Gedanken zur Krise: Unsichtbarer Gegner Henning Wandel Dass ich blaue Flecken einmal vermissen würde, hätte ich wirklich nicht gedacht. Der letzte ist schon viele Wochen her. Und selbst die immer wieder neu gestauchten Finger haben sich fast wieder erholt – auch wenn der Ehering noch an der linken Hand sitzt, weil das Fingergelenk rechts irgendwie nicht mehr dünner zu werden scheint. Aber egal: Die vielen kleinen und großen Kollisionen auf dem Weg zum #ProjektComeback haben auch Spaß gemacht. 16 Monaten lang jage ich inzwischen meinem Traum hinterher, noch einmal auf einem Football-Feld zu stehen. Mit einer Mannschaft, die schnell zu einem Team geworden ist: den Minden Wolves. Gemeinsam mit unseren Coaches haben wir den langen Weg zum ersten Spiel in Angriff genommen, haben Spielzüge und Regeln gepaukt. Und wir haben gelernt, keinem Zusammenstoß aus dem Weg zu gehen und nach jedem Block, jedem Tackling wieder aufzustehen. Und ganz persönlich habe ich es genossen, mich mit Mitspielern zu messen, die jung genug sind, meine Söhne sein zu können. Als ich meinem Gast-Vater aus Nebraska von meinen Plänen erzählt habe, hatte er mich gewarnt: Die meisten hören mit Football auf, wenn sie über 40 sind, hat er gesagt. Und ich musste versprechen, immer etwas härter auszuteilen als der Typ gegenüber – dann tut es weniger weh. Aber dann kam Corona. Mit einem Angriff von der „blindside“, also praktisch unsichtbar und damit völlig überraschend. Auf dem Feld sind gerade diese Treffer die Schlimmsten. Der Schiedsrichter hätte dafür wahrscheinlich eine Flagge geworfen und Corona zur Strafe wieder ein paar Yards zurückgeschickt. Ein Virus spielt nicht fair, leider. Jetzt sitzen gemeinsam mit mir weit über 100 Spieler, Coaches und Betreuer auf dem Trockenen. Statt um den Ball zu kämpfen, treffen wir uns online, um wenigstens theoretisch auf Ballhöhe zu bleiben. Für die körperliche Fitness muss jeder selbst sorgen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Motivation kaum nachzulassen scheint, obwohl das Warten auf den ersten Kickoff mit jeder Woche zermürbender wird. Wer weiß, ob die Bälle inzwischen nicht vielleicht schon Moos angesetzt haben. Hin und wieder frage ich mich ganz leise, ob aus meinem persönlichen Traum am Ende noch etwas werden kann. Die Wolves stehen ganz sicher irgendwann auf dem Platz. Aber ich höre dann doch so langsam die Uhr ticken: Heilen die Prellungen und Verstauchungen auch nächstes Jahr noch so wie zuletzt? Machen die Knochen auch mit 46 noch mit, wofür sie doch mit 40 schon hätten zu alt sein sollen? Kann sein. Vielleicht aber auch nicht. Aber dann lese ich wieder Kens Kommentar unter einem Instagram-Post und höre dazu leise seine Stimme: „Run fast, hit hard – it hurts less when you do.“ Ich bin nicht sicher, ob diese Weisheit auch gegen körperlose Kollisionen mit einem unsichtbaren Gegner hilft. Aber einen Versuch ist es sicher wert. Klar, mit 16 fällt Football leichter, auf einem von der Sonne versengten Platz in der Prärie des amerikanischen Mittelwestens. Aber jetzt aufzugeben ist keine Option. Immerhin hatte ich genug Zeit zu lernen, nach jedem Treffer wieder aufzustehen. Auch, wenn ein Virus gerade alles lahmlegt.

Gedanken zur Krise: Unsichtbarer Gegner

Illustration: Alex Lehn

Dass ich blaue Flecken einmal vermissen würde, hätte ich wirklich nicht gedacht. Der letzte ist schon viele Wochen her. Und selbst die immer wieder neu gestauchten Finger haben sich fast wieder erholt – auch wenn der Ehering noch an der linken Hand sitzt, weil das Fingergelenk rechts irgendwie nicht mehr dünner zu werden scheint. Aber egal: Die vielen kleinen und großen Kollisionen auf dem Weg zum #ProjektComeback haben auch Spaß gemacht.

16 Monaten lang jage ich inzwischen meinem Traum hinterher, noch einmal auf einem Football-Feld zu stehen. Mit einer Mannschaft, die schnell zu einem Team geworden ist: den Minden Wolves. Gemeinsam mit unseren Coaches haben wir den langen Weg zum ersten Spiel in Angriff genommen, haben Spielzüge und Regeln gepaukt. Und wir haben gelernt, keinem Zusammenstoß aus dem Weg zu gehen und nach jedem Block, jedem Tackling wieder aufzustehen. Und ganz persönlich habe ich es genossen, mich mit Mitspielern zu messen, die jung genug sind, meine Söhne sein zu können.

Als ich meinem Gast-Vater aus Nebraska von meinen Plänen erzählt habe, hatte er mich gewarnt: Die meisten hören mit Football auf, wenn sie über 40 sind, hat er gesagt. Und ich musste versprechen, immer etwas härter auszuteilen als der Typ gegenüber – dann tut es weniger weh. Aber dann kam Corona. Mit einem Angriff von der „blindside“, also praktisch unsichtbar und damit völlig überraschend. Auf dem Feld sind gerade diese Treffer die Schlimmsten. Der Schiedsrichter hätte dafür wahrscheinlich eine Flagge geworfen und Corona zur Strafe wieder ein paar Yards zurückgeschickt. Ein Virus spielt nicht fair, leider.

Jetzt sitzen gemeinsam mit mir weit über 100 Spieler, Coaches und Betreuer auf dem Trockenen. Statt um den Ball zu kämpfen, treffen wir uns online, um wenigstens theoretisch auf Ballhöhe zu bleiben. Für die körperliche Fitness muss jeder selbst sorgen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Motivation kaum nachzulassen scheint, obwohl das Warten auf den ersten Kickoff mit jeder Woche zermürbender wird. Wer weiß, ob die Bälle inzwischen nicht vielleicht schon Moos angesetzt haben.

Hin und wieder frage ich mich ganz leise, ob aus meinem persönlichen Traum am Ende noch etwas werden kann. Die Wolves stehen ganz sicher irgendwann auf dem Platz. Aber ich höre dann doch so langsam die Uhr ticken: Heilen die Prellungen und Verstauchungen auch nächstes Jahr noch so wie zuletzt? Machen die Knochen auch mit 46 noch mit, wofür sie doch mit 40 schon hätten zu alt sein sollen? Kann sein. Vielleicht aber auch nicht.

Aber dann lese ich wieder Kens Kommentar unter einem Instagram-Post und höre dazu leise seine Stimme: „Run fast, hit hard – it hurts less when you do.“ Ich bin nicht sicher, ob diese Weisheit auch gegen körperlose Kollisionen mit einem unsichtbaren Gegner hilft. Aber einen Versuch ist es sicher wert. Klar, mit 16 fällt Football leichter, auf einem von der Sonne versengten Platz in der Prärie des amerikanischen Mittelwestens. Aber jetzt aufzugeben ist keine Option. Immerhin hatte ich genug Zeit zu lernen, nach jedem Treffer wieder aufzustehen. Auch, wenn ein Virus gerade alles lahmlegt.

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