Harte Probe für Ehepaare: Viel umjubelte Premiere im Mindener Stadttheater Kerstin Rickert Minden. Die ersten Lacher lassen nicht lange auf sich warten. Kaum, dass sich der Vorhang zur Premiere „Die Kehrseite der Medaille“ geöffnet hat, ist das Publikum mittendrin in einem Theaterstück, das auf tragikomische Weise Schein und Sein in Paarbeziehungen offenbart. Und es wird nicht mehr losgelassen: Die mit reichlich Sprachwitz gespickten Wort- und Gedankenspiele auf der Bühne sorgen immer wieder für herzhaftes Gelächter bei den Zuschauern, reißen sie zu Zwischenapplaus hin und am Ende von 90 turbulenten Minuten zu stehenden Ovationen. Alles beginnt damit, dass Daniel (Timothy Peach) zufällig auf Patrick (Martin Armknecht) trifft. Der Kontakt zwischen den beiden langjährigen Freunden war zuletzt etwas abgerissen, denn Patrick hatte sich nach 20 Jahren Ehe von seiner Frau Laurence getrennt – für eine Jüngere. Damit hat vor allem Daniels Frau Isabelle Probleme, denn Laurence ist ihre allerbeste Freundin. Dessen wird sich Daniel aber erst wieder bewusst, als es schon zu spät ist. Spontan hat er Patrick eingeladen, ihn und Isabelle mit seiner neuen Freundin Emma zu besuchen. Nun hat Daniel ein Problem: Wie sagt er das seiner Frau? Damit nimmt ein Abend seinen Lauf, der auf herrlich überspitze Weise zeigt, wie Männer und Frauen ticken. Dabei werden so ziemlich alle Geschlechter-Klischees bedient – und von innen nach außen gekehrt. Für Letzteres sorgt ein besonderer Clou des Autors Florian Zeller: Er lässt das Publikum nicht nur daran teilhaben, was die vier Protagonisten des Stückes zueinander sagen, sondern auch was sie übereinander denken. Regisseur Pascal Breuer fügt dem Stück noch eine dritte Ebene hinzu, indem er sie nicht nur zwischen offenen Gesprächen und heimlichen Gedanken jonglieren, sondern auch manches Mal in ihre Fantasien abdriften lässt. Die Welten und Widersprüche zwischen Traum und Wirklichkeit machen „Die Kehrseite der Medaille“ zu einem puren und permanenten Vergnügen. Etwa dann, wenn Daniel seiner Frau beim ersten Aufeinandertreffen mit ihren Gästen nach dem Mund redet und sich darüber empört, dass Patrick die wundervolle Laurence für „so ein Frischgemüse“ verlassen hat. Was er über Emma wirklich denkt: „Wie sie duftet! Wie sie wohl unverhüllt aussieht?“ Brillant spielt Timothy Peach den unter dem Pantoffel stehenden Ehemann, der sich beim Anblick der Geliebten seines Freundes immer mehr in seine männlichen Fantasien flüchtet. Dabei überzeugt er nicht nur immer wieder mit pikanten, auf den Punkt gebrachten Wortspielereien, sondern er verkörpert seine Rolle mit vollem Einsatz und springt schweißgebadet zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit hin und her. Herrlich auch Martin Armknecht als Mann in den besten Jahren, der von der Liebe beflügelt unter Realitätsverlust leidet: „Hauptsache gut aussehen“ – dass es in den Gliedern zwickt und zwackt, muss ja niemand wissen. Wie die beiden Männer sich in der Gunst um die attraktive, junge Emma zum Affen machen, ist eine der Szenen, die das Publikum in Beifall ausbrechen lässt. Das perfekte Pendant liefert Nicole Tiggeler als Ehefrau, die glaubt, die Situation und ihren Mann jederzeit im Griff zu haben und mit ihren spitzen Bemerkungen für zusätzliche Würze sorgt. Nadine Menz schließlich kreiert überzeugend das klischeehafte Bild von einer jungen Frau, die den Männern mit ihren Reizen den Kopf verdreht, viel mehr aber nicht zu bieten hat. Ein köstliches Konversationsstück.

Harte Probe für Ehepaare: Viel umjubelte Premiere im Mindener Stadttheater

Das Stück zeigt auf herrlich überspitze Weise, wie Männer und Frauen ticken und bedient so ziemlich alle Geschlechter-Klischees. Foto: Kerstin Rickert

Minden. Die ersten Lacher lassen nicht lange auf sich warten. Kaum, dass sich der Vorhang zur Premiere „Die Kehrseite der Medaille“ geöffnet hat, ist das Publikum mittendrin in einem Theaterstück, das auf tragikomische Weise Schein und Sein in Paarbeziehungen offenbart. Und es wird nicht mehr losgelassen: Die mit reichlich Sprachwitz gespickten Wort- und Gedankenspiele auf der Bühne sorgen immer wieder für herzhaftes Gelächter bei den Zuschauern, reißen sie zu Zwischenapplaus hin und am Ende von 90 turbulenten Minuten zu stehenden Ovationen.

Alles beginnt damit, dass Daniel (Timothy Peach) zufällig auf Patrick (Martin Armknecht) trifft. Der Kontakt zwischen den beiden langjährigen Freunden war zuletzt etwas abgerissen, denn Patrick hatte sich nach 20 Jahren Ehe von seiner Frau Laurence getrennt – für eine Jüngere. Damit hat vor allem Daniels Frau Isabelle Probleme, denn Laurence ist ihre allerbeste Freundin. Dessen wird sich Daniel aber erst wieder bewusst, als es schon zu spät ist.

Spontan hat er Patrick eingeladen, ihn und Isabelle mit seiner neuen Freundin Emma zu besuchen. Nun hat Daniel ein Problem: Wie sagt er das seiner Frau? Damit nimmt ein Abend seinen Lauf, der auf herrlich überspitze Weise zeigt, wie Männer und Frauen ticken. Dabei werden so ziemlich alle Geschlechter-Klischees bedient – und von innen nach außen gekehrt. Für Letzteres sorgt ein besonderer Clou des Autors Florian Zeller: Er lässt das Publikum nicht nur daran teilhaben, was die vier Protagonisten des Stückes zueinander sagen, sondern auch was sie übereinander denken.

Malina Reckordt

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Regisseur Pascal Breuer fügt dem Stück noch eine dritte Ebene hinzu, indem er sie nicht nur zwischen offenen Gesprächen und heimlichen Gedanken jonglieren, sondern auch manches Mal in ihre Fantasien abdriften lässt. Die Welten und Widersprüche zwischen Traum und Wirklichkeit machen „Die Kehrseite der Medaille“ zu einem puren und permanenten Vergnügen. Etwa dann, wenn Daniel seiner Frau beim ersten Aufeinandertreffen mit ihren Gästen nach dem Mund redet und sich darüber empört, dass Patrick die wundervolle Laurence für „so ein Frischgemüse“ verlassen hat. Was er über Emma wirklich denkt: „Wie sie duftet! Wie sie wohl unverhüllt aussieht?“

Brillant spielt Timothy Peach den unter dem Pantoffel stehenden Ehemann, der sich beim Anblick der Geliebten seines Freundes immer mehr in seine männlichen Fantasien flüchtet. Dabei überzeugt er nicht nur immer wieder mit pikanten, auf den Punkt gebrachten Wortspielereien, sondern er verkörpert seine Rolle mit vollem Einsatz und springt schweißgebadet zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit hin und her. Herrlich auch Martin Armknecht als Mann in den besten Jahren, der von der Liebe beflügelt unter Realitätsverlust leidet: „Hauptsache gut aussehen“ – dass es in den Gliedern zwickt und zwackt, muss ja niemand wissen. Wie die beiden Männer sich in der Gunst um die attraktive, junge Emma zum Affen machen, ist eine der Szenen, die das Publikum in Beifall ausbrechen lässt.

Das perfekte Pendant liefert Nicole Tiggeler als Ehefrau, die glaubt, die Situation und ihren Mann jederzeit im Griff zu haben und mit ihren spitzen Bemerkungen für zusätzliche Würze sorgt. Nadine Menz schließlich kreiert überzeugend das klischeehafte Bild von einer jungen Frau, die den Männern mit ihren Reizen den Kopf verdreht, viel mehr aber nicht zu bieten hat. Ein köstliches Konversationsstück.

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