Hat ein Umdenken bei Hundehaltern stattgefunden? Claudia Hyna Minden (mt). Der will doch nur spielen. Das war der Standardspruch, den sich bis vor einigen Jahren ängstliche Jogger oder Radfahrer von Hundehaltern anhören mussten. In jüngster Zeit nehmen immer mehr Herrchen und Frauchen ihr Tier ungefragt an die Leine nehmen oder rufen es zu sich, jedenfalls gefühlt. Hat ein Umdenken stattgefunden?Hundeschulen liegen jedenfalls voll im Trend. Die Kurse der Hundeverhaltenstherapeutin Julia Fuhrmann (32) aus Minden (Die Stadthunde) sind so gut gebucht, dass sie im vergangenen Jahr eine Warteliste einführen musste. Kurzerhand stellte sie eine Kollegin ein, jetzt ist wieder Luft nach oben. Ihre Hundegruppen auf dem Simeonsplatz, an der Schlagde und am Weserstadion prägen seit fünf Jahren das Stadtbild von Minden.Teilnehmerin Svenja Thomas hat immer noch Angst vor großen Hunden. Oskar kam vor drei Jahren nur ins Haus, weil ihr Mann diesen Wunsch hatte. Heute würde sie für den kleinen Havaneser-Coton-Mischling die Hand ins Feuer legen. Das war nicht immer so. Als acht Wochen alter Welpe war er bereits völlig verzogen. „Der Hund hat uns erzogen, nicht wir den Hund“, sagt die 33-Jährige und lacht. Auch nach drei Jahren Hundeschule hat Svenja Thomas noch großen Spaß am Kontakt mit der Gruppe.Hat so ein Hund nicht irgendwann ausgelernt? „Die soziale Begegnung bleibt für Mensch und Hund wichtig“, meint Jutta Rohlfing, die mit ihrem Labradormischling Lucy ebenfalls seit drei Jahren die Hundeschule besucht. „Außerdem bringt Julia uns immer wieder neue Tricks bei.“Gerade war die Hundetrainerin beim Seminar und hat dort gelernt, dass Hunde besser auf lang gezogene Abrufsignale reagieren. „Testet das mal“, meint sie. Das Lernen der Impulskontrolle sei eins der wichtigsten Ziele. „Das klappt aber nur, wenn der Mensch mitmacht“, sagt Julia Fuhrmann. Und sie fügt hinzu: „Die Hundeschule ist auch eine Menschenschule.“Die Erziehung sei der eines Kindes ähnlich: Gesetzt wird auf Konsequenz und Kommunikation ohne Strafe, sondern mit Belohnung. Und ähnlich wie bei Menschenkindern ist die Erziehung der Hunde auch eher Frauensache: Etwa 80 Prozent ihrer Teilnehmer sind weiblich. Die Ansprüche der Teilnehmer seien heute viel größer als noch vor zehn Jahren. „Da reichte es, eine Runde durch das Glacis zu gehen und drei Übungen zu machen.“ Mit „Sitz“ und „Platz“ allein kann man keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor locken. Und auch die Erziehung über Druck und Zwang ist passé.Das Thema Giftköder beschäftigt auch die Teilnehmer ihrer Kurse. Bei ihr lernen die Hunde, nur das Futter zu nehmen, dass Herrchen oder Frauchen erlauben. „Der Hund lernt über Versuch und Irrtum.“ Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum, sagte gar der Schriftsteller Carl Zuckmayr. Dieser Ansicht sind offenbar immer mehr Menschen, denn die Zahl der Hunde in Deutschland steigt seit Jahren an - aktuell sind es 5,4 Millionen. Und der Trend zum Zweithund ist ungebrochen.Doch das Tier kommt nicht gehorchend auf die Welt. Wer mit seinem Hund unkompliziert am öffentlichen Leben teilnehmen will, muss Zeit und Geld investieren. Julia Fuhrmann würde sich für Nordrhein-Westfalen einen Hunde-Führerschein wünschen, der in Niedersachsen Pflicht ist. Was sie in Minden ebenfalls vermisst, ist eine Freilauffläche für Hunde. Denn aufgrund der Anleinpflicht in öffentlichen Parks und Gärten bekommen die Tiere oft nicht genügend Auslauf. Eine Möglichkeit bietet die Wiese am Tierheim in Päpinghausen, die jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr nutzbar ist.Nicht nur die Zahl der Hunde, auch die der Hundeschulen steigt stetig. „Die Einstellung zum Tier hat sich verändert“, hat die Tierärztin Dr. Anja Sommer (41) aus Todtenhausen festgestellt. Der Stellenwert in der Familie sei größer geworden: Immer mehr Menschen würden gerne mit ihrem Hund arbeiten. „Das ist gut, denn es entspricht der Natur des Tieres.“ Ideal sei es, wenn der Hundehalter seinem Liebling bis zur 16. Woche alles Wichtige beigebracht habe. „Ab da wird es schwieriger“, sagt die Fachärztin für Physiologie und physiologische Chemie.Aber nicht unmöglich, erklärt Julia Fuhrmann mit einem Beispiel. Ein Teilnehmer hatte einen Staffordshire Terrier aus dem Tierheim geholt, der Hunde und Menschen biss. Im Einzelunterricht fand sie heraus, dass dieser auf Hunde und Menschen abgerichtet worden war. „Heute lässt er sich von anderen Hunden beißen.“

Hat ein Umdenken bei Hundehaltern stattgefunden?

Julia Fuhrmann ist das Gesicht der Stadthunde Minden.

Minden (mt). Der will doch nur spielen. Das war der Standardspruch, den sich bis vor einigen Jahren ängstliche Jogger oder Radfahrer von Hundehaltern anhören mussten. In jüngster Zeit nehmen immer mehr Herrchen und Frauchen ihr Tier ungefragt an die Leine nehmen oder rufen es zu sich, jedenfalls gefühlt. Hat ein Umdenken stattgefunden?

Hundeschulen liegen jedenfalls voll im Trend. Die Kurse der Hundeverhaltenstherapeutin Julia Fuhrmann (32) aus Minden (Die Stadthunde) sind so gut gebucht, dass sie im vergangenen Jahr eine Warteliste einführen musste. Kurzerhand stellte sie eine Kollegin ein, jetzt ist wieder Luft nach oben. Ihre Hundegruppen auf dem Simeonsplatz, an der Schlagde und am Weserstadion prägen seit fünf Jahren das Stadtbild von Minden.

Svenja Thomas joggt an den Hunden vorbei und gestikuliert dabei. Die Aufgabe für die Hunde lautet: Nicht darauf reagieren und brav sitzen bleiben. Klappt perfekt. Schließlich heißt dieser Kurs „Die Sitzenbleiber“.
Svenja Thomas joggt an den Hunden vorbei und gestikuliert dabei. Die Aufgabe für die Hunde lautet: Nicht darauf reagieren und brav sitzen bleiben. Klappt perfekt. Schließlich heißt dieser Kurs „Die Sitzenbleiber“.

Teilnehmerin Svenja Thomas hat immer noch Angst vor großen Hunden. Oskar kam vor drei Jahren nur ins Haus, weil ihr Mann diesen Wunsch hatte. Heute würde sie für den kleinen Havaneser-Coton-Mischling die Hand ins Feuer legen. Das war nicht immer so. Als acht Wochen alter Welpe war er bereits völlig verzogen. „Der Hund hat uns erzogen, nicht wir den Hund“, sagt die 33-Jährige und lacht. Auch nach drei Jahren Hundeschule hat Svenja Thomas noch großen Spaß am Kontakt mit der Gruppe.

Der soziale Aspekt ist beim Hundespaziergang besonders wichtig.
Der soziale Aspekt ist beim Hundespaziergang besonders wichtig.

Hat so ein Hund nicht irgendwann ausgelernt? „Die soziale Begegnung bleibt für Mensch und Hund wichtig“, meint Jutta Rohlfing, die mit ihrem Labradormischling Lucy ebenfalls seit drei Jahren die Hundeschule besucht. „Außerdem bringt Julia uns immer wieder neue Tricks bei.“

Gerade war die Hundetrainerin beim Seminar und hat dort gelernt, dass Hunde besser auf lang gezogene Abrufsignale reagieren. „Testet das mal“, meint sie. Das Lernen der Impulskontrolle sei eins der wichtigsten Ziele. „Das klappt aber nur, wenn der Mensch mitmacht“, sagt Julia Fuhrmann. Und sie fügt hinzu: „Die Hundeschule ist auch eine Menschenschule.“

Mit diesen Problemen kommen die Menschen in die Hundeschule: der Hund zieht an der Leine, kommt nicht, wenn man ruft oder verhält sich aggressiv. MT-Fotos: Alex Lehn
Mit diesen Problemen kommen die Menschen in die Hundeschule: der Hund zieht an der Leine, kommt nicht, wenn man ruft oder verhält sich aggressiv. MT-Fotos: Alex Lehn

Die Erziehung sei der eines Kindes ähnlich: Gesetzt wird auf Konsequenz und Kommunikation ohne Strafe, sondern mit Belohnung. Und ähnlich wie bei Menschenkindern ist die Erziehung der Hunde auch eher Frauensache: Etwa 80 Prozent ihrer Teilnehmer sind weiblich. Die Ansprüche der Teilnehmer seien heute viel größer als noch vor zehn Jahren. „Da reichte es, eine Runde durch das Glacis zu gehen und drei Übungen zu machen.“ Mit „Sitz“ und „Platz“ allein kann man keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor locken. Und auch die Erziehung über Druck und Zwang ist passé.

Das Thema Giftköder beschäftigt auch die Teilnehmer ihrer Kurse. Bei ihr lernen die Hunde, nur das Futter zu nehmen, dass Herrchen oder Frauchen erlauben. „Der Hund lernt über Versuch und Irrtum.“ Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum, sagte gar der Schriftsteller Carl Zuckmayr. Dieser Ansicht sind offenbar immer mehr Menschen, denn die Zahl der Hunde in Deutschland steigt seit Jahren an - aktuell sind es 5,4 Millionen. Und der Trend zum Zweithund ist ungebrochen.

Doch das Tier kommt nicht gehorchend auf die Welt. Wer mit seinem Hund unkompliziert am öffentlichen Leben teilnehmen will, muss Zeit und Geld investieren. Julia Fuhrmann würde sich für Nordrhein-Westfalen einen Hunde-Führerschein wünschen, der in Niedersachsen Pflicht ist. Was sie in Minden ebenfalls vermisst, ist eine Freilauffläche für Hunde. Denn aufgrund der Anleinpflicht in öffentlichen Parks und Gärten bekommen die Tiere oft nicht genügend Auslauf. Eine Möglichkeit bietet die Wiese am Tierheim in Päpinghausen, die jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr nutzbar ist.

Nicht nur die Zahl der Hunde, auch die der Hundeschulen steigt stetig. „Die Einstellung zum Tier hat sich verändert“, hat die Tierärztin Dr. Anja Sommer (41) aus Todtenhausen festgestellt. Der Stellenwert in der Familie sei größer geworden: Immer mehr Menschen würden gerne mit ihrem Hund arbeiten. „Das ist gut, denn es entspricht der Natur des Tieres.“ Ideal sei es, wenn der Hundehalter seinem Liebling bis zur 16. Woche alles Wichtige beigebracht habe. „Ab da wird es schwieriger“, sagt die Fachärztin für Physiologie und physiologische Chemie.

Aber nicht unmöglich, erklärt Julia Fuhrmann mit einem Beispiel. Ein Teilnehmer hatte einen Staffordshire Terrier aus dem Tierheim geholt, der Hunde und Menschen biss. Im Einzelunterricht fand sie heraus, dass dieser auf Hunde und Menschen abgerichtet worden war. „Heute lässt er sich von anderen Hunden beißen.“

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