Hebamme hilft Bäckerlehrling aus Albanien beim Start in ein neues Leben Jürgen Langenkämper Minden (mt). Es war eine schwierige Geburt, könnte man so sagen. Aber damit kennt sich Martina Höfel aus. Sie ist Hebamme, sie bildet sogar Hebammen aus. Vielleicht hilft die Fähigkeit, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn es brenzlig wird, auch in Situationen, in denen es gar nicht um eine Geburt im engeren Sinne geht. Aber ein Start in ein neues Leben war es schon, als Haki Jano 2015 nach Deutschland kam. Er wollte Asyl beantragen und landete gemeinsam mit anderen jungen Männern in der Hafenschule in Minden. Dort kümmerte sich schon vor drei Jahren und auch heute noch Martina Höfel um die Geflüchteten. „Ich gebe Deutschunterricht", sagt die Leiterin der hiesigen Hebammenschule. Im Falle des stets freundlichen jungen Albaners stand für sie schnell fest: „Du hast keine Chance", und das macht Martina Höfel ihm auch hinsichtlich des Asylverfahrens unmissverständlich klar und riet ihm zur Ausreise. Aber es gab noch den Weg zu einem Leben in Deutschland und in Sicherheit über eine Ausbildung. „Vor der Ausreise haben wir eine Lehrstelle für Haki gesucht und bei der Bäckerei Bertermann gefunden." Bertermann sicherte sogar zu: „Wir halten diese Stelle frei." Die Nahrungsmittelbranche lag dem Aspiranten. „Ich hatte einen Kurs als Hilfskoch besucht und auch schon mal in Griechenland in der Gastronomie gearbeitet", sagt der 31-Jährige. 2016 reiste Haki Jano in sein Heimatland zurück in der Hoffnung, bald wieder nach Minden zurückkehren zu können. „Dann kam aber die kalte Dusche", sagt Martina Höfel. Während seines zehnmonatigen Einreiseverbotes wurde ein Bundesgesetz erlassen, das die Einreisesperre für heimgekehrte Albaner auf zwei Jahre erhöhte. Mit der Hilfe von Pro Asyl gelang es aber, Haki Jano schon 2017 die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen, weil die Ausbildungsvereinbarung bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes abgeschlossen worden war. Am 1. Oktober 2017 konnte der Albaner seine Ausbildung beginnen. „Allerdings hat man ihn dort nach der Probezeit nicht übernommen", erinnert sich Martina Höfel. Sie machte sich auf die Suche nach einer Lösung und wurde bei Bäckermeister Gotthard Rippin in Dankersen fündig. „Er hat sofort gesagt, dass Haki seine Lehre dort fortsetzen könne." Gerade hat ihr Schützling seine Zwischenprüfung absolviert. „Wir sind sechs Bäckerlehrlinge am Leo-Sympher-Berufskolleg", erzählt er. Allein durch seine Teilnahme am Schulunterricht leistet er einen Beitrag zur Sicherung des Ausbildungsganges in Minden. „Dachdecker müssen zum Blockunterricht ins Sauerland", berichtet Martina Höfel. „Am Anfang waren wir acht Leute", erzählt Haki Jano weiter. Nicht alle haben die ersten anderthalb Jahre durchgehalten. Dass er es so weit geschafft hat, ist nicht nur der eigenen Motivation zu verdanken, sondern auch Martina Höfel – und dem zusätzlichen Deutschunterricht. Er darf den Kurs der Stadt Minden für berufstätige Geflüchtete besuchen, auch wenn er nicht mehr als Geflüchteter und Asylbewerber gilt. Er ist sogar schon in den Fortsetzungskurs aufgenommen. „Drei Mal die Woche", wie er sagt über die Häufigkeit des abendlichen Lernens. Das heißt um 20 Uhr ins Bett und um 2 Uhr wieder raus. Bäcker-Schicksal eben. „Ich denke auf Deutsch", antwortet Haki Jano auf Martina Höfels Frage. „Manche Begriffe kenne ich nur auf Deutsch und nicht auf Albanisch." Aber ohne Hilfe gehe es nicht. Anfangs habe er nur Englisch gesprochen. „Es war schwer auf Deutsch, viele Wörter habe ich nicht verstanden." Martina Höfel half ihrem Schützling auch bei der Wohnungssuche. „Wir haben eine kleine Wohnung für ihn gefunden", sagt sie. Rein vom Sprache lernen her wäre eine WG günstig gewesen. Aber vermutlich aufgrund seiner albanischen Herkunft stieß Haki Jano auf Vorurteile. Auch Martina Höfels Mann, Norbert Benecke, kümmert sich um die Ausbildung des jungen Albaners. Alle paar Monate oder nach Bedarf schaut er bei der Bäckerei vorbei und erkundigt sich. Das ist für Arbeitgeber wichtig, die bereit sind, dem im Handwerk sich ausweitenden Nachwuchsmangel durch die Einstellung hoch motivierter Geflüchteter Abhilfe zu verschaffen, wie Natalie Egert weiß, die bei der Stadt Minden im Projekt I.Qu.I – Identifizieren, Qualifizieren, Integrieren – arbeitet. „Die Arbeitgeber sind froh, wenn es jemanden gibt, der unter die Arme greift", sagt sie zum Hintergrund der Betreuung von geflüchteten Azubis durch Paten. Sie kennt sich aus, denn sie kam als junges Mädchen in einer russlanddeutschen Familie aus Kasachstan nach Minden. „Wir suchen Leute, die einem Auszubildenden beim Start helfen – vielleicht Menschen im Ruhestand, auch Studenten oder Leute, die selbst noch in der Ausbildung stecken." Manchmal genügten schon ein paar Monate Hilfe. Ein wenig Fachwissen ist hilfreich bei der Patenschaft. „Der Rest kommt von allein", sagt Martina Höfel. Im Falle Haki Janos half ihr allerdings nicht die Mäeutik, die Hebammenkunst, beim Helfen. „Wenn ich nicht vorher in einer Bäckerei gearbeitet hätte, müsste ich öfter in ein Buch schauen", gibt sie zu. Wer Lust hat, geflüchtete Azubis begleitend zu unterstützen, kann sich bei Natalie Egert, Telefon (05 71) 8 98 06 und E-Mail: n.egert@minden.de, melden. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

Hebamme hilft Bäckerlehrling aus Albanien beim Start in ein neues Leben

Hilfe bei der Ausbildung: Martina Höfel unterstützt Haki Jano, der aus Albanien stammt, beim Deutschlernen während seiner Lehre in der Bäckerei Rippin. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Es war eine schwierige Geburt, könnte man so sagen. Aber damit kennt sich Martina Höfel aus. Sie ist Hebamme, sie bildet sogar Hebammen aus. Vielleicht hilft die Fähigkeit, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn es brenzlig wird, auch in Situationen, in denen es gar nicht um eine Geburt im engeren Sinne geht.

Aber ein Start in ein neues Leben war es schon, als Haki Jano 2015 nach Deutschland kam. Er wollte Asyl beantragen und landete gemeinsam mit anderen jungen Männern in der Hafenschule in Minden. Dort kümmerte sich schon vor drei Jahren und auch heute noch Martina Höfel um die Geflüchteten. „Ich gebe Deutschunterricht", sagt die Leiterin der hiesigen Hebammenschule.

Im Falle des stets freundlichen jungen Albaners stand für sie schnell fest: „Du hast keine Chance", und das macht Martina Höfel ihm auch hinsichtlich des Asylverfahrens unmissverständlich klar und riet ihm zur Ausreise. Aber es gab noch den Weg zu einem Leben in Deutschland und in Sicherheit über eine Ausbildung. „Vor der Ausreise haben wir eine Lehrstelle für Haki gesucht und bei der Bäckerei Bertermann gefunden." Bertermann sicherte sogar zu: „Wir halten diese Stelle frei." Die Nahrungsmittelbranche lag dem Aspiranten. „Ich hatte einen Kurs als Hilfskoch besucht und auch schon mal in Griechenland in der Gastronomie gearbeitet", sagt der 31-Jährige.

2016 reiste Haki Jano in sein Heimatland zurück in der Hoffnung, bald wieder nach Minden zurückkehren zu können. „Dann kam aber die kalte Dusche", sagt Martina Höfel. Während seines zehnmonatigen Einreiseverbotes wurde ein Bundesgesetz erlassen, das die Einreisesperre für heimgekehrte Albaner auf zwei Jahre erhöhte. Mit der Hilfe von Pro Asyl gelang es aber, Haki Jano schon 2017 die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen, weil die Ausbildungsvereinbarung bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes abgeschlossen worden war.

Am 1. Oktober 2017 konnte der Albaner seine Ausbildung beginnen. „Allerdings hat man ihn dort nach der Probezeit nicht übernommen", erinnert sich Martina Höfel. Sie machte sich auf die Suche nach einer Lösung und wurde bei Bäckermeister Gotthard Rippin in Dankersen fündig. „Er hat sofort gesagt, dass Haki seine Lehre dort fortsetzen könne." Gerade hat ihr Schützling seine Zwischenprüfung absolviert. „Wir sind sechs Bäckerlehrlinge am Leo-Sympher-Berufskolleg", erzählt er. Allein durch seine Teilnahme am Schulunterricht leistet er einen Beitrag zur Sicherung des Ausbildungsganges in Minden. „Dachdecker müssen zum Blockunterricht ins Sauerland", berichtet Martina Höfel.

„Am Anfang waren wir acht Leute", erzählt Haki Jano weiter. Nicht alle haben die ersten anderthalb Jahre durchgehalten. Dass er es so weit geschafft hat, ist nicht nur der eigenen Motivation zu verdanken, sondern auch Martina Höfel – und dem zusätzlichen Deutschunterricht. Er darf den Kurs der Stadt Minden für berufstätige Geflüchtete besuchen, auch wenn er nicht mehr als Geflüchteter und Asylbewerber gilt. Er ist sogar schon in den Fortsetzungskurs aufgenommen. „Drei Mal die Woche", wie er sagt über die Häufigkeit des abendlichen Lernens. Das heißt um 20 Uhr ins Bett und um 2 Uhr wieder raus. Bäcker-Schicksal eben.

„Ich denke auf Deutsch", antwortet Haki Jano auf Martina Höfels Frage. „Manche Begriffe kenne ich nur auf Deutsch und nicht auf Albanisch." Aber ohne Hilfe gehe es nicht. Anfangs habe er nur Englisch gesprochen. „Es war schwer auf Deutsch, viele Wörter habe ich nicht verstanden."

Martina Höfel half ihrem Schützling auch bei der Wohnungssuche. „Wir haben eine kleine Wohnung für ihn gefunden", sagt sie. Rein vom Sprache lernen her wäre eine WG günstig gewesen. Aber vermutlich aufgrund seiner albanischen Herkunft stieß Haki Jano auf Vorurteile.

Auch Martina Höfels Mann, Norbert Benecke, kümmert sich um die Ausbildung des jungen Albaners. Alle paar Monate oder nach Bedarf schaut er bei der Bäckerei vorbei und erkundigt sich.

Das ist für Arbeitgeber wichtig, die bereit sind, dem im Handwerk sich ausweitenden Nachwuchsmangel durch die Einstellung hoch motivierter Geflüchteter Abhilfe zu verschaffen, wie Natalie Egert weiß, die bei der Stadt Minden im Projekt I.Qu.I – Identifizieren, Qualifizieren, Integrieren – arbeitet. „Die Arbeitgeber sind froh, wenn es jemanden gibt, der unter die Arme greift", sagt sie zum Hintergrund der Betreuung von geflüchteten Azubis durch Paten. Sie kennt sich aus, denn sie kam als junges Mädchen in einer russlanddeutschen Familie aus Kasachstan nach Minden. „Wir suchen Leute, die einem Auszubildenden beim Start helfen – vielleicht Menschen im Ruhestand, auch Studenten oder Leute, die selbst noch in der Ausbildung stecken." Manchmal genügten schon ein paar Monate Hilfe.

Ein wenig Fachwissen ist hilfreich bei der Patenschaft. „Der Rest kommt von allein", sagt Martina Höfel. Im Falle Haki Janos half ihr allerdings nicht die Mäeutik, die Hebammenkunst, beim Helfen. „Wenn ich nicht vorher in einer Bäckerei gearbeitet hätte, müsste ich öfter in ein Buch schauen", gibt sie zu.

Wer Lust hat, geflüchtete Azubis begleitend zu unterstützen, kann sich bei Natalie Egert, Telefon (05 71) 8 98 06 und E-Mail: n.egert@minden.de, melden.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

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