte Unterbringung. Diese Kriterien treffen für die "Russenlager" zu. Sie waren Sterbelager, wenn auch keine Vernichtungslager.

Und was ist seither geschehen?

Über die Petition ist immer noch nicht entschieden. Bundestagspräsident Lammert hat die sowjetischen Kriegsgefangenen am 27. Januar 2011 als NS-Opfer gewürdigt und in der Bundestagsdebatte zum 22.

Juni 2011 haben Redner aller Fraktionen, besonders Gernot Erler, die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen als Verbrechen bezeichnet.

Was wurde aus den betroffenen Veteranen? Wie viele leben Ihres Wissens heute noch?

Die Repatriierten durchliefen Filtrationslager des "Smersch", der militärischen Abwehr "Tod den Spionen". Etwa 15 Prozent - darunter auch tatsächliche Kollaborateure - wurden dem NKWD übergeben, 22 Prozent kamen in Arbeitsbataillone, 43 Prozent mussten weiter Militärdienst leisten, 18 Prozent wurden nach Hause entlassen. Die meisten wurden weiterhin sozial ausgegrenzt und hatten Probleme bei Studium, Arbeitsaufnahme etc. Rehabilitiert wurden sie 1995. Wir schätzen, dass etwa 4000 noch leben.

Gibt es auch Fortschritte?

In den Heimatländern sind fast alle inzwischen als Kriegsveteranen anerkannt - vorher nur als Kriegsteilnehmer wie etwas die Bevölkerung der besetzten Gebiete. Das hatte finanzielle Folgen. In Deutschland bemühen sich SPD, Grüne und Linke um die Realisierung einer humanitären Zahlung an die Überlebenden, aber die Regierungskoalition ist dagegen.

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