Giesekings Flüstertüte: Glück am 1. Mai Bernd Gieseking Moin auch in diesen miesen Zeiten. Oder sind es eher fiese Zeiten? Die Zeiten der Pandemie. Aber – kann die Zeit fies sein? Die Zeit tut ja nichts, sie vergeht ja nur. Wer ist also der Fiese in miesen Zeiten? Es ist alles schwierig grad. Und dann liegt der „1. Mai“ auch noch auf einem Samstag. Das ist nun aber wirklich fies. Ein Feiertag auf einem Samstag. Jetzt darf man da noch nicht mal den Rasen mähen. Obwohl das doch der Tag der Arbeit ist. Für mich als Kabarettist, als Bühnenkünstler, ist es besonders bitter, weil ich den Tag der Arbeit begehen soll, aber schon lange nicht mehr arbeiten darf. Der 1. Mai war gerade für uns als Kabarettisten vor Corona ein fester Arbeitstag, denn wir wurden zu den Kundgebungen engagiert. Sind jetzt wir Satiriker selber diejenigen, denen das Lachen im Halse stecken bleibt? Das allein bringt mich schon zum Lachen. Gottseidank, denn ich will hier ja keine miese Stimmung verbreiten. Kein Feiertag ist irgendein Feiertag, auch wenn man sich oft gar keine Gedanken mehr macht, warum man an diesem Tag frei hat. Ostern ist mittlerweile zum zweiten Weihnachten geworden. Es gibt bei vielen inzwischen nicht nur die Eiersuche, sondern Geschenke satt. So ein Unsinn. Ostern ist ein christlicher Feiertag, wahrscheinlich der zentralste, und da soll man gedenken und nicht schenken. Und selbst die Atheisten haben Zeit, an diesem Tag darüber nachzudenken, warum sie nicht oder an was sie stattdessen glauben. Auch andere Feiertage werden von einem großen Teil der Menschen freudig hingenommen statt zu bedenken und zu gedenken, warum sie frei bekommen. Tag der Einheit. Erntedankfest. Oder eben der 1. Mai. Ich bin gelernter Zimmermann und der 1. Mai war für mich immer ein Volksfest der Engagierten, ein politischer Frühschoppen, an dem ich Freunde, mindestens Gleichgesinnte traf. Jetzt wird schon im zweiten Jahr gestreamt. Der DGB hat für den diesjährigen 1. Mai ein kluges, regelrecht philosophisches Motto ausgerufen: „Solidarität ist Zukunft.“ Genau. Solidarität. Mit allen. Nicht nur in der Arbeitswelt. Wenn in einigen Wochen die Impfreihenfolge aufgehoben werden sollte, dann sollten wir uns solidarisch über jeden freuen, der geimpft ist. Nicht neidisch sein auf die, die vor dir dran sind. Es gibt viele, die an diesem 1. Mai heute arbeiten. Krankenhauspersonal. Ordnungskräfte. Etliche andere auch. Vielleicht machen die Fabriken, die Vakzine herstellen, heute Sonderschichten. Wäre toll. Unser Impfzentrum in Oberlübbe arbeitet jedenfalls durch. Großartig! Danke an alle, die dort heute den Tag der Arbeit mit diesen lebenswichtigen Arbeiten verbringen. Und – auch meine Eltern bekommen heute dort ihre zweite Impfung. Für die zwei und alle anderen ist der zweite Impftermin doch ein echter Feiertag. Für mich auch, denn es ist zwar Samstag, aber ich kann ihnen den Rasen nicht mähen. Ist ja Feiertag! Ich Glücklicher am 1. Mai!

Giesekings Flüstertüte: Glück am 1. Mai

Bernd Gieseking. MT-Foto: Ursula Koch © asd

Moin auch in diesen miesen Zeiten. Oder sind es eher fiese Zeiten? Die Zeiten der Pandemie. Aber – kann die Zeit fies sein? Die Zeit tut ja nichts, sie vergeht ja nur. Wer ist also der Fiese in miesen Zeiten? Es ist alles schwierig grad. Und dann liegt der „1. Mai“ auch noch auf einem Samstag. Das ist nun aber wirklich fies. Ein Feiertag auf einem Samstag. Jetzt darf man da noch nicht mal den Rasen mähen. Obwohl das doch der Tag der Arbeit ist. Für mich als Kabarettist, als Bühnenkünstler, ist es besonders bitter, weil ich den Tag der Arbeit begehen soll, aber schon lange nicht mehr arbeiten darf. Der 1. Mai war gerade für uns als Kabarettisten vor Corona ein fester Arbeitstag, denn wir wurden zu den Kundgebungen engagiert. Sind jetzt wir Satiriker selber diejenigen, denen das Lachen im Halse stecken bleibt? Das allein bringt mich schon zum Lachen. Gottseidank, denn ich will hier ja keine miese Stimmung verbreiten.

Kein Feiertag ist irgendein Feiertag, auch wenn man sich oft gar keine Gedanken mehr macht, warum man an diesem Tag frei hat. Ostern ist mittlerweile zum zweiten Weihnachten geworden. Es gibt bei vielen inzwischen nicht nur die Eiersuche, sondern Geschenke satt. So ein Unsinn. Ostern ist ein christlicher Feiertag, wahrscheinlich der zentralste, und da soll man gedenken und nicht schenken. Und selbst die Atheisten haben Zeit, an diesem Tag darüber nachzudenken, warum sie nicht oder an was sie stattdessen glauben.

Auch andere Feiertage werden von einem großen Teil der Menschen freudig hingenommen statt zu bedenken und zu gedenken, warum sie frei bekommen. Tag der Einheit. Erntedankfest. Oder eben der 1. Mai. Ich bin gelernter Zimmermann und der 1. Mai war für mich immer ein Volksfest der Engagierten, ein politischer Frühschoppen, an dem ich Freunde, mindestens Gleichgesinnte traf. Jetzt wird schon im zweiten Jahr gestreamt. Der DGB hat für den diesjährigen 1. Mai ein kluges, regelrecht philosophisches Motto ausgerufen: „Solidarität ist Zukunft.“ Genau. Solidarität. Mit allen. Nicht nur in der Arbeitswelt. Wenn in einigen Wochen die Impfreihenfolge aufgehoben werden sollte, dann sollten wir uns solidarisch über jeden freuen, der geimpft ist. Nicht neidisch sein auf die, die vor dir dran sind.

Es gibt viele, die an diesem 1. Mai heute arbeiten. Krankenhauspersonal. Ordnungskräfte. Etliche andere auch. Vielleicht machen die Fabriken, die Vakzine herstellen, heute Sonderschichten. Wäre toll. Unser Impfzentrum in Oberlübbe arbeitet jedenfalls durch. Großartig! Danke an alle, die dort heute den Tag der Arbeit mit diesen lebenswichtigen Arbeiten verbringen. Und – auch meine Eltern bekommen heute dort ihre zweite Impfung. Für die zwei und alle anderen ist der zweite Impftermin doch ein echter Feiertag. Für mich auch, denn es ist zwar Samstag, aber ich kann ihnen den Rasen nicht mähen. Ist ja Feiertag! Ich Glücklicher am 1. Mai!

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