Giesekings Flüstertüte: Jäger und Sammler Bernd Gieseking Wir sind ein Volk von Jägern und Sammlern. Jeder sammelt irgendetwas. Meine Freundin Sabine hat ihre gesamte Klotür vollgeklebt mit Strafmandaten wegen Geschwindigkeitsübertretungen. Wenn man dort sitzt, sieht man lauter Fotos von Sabine in diesem verwischten Schwarz-Weiß, jede Aufnahme mit der Anmutung eines Gemäldes des frühen Gerhard Richter. Auf den Fotos sieht man sie langsam älter werden, mit verschiedenen Brillenmodellen und vor allem Frisuren schaut sie im Laufe der Jahre immer wieder mit erschrecktem Blinzeln in den Blitz. Auf einem der Bilder sitze ich neben ihr, auf einem zweiten fahre ich sogar und sie sitzt betrunken neben mir und schläft. Sie hat die Geldbuße damals großzügig überwiesen. Auf zwei anderen Bildern allerdings sind Männer, von denen ich finde, dass sie auf den Bildern und in ihrem Auto absolut nichts zu suchen haben. Einer war bis zu diesem Foto sogar mein Freund, also, bis ich ihn an dieser Wand entdeckt hatte und, wenn auch Jahre später, das Datum abglich. Sammeln kann also auch entdecken bedeuten. Als Kind sammelten und tauschten wir alle selbstverständlich die legendären Panini-Bilder. Ich hortete außerdem Bierdeckel und volljährig dann Politaufkleber aller Art, die ich auf meinem ersten VW-Käfer anbrachte. Dank der Aufkleber kam er sogar noch einmal durch den TÜV, ohne wäre er auseinander- und durchgefallen. Heutzutage sammle ich Mumin-Tassen. Ich komme mittlerweile auf 21, die ich zu einer schönen Pyramide stapelte, die neulich leider einstürzte. Ursache war sehr wahrscheinlich eines dieser legendären Erdbeben in Ostwestfalen. So wie die Tassen fielen, schätze ich die Lokalmagnitude für Minden auf sieben bis acht der sogenannten Richterskala. Oder aber ich hatte am Abend zuvor zu viel getrunken. Seit einigen Monaten sammle ich Coronaschnelltests. Ich drucke die alle aus. Den schönsten bekam ich im Sommerbad. Ich hatte extra darum gebeten, denn die Tests dort waren nur für das Bad selber, für den „internen“ Gebrauch. Ein Blatt vom Block, auf dem – handschriftlich vermerkt – steht, ich sei negativ getestet. Mit Stempel und einer Unterschrift, bestätigt von der Dame am Einlass. Den Zettel habe ich, wo notwendig, stolz 48 Stunden lang überall in Minden vorgezeigt. Und nirgends wurde ich abgewiesen. Inzwischen habe ich Tests aus Zweibrücken und Dreieich, aus Apotheken und Altenheimen, einen aus einem dubiosen Container in Hannover. Die Tester haben entweder nur am Naseneingang gekitzelt oder meine klügsten Gedanken brutal aus dem Hirn gedreht. Was mir aber dringend zu meinem Glück fehlt, was bei allen früheren Sammeleien der wohl wichtigste Kick war: Ich vermisse die Tauschbörse. Ich habe jetzt festgestellt, ich habe viermal Kanzlers Weide und sieben Tests aus der Königstraße. Tausche gegen einen aus der Apotheke Friedewalde.

Giesekings Flüstertüte: Jäger und Sammler

Bernd Gieseking © Koch Ursula

Wir sind ein Volk von Jägern und Sammlern. Jeder sammelt irgendetwas. Meine Freundin Sabine hat ihre gesamte Klotür vollgeklebt mit Strafmandaten wegen Geschwindigkeitsübertretungen. Wenn man dort sitzt, sieht man lauter Fotos von Sabine in diesem verwischten Schwarz-Weiß, jede Aufnahme mit der Anmutung eines Gemäldes des frühen Gerhard Richter. Auf den Fotos sieht man sie langsam älter werden, mit verschiedenen Brillenmodellen und vor allem Frisuren schaut sie im Laufe der Jahre immer wieder mit erschrecktem Blinzeln in den Blitz. Auf einem der Bilder sitze ich neben ihr, auf einem zweiten fahre ich sogar und sie sitzt betrunken neben mir und schläft. Sie hat die Geldbuße damals großzügig überwiesen.

Auf zwei anderen Bildern allerdings sind Männer, von denen ich finde, dass sie auf den Bildern und in ihrem Auto absolut nichts zu suchen haben. Einer war bis zu diesem Foto sogar mein Freund, also, bis ich ihn an dieser Wand entdeckt hatte und, wenn auch Jahre später, das Datum abglich. Sammeln kann also auch entdecken bedeuten. Als Kind sammelten und tauschten wir alle selbstverständlich die legendären Panini-Bilder. Ich hortete außerdem Bierdeckel und volljährig dann Politaufkleber aller Art, die ich auf meinem ersten VW-Käfer anbrachte. Dank der Aufkleber kam er sogar noch einmal durch den TÜV, ohne wäre er auseinander- und durchgefallen.

Heutzutage sammle ich Mumin-Tassen. Ich komme mittlerweile auf 21, die ich zu einer schönen Pyramide stapelte, die neulich leider einstürzte. Ursache war sehr wahrscheinlich eines dieser legendären Erdbeben in Ostwestfalen. So wie die Tassen fielen, schätze ich die Lokalmagnitude für Minden auf sieben bis acht der sogenannten Richterskala. Oder aber ich hatte am Abend zuvor zu viel getrunken.


Seit einigen Monaten sammle ich Coronaschnelltests. Ich drucke die alle aus. Den schönsten bekam ich im Sommerbad. Ich hatte extra darum gebeten, denn die Tests dort waren nur für das Bad selber, für den „internen“ Gebrauch. Ein Blatt vom Block, auf dem – handschriftlich vermerkt – steht, ich sei negativ getestet. Mit Stempel und einer Unterschrift, bestätigt von der Dame am Einlass. Den Zettel habe ich, wo notwendig, stolz 48 Stunden lang überall in Minden vorgezeigt. Und nirgends wurde ich abgewiesen.

Inzwischen habe ich Tests aus Zweibrücken und Dreieich, aus Apotheken und Altenheimen, einen aus einem dubiosen Container in Hannover. Die Tester haben entweder nur am Naseneingang gekitzelt oder meine klügsten Gedanken brutal aus dem Hirn gedreht. Was mir aber dringend zu meinem Glück fehlt, was bei allen früheren Sammeleien der wohl wichtigste Kick war: Ich vermisse die Tauschbörse. Ich habe jetzt festgestellt, ich habe viermal Kanzlers Weide und sieben Tests aus der Königstraße. Tausche gegen einen aus der Apotheke Friedewalde.

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