Gedanken zur Krise: Unappetitlich Dorothee Meinhardt Wie eine monströse Krake hält uns das Corona-Virus seit Februar fest im Griff. Schleichend hat sie mit ihren Tentakeln auch unsere kulinarische Komfort-Zone gepackt. Alles, was an Essen in dieser Zeit tröstlich ist und ein klein wenig Normalität und Lebensfreude verspricht, hat einen unangenehmen Beigeschmack. Der Spargel auf dem Teller erinnert an die Diskussion um die Einreise der Erntehelfer aus Osteuropa und die Frage, unter welchen Bedingungen hier eigentlich gearbeitet wird. Die marinierten Steaks aus dem SB-Bereich im Supermarkt bringen die Bilder aus den Nachrichten zurück, in denen Schlachthofmitarbeiter nach massiven Corona-Ausbrüchen zu Massentests müssen – eigentlich will man ohnehin so wenig wie möglich über die Fleischindustrie wissen. Und bei den gestiegenen Preisen für Obst und Gemüse kann doch auch irgendwas nicht stimmen – wie kann der Blumenkohl denn plötzlich so viel teurer sein? Natürlich kann man das ignorieren, den Grill anwerfen und weitermachen wie bisher. Irgendwann sind diese Themen auch wieder durch. Aus den Augen, aus dem Sinn. Oder? Nächstes Jahr läuft in der Spargel- und Erdbeer-Saison bestimmt wieder alles wie gewohnt. Der Ärger um die Preiserhöhungen für Zucchini, Blumenkohl und Co. ist dann auch wieder verraucht und Diskussionen um die Bedingungen auf Schlachthöfen sind nun wirklich nix Neues. Kann man machen. Oder man stellt sich den unbequemen Fragen, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen, wie und unter welchen Bedingungen sie produziert werden – und was sie uns wert sind. Wer sich umschaut, wird feststellen, dass es weder allzu schwer noch umständlich ist, regionale Lebensmittel zu kaufen. Unterstützung für heimische Anbieter, Produzenten, Händler und Geschäfte inbegriffen. Bei Eiern und Fleisch klärt sich inzwischen mit einem Blick auf die Packung, in welcher Haltungsform die Tiere gelebt haben. Bei Obst und Gemüse gibt es immer eine Information zum Herkunftsland und lokale Händler können in der Regel immer etwas zu ihren Produkten erzählen. Wäre es nicht auch nur gerecht, wenn alle Menschen, die in der Aufzucht und bei der Produktion, Ernte und dem Vertrieb von Lebensmitteln beteiligt sind, angemessen bezahlt werden würden? Wenn wir uns zumindest fürs Erste einen bewussteren Umgang mit diesem Thema angewöhnen, profitieren alle davon. Dann gibt es in der nächsten Krise auch keinen schalen Beigeschmack dazu.

Gedanken zur Krise: Unappetitlich

Illustration: Alex Lehn

Wie eine monströse Krake hält uns das Corona-Virus seit Februar fest im Griff. Schleichend hat sie mit ihren Tentakeln auch unsere kulinarische Komfort-Zone gepackt. Alles, was an Essen in dieser Zeit tröstlich ist und ein klein wenig Normalität und Lebensfreude verspricht, hat einen unangenehmen Beigeschmack.

Der Spargel auf dem Teller erinnert an die Diskussion um die Einreise der Erntehelfer aus Osteuropa und die Frage, unter welchen Bedingungen hier eigentlich gearbeitet wird. Die marinierten Steaks aus dem SB-Bereich im Supermarkt bringen die Bilder aus den Nachrichten zurück, in denen Schlachthofmitarbeiter nach massiven Corona-Ausbrüchen zu Massentests müssen – eigentlich will man ohnehin so wenig wie möglich über die Fleischindustrie wissen. Und bei den gestiegenen Preisen für Obst und Gemüse kann doch auch irgendwas nicht stimmen – wie kann der Blumenkohl denn plötzlich so viel teurer sein?

Natürlich kann man das ignorieren, den Grill anwerfen und weitermachen wie bisher. Irgendwann sind diese Themen auch wieder durch. Aus den Augen, aus dem Sinn. Oder? Nächstes Jahr läuft in der Spargel- und Erdbeer-Saison bestimmt wieder alles wie gewohnt. Der Ärger um die Preiserhöhungen für Zucchini, Blumenkohl und Co. ist dann auch wieder verraucht und Diskussionen um die Bedingungen auf Schlachthöfen sind nun wirklich nix Neues.

Kann man machen. Oder man stellt sich den unbequemen Fragen, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen, wie und unter welchen Bedingungen sie produziert werden – und was sie uns wert sind. Wer sich umschaut, wird feststellen, dass es weder allzu schwer noch umständlich ist, regionale Lebensmittel zu kaufen. Unterstützung für heimische Anbieter, Produzenten, Händler und Geschäfte inbegriffen. Bei Eiern und Fleisch klärt sich inzwischen mit einem Blick auf die Packung, in welcher Haltungsform die Tiere gelebt haben. Bei Obst und Gemüse gibt es immer eine Information zum Herkunftsland und lokale Händler können in der Regel immer etwas zu ihren Produkten erzählen.

Wäre es nicht auch nur gerecht, wenn alle Menschen, die in der Aufzucht und bei der Produktion, Ernte und dem Vertrieb von Lebensmitteln beteiligt sind, angemessen bezahlt werden würden? Wenn wir uns zumindest fürs Erste einen bewussteren Umgang mit diesem Thema angewöhnen, profitieren alle davon. Dann gibt es in der nächsten Krise auch keinen schalen Beigeschmack dazu.

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