Gedanken zur Krise: Mutti macht das schon Nina Könemann Ich beschäftige mich gerade viel mit Verhütung. Mit einer Dreijährigen und einem vier Monate alten Baby in der Corona-Krise ist Vieles schön – manches auch nicht. In jedem Fall aber war mein Kinderwunsch selten kleiner als dieser Tage. Und das liegt nicht an meinen Kindern. Es liegt an der Botschaft der Politik, die seit Beginn der Krise an Eltern und vor allem an Mütter gerichtet wird. „Ihr macht das schon“, scheinen die Entscheider mit einem gönnerhaften Schulterklopfer zu sagen. Schule, Kindergarten, Arbeit, Haushalt – da muss man sich eben mal ein bisschen straffer organisieren. Corona hat meine Sicht aufs Kinderkriegen verändert. Das wurde mir neulich ausgerechnet beim Blick auf eine Werbeaktion eines Möbelriesen bewusst: Wer jetzt ein Bett kauft, so wirbt das Unternehmen, bekommt in neun Monaten ein Babybett gratis dazu. Die Aktion zielt auf die so genannten #coronababies. Die Theorie: Die Menschen haben Zeit und beschäftigen sich miteinander. Nach neun Monaten werden dann viele niedliche Babys geboren. Ich frage mich allerdings: Wer will denn gerade bitte Kinder kriegen? In der Krise zeigt sich, was im gesellschaftlichen Fokus liegt und was nicht: Biergärten und Fitness-Studios kommen da offenbar vor Kinderbetreuung, Freibäder scheinen wichtiger als ein normaler Schulbetrieb. Solidarität funktionierte in den vergangenen Wochen für Viele, die Eltern bekamen davon wenig ab. Corona hat uns familienpolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen: Plötzlich geht nicht mehr beides, Kind und Karriere. Wer Kinder hat, soll alles allein stemmen. Und so verläuft der gesellschaftliche Riss eben nicht nur zwischen Systemkritikern und Systembefürwortern, Impfgegnern und Medizinern, Angestellten mit sicherem Einkommen und Selbstständigen mit Existenzangst, sondern auch zwischen denen, die ausufernd kochen, Netflix gucken und sich entschleunigen und denen, die zwischen Homeschooling, Homeoffice und Haushalt auf dem Zahnfleisch kriechen. Ich bezweifle stark, dass die Motivation der einen groß ist, auf die Seite der anderen zu wechseln. Und so könnte sich die Werbung mit dem Babybett als großer Flop herausstellen. Wer Kinder hat, das hat mir die Krise gezeigt, der wird im Zweifel im Regen stehen gelassen. Mutti ist ja da. Und auch wenn ich die viele Zeit mit meinen beiden gerade genieße, so würde ich nicht dauerhaft auf Job und Freiheit verzichten wollen. Die #coronababies werden am Ende nicht mehr sein als eine verklärte Zukunftsvision. Stattdessen ist das Virus womöglich das beste Verhütungsmittel. Serie "Gedanken zur Krise" - Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie. - Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

Gedanken zur Krise: Mutti macht das schon

Ich beschäftige mich gerade viel mit Verhütung. Mit einer Dreijährigen und einem vier Monate alten Baby in der Corona-Krise ist Vieles schön – manches auch nicht. In jedem Fall aber war mein Kinderwunsch selten kleiner als dieser Tage. Und das liegt nicht an meinen Kindern.

Es liegt an der Botschaft der Politik, die seit Beginn der Krise an Eltern und vor allem an Mütter gerichtet wird. „Ihr macht das schon“, scheinen die Entscheider mit einem gönnerhaften Schulterklopfer zu sagen. Schule, Kindergarten, Arbeit, Haushalt – da muss man sich eben mal ein bisschen straffer organisieren.

Corona hat meine Sicht aufs Kinderkriegen verändert. Das wurde mir neulich ausgerechnet beim Blick auf eine Werbeaktion eines Möbelriesen bewusst: Wer jetzt ein Bett kauft, so wirbt das Unternehmen, bekommt in neun Monaten ein Babybett gratis dazu. Die Aktion zielt auf die so genannten #coronababies. Die Theorie: Die Menschen haben Zeit und beschäftigen sich miteinander. Nach neun Monaten werden dann viele niedliche Babys geboren. Ich frage mich allerdings: Wer will denn gerade bitte Kinder kriegen?

In der Krise zeigt sich, was im gesellschaftlichen Fokus liegt und was nicht: Biergärten und Fitness-Studios kommen da offenbar vor Kinderbetreuung, Freibäder scheinen wichtiger als ein normaler Schulbetrieb. Solidarität funktionierte in den vergangenen Wochen für Viele, die Eltern bekamen davon wenig ab. Corona hat uns familienpolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen: Plötzlich geht nicht mehr beides, Kind und Karriere. Wer Kinder hat, soll alles allein stemmen. Und so verläuft der gesellschaftliche Riss eben nicht nur zwischen Systemkritikern und Systembefürwortern, Impfgegnern und Medizinern, Angestellten mit sicherem Einkommen und Selbstständigen mit Existenzangst, sondern auch zwischen denen, die ausufernd kochen, Netflix gucken und sich entschleunigen und denen, die zwischen Homeschooling, Homeoffice und Haushalt auf dem Zahnfleisch kriechen.

Ich bezweifle stark, dass die Motivation der einen groß ist, auf die Seite der anderen zu wechseln. Und so könnte sich die Werbung mit dem Babybett als großer Flop herausstellen. Wer Kinder hat, das hat mir die Krise gezeigt, der wird im Zweifel im Regen stehen gelassen. Mutti ist ja da. Und auch wenn ich die viele Zeit mit meinen beiden gerade genieße, so würde ich nicht dauerhaft auf Job und Freiheit verzichten wollen. Die #coronababies werden am Ende nicht mehr sein als eine verklärte Zukunftsvision. Stattdessen ist das Virus womöglich das beste Verhütungsmittel.

Serie "Gedanken zur Krise"

- Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie.

- Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

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