Gedanken zur Krise: Vorübergehend außer Kraft gesetzt Stefan Koch Stellen Sie sich vor, ein Kerl betritt viel zu früh Ihr Zimmer und brüllt „aufstehen“. Was Sie dann anziehen, ist nicht Ihnen überlassen und immer handelt es sich um einen funktionalen, aber unmodischen Dress mit Stiefeln. Was Sie essen, wählen andere für Sie aus und wenn Sie Pech haben, müssen Sie einen Fraß unter freiem Himmel aus einem Alu-Napf vertilgen. Zum Friseur gehen sie öfter, als Ihnen lieb ist, denn über Ihre Haarlänge haben Sie die Selbstbestimmung ebenso verloren wie über den Rest Ihres Körpers – denn natürlich müssen Sie sich gegen alle möglichen Infektionskrankheiten zwangsimpfen lassen, um nicht Opfer einer biologischen Attacke zu werden. Die freie Arztwahl können Sie vergessen. Und wenn Sie eine Maske tragen, dann handelt es um einen stinkigen Ganzgesichtsaufsatz mit dickem Filter für Schadstoffe aller Art. Millionen Wehrpflichtiger haben das so erlebt und dabei (so wie auch ersatzweise die Zivildienstleistenden) die Einschränkung ihrer Grundrechte in Kauf genommen. Ein öffentliches Lamentieren über diese Regelung fand bis zu ihrer Abschaffung nach dem Ende des Kalten Krieges nur unwesentlich statt. Denn jahrzehntelang herrschte die Einsicht im Land, dass ein Dienst erforderlich sei, um die Grundrechte aller vor der Sowjet-Diktatur im Osten zu beschützen. Dafür wurde von den Verpflichteten erwartet, dass sie selbst klaglos eine vorübergehende Einschränkung ihrer Grundrechte in Kauf nehmen. Grundrechte sind eine feine Sache und fast so wichtig, wie der Schutz vor tödlichen Infektionen. Der Verzicht auf sie bedeutet mehr, als jetzt im Supermarkt einen blöden Einkaufswagen vor sich herschieben zu müssen, sich im Restaurant vom Personal registrieren zu lassen, aus Bibliotheken, Theatern und Museen verbannt zu bleiben, sich nicht mit vielen Leuten unter freiem Himmel verabreden zu dürfen oder gezwungen zu sein, sich dauernd einen Lappen vor die Nase zu binden. Grundrechte sind größer, denn sie schützen unter anderem die Menschenwürde, sie sorgen für Gleichheit vor dem Gesetz und sind das Recht zu wählen, seine Meinung frei zu äußern oder seinen Glauben frei zu leben. Vor nicht einmal allzulanger Zeit, als Verbrecher regierten und ihre Vollstrecker sogar jeden aufhängen durften, den sie wollten, gab es das nicht. Und so lebt es sich mit den Grundrechten im Westen Deutschlands schon seit mehr als 70 Jahren überaus komfortabel – im Osten des Landes sind es schon an die 30 Jahre. Die Grundrechte erlauben mir, dass ich das jetzt hier schreibe. Wenn mir der Staat blöd kommt, klage ich bis vor das Bundesverwaltungs-, verfassungs- oder sozialgericht. Ich kann zur Wahl gehen oder mich wählen lassen oder eine politische Partei oder gleich eine Sekte gründen. Ich kann mir aussuchen, wen ich heirate – egal ob Männlein oder Weiblein. Wenn mir etwas nicht passt, poste ich das rund um die Uhr in den sozialen Netzwerken und niemand kommt und holt mich ab. Ich kann Eisverkäufer, Bäcker oder Kneipenwirt werden. Und weil das in der Coronakrise ein schwerer Job ist, kann ich öffentlich die Angemessenheit der Regeln infrage stellen. Oder mich einfach nur auf den Markt stellen und „Merkel-muss- weg“ brüllen. Nach Corona auch wieder zusammen mit vielen anderen.

Gedanken zur Krise: Vorübergehend außer Kraft gesetzt

Illustration: Alex Lehn

Stellen Sie sich vor, ein Kerl betritt viel zu früh Ihr Zimmer und brüllt „aufstehen“. Was Sie dann anziehen, ist nicht Ihnen überlassen und immer handelt es sich um einen funktionalen, aber unmodischen Dress mit Stiefeln. Was Sie essen, wählen andere für Sie aus und wenn Sie Pech haben, müssen Sie einen Fraß unter freiem Himmel aus einem Alu-Napf vertilgen. Zum Friseur gehen sie öfter, als Ihnen lieb ist, denn über Ihre Haarlänge haben Sie die Selbstbestimmung ebenso verloren wie über den Rest Ihres Körpers – denn natürlich müssen Sie sich gegen alle möglichen Infektionskrankheiten zwangsimpfen lassen, um nicht Opfer einer biologischen Attacke zu werden. Die freie Arztwahl können Sie vergessen. Und wenn Sie eine Maske tragen, dann handelt es um einen stinkigen Ganzgesichtsaufsatz mit dickem Filter für Schadstoffe aller Art.

Millionen Wehrpflichtiger haben das so erlebt und dabei (so wie auch ersatzweise die Zivildienstleistenden) die Einschränkung ihrer Grundrechte in Kauf genommen. Ein öffentliches Lamentieren über diese Regelung fand bis zu ihrer Abschaffung nach dem Ende des Kalten Krieges nur unwesentlich statt. Denn jahrzehntelang herrschte die Einsicht im Land, dass ein Dienst erforderlich sei, um die Grundrechte aller vor der Sowjet-Diktatur im Osten zu beschützen. Dafür wurde von den Verpflichteten erwartet, dass sie selbst klaglos eine vorübergehende Einschränkung ihrer Grundrechte in Kauf nehmen.

Grundrechte sind eine feine Sache und fast so wichtig, wie der Schutz vor tödlichen Infektionen. Der Verzicht auf sie bedeutet mehr, als jetzt im Supermarkt einen blöden Einkaufswagen vor sich herschieben zu müssen, sich im Restaurant vom Personal registrieren zu lassen, aus Bibliotheken, Theatern und Museen verbannt zu bleiben, sich nicht mit vielen Leuten unter freiem Himmel verabreden zu dürfen oder gezwungen zu sein, sich dauernd einen Lappen vor die Nase zu binden. Grundrechte sind größer, denn sie schützen unter anderem die Menschenwürde, sie sorgen für Gleichheit vor dem Gesetz und sind das Recht zu wählen, seine Meinung frei zu äußern oder seinen Glauben frei zu leben. Vor nicht einmal allzulanger Zeit, als Verbrecher regierten und ihre Vollstrecker sogar jeden aufhängen durften, den sie wollten, gab es das nicht. Und so lebt es sich mit den Grundrechten im Westen Deutschlands schon seit mehr als 70 Jahren überaus komfortabel – im Osten des Landes sind es schon an die 30 Jahre.

Die Grundrechte erlauben mir, dass ich das jetzt hier schreibe. Wenn mir der Staat blöd kommt, klage ich bis vor das Bundesverwaltungs-, verfassungs- oder sozialgericht. Ich kann zur Wahl gehen oder mich wählen lassen oder eine politische Partei oder gleich eine Sekte gründen. Ich kann mir aussuchen, wen ich heirate – egal ob Männlein oder Weiblein. Wenn mir etwas nicht passt, poste ich das rund um die Uhr in den sozialen Netzwerken und niemand kommt und holt mich ab. Ich kann Eisverkäufer, Bäcker oder Kneipenwirt werden. Und weil das in der Coronakrise ein schwerer Job ist, kann ich öffentlich die Angemessenheit der Regeln infrage stellen. Oder mich einfach nur auf den Markt stellen und „Merkel-muss- weg“ brüllen. Nach Corona auch wieder zusammen mit vielen anderen.

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