Geschichtskurs erinnert an Schicksale der NS-Opfer am Mindener Ratsgymnasium Wie die Nazis Zukunftspläne zerstörten / Schatten der Erinnerung Anja Peper Minden (mt). Herbert Lindemeyer war während der NS-Zeit Schüler am Ratsgymnasium. Seinem Vater gehörte die Löwen-Apotheke am Markt. Herbert wollte in seine Fußstapfen treten und Apotheker werden. Doch die Willkürherrschaft der Nazis machte die Zukunftspläne des jüdischen Jungen mit einem Schlag zunichte. Er wurde angefeindet, ausgegrenzt, verfolgt – von Lehrern und Mitschülern. „1937 verließ er mit 15 Jahren das Gymnasium ohne Abschluss“, berichtet Katharina Lange, die heute das Ratsgymnasium besucht. „Er brauchte zeitweise einen Leibwächter, um nicht auf offener Straße verprügelt zu werden.“ Gemeinsam mit zehn Mitschülern aus dem Projektkurs Geschichte hat sie die Lebensläufe von fünf jüdischen Schülern nachvollzogen, die während der NS-Zeit das Ratsgymnasium besuchten. Zentrale Erkenntnis: Unsere Geschichte ist nah – in der eigenen Stadt, der eigenen Straße, der eigenen Schule. „Schatten der Erinnerung“ hat der Kurs das Gedenken an die NS-Opfer am Ratsgymnasium genannt. Jeder der fünf ehemaligen Schüler und Lehrer hat einen lebensgroßen Schatten, eine individuelle Silhouette aus schwarzem Metall, im Treppenhaus oder Fluren bekommen. So holen die Gymnasiasten ehemalige Mitschüler symbolisch zurück in ihre Mitte. Die Namen der jüdischen Schüler und Lehrer: Herbert Lindemeyer, Hans Leeser, Dr. Friedrich Walter Lenz sowie die Brüder Günther und Heinrich Nußbaum.Über Herbert Lindemeyer haben die Schüler herausgefunden, dass der Traum von der Apotheke endgültig ausgeträumt war, als sein Vater sie verkaufen musste. Der Sohn landete in Manchester bei der Rüstungsindustrie, später in den USA. Er verlor während des Nazi-Regimes beide Eltern und 15 weitere Verwandte. Lässt sich solch ein Verlust überhaupt irgendwie entschädigen? Auch mit den „Wiedergutmachungsakten“ im Kommunalarchiv Minden haben sich die Schüler kritisch auseinandergesetzt. „Dabei ist uns auch das Absurde an den Deportationen deutlich geworden“, erinnert sich Schülerin Caroline Peist. Unterstützt wurden sie von ihrem Lehrer Tobias Oder.Großes Lob für die langwierige Arbeit im Archiv bekommen die elf Schüler von Vinzenz Lübben: „Ihr habt konkrete Einzelschicksale mit Namen und Gesichtern herausgefunden“, sagte der kommissarische Archivleiter: „So bekommen abstrakte Zahlen, Daten und Fakten ein Gesicht.“Auf dem Weg der Erinnerung bleibenAn der Gedenkfeier in der Aula nahmen mehr als hundert Gäste teil. Einen Gruß von der jüdischen Gemeinde überbrachte Pfarrer Bernhard Speller, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. „Eure Arbeit für diese Form der Erinnerungskultur ist wichtiger denn je, weil es kaum noch Zeitzeugen gibt“, sagt er. So bliebe oft verborgen, was vor der eigenen Haustür oder auch in der eigenen Schule passiert sei. Die „Schatten der Erinnerung“ hätten die Schicksale vor dem Vergessen bewahrt. Pfarrer Speller ermutigte die Schüler ausdrücklich, den Weg der Erinnerung weiterzugehen. Einige von ihnen werden Ende Juni das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt besuchen.

Geschichtskurs erinnert an Schicksale der NS-Opfer am Mindener Ratsgymnasium

Der Geschichtskurs hat die ehemaligen Schüler Günther und Heinrich Nußbaum als „Schatten der Erinnerung“ zurück ans Ratsgymnasium geholt (stehend von links): Sophie Bettinger, Nils Kablitz, Leon Schmidt, Katharina Lange, Irem Ince, Friederike Funken, Stena Ellerhoff und Alexander Gerber sowie (hockend) Caroline Peist, Julia Götz und Fenja Schwegat. © MT-Foto: Peper

Minden (mt). Herbert Lindemeyer war während der NS-Zeit Schüler am Ratsgymnasium. Seinem Vater gehörte die Löwen-Apotheke am Markt. Herbert wollte in seine Fußstapfen treten und Apotheker werden. Doch die Willkürherrschaft der Nazis machte die Zukunftspläne des jüdischen Jungen mit einem Schlag zunichte.

Er wurde angefeindet, ausgegrenzt, verfolgt – von Lehrern und Mitschülern. „1937 verließ er mit 15 Jahren das Gymnasium ohne Abschluss“, berichtet Katharina Lange, die heute das Ratsgymnasium besucht. „Er brauchte zeitweise einen Leibwächter, um nicht auf offener Straße verprügelt zu werden.“ Gemeinsam mit zehn Mitschülern aus dem Projektkurs Geschichte hat sie die Lebensläufe von fünf jüdischen Schülern nachvollzogen, die während der NS-Zeit das Ratsgymnasium besuchten. Zentrale Erkenntnis: Unsere Geschichte ist nah – in der eigenen Stadt, der eigenen Straße, der eigenen Schule. „Schatten der Erinnerung“ hat der Kurs das Gedenken an die NS-Opfer am Ratsgymnasium genannt. Jeder der fünf ehemaligen Schüler und Lehrer hat einen lebensgroßen Schatten, eine individuelle Silhouette aus schwarzem Metall, im Treppenhaus oder Fluren bekommen. So holen die Gymnasiasten ehemalige Mitschüler symbolisch zurück in ihre Mitte. Die Namen der jüdischen Schüler und Lehrer: Herbert Lindemeyer, Hans Leeser, Dr. Friedrich Walter Lenz sowie die Brüder Günther und Heinrich Nußbaum.

Über Herbert Lindemeyer haben die Schüler herausgefunden, dass der Traum von der Apotheke endgültig ausgeträumt war, als sein Vater sie verkaufen musste. Der Sohn landete in Manchester bei der Rüstungsindustrie, später in den USA. Er verlor während des Nazi-Regimes beide Eltern und 15 weitere Verwandte. Lässt sich solch ein Verlust überhaupt irgendwie entschädigen? Auch mit den „Wiedergutmachungsakten“ im Kommunalarchiv Minden haben sich die Schüler kritisch auseinandergesetzt. „Dabei ist uns auch das Absurde an den Deportationen deutlich geworden“, erinnert sich Schülerin Caroline Peist. Unterstützt wurden sie von ihrem Lehrer Tobias Oder.

Großes Lob für die langwierige Arbeit im Archiv bekommen die elf Schüler von Vinzenz Lübben: „Ihr habt konkrete Einzelschicksale mit Namen und Gesichtern herausgefunden“, sagte der kommissarische Archivleiter: „So bekommen abstrakte Zahlen, Daten und Fakten ein Gesicht.“

Auf dem Weg der Erinnerung bleiben

An der Gedenkfeier in der Aula nahmen mehr als hundert Gäste teil. Einen Gruß von der jüdischen Gemeinde überbrachte Pfarrer Bernhard Speller, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. „Eure Arbeit für diese Form der Erinnerungskultur ist wichtiger denn je, weil es kaum noch Zeitzeugen gibt“, sagt er. So bliebe oft verborgen, was vor der eigenen Haustür oder auch in der eigenen Schule passiert sei. Die „Schatten der Erinnerung“ hätten die Schicksale vor dem Vergessen bewahrt. Pfarrer Speller ermutigte die Schüler ausdrücklich, den Weg der Erinnerung weiterzugehen. Einige von ihnen werden Ende Juni das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt besuchen.

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