Gesundheitsämter setzen auf Luca-App trotz Kritik Ulf Hanke Bad Oeynhausen. Es bleibt dabei: Die Luca-App öffnet Türen in den Kreishäusern von Minden und Herford, sowie im Rathaus der Kurstadt Bad Oeynhausen. Trotz teils verheerender Kritik von Computerexperten setzen die Kreise Herford und Minden Lübbecke weiter auf die Luca-App. Und das, obwohl die staatliche Corona-Warn-App in diesen Tagen eine ähnliche Funktion bekommt. Luca bleibt die Schlüssel-App, nur in den Rathäusern der Stadt Löhne und der Gemeinde Kirchlengern heißt der digitale Türsteher weiter „Darfichrein"? Mehrere Computerexperten haben die Luca-App, für die der Deutsch-Hipp-Hopper Smudo von den „Fantastischen Vier" Werbung macht, inzwischen unter die Lupe genommen und kritisieren Sicherheitslücken, zentrale Datensammlung und Schludereien. Mittlerweile prüft auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die Software, berichtet der Spiegel. Mit Luca in den Zoo Vor ein paar Tagen bereits hat sich auch der Satiriker Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) damit auseinandergesetzt und mit zahlreichen Fremden eine virtuelle Nacht im Osnabrücker Zoo verbracht. Möglich war das, weil der Zoo den Luca-QR-Code öffentlich verbreitet hatte. Ähnliche virtuelle Sit-Ins gab’s offenbar auch in einem Modegeschäft in Bohmte und mehreren IKEA-Filialen. Gegen Witzbolde und solche virtuellen Treffen sind die Macher der Luca-App machtlos. Die Firma Nexenio nennt die massenhaften Falsch-Logins „Missbrauch", hält den Schaden jedoch für „überschaubar" und ruft die Luca-Nutzer dazu auf, dass sie sich „verantwortungsvoll verhalten". Auch Masken könnten richtig oder falsch getragen werden, Quarantäneanordnungen umgangen oder Testergebnisse in der Corona-Warn-App nicht geteilt werden: „Das hilft uns als Gesellschaft aber nicht aus der Pandemie herauszukommen", heißt es in einer Nexenio-Stellungnahme. Ein ganz anderes Kaliber ist die Kritik der wichtigsten Hackergemeinschaft, des Chaos Computer Clubs (CCC). Sprecher Linus Neumann fordert eine „Bundesnotbremse" für „Smudos Steuer-Millionengrab" und den Stopp weiterer Lizenzkäufe durch die Bundesländer. Der CCC weist auf Sicherheitslücken, Schwachstellen und handwerkliche Mängel. Bewegungsprofile von Schlüsselanhängern Experten entdeckten, dass ausgerechnet durch die Nutzung der Luca-Schlüsselanhänger für Menschen ohne Handy Bewegungsprofile öffentlich werden konnten. Diese Sicherheitslücke ist nach Angaben der Firma Nexenio mittlerweile behoben. Der CCC lehnt die App aber in Bausch und Bogen ab und lässt kein gutes Haar daran – allerdings nicht ohne Seitenhieb auf deren Mitbewerber. Neumann: „Der Luca-App mangelt es nicht an Konkurrenzprodukten, die mindestens genauso schlecht sind." Derzeit haben 13 von 16 Bundesländern Lizenzen für die Nutzung der Luca-App erworben. Nach Recherchen von Netzpolitik.org haben die Bundesländer rund 20 Millionen Euro dafür bezahlt. NRW ist nicht dabei. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat sich Ende März für eine offene Schnittstelle aller Check-In-Systeme namens „Iris" entschieden. Die Kontaktverfolgungsapps sollen darüber ihre Daten kostenlos und datenschutzkonform mit den Gesundheitsämtern in NRW teilen können. Das Durcheinander bei den QR-Codes würde so aber nicht vermieden. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke unterstützt diesen offenen Ansatz, wie Geschäftsführer Uwe Pape im Gespräch mit der NW betont. Pape: „Letztlich entscheidet der Gast, welche App genutzt wird." In Herford dagegen hat sich der Dehoga-Kreisvorsitzende und Chef der „Pfälzer Weinstube" Andreas Müller für die „einheitliche Lösung" mit der Luca-App bei Landrat Jürgen Müller stark gemacht. Der Kreis Herford setzt auch weiterhin auf Luca – zumindest bis Ende August. So lange nutzt der Kreis die Luca-App im Rahmen eines Modellprojekts kostenfrei, schreibt Kreissprecher Patrick Albrecht. Ob danach Kosten anfallen, ist unklar. Hält die App, was sie verspricht? Ob die App auch hält, was sie verspricht, ist derzeit weder in Herford noch Minden-Lübbecke klar. Bisher gab’s keinen Fall, in dem die App dem Gesundheitsamt geholfen hätte. Derzeit ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen auch so hoch, dass landesweit Kontakte eingeschränkt werden und der Bedarf nach digitalen Anwesenheitslisten überschaubar ist. Doch sobald die ersten Biergärten öffnen und dreistellige Gästezahlen vorweisen, wird die digitale Kontaktverfolgung heiß begehrt sein. Schließlich soll sie die leidige Zettelwirtschaft ersetzen. Bei den öffentlichen Verwaltungen bleibt genau das weiterhin möglich. Niemand wird gezwungen, die Luca-App zu benutzen, um ins Kreishaus oder Rathaus zu kommen. Im Bürgerbüro der Stadt Bad Oeynhausen hängt der Luca-QR-Code hinten rechts in einer Ecke des Wartebereichs. Ins denkmalgeschützte Gebäude kommen Besucher derzeit nur mit einem Termin. Am Eingang werden die Kontaktdaten einzeln aufgenommen. Von einem Menschen, keinem Programm. Auch im Mindener Kreishaus wird die Kritik an der Luca-App „sehr aufmerksam" verfolgt, schreibt Kreissprecher Florian Hemann auf Anfrage. Landrätin Anna Bölling (CDU) hat sich sehr früh für das System stark gemacht. Experten-Kritik wie die vom CCC helfe letztlich den Herstellern, ihre Produkte zu verbessern und weiterzuentwickeln, argumentiert der Kreis. Die Firma Nexenio, schreibt Hemann, vermittele „hierbei den überaus positiven Eindruck, schnell und gewissenhaft auf geäußerte Kritik zu reagieren und Mängel schnellstmöglich abzustellen". 50 ähnliche Apps Die Kreisverwaltungen setzten auch ganz pragmatisch auf Luca. Denn bis das Land NRW mit „Iris" den offenen Zugang für alle Apps bereitstellt, müsste sich das Gesundheitsamt im Falle einer Kontaktverfolgung mit jeder App einzeln auseinandersetzen, so Hemann: „Bei aktuell circa 50 Lösungen am Markt wird schnell klar, dass zur Zeit eine Lösung favorisiert und beworben wird, bei der die Datenübernahme erfolgreich getestet werden konnte und die daher echte Entlastung verspricht."

Gesundheitsämter setzen auf Luca-App trotz Kritik

Zettellos einchecken mit Luca im Bürgerbüro der Stadt Bad Oeynhausen. Der QR-Code hängt laminiert im Wartezimmer. © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen. Es bleibt dabei: Die Luca-App öffnet Türen in den Kreishäusern von Minden und Herford, sowie im Rathaus der Kurstadt Bad Oeynhausen. Trotz teils verheerender Kritik von Computerexperten setzen die Kreise Herford und Minden Lübbecke weiter auf die Luca-App. Und das, obwohl die staatliche Corona-Warn-App in diesen Tagen eine ähnliche Funktion bekommt. Luca bleibt die Schlüssel-App, nur in den Rathäusern der Stadt Löhne und der Gemeinde Kirchlengern heißt der digitale Türsteher weiter „Darfichrein"?

Mehrere Computerexperten haben die Luca-App, für die der Deutsch-Hipp-Hopper Smudo von den „Fantastischen Vier" Werbung macht, inzwischen unter die Lupe genommen und kritisieren Sicherheitslücken, zentrale Datensammlung und Schludereien. Mittlerweile prüft auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die Software, berichtet der Spiegel.

Mit Luca in den Zoo

Vor ein paar Tagen bereits hat sich auch der Satiriker Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) damit auseinandergesetzt und mit zahlreichen Fremden eine virtuelle Nacht im Osnabrücker Zoo verbracht. Möglich war das, weil der Zoo den Luca-QR-Code öffentlich verbreitet hatte. Ähnliche virtuelle Sit-Ins gab’s offenbar auch in einem Modegeschäft in Bohmte und mehreren IKEA-Filialen.


Gegen Witzbolde und solche virtuellen Treffen sind die Macher der Luca-App machtlos. Die Firma Nexenio nennt die massenhaften Falsch-Logins „Missbrauch", hält den Schaden jedoch für „überschaubar" und ruft die Luca-Nutzer dazu auf, dass sie sich „verantwortungsvoll verhalten". Auch Masken könnten richtig oder falsch getragen werden, Quarantäneanordnungen umgangen oder Testergebnisse in der Corona-Warn-App nicht geteilt werden: „Das hilft uns als Gesellschaft aber nicht aus der Pandemie herauszukommen", heißt es in einer Nexenio-Stellungnahme.

Ein ganz anderes Kaliber ist die Kritik der wichtigsten Hackergemeinschaft, des Chaos Computer Clubs (CCC). Sprecher Linus Neumann fordert eine „Bundesnotbremse" für „Smudos Steuer-Millionengrab" und den Stopp weiterer Lizenzkäufe durch die Bundesländer. Der CCC weist auf Sicherheitslücken, Schwachstellen und handwerkliche Mängel.

Bewegungsprofile von Schlüsselanhängern

Experten entdeckten, dass ausgerechnet durch die Nutzung der Luca-Schlüsselanhänger für Menschen ohne Handy Bewegungsprofile öffentlich werden konnten. Diese Sicherheitslücke ist nach Angaben der Firma Nexenio mittlerweile behoben. Der CCC lehnt die App aber in Bausch und Bogen ab und lässt kein gutes Haar daran – allerdings nicht ohne Seitenhieb auf deren Mitbewerber. Neumann: „Der Luca-App mangelt es nicht an Konkurrenzprodukten, die mindestens genauso schlecht sind."

Derzeit haben 13 von 16 Bundesländern Lizenzen für die Nutzung der Luca-App erworben. Nach Recherchen von Netzpolitik.org haben die Bundesländer rund 20 Millionen Euro dafür bezahlt. NRW ist nicht dabei. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat sich Ende März für eine offene Schnittstelle aller Check-In-Systeme namens „Iris" entschieden. Die Kontaktverfolgungsapps sollen darüber ihre Daten kostenlos und datenschutzkonform mit den Gesundheitsämtern in NRW teilen können. Das Durcheinander bei den QR-Codes würde so aber nicht vermieden.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke unterstützt diesen offenen Ansatz, wie Geschäftsführer Uwe Pape im Gespräch mit der NW betont. Pape: „Letztlich entscheidet der Gast, welche App genutzt wird." In Herford dagegen hat sich der Dehoga-Kreisvorsitzende und Chef der „Pfälzer Weinstube" Andreas Müller für die „einheitliche Lösung" mit der Luca-App bei Landrat Jürgen Müller stark gemacht.

Der Kreis Herford setzt auch weiterhin auf Luca – zumindest bis Ende August. So lange nutzt der Kreis die Luca-App im Rahmen eines Modellprojekts kostenfrei, schreibt Kreissprecher Patrick Albrecht. Ob danach Kosten anfallen, ist unklar.

Hält die App, was sie verspricht?

Ob die App auch hält, was sie verspricht, ist derzeit weder in Herford noch Minden-Lübbecke klar. Bisher gab’s keinen Fall, in dem die App dem Gesundheitsamt geholfen hätte. Derzeit ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen auch so hoch, dass landesweit Kontakte eingeschränkt werden und der Bedarf nach digitalen Anwesenheitslisten überschaubar ist. Doch sobald die ersten Biergärten öffnen und dreistellige Gästezahlen vorweisen, wird die digitale Kontaktverfolgung heiß begehrt sein. Schließlich soll sie die leidige Zettelwirtschaft ersetzen.

Bei den öffentlichen Verwaltungen bleibt genau das weiterhin möglich. Niemand wird gezwungen, die Luca-App zu benutzen, um ins Kreishaus oder Rathaus zu kommen. Im Bürgerbüro der Stadt Bad Oeynhausen hängt der Luca-QR-Code hinten rechts in einer Ecke des Wartebereichs. Ins denkmalgeschützte Gebäude kommen Besucher derzeit nur mit einem Termin. Am Eingang werden die Kontaktdaten einzeln aufgenommen. Von einem Menschen, keinem Programm.

Auch im Mindener Kreishaus wird die Kritik an der Luca-App „sehr aufmerksam" verfolgt, schreibt Kreissprecher Florian Hemann auf Anfrage. Landrätin Anna Bölling (CDU) hat sich sehr früh für das System stark gemacht. Experten-Kritik wie die vom CCC helfe letztlich den Herstellern, ihre Produkte zu verbessern und weiterzuentwickeln, argumentiert der Kreis. Die Firma Nexenio, schreibt Hemann, vermittele „hierbei den überaus positiven Eindruck, schnell und gewissenhaft auf geäußerte Kritik zu reagieren und Mängel schnellstmöglich abzustellen".

50 ähnliche Apps

Die Kreisverwaltungen setzten auch ganz pragmatisch auf Luca. Denn bis das Land NRW mit „Iris" den offenen Zugang für alle Apps bereitstellt, müsste sich das Gesundheitsamt im Falle einer Kontaktverfolgung mit jeder App einzeln auseinandersetzen, so Hemann: „Bei aktuell circa 50 Lösungen am Markt wird schnell klar, dass zur Zeit eine Lösung favorisiert und beworben wird, bei der die Datenübernahme erfolgreich getestet werden konnte und die daher echte Entlastung verspricht."

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