Hausärztemangel: Noch ist keine Lösung in Sicht Stefan Koch Minden. Jede zweite Hausarztpraxis wird im Jahr 2035 im Kreis Minden-Lübbecke nicht mehr da sein. Diese von der Robert-Bosch-Stiftung im Mai vorgestellte Zahl zur Entwicklung der medizinischen Versorgung hält Dr. Beate Lubbe für realistisch. Die Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis in Hille-Oberlübbe ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und Koordinatorin für die Lehrpraxen am Standort Minden/Herford. Sie hat ein Büro im Hörsaalgebäude neben dem Johannes-Wesling-Klinikum und will mit unterschiedlichen Projekten den Hausärztemangel auf dem Land bekämpfen. Zuletzt hatte das MT über die Landpartie 2020 berichtet – ein Angebot für Studierende im 9. und 10. Semester mit Praktika bei Allgemeinmedizinern und in der ambulanten Versorgung. Es sollte durch Fördermittel der heimischen Wirtschaft, dem Land NRW und durch den Kreis Minden-Lübbecke unterstützt werden. Doch dann fiel das Vorhaben der Corona-Krise zum Opfer. „Wir werden das auf jeden Fall bei der entsprechenden Planungssicherheit nachholen“, sagt Lubbe. Vor allem der sogenannte „Klebeeffekt“ soll dazu beitragen, dass sich der Nachwuchs sich in der ländlichen Region niederlässt. Wenn Medizinstudierende der RUB ihre Ausbildung in der heimischen Region fortsetzen, sollen sie die Vorzüge des Landlebens kennenlernen und sich später dann hier niederlassen – so die Hoffnung. Ob das funktioniert? Für eine Erfolgsbilanz sei es jetzt noch zu früh, meint Lubbe. Der Grund: Wenn die RUB-Medizinstudierenden zur Ausbildung in das Johannes-Wesling-Klinikum, das Krankenhaus Lübbecke, die Auguste-Viktoria-Klinik, das Herz- und Diabeteszentrum NRW oder das Klinikum Herford kommen, haben sie erst die Hälfte ihres Weges hinter sich. Wer sich nämlich nach bestandenem Staatsexamen als Selbstständiger niederlassen will, muss noch eine Pflichtweiterbildung zum Facharzt durchlaufen, was in der überwiegenden Zahl der Fälle acht Jahre in Anspruch nimmt. Erst in einigen Jahren zeigt sich deshalb, was am Klebeeffekt dran ist. „Eine Studie zeigt aber, dass Studierenden, die aus einer ländlichen Region kommen, dort auch bleiben, wenn dort ihre Ausbildung stattfindet“, so Lubbe. Anders verhalte es sich, wenn sie das komplette Studium in einer Großstadt durchliefen. Denn das präge die doch lange Phase der Biografie. Rund 60 Studierende der RUB kommen pro Jahrgang nach Minden. Im November 2019 berichtete das MT über die ersten beiden Allgemeinmediziner, die ihr Examen gemacht hatten. In einem Fall hatte eine Ärztin in Kirchlengern in einer Praxis eine Stelle angenommen und ist nach einer Familienpause dort geblieben. „Ich stehe immer noch mit ihr in Kontakt und sie ist mit ihrer Wahl zufrieden“, so Lubbe. Der zweite Student promovierte nach dem Examen. Über seine weitere Perspektive ist nichts bekannt. Als 2016 die Dependance des Bochumer Modells der RUB eingeführt wurde, kamen die meisten Studierenden über das Losverfahren nach Minden und viele waren davon nicht begeistert. Lubbe stellte aber fest, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. „Mittlerweile kommt mehr als die Hälfte freiwillig zu uns.“ Sie hoffe, dass die Akzeptanz für eine Ausbildung im ländlichen Raum noch weiter zunehmen werde. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die fachliche Betreuung durch ein besseres Verhältnis von Lehrärzten und Studierenden intensiver sei, als in einem großen Universitätsbetrieb. „Es spricht sich herum, dass die Ausbildungsqualität bei uns hoch ist.“ Was Lubbe ebenfalls auffällt, ist die Relation der Geschlechter unter den Studierenden. „Medizin ist weiblich, denn zwei Drittel sind Frauen“, sagt sie. Auch das habe einen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung der hausärztlichen Versorgung. Wenn sie sich unter den angehenden Medizinern umhöre, sage ihr der überwiegende Teil der Studentinnen, dass sie lieber in einem Angestelltenverhältnis arbeiten wollten, als in einer selbstständigen Position. Bei den Studenten sei das gerade umgekehrt. Der Grund sei naheliegend. Ein selbstständiger Hausarzt bringe es im Schnitt auf 58 Wochenstunden in seiner Praxis, die Angestellten hätten dagegen eine 40-Stunden-Woche. Zudem seien Teilzeitmodelle möglich. Gerade für Frauen, die Kinder bekommen wollten, sei dies attraktiver. „Medizinische Versorgungszentren könnten deshalb auch ein Teil der Lösung sein, um dem Hausarztmangel zu begegnen.“ Als weiteren Schritt zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung auf dem Land setzt Lubbe auf die digitale Kommunikation. Audiovisuelle Übertragung bei gleichzeitigem Einsatz von medizinischen Mitarbeitern bei den Hausbesuchen in dünn besiedelten Gegenden helfe Hausärzten, Zeit zu sparen. Bei der Telemedizin bleibe aber der Arzt zur Auswertung und Beurteilung von Symptombildern unerlässlich. „Voraussetzung ist allerdings eine ausreichende Internetverbindung auf dem Land, da muss die Politik noch bessere Voraussetzungen schaffen.“ Zurzeit sieht es so aus, dass in Hille und Minden der hausärztliche Versorgungsgrad übererfüllt ist, so dass der Bezirk für die Eröffnung weiterer Praxen gesperrt wurde. Petershagen ist dagegen nur zu 76 Prozent versorgt. Mangel herrscht beispielsweise auch in Porta Westfalica (77 %) und Löhne (74 %). „Ein großer Anteil von uns Niedergelassenen steht kurz vor dem Rentenalter“, sagt Lubbe. „Diese Entwicklungs war absehbar.“ Das dies noch nicht überall registriert worden sei, liege daran, dass viele Hausärzte weitaus später den Ruhestand anträten, als Angehörige anderer Berufe.

Hausärztemangel: Noch ist keine Lösung in Sicht

Beate Lubbe koodiniert die Ausbildung der RUB-Studierenden in Minden. Mit verschiedenen Projekten will sie den Landarztmangel bekämpfen. MT-Foto: Stefan Koch © Stefan Koch

Minden. Jede zweite Hausarztpraxis wird im Jahr 2035 im Kreis Minden-Lübbecke nicht mehr da sein. Diese von der Robert-Bosch-Stiftung im Mai vorgestellte Zahl zur Entwicklung der medizinischen Versorgung hält Dr. Beate Lubbe für realistisch. Die Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis in Hille-Oberlübbe ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und Koordinatorin für die Lehrpraxen am Standort Minden/Herford. Sie hat ein Büro im Hörsaalgebäude neben dem Johannes-Wesling-Klinikum und will mit unterschiedlichen Projekten den Hausärztemangel auf dem Land bekämpfen. Zuletzt hatte das MT über die Landpartie 2020 berichtet – ein Angebot für Studierende im 9. und 10. Semester mit Praktika bei Allgemeinmedizinern und in der ambulanten Versorgung. Es sollte durch Fördermittel der heimischen Wirtschaft, dem Land NRW und durch den Kreis Minden-Lübbecke unterstützt werden. Doch dann fiel das Vorhaben der Corona-Krise zum Opfer. „Wir werden das auf jeden Fall bei der entsprechenden Planungssicherheit nachholen“, sagt Lubbe.

Vor allem der sogenannte „Klebeeffekt“ soll dazu beitragen, dass sich der Nachwuchs sich in der ländlichen Region niederlässt. Wenn Medizinstudierende der RUB ihre Ausbildung in der heimischen Region fortsetzen, sollen sie die Vorzüge des Landlebens kennenlernen und sich später dann hier niederlassen – so die Hoffnung. Ob das funktioniert?

Für eine Erfolgsbilanz sei es jetzt noch zu früh, meint Lubbe. Der Grund: Wenn die RUB-Medizinstudierenden zur Ausbildung in das Johannes-Wesling-Klinikum, das Krankenhaus Lübbecke, die Auguste-Viktoria-Klinik, das Herz- und Diabeteszentrum NRW oder das Klinikum Herford kommen, haben sie erst die Hälfte ihres Weges hinter sich. Wer sich nämlich nach bestandenem Staatsexamen als Selbstständiger niederlassen will, muss noch eine Pflichtweiterbildung zum Facharzt durchlaufen, was in der überwiegenden Zahl der Fälle acht Jahre in Anspruch nimmt. Erst in einigen Jahren zeigt sich deshalb, was am Klebeeffekt dran ist.


„Eine Studie zeigt aber, dass Studierenden, die aus einer ländlichen Region kommen, dort auch bleiben, wenn dort ihre Ausbildung stattfindet“, so Lubbe. Anders verhalte es sich, wenn sie das komplette Studium in einer Großstadt durchliefen. Denn das präge die doch lange Phase der Biografie.

Rund 60 Studierende der RUB kommen pro Jahrgang nach Minden. Im November 2019 berichtete das MT über die ersten beiden Allgemeinmediziner, die ihr Examen gemacht hatten. In einem Fall hatte eine Ärztin in Kirchlengern in einer Praxis eine Stelle angenommen und ist nach einer Familienpause dort geblieben. „Ich stehe immer noch mit ihr in Kontakt und sie ist mit ihrer Wahl zufrieden“, so Lubbe. Der zweite Student promovierte nach dem Examen. Über seine weitere Perspektive ist nichts bekannt.

Als 2016 die Dependance des Bochumer Modells der RUB eingeführt wurde, kamen die meisten Studierenden über das Losverfahren nach Minden und viele waren davon nicht begeistert. Lubbe stellte aber fest, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. „Mittlerweile kommt mehr als die Hälfte freiwillig zu uns.“ Sie hoffe, dass die Akzeptanz für eine Ausbildung im ländlichen Raum noch weiter zunehmen werde. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die fachliche Betreuung durch ein besseres Verhältnis von Lehrärzten und Studierenden intensiver sei, als in einem großen Universitätsbetrieb. „Es spricht sich herum, dass die Ausbildungsqualität bei uns hoch ist.“

Was Lubbe ebenfalls auffällt, ist die Relation der Geschlechter unter den Studierenden. „Medizin ist weiblich, denn zwei Drittel sind Frauen“, sagt sie. Auch das habe einen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung der hausärztlichen Versorgung. Wenn sie sich unter den angehenden Medizinern umhöre, sage ihr der überwiegende Teil der Studentinnen, dass sie lieber in einem Angestelltenverhältnis arbeiten wollten, als in einer selbstständigen Position. Bei den Studenten sei das gerade umgekehrt. Der Grund sei naheliegend. Ein selbstständiger Hausarzt bringe es im Schnitt auf 58 Wochenstunden in seiner Praxis, die Angestellten hätten dagegen eine 40-Stunden-Woche. Zudem seien Teilzeitmodelle möglich. Gerade für Frauen, die Kinder bekommen wollten, sei dies attraktiver. „Medizinische Versorgungszentren könnten deshalb auch ein Teil der Lösung sein, um dem Hausarztmangel zu begegnen.“

Als weiteren Schritt zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung auf dem Land setzt Lubbe auf die digitale Kommunikation. Audiovisuelle Übertragung bei gleichzeitigem Einsatz von medizinischen Mitarbeitern bei den Hausbesuchen in dünn besiedelten Gegenden helfe Hausärzten, Zeit zu sparen. Bei der Telemedizin bleibe aber der Arzt zur Auswertung und Beurteilung von Symptombildern unerlässlich. „Voraussetzung ist allerdings eine ausreichende Internetverbindung auf dem Land, da muss die Politik noch bessere Voraussetzungen schaffen.“

Zurzeit sieht es so aus, dass in Hille und Minden der hausärztliche Versorgungsgrad übererfüllt ist, so dass der Bezirk für die Eröffnung weiterer Praxen gesperrt wurde. Petershagen ist dagegen nur zu 76 Prozent versorgt. Mangel herrscht beispielsweise auch in Porta Westfalica (77 %) und Löhne (74 %). „Ein großer Anteil von uns Niedergelassenen steht kurz vor dem Rentenalter“, sagt Lubbe. „Diese Entwicklungs war absehbar.“ Das dies noch nicht überall registriert worden sei, liege daran, dass viele Hausärzte weitaus später den Ruhestand anträten, als Angehörige anderer Berufe.

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