Handlanger, Täter und Profiteure Verstrickung der Wirtschaft an Rhein Ruhr in das NS-Regime Von Jürgen Langenkämper Minden (mt). Noch leben in Osteuropa, aber auch in anderen Ländern, Menschen, die in ihrer Jugend in Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben. Nach langem Tauziehen haben viele von ihnen, aber längst nicht alle, Entschädigungen erhalten. Licht auf dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte wirft ein im April erschienener Sammelband mit dem Titel "Von Arisierung bis Zwangsarbeit". Der Untertitel "Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945" zeigt, wo der Schwerpunkt der Betrachtung liegt, die Verstrickung von Wirtschaftsbossen, Verbandsfunktionären und Unternehmern in den nationalsozialistischen Staat. Doch sie sind in dem von Ulrich Sander zusammengestellten und in weiten Teilen selbst verfassten Sammelband nicht nur Handlanger Hitlers, sondern oft genug Initiatoren, Täter und Profiteure der Ausbeutung von KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.Die Verdrängung von Juden aus der Wirtschaft - die Zahl ihrer Betriebe sank schon vor dem Novemberpogrom 1938 von 100000 auf 40000 und darunter die Zahl der Einzelhandelsbetriebe von 50000 auf 9000, das Vermögen von Juden von 12 Milliarden Reichsmark auf weniger als die Hälfte - erleichterte nichtjüdischen Unternehmern die Ausweitung ihrer Geschäfte. Die Arisierung ebnete den Weg in den Holocaust.Auf 15 Millionen wird die Zahl der Menschen geschätzt, die während des Krieges Zwangsarbeit leisteten und, aus ihrer Heimat verschleppt, im Innern des Reiches oder in den besetzten Gebieten die Kriegsmaschinerie am Laufen hielten. Die Gewinne der Unternehmen sprudelten auch während des Krieges, wie das Beispiel des Bertelsmann-Verlages zeigt, dessen Gewinne sich 1941 gegenüber 1933 verdreißigfacht hatten.Der Nationalsozialismus bot auch für andere Unternehmen gute Rahmenbedingungen. Krupp, Flick, IG Farben, die Quandt-Familie, Thyssen, Henkel, der Banker Abs und der Industrielle Kirdorf, der Diplomat und spätere FDP-Politiker Ernst Achenbach sowie der Oetker-Konzern sind größtenteils bekannte Fallbeispiele für prosperierendes Wachstum und persönliche Karriere. Lokale Beispiele im Nordosten Westfalens sucht der Leser in dieser Fokussierung auf den großindustriellen Ballungsraum an Rhein und Ruhr vergeblich.Die Zusammenstellung stützt sich meist auf vorhergehende Arbeiten von Historikern und Wissenschaftlern anderer Disziplinen. Als Dokumente jüngerer Zeit sind Artikel und Briefe der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) eingestreut, die belegen, wie schwierig der Umgang mit der Geschichte auch heute noch ist, wenn in einigen Städten Mahntafeln angebracht werden oder Gedenkstätten betrieben werden sollen.Der Herausgeber Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN, liest am Montag, 25. Juni, in Minden aus dem Buch und diskutiert mit den Zuhörern. Beginn ist um 19.30 Uhr im Bildungswerk und Forum (BF), Alte Kirchstraße 11.Ulrich Sander (Hrsg.), Von Arisierung bis Zwangsarbeit. Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, Köln 2012, 347 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-89438-489-0.

Handlanger, Täter und Profiteure

Minden (mt). Noch leben in Osteuropa, aber auch in anderen Ländern, Menschen, die in ihrer Jugend in Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben. Nach langem Tauziehen haben viele von ihnen, aber längst nicht alle, Entschädigungen erhalten.

Dunkles Kapitel: In der NS-Zeit waren weite Teile der deutschen Wirtschaft in Verbrechen an Juden und Zwangsarbeitern verstrickt und oft Täter und Profiteure. - © MT-Foto: Langenkämper
Dunkles Kapitel: In der NS-Zeit waren weite Teile der deutschen Wirtschaft in Verbrechen an Juden und Zwangsarbeitern verstrickt und oft Täter und Profiteure. - © MT-Foto: Langenkämper

Licht auf dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte wirft ein im April erschienener Sammelband mit dem Titel "Von Arisierung bis Zwangsarbeit". Der Untertitel "Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945" zeigt, wo der Schwerpunkt der Betrachtung liegt, die Verstrickung von Wirtschaftsbossen, Verbandsfunktionären und Unternehmern in den nationalsozialistischen Staat. Doch sie sind in dem von Ulrich Sander zusammengestellten und in weiten Teilen selbst verfassten Sammelband nicht nur Handlanger Hitlers, sondern oft genug Initiatoren, Täter und Profiteure der Ausbeutung von KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.

Die Verdrängung von Juden aus der Wirtschaft - die Zahl ihrer Betriebe sank schon vor dem Novemberpogrom 1938 von 100000 auf 40000 und darunter die Zahl der Einzelhandelsbetriebe von 50000 auf 9000, das Vermögen von Juden von 12 Milliarden Reichsmark auf weniger als die Hälfte - erleichterte nichtjüdischen Unternehmern die Ausweitung ihrer Geschäfte. Die Arisierung ebnete den Weg in den Holocaust.

Auf 15 Millionen wird die Zahl der Menschen geschätzt, die während des Krieges Zwangsarbeit leisteten und, aus ihrer Heimat verschleppt, im Innern des Reiches oder in den besetzten Gebieten die Kriegsmaschinerie am Laufen hielten. Die Gewinne der Unternehmen sprudelten auch während des Krieges, wie das Beispiel des Bertelsmann-Verlages zeigt, dessen Gewinne sich 1941 gegenüber 1933 verdreißigfacht hatten.

Der Nationalsozialismus bot auch für andere Unternehmen gute Rahmenbedingungen. Krupp, Flick, IG Farben, die Quandt-Familie, Thyssen, Henkel, der Banker Abs und der Industrielle Kirdorf, der Diplomat und spätere FDP-Politiker Ernst Achenbach sowie der Oetker-Konzern sind größtenteils bekannte Fallbeispiele für prosperierendes Wachstum und persönliche Karriere. Lokale Beispiele im Nordosten Westfalens sucht der Leser in dieser Fokussierung auf den großindustriellen Ballungsraum an Rhein und Ruhr vergeblich.

Die Zusammenstellung stützt sich meist auf vorhergehende Arbeiten von Historikern und Wissenschaftlern anderer Disziplinen. Als Dokumente jüngerer Zeit sind Artikel und Briefe der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) eingestreut, die belegen, wie schwierig der Umgang mit der Geschichte auch heute noch ist, wenn in einigen Städten Mahntafeln angebracht werden oder Gedenkstätten betrieben werden sollen.

Der Herausgeber Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN, liest am Montag, 25. Juni, in Minden aus dem Buch und diskutiert mit den Zuhörern. Beginn ist um 19.30 Uhr im Bildungswerk und Forum (BF), Alte Kirchstraße 11.

Ulrich Sander (Hrsg.), Von Arisierung bis Zwangsarbeit. Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, Köln 2012, 347 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-89438-489-0.

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