Gute Schwingungen: Klangtherapeutin vertreibt im Mindener Hospiz die Gedanken an den Tod Doris Christoph Minden. Ein tiefes Brummen kriecht in jede Ecke des langen Flurs, nach dem letzten Anschlagen der Saiten hängt es noch sekundenlang in der Luft, ehe es langsam wie Nebel dahin schwindet. Klangtherapeutin Penny Kirsch hält kurz inne, dann lässt sie ihre Finger wieder über die Stahlsaiten des Monochords gleiten – schon breitet sich der Brummton wieder aus. Einmal im Monat spielt die Portanerin im Hospiz Minden auf dem ungewöhnlichen Instrument. Das Monochord ist ein etwa 1,50 Meter hoher, hohler Holzkörper, auf zwei Seiten mit je 20 Stahlsaiten bespannt. „Jede Seite für sich ist monoton gestimmt in C oder Cis", erklärt die Klangtherapeutin. „Es liegt viel Zauber in der Monotonie", findet sie. Der tiefe Brummton muss an diesem Freitagnachmittag im Hospiz Minden gegen nichts ankämpfen, im Obergeschoss des Hauses herrscht absolute Stille: Kein Husten ist zu hören, keine Schritte oder Gespräche. Einige Zimmertüren sind geöffnet, damit die Töne den Weg auch zu den Bewohnern finden. Gäste werden sie hier im Volker-Pardey-Haus genannt, das von der Diakonie Stiftung Salem und Parisozial Minden-Lübbecke/Herford betrieben wird. Zehn Gäste sind hier zurzeit untergebracht, zwölf Betten gibt es insgesamt. Wer ins Hospiz kommt, wird in naher Zukunft sterben, die meisten der Gäste haben Krebs oder eine Nervenkrankheit wie ALS. Im bundesweiten Schnitt bleiben Todkranke 19 Tage in einem Hospiz, erklärt Leiterin Dorothea Stentenbach. „Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben", sagt sie. Doch manchmal geht das nicht: Weil die Erkrankten allein sind und niemanden haben, der sich kümmert. Oder weil ihre pflegerische und palliative Versorgung, die Medikamentengabe, Schmerzen und Übelkeit zum Ende hin nur schwer mit einem Pflegedienst und von Angehörigen im häuslichen Bereich zu händeln sind. Ihre letzten Tage sollen die Gäste hier so schön wie möglich verbringen. Sie können essen, was und wann sie wollen. Angehörige können mit in den Einzelzimmern schlafen. Deren Besuch war während der gesamten Pandemie erlaubt, berichtet Stentenbach. „Covid ist das geringere Problem unserer Gäste", sagt die Leiterin. Die Nähe ihrer Liebsten hingegen bedeutet den Sterbenskranken viel, er gibt ihnen unter anderem eine Tagesstruktur. So auch die Angebote wie Kalligraphie. „Das nehmen auch die Angehörigen wahr. Es ist gut, wenn sie mal etwas anderes sehen können", sagt Stentenbach. Sie litten sehr unter der aussichtslosen Situation und dem nahenden Ende. Nicht nur menschliche Besucher gibt es: Auch Pferde, Schweine und zuletzt zwei Schildkröten namens Detlev und Doris haben hier schon Gäste besucht. Mitarbeiter und Ehrenamtliche des Hospizkreises haben das auf Wunsch einzelner Gäste organisiert. „Der Gast ist der Dirigent und wir sind das Orchester", sagt Stentenbach dazu. Zurück zu Penny Kirsch. Nach einer Viertelstunde ist der letzte Brummton verstummt. Die Klangtherapeutin nimmt ihr Monochord und wechselt ins Erdgeschoss zu den anderen Gästen des Hauses. Jede Etage bekommt eine halbe Stunde Musik zu hören. Das Monochord hat jetzt aber erstmal Pause. Kirsch streift sich weiße Baumwollhandschuhe über und beginnt auf der Handpan zu spielen, ihrem zweiten Instrument. Das sieht aus wie zwei zusammengeschweißte Woks mit Vertiefungen und einer Erhebung in der Mitte, die mit einem Hammer eingearbeitet wurden. „Die Handschuhe sind eine Empfehlung des Herstellers", erklärt sie. Hautfett von den Fingern könnte den Ton verändern. Seit etwa einem Jahr kommt die Klangtherapeutin regelmäßig ins Volker-Pardey-Haus und verbreitet mit ihren Instrumenten Schwingungen, im Sommer spielt sie manchmal im Garten der Einrichtung. Das freut dann auch die Nachbarn an der Marienburger Straße. Kirsch ist gelernte Krankenschwester, hat lange in der Pflege gearbeitet – bis sie kurz vorm Burnout stand. Die mangelnde Wertschätzung ihres Berufs – die seit Ausbruch der Corona-Pandemie immer mal wieder Thema ist – habe sie fast zerbrechen lassen. „Ich habe gemerkt, dass ich auch etwas für mich tun muss", sagt sie. Durch Klangschalen-Massagen kam sie 2014 zur Klangtherapie, besuchte einen Lehrgang und lernte dabei das Monochord kennen. Sie sei fasziniert davon gewesen, was Schwingungen und Klänge mit einem Menschen machten, sagt sie. Das sieht sie auch im Hospiz. „In der letzten Phase sind die Menschen voller Angst und Leid – auch die Angehörigen." Ihre Musik solle ihnen das Loslassen ermöglichen. „Die Klänge sollen sie einen Moment abholen. Sie sind dann für ein paar Minuten woanders, schmerzfrei", sagt die 44-Jährige, die auch als Entspannungstrainerin arbeitet und eine Praxis in Porta hat. Die meisten Gäste fänden die Musik entspannend und wohltuend, berichtet Hospizleiterin Dorothea Stentenbach: „Selbst die, die sonst zu Rockmusik neigen, finden es schön." Sie persönlich möge die Handpan aber lieber als das Monochord, verrät sie. Kirsch lässt ihre Finger über die Wölbungen der Handpan gleiten, schlägt mal mit einer Fingerkuppe in eine Vertiefung oder mit der Hand auf die Erhebung in der Mitte. Atmosphärische, hohe Klänge breiten sich aus – ganz anders als beim Monochord mit seinem tiefen Brummen. Feiner, höher, leichter durch die Luft schwebend und irgendwie körperlich spürbar. Sie wolle die letzte Lebensphase würdigen, sagt Penny Kirsch über ihr Spiel im Hospiz. „Ich bin überzeugt davon, dass das Ohr das erste und das letzte Organ ist, das etwas aufnimmt", ergänzt sie. Dann wendet sie sich wieder der Handpan zu.

Gute Schwingungen: Klangtherapeutin vertreibt im Mindener Hospiz die Gedanken an den Tod

Klangtherapeutin Penny Kirsch spielt ein Mal im Monat Monochord im Hospiz Minden. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Ein tiefes Brummen kriecht in jede Ecke des langen Flurs, nach dem letzten Anschlagen der Saiten hängt es noch sekundenlang in der Luft, ehe es langsam wie Nebel dahin schwindet. Klangtherapeutin Penny Kirsch hält kurz inne, dann lässt sie ihre Finger wieder über die Stahlsaiten des Monochords gleiten – schon breitet sich der Brummton wieder aus.

Einmal im Monat spielt die Portanerin im Hospiz Minden auf dem ungewöhnlichen Instrument. Das Monochord ist ein etwa 1,50 Meter hoher, hohler Holzkörper, auf zwei Seiten mit je 20 Stahlsaiten bespannt. „Jede Seite für sich ist monoton gestimmt in C oder Cis", erklärt die Klangtherapeutin. „Es liegt viel Zauber in der Monotonie", findet sie.

Der tiefe Brummton muss an diesem Freitagnachmittag im Hospiz Minden gegen nichts ankämpfen, im Obergeschoss des Hauses herrscht absolute Stille: Kein Husten ist zu hören, keine Schritte oder Gespräche. Einige Zimmertüren sind geöffnet, damit die Töne den Weg auch zu den Bewohnern finden. Gäste werden sie hier im Volker-Pardey-Haus genannt, das von der Diakonie Stiftung Salem und Parisozial Minden-Lübbecke/Herford betrieben wird.


Zehn Gäste sind hier zurzeit untergebracht, zwölf Betten gibt es insgesamt. Wer ins Hospiz kommt, wird in naher Zukunft sterben, die meisten der Gäste haben Krebs oder eine Nervenkrankheit wie ALS. Im bundesweiten Schnitt bleiben Todkranke 19 Tage in einem Hospiz, erklärt Leiterin Dorothea Stentenbach. „Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben", sagt sie. Doch manchmal geht das nicht: Weil die Erkrankten allein sind und niemanden haben, der sich kümmert. Oder weil ihre pflegerische und palliative Versorgung, die Medikamentengabe, Schmerzen und Übelkeit zum Ende hin nur schwer mit einem Pflegedienst und von Angehörigen im häuslichen Bereich zu händeln sind.

Klangtherapeutin Penny Kirsch spielt einmal im Monat Monochord im Hospiz Minden. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn
Klangtherapeutin Penny Kirsch spielt einmal im Monat Monochord im Hospiz Minden. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn

Ihre letzten Tage sollen die Gäste hier so schön wie möglich verbringen. Sie können essen, was und wann sie wollen. Angehörige können mit in den Einzelzimmern schlafen. Deren Besuch war während der gesamten Pandemie erlaubt, berichtet Stentenbach. „Covid ist das geringere Problem unserer Gäste", sagt die Leiterin. Die Nähe ihrer Liebsten hingegen bedeutet den Sterbenskranken viel, er gibt ihnen unter anderem eine Tagesstruktur. So auch die Angebote wie Kalligraphie. „Das nehmen auch die Angehörigen wahr. Es ist gut, wenn sie mal etwas anderes sehen können", sagt Stentenbach. Sie litten sehr unter der aussichtslosen Situation und dem nahenden Ende.

Nicht nur menschliche Besucher gibt es: Auch Pferde, Schweine und zuletzt zwei Schildkröten namens Detlev und Doris haben hier schon Gäste besucht. Mitarbeiter und Ehrenamtliche des Hospizkreises haben das auf Wunsch einzelner Gäste organisiert. „Der Gast ist der Dirigent und wir sind das Orchester", sagt Stentenbach dazu.

Zurück zu Penny Kirsch. Nach einer Viertelstunde ist der letzte Brummton verstummt. Die Klangtherapeutin nimmt ihr Monochord und wechselt ins Erdgeschoss zu den anderen Gästen des Hauses. Jede Etage bekommt eine halbe Stunde Musik zu hören. Das Monochord hat jetzt aber erstmal Pause. Kirsch streift sich weiße Baumwollhandschuhe über und beginnt auf der Handpan zu spielen, ihrem zweiten Instrument. Das sieht aus wie zwei zusammengeschweißte Woks mit Vertiefungen und einer Erhebung in der Mitte, die mit einem Hammer eingearbeitet wurden. „Die Handschuhe sind eine Empfehlung des Herstellers", erklärt sie. Hautfett von den Fingern könnte den Ton verändern.

Seit etwa einem Jahr kommt die Klangtherapeutin regelmäßig ins Volker-Pardey-Haus und verbreitet mit ihren Instrumenten Schwingungen, im Sommer spielt sie manchmal im Garten der Einrichtung. Das freut dann auch die Nachbarn an der Marienburger Straße. Kirsch ist gelernte Krankenschwester, hat lange in der Pflege gearbeitet – bis sie kurz vorm Burnout stand. Die mangelnde Wertschätzung ihres Berufs – die seit Ausbruch der Corona-Pandemie immer mal wieder Thema ist – habe sie fast zerbrechen lassen. „Ich habe gemerkt, dass ich auch etwas für mich tun muss", sagt sie.

Durch Klangschalen-Massagen kam sie 2014 zur Klangtherapie, besuchte einen Lehrgang und lernte dabei das Monochord kennen. Sie sei fasziniert davon gewesen, was Schwingungen und Klänge mit einem Menschen machten, sagt sie. Das sieht sie auch im Hospiz. „In der letzten Phase sind die Menschen voller Angst und Leid – auch die Angehörigen." Ihre Musik solle ihnen das Loslassen ermöglichen. „Die Klänge sollen sie einen Moment abholen. Sie sind dann für ein paar Minuten woanders, schmerzfrei", sagt die 44-Jährige, die auch als Entspannungstrainerin arbeitet und eine Praxis in Porta hat. Die meisten Gäste fänden die Musik entspannend und wohltuend, berichtet Hospizleiterin Dorothea Stentenbach: „Selbst die, die sonst zu Rockmusik neigen, finden es schön." Sie persönlich möge die Handpan aber lieber als das Monochord, verrät sie.

Kirsch lässt ihre Finger über die Wölbungen der Handpan gleiten, schlägt mal mit einer Fingerkuppe in eine Vertiefung oder mit der Hand auf die Erhebung in der Mitte. Atmosphärische, hohe Klänge breiten sich aus – ganz anders als beim Monochord mit seinem tiefen Brummen. Feiner, höher, leichter durch die Luft schwebend und irgendwie körperlich spürbar.

Sie wolle die letzte Lebensphase würdigen, sagt Penny Kirsch über ihr Spiel im Hospiz. „Ich bin überzeugt davon, dass das Ohr das erste und das letzte Organ ist, das etwas aufnimmt", ergänzt sie. Dann wendet sie sich wieder der Handpan zu.

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