Gedanken zur Krise: Zweirad-Safari Thomas Lieske Minden. 40 Stufen runter, Kellertür auf, 15 Stufen runter, Fahrrad schnappen, 15 Stufen rauf, Kellertür zu, Haustür auf, sieben Stufen runter, aufsitzen, los. Zugegeben, bis ich in Gang komme, um mit Einkaufstasche, Maske und Fahrradschloss bewaffnet zum Supermarkt zu radeln, dauert es schon ein wenig. Und die erste Sporteinheit ist dann auch schon geschafft. Es sind die Tücken einer doppelten Krise: Das Auto ist seit Wochen kaputt und ein neues muss her. Seitdem muss der Wocheneinkauf mit Wasserkiste, Hundefutter und voller Einkaufstasche vorerst mit dem Rad klappen. Und soll ich etwas sagen: Das geht! In der doppelten Krise liegt die dreifache Chance. Sprit sparen, der Umwelt etwas Gutes tun und die zusätzlichen Pfunde aus dem Homeoffice gleich wieder abstrampeln. Nein, die Chance ist sogar eine vierfache: Denn seitdem ich wirklich jeden Weg mit dem Rad zurücklege, habe ich meine neue Heimatstadt, in der ich seit eineinhalb Jahren lebe, noch einmal ganz neu kennengelernt. Mit zwei Familien aus der Nachbarstraße bin ich nun per Du. Vorher hatte ich nicht mal ein Gesicht dazu. Aus einem freundlichen, aber noch zögerlichen „Hallo“ ist mittlerweile an dem einen oder anderen Tag ein Fünf-Minuten-Schnack geworden. Dass sie auch einen Hund haben, hätte ich mit dem Auto wohl kaum erfahren. Und das Haus an der Ecke – klar, das ist mir auch schon vorher aufgefallen. Aber die Armee aus Gartenzwergen im Vorgarten habe ich erst neulich beim Radeln entdeckt. Jeden Tag wähle ich mittlerweile einen anderen Weg nach Hause: Safari auf zwei Rädern. Daran habe ich Gefallen gefunden. Permanent mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, das kannte ich bisher nur von Radtouren zur Kulturellen Landpartie in der alten Heimat. Und das war immer wie Urlaub. Jetzt fühlt sich der Alltag ein bisschen an wie Urlaub. Der Muskelkater der ersten Touren mit einer nicht zu unterschätzenden Steigung auf der Wegstrecke ist längst verklungen. Das Fluchen über die Treppenstufen, den Aufwand, ist verflogen. Denn da ist mehr als die Unzufriedenheit über die Gesamtsituation. Da war die Not, die zu einer Chance wurde. Wir könnten uns alle zu Hause einschließen, jammern, warten, bis sich endlich etwas Grundlegendes ändert. Oder wir ändern selbst etwas. Lassen zum Beispiel das Auto vor der Haustür auch mal für einen größeren Einkauf stehen. Und erleben unterwegs zum Supermarkt Dinge, die unbezahlbar sind: neue Kontakte, neue Gesichter, neue Eindrücke – und ja: stark veränderte Sinne. Das eingefahrene Leben wirkt intensiver. Wo andere von großen unerreichbar wirkenden Veränderungen sprechen um das Leben zu verändern, kann die Veränderung manchmal so einfach sein. Notfalls reicht dafür eben auch ein Drahtesel. Ich biege in meine Straße ein und steige vom Rad ab. Sieben Stufen rauf, Haustür auf, Kellertür auf, 15 Stufen runter, Fahrrad abstellen, 15 Stufen rauf, Kellertür zu, 40 Stufen rauf, Haustür auf. Durchatmen. Innehalten. Lächeln. Serie "Gedanken zur Krise" - Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie. - Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

Gedanken zur Krise: Zweirad-Safari

Illustration: Alex Lehn

Minden. 40 Stufen runter, Kellertür auf, 15 Stufen runter, Fahrrad schnappen, 15 Stufen rauf, Kellertür zu, Haustür auf, sieben Stufen runter, aufsitzen, los. Zugegeben, bis ich in Gang komme, um mit Einkaufstasche, Maske und Fahrradschloss bewaffnet zum Supermarkt zu radeln, dauert es schon ein wenig. Und die erste Sporteinheit ist dann auch schon geschafft. Es sind die Tücken einer doppelten Krise: Das Auto ist seit Wochen kaputt und ein neues muss her. Seitdem muss der Wocheneinkauf mit Wasserkiste, Hundefutter und voller Einkaufstasche vorerst mit dem Rad klappen.

Und soll ich etwas sagen: Das geht! In der doppelten Krise liegt die dreifache Chance. Sprit sparen, der Umwelt etwas Gutes tun und die zusätzlichen Pfunde aus dem Homeoffice gleich wieder abstrampeln. Nein, die Chance ist sogar eine vierfache: Denn seitdem ich wirklich jeden Weg mit dem Rad zurücklege, habe ich meine neue Heimatstadt, in der ich seit eineinhalb Jahren lebe, noch einmal ganz neu kennengelernt.

Mit zwei Familien aus der Nachbarstraße bin ich nun per Du. Vorher hatte ich nicht mal ein Gesicht dazu. Aus einem freundlichen, aber noch zögerlichen „Hallo“ ist mittlerweile an dem einen oder anderen Tag ein Fünf-Minuten-Schnack geworden. Dass sie auch einen Hund haben, hätte ich mit dem Auto wohl kaum erfahren. Und das Haus an der Ecke – klar, das ist mir auch schon vorher aufgefallen. Aber die Armee aus Gartenzwergen im Vorgarten habe ich erst neulich beim Radeln entdeckt. Jeden Tag wähle ich mittlerweile einen anderen Weg nach Hause: Safari auf zwei Rädern. Daran habe ich Gefallen gefunden. Permanent mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, das kannte ich bisher nur von Radtouren zur Kulturellen Landpartie in der alten Heimat. Und das war immer wie Urlaub. Jetzt fühlt sich der Alltag ein bisschen an wie Urlaub.

Der Muskelkater der ersten Touren mit einer nicht zu unterschätzenden Steigung auf der Wegstrecke ist längst verklungen. Das Fluchen über die Treppenstufen, den Aufwand, ist verflogen. Denn da ist mehr als die Unzufriedenheit über die Gesamtsituation. Da war die Not, die zu einer Chance wurde. Wir könnten uns alle zu Hause einschließen, jammern, warten, bis sich endlich etwas Grundlegendes ändert.

Oder wir ändern selbst etwas. Lassen zum Beispiel das Auto vor der Haustür auch mal für einen größeren Einkauf stehen. Und erleben unterwegs zum Supermarkt Dinge, die unbezahlbar sind: neue Kontakte, neue Gesichter, neue Eindrücke – und ja: stark veränderte Sinne. Das eingefahrene Leben wirkt intensiver. Wo andere von großen unerreichbar wirkenden Veränderungen sprechen um das Leben zu verändern, kann die Veränderung manchmal so einfach sein. Notfalls reicht dafür eben auch ein Drahtesel.

Ich biege in meine Straße ein und steige vom Rad ab. Sieben Stufen rauf, Haustür auf, Kellertür auf, 15 Stufen runter, Fahrrad abstellen, 15 Stufen rauf, Kellertür zu, 40 Stufen rauf, Haustür auf. Durchatmen. Innehalten. Lächeln.

Serie "Gedanken zur Krise"

- Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie.

- Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

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