Gedanken zur Krise: Im Puzzle-Fieber Malina Reckordt Minden. Vor wenigen Monaten noch völlig unterschätzt und höchstens eine Beschäftigung für Kinder, seit der Corona-Krise ist es plötzlich so angesagt wie lange nicht: das Puzzle. In Zeiten, wo Netflix leer geschaut ist, der Garten picobello ist und sämtliche Radwege in der Umgebung erkundet sind, erlebt das Puzzle ein Comeback. In Supermärkten sind sie ausverkauft – offenbar ebenso gefragt wie Toilettenpapier und Hefe. Influencer puzzeln bei Instagram im Fernduell um die Wette und bei eBay-Kleinanzeigen werden sie hin und her getauscht. Auch ich habe nach mehr als zehn Jahren zurück zum Puzzeln gefunden – und finde es großartig. Als Kind habe ich vor allem im Winter stundenlang gepuzzelt. War eins fertig, habe ich es eingerahmt (mittlerweile gibt es dafür speziellen Puzzlekleber) und stolz an die Wand gehängt. Weil irgendwann zu viele Puzzle im Regal verstaubten und der Gameboy sowieso viel cooler war, habe ich sie schließlich auf dem Flohmarkt verkauft – eine sehr schlechte Entscheidung, wie ich nun feststellen musste. Denn auf dem Dachboden meiner Eltern habe ich wirklich alles gefunden, aber kein Puzzle. Was ein Glück, dass die Nachbarskinder noch im Puzzle-Alter sind. Und schon war Beschäftigung für ein paar Stunden gefunden. Also nichts wie ran an die 200 Teile. Erst den Rand, dann die kleinen bunten Fische und den großen Mond. Etwa eine Stunde später ist die Unterwasserlandschaft fertig. Ich habe mich warm gepuzzelt und bin bereit für das nächste Level. Für 1.000 orangefarbene, dunkelrote und schwarze Teile habe ich mich entschieden, die später mal den Antelope Canyon zeigen sollen. Ja, sollen. Denn seit einer Woche (und vermutlich auch noch die nächsten Tage) beschäftige ich mich jeden Abend mit dem Slot Canyon im Südwesten Amerikas. Einmal angefangen, kann ich nicht mehr aufhören, so wie früher. Psychologen sprechen vom Flow-Zustand. Man sei eins mit der Tätigkeit und entwickle anschließend positive Gefühle. Vorher hätte ich drüber gelacht, jetzt weiß ich, dass es stimmt. Kein Smartphone, kein Social Media, keine Nachrichten über das Corona-Virus, mit denen ich mich eh schon den ganzen Tag lang befasse. Einfach mal den Kopf ausschalten und über nichts anderes als Form und Farbe der Pappplättchen nachdenken. Statt die neu gewonnene Freizeit für sinnvolle Dinge zu nutzen, habe ich großen Spaß daran, genau das Gegenteil zu tun. Wobei: Puzzeln ist gar nicht mal völlig sinnlos. Eine Studie der Universität Ulm zeigt nämlich, dass Puzzeln eine Vielzahl von kognitiven Fähigkeiten beansprucht, Kurz- und Langzeitgedächtnis werden fördert. Und wer langfristig und regelmäßig puzzelt, kann sich vor dem geistigen Abbau im Alter schützen. Damit wäre die Legitimation für das neue Krisen-Hobby also auch gefunden. Mein Tipp für alle, die ihren Keller oder Dachboden noch nicht entrümpelt haben: Verkauft oder entsorgt niemals eure Puzzle! Egal ob Corona-Krise oder nicht – ein Puzzle sollte man immer im Haus haben. Gedanken zur Krise - Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie. - Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

Gedanken zur Krise: Im Puzzle-Fieber

Illustration: Alex Lehn

Minden. Vor wenigen Monaten noch völlig unterschätzt und höchstens eine Beschäftigung für Kinder, seit der Corona-Krise ist es plötzlich so angesagt wie lange nicht: das Puzzle. In Zeiten, wo Netflix leer geschaut ist, der Garten picobello ist und sämtliche Radwege in der Umgebung erkundet sind, erlebt das Puzzle ein Comeback. In Supermärkten sind sie ausverkauft – offenbar ebenso gefragt wie Toilettenpapier und Hefe. Influencer puzzeln bei Instagram im Fernduell um die Wette und bei eBay-Kleinanzeigen werden sie hin und her getauscht. Auch ich habe nach mehr als zehn Jahren zurück zum Puzzeln gefunden – und finde es großartig.

Als Kind habe ich vor allem im Winter stundenlang gepuzzelt. War eins fertig, habe ich es eingerahmt (mittlerweile gibt es dafür speziellen Puzzlekleber) und stolz an die Wand gehängt. Weil irgendwann zu viele Puzzle im Regal verstaubten und der Gameboy sowieso viel cooler war, habe ich sie schließlich auf dem Flohmarkt verkauft – eine sehr schlechte Entscheidung, wie ich nun feststellen musste. Denn auf dem Dachboden meiner Eltern habe ich wirklich alles gefunden, aber kein Puzzle.

Was ein Glück, dass die Nachbarskinder noch im Puzzle-Alter sind. Und schon war Beschäftigung für ein paar Stunden gefunden. Also nichts wie ran an die 200 Teile. Erst den Rand, dann die kleinen bunten Fische und den großen Mond. Etwa eine Stunde später ist die Unterwasserlandschaft fertig. Ich habe mich warm gepuzzelt und bin bereit für das nächste Level.

Für 1.000 orangefarbene, dunkelrote und schwarze Teile habe ich mich entschieden, die später mal den Antelope Canyon zeigen sollen. Ja, sollen. Denn seit einer Woche (und vermutlich auch noch die nächsten Tage) beschäftige ich mich jeden Abend mit dem Slot Canyon im Südwesten Amerikas. Einmal angefangen, kann ich nicht mehr aufhören, so wie früher.

Psychologen sprechen vom Flow-Zustand. Man sei eins mit der Tätigkeit und entwickle anschließend positive Gefühle. Vorher hätte ich drüber gelacht, jetzt weiß ich, dass es stimmt. Kein Smartphone, kein Social Media, keine Nachrichten über das Corona-Virus, mit denen ich mich eh schon den ganzen Tag lang befasse. Einfach mal den Kopf ausschalten und über nichts anderes als Form und Farbe der Pappplättchen nachdenken.

Statt die neu gewonnene Freizeit für sinnvolle Dinge zu nutzen, habe ich großen Spaß daran, genau das Gegenteil zu tun. Wobei: Puzzeln ist gar nicht mal völlig sinnlos. Eine Studie der Universität Ulm zeigt nämlich, dass Puzzeln eine Vielzahl von kognitiven Fähigkeiten beansprucht, Kurz- und Langzeitgedächtnis werden fördert. Und wer langfristig und regelmäßig puzzelt, kann sich vor dem geistigen Abbau im Alter schützen. Damit wäre die Legitimation für das neue Krisen-Hobby also auch gefunden.

Mein Tipp für alle, die ihren Keller oder Dachboden noch nicht entrümpelt haben: Verkauft oder entsorgt niemals eure Puzzle! Egal ob Corona-Krise oder nicht – ein Puzzle sollte man immer im Haus haben.

Gedanken zur Krise

- Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge – aktuell auch zur Corona-Pandemie.

- Die MT-Redaktion schreibt dazu Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

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