Frühstart: Einige Kinder im Kreis sollen schon mit fünf Jahren in die Schule Doris Christoph Minden. Der Ranzen für Hannas Einschulung ist schon lange gekauft. Trotzdem hat es gedauert, bis sich ihre Eltern mit dem Gedanken anfreunden konnten, dass ihre Tochter bald die Grundschule besucht. Denn Hanna ist dann (erst) fünf Jahre alt. „Ich sehe sie noch als sehr kleines Kind, das gerne bei uns sein möchte", sagt ihr Vater Markus Reimer. Von ihren Fähigkeiten sei sie zwar reif für die Schule, aber nicht von der emotionalen Seite. Der 28-Jährige beantragte eine Zurückstellung vom Schulbesuch. Mit ihren Sorgen steht Familie Reimer nicht alleine da. Von den rund 3.000 Erstklässlern, die dieses Jahr im Kreis Minden-Lübbecke eingeschult werden, sind 397 Jungen und Mädchen noch keine sechs Jahre alt. Für 55 Kinder wurde nach Auskunft des Kreises Minden-Lübbecke eine Zurückstellung beantragt. Sie genehmigt zu bekommen, ist nicht einfach. Das merkte auch Markus Reimer, der letztlich scheiterte. Später Stichtag Dass schon – oder noch – Fünfjährige eingeschult werden, liegt am Einschulungsstichtag in NRW: Bei allen Kindern, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden, beginnt zum 1. August des gleichen Jahres die Schulpflicht. Nordrhein-Westfalen hat damit einen im Vergleich späten Stichtag. In Bremen und Hessen gilt beispielsweise der 30. Juni – das war bis 2007 auch in NRW so. Dann sollte er binnen sieben Jahren auf den 31. Dezember verlegt werden. 2011 wurde davon auf Grundlage des rot-grünen Koalitionsvertrags wieder abgesehen, wie das Schulministerium erklärt. Eine weitere Vorverlegung des Einschulungsalters werde der Tatsache nicht gerecht, dass in diesem Alter die Entwicklungsunterschiede erheblich seien, so die Begründung. Verschiedene Anträge und Petitionen auf eine Vorverlegung scheiterten bislang. In anderen Bundesländern mit spätem Stichtag, wie Bayern, gibt es eine Korridorregelung: Eltern, deren Kind zwischen dem 1. Juli und dem 30. September sechs Jahre wird, können selber über die Einschulung entscheiden. Besorgte Eltern Neben dem emotionalen Entwicklungsstand seiner Ende September 2015 geborenen Tochter spielte bei Markus Reimer auch Corona eine Rolle. So war Hannas Vorschule, die einmal wöchentlich stattfinden sollte, seit der Pandemie immer wieder ausgefallen. Im Kindergarten ist das Mädchen nicht, weil die Eltern nach eigenen Angaben erst gar keinen und dann keinen passenden Platz in Porta bekommen hätten. „Wir hätten Hanna gerne sich noch ein Jahr bei uns entwickeln lassen. Auch wegen Corona", sagt Reimer und verweist auf das Hin und Her in den Schulen, das er ihr ersparen wollte. „Die Corona-Pandemielage hat die Lebenssituation vieler Kinder in diesem und im letzten Jahr verändert. So haben eine vergleichbar höhere Anzahl von Eltern die Besorgnis, dass ihrem Kind Lernmöglichkeiten und Erfahrungen fehlen und daher ein weiteres Jahr im geschützten Raum Familie gebraucht wird", berichtet das Gesundheitsamt des Kreises. Es ist für die Schuleingangsuntersuchungen zuständig. Aber auch schon vor Corona sahen Eltern das Thema Früheinschulung kritisch. Der Schulstart ihres im September 2010 geborenen Kindes löst bei Beatrix A. (Name von der Redaktion geändert) noch immer ungute Gefühle aus. Sie nennt das die „zu frühe Zwangseinschulung." Auch ihr Nachwuchs war damals erst fünf Jahre alt. „Ich habe gemerkt, dass mein Kind noch nicht so weit war." Es war noch sehr verspielt. Die Ärztin aus dem Kreisgebiet hatte die Sorge, dass es im System Schule zum Außenseiter würde. Den Entwicklungsunterschied merkt sie bis heute: Während bei Klassenkameraden die Pubertät beginnt, ist ihr Nachwuchs noch sehr kindlich, auch bei seinen Interessen. Anschluss zu finden, sei schwierig, die schulischen Leistungen hingegen kein Problem. Die Mutter hatte mit Lehrern gesprochen und versucht, die Einschulung und später den Übergang in die weiterführende Schule hinauszuzögern – vergeblich. Das sagen Kritiker „Jedes Kind hat einen bestimmten Zeitraum, in dem es etwas lernt. Wenn ein Kind zur Schule kommt, bevor es es so weit ist, kann etwas anderes nicht beendet werden", sagt Britta Czoske vom Netzwerk gegen Früheinschulung (Negef) NRW. Seit 2014 gibt es die Gruppe, die auch die Petitionen für die Verlegung des Stichtags unterstützte und zu Zurückstellungen berät. Czoske verweist auf die soziale Schulreife, die ein Kind mitbringen müsse, um sich behaupten zu können. Manche der jungen Schüler litten unter der Überforderung, entwickelten Ticks oder nässten wieder ein. Auch ADHS (Aufmerksamkeitsfefizit-/Hyperaktivitätsstörung) betreffe meist die jüngeren Jahrgänge in einer Klasse. Fit für die Schule machen Der Begriff „Schulreife" sei längst überholt, stattdessen spreche man von „Schulfähigkeit", erklärt Mirko Fridrici, stellvertretender Leiter der Regionalen Schulberatungsstelle für Eltern und Lehrer beim Kreis. Beratungen zu Früheinschulungen gibt es hier immer mal wieder. „Das ist ein schwieriges Thema", sagt er. Verschiedene Interessen prallten da aufeinander. Er erklärt: „Die politische Idee ist: Wir machen die Grundschule fit für alle Kinder." Den Entwicklungsstand könne man auch nicht allein am Alter festmachen. Aber er sagt auch: „Je später der Stichtag, desto größer ist die Gefahr, dass sich Kinder von der Entwicklung her mit Schule schwer tun." Anzeichen hierfür seien, dass sie sich beispielsweise nicht so lange konzentrieren könnten, sie noch verspielt seien, eine geringe Frustrationstoleranz hätten und sich überfordert fühlten. Mirko Fridrici kennt auch die Studien zu ADHS: „Sie besagen, dass jüngere Kinder eines Jahrgangs eher Gefahr laufen, diese Diagnose zu erhalten. Aber sie kriegen deswegen nicht eher ADHS." Um alle Kinder in der Schule mitzunehmen, gebe es zum Beispiel jahrgangsübergreifenden Unterricht oder eine flexible Schuleingangsphase. Die Mädchen und Jungen sollen dort ihrem Entwicklungsstand entsprechend gefördert werden. Dabei komme es laut Fridrici aber natürlich auf Rahmenbedingungen wie die Klassenstärke und die Durchmischung an, also brauchen dort viele Schüler Unterstützung. Er sowie das Gesundheitsamt weisen zudem auf Fördermöglichkeiten schon vor Beginn der Schulzeit hin, Kinderärzte und Erzieher berieten hierzu. Zurückstellung beantragen Um die Einschulung ihres Kindes zu verschieben, können Eltern eine Zurückstellung bei der Schulleitung beantragen. „Viele schrecken davor zurück, weil es meistens nicht klappt", erklärt Britta Czoske von Negef. Sie rät Eltern dann zu einer Einzelpetition an den Landtag, das habe oft Erfolg. Denn eine Rückstellung ist an Auflagen geknüpft. „Die Schulpflicht ist im Landesrecht geregelt, damit sind auch die Ausnahmen geregelt: Zurückstellung bei erheblichen gesundheitlichen Gründen", teilt das Gesundheitsamt mit. Ein Amtsarzt muss das Kind untersuchen, das Gutachten geht an die Schulleitung. Das geschieht im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung. Dabei würden nach einem standardisierten Untersuchungsprogramm Kriterien der Gesundheit, der körperlichen, der intellektuellen und der sozial-emotionalen Entwicklung erfasst, erklärt das Amt. Einen absoluten, zeitlosen Maßstab für das Kriterium „fit" für die Schule gebe es dabei nicht. Amtsuntersuchungen finden wegen der Corona-Pandemie derzeit kaum statt. Auch bei den Rückstellungsanträgen gibt es laut Kreis Verzögerungen. Man habe darum nach anderen Lösungen gesucht. „Wir haben uns mit dem Schulamt zusammengetan und die Eltern angeschrieben", berichtet Kreis-Dezernent Hans-Joerg Deichholz. Sie wurden gebeten, medizinische Nachweise einzureichen. Dann werde auf Aktenbasis entschieden. In dringenden Fällen würden Kinder aber auch untersucht. Antrag gescheitert Markus Reimer hatte seinem Antrag auf Zurückstellung ein Schreiben des Kinderarztes beigefügt. „Der hat bestätigt, dass es für Hannas emotionale Reife besser wäre, mit der Einschulung zu warten." Auch die Leitung der Portaner Schule habe seine Beweggründe nachvollziehen können. Reimer musste mit seinem Kind dann doch zur Untersuchung beim Amtsarzt. „Da wurde einfach nur ein Katalog abgearbeitet und gar nicht gefragt, wie wir auf die Rückstellung gekommen sind." Das Ergebnis: „Hanna sei absolut schulreif." Die Untersuchung habe einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, er fühlte sich nicht gut behandelt: „Da werden Kinder nach Tabellen und Büchern bewertet." Dass ein Kind Angst zeige, spiele keine Rolle. „Eigentlich geht man überall auf Menschen ein, nur bei der Einschulung nicht", meint er. Auch Beatrix A., die selber Ärztin ist, kritisiert die medizinischen Gutachten als Entscheidungsgrundlage. Sie findet, die Einschätzung des Kindergartens und der Eltern müsse mehr Gewicht bekommen. Eltern müssen von der Schulleitung angehört werden – so steht es in den Hinweisen zur Zurückstellung, die 2017 unter Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) präzisiert wurden. Scheinbar hatte es in der praktischen Anwendung Unsicherheiten gegeben. Demnach reicht das schulärztliche Gutachten allein nicht aus, Eltern können fachärztliche oder fachtherapeutische Stellungnahmen vorlegen. Marita Stein-Willemsen, Leiterin der Domschule, erhält beispielsweise jährlich ein bis zwei solcher Anträge. Diese prüfe sie sorgfältig und entscheide in enger Abstimmung mit allen Beteiligten, auch mit der Kindertagesstätte, mit besonderem Blick auf das Wohl des Kindes, berichtet sie. Markus Reimer erhielt den Hinweis, er könne einen Psychologen wegen eines Gutachtens kontaktieren. „Es hatte aber keiner Zeit oder einen freien Platz", berichtet der 28-Jährige. Sein Antrag wurde schließlich abgelehnt. Mittlerweile hat er seinen Frieden damit gemacht. „Ich habe es jetzt akzeptiert und hoffe, dass es ihr damit gut geht." Ein Kommentar von Doris Christoph: Mehr Mitsprache für Eltern Die Einschulung wird von vielen Eltern als krasser Einschnitt erlebt: Eben noch im Kindergarten, startet für den Nachwuchs jetzt der Ernst des Lebens. Das zu akzeptieren dürfte bei Jungen und Mädchen, die beim Schulstart erst oder noch fünf Jahre alt sind, noch schwerer fallen. Kritiker mögen nun sagen: Da kann jemand nicht loslassen. Das mag sein. Doch Eltern so gar keine Mitsprache beim Einschulungszeitpunkt zu geben, ist falsch. Die meisten können ihr Kind schon richtig einschätzen. Stattdessen werden sie in NRW bei der Zurückstellung vor schier unüberwindbare Hürden gestellt und müssen ihr Kind als körperlich oder seelisch beeinträchtigt stigmatisieren lassen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass nur Eltern diesen Weg gehen, die über entsprechendes Wissen und langen Atem verfügen. Eine Korridorregelung wie in Bayern gibt Eltern Entscheidungsfreiheit und entlastet gleichzeitig die Schulleitungen, die als letzte Instanz über die Rückstellungsanträge entscheiden müssen. Aber sie sorgt auch für Unwägbarkeiten: bei der Zahl der Erstklässler, für die Unterricht organisiert werden muss, und bei den eh schon raren Kindergartenplätzen, die weiter vorgehalten werden müssten. Vielleicht sind auch das Gründe, warum die Umstellung auf einen früheren Stichtag oder die Einführung der Korridorregelung in weiter Ferne sind.

Frühstart: Einige Kinder im Kreis sollen schon mit fünf Jahren in die Schule

Das neue Schuljahr startet in NRW am 18. August. Rund 400 Erstklässler aus Minden-Lübbecke sind dann noch fünf Jahre alt. Symbolfoto: imago © imago images / CHROMORANGE

Minden. Der Ranzen für Hannas Einschulung ist schon lange gekauft. Trotzdem hat es gedauert, bis sich ihre Eltern mit dem Gedanken anfreunden konnten, dass ihre Tochter bald die Grundschule besucht. Denn Hanna ist dann (erst) fünf Jahre alt. „Ich sehe sie noch als sehr kleines Kind, das gerne bei uns sein möchte", sagt ihr Vater Markus Reimer. Von ihren Fähigkeiten sei sie zwar reif für die Schule, aber nicht von der emotionalen Seite. Der 28-Jährige beantragte eine Zurückstellung vom Schulbesuch.

Mit ihren Sorgen steht Familie Reimer nicht alleine da. Von den rund 3.000 Erstklässlern, die dieses Jahr im Kreis Minden-Lübbecke eingeschult werden, sind 397 Jungen und Mädchen noch keine sechs Jahre alt. Für 55 Kinder wurde nach Auskunft des Kreises Minden-Lübbecke eine Zurückstellung beantragt. Sie genehmigt zu bekommen, ist nicht einfach. Das merkte auch Markus Reimer, der letztlich scheiterte.

Später Stichtag

Dass schon – oder noch – Fünfjährige eingeschult werden, liegt am Einschulungsstichtag in NRW: Bei allen Kindern, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden, beginnt zum 1. August des gleichen Jahres die Schulpflicht. Nordrhein-Westfalen hat damit einen im Vergleich späten Stichtag. In Bremen und Hessen gilt beispielsweise der 30. Juni – das war bis 2007 auch in NRW so. Dann sollte er binnen sieben Jahren auf den 31. Dezember verlegt werden. 2011 wurde davon auf Grundlage des rot-grünen Koalitionsvertrags wieder abgesehen, wie das Schulministerium erklärt. Eine weitere Vorverlegung des Einschulungsalters werde der Tatsache nicht gerecht, dass in diesem Alter die Entwicklungsunterschiede erheblich seien, so die Begründung. Verschiedene Anträge und Petitionen auf eine Vorverlegung scheiterten bislang.

In anderen Bundesländern mit spätem Stichtag, wie Bayern, gibt es eine Korridorregelung: Eltern, deren Kind zwischen dem 1. Juli und dem 30. September sechs Jahre wird, können selber über die Einschulung entscheiden.

Besorgte Eltern

Neben dem emotionalen Entwicklungsstand seiner Ende September 2015 geborenen Tochter spielte bei Markus Reimer auch Corona eine Rolle. So war Hannas Vorschule, die einmal wöchentlich stattfinden sollte, seit der Pandemie immer wieder ausgefallen. Im Kindergarten ist das Mädchen nicht, weil die Eltern nach eigenen Angaben erst gar keinen und dann keinen passenden Platz in Porta bekommen hätten. „Wir hätten Hanna gerne sich noch ein Jahr bei uns entwickeln lassen. Auch wegen Corona", sagt Reimer und verweist auf das Hin und Her in den Schulen, das er ihr ersparen wollte.

„Die Corona-Pandemielage hat die Lebenssituation vieler Kinder in diesem und im letzten Jahr verändert. So haben eine vergleichbar höhere Anzahl von Eltern die Besorgnis, dass ihrem Kind Lernmöglichkeiten und Erfahrungen fehlen und daher ein weiteres Jahr im geschützten Raum Familie gebraucht wird", berichtet das Gesundheitsamt des Kreises. Es ist für die Schuleingangsuntersuchungen zuständig.

Aber auch schon vor Corona sahen Eltern das Thema Früheinschulung kritisch. Der Schulstart ihres im September 2010 geborenen Kindes löst bei Beatrix A. (Name von der Redaktion geändert) noch immer ungute Gefühle aus. Sie nennt das die „zu frühe Zwangseinschulung." Auch ihr Nachwuchs war damals erst fünf Jahre alt. „Ich habe gemerkt, dass mein Kind noch nicht so weit war." Es war noch sehr verspielt. Die Ärztin aus dem Kreisgebiet hatte die Sorge, dass es im System Schule zum Außenseiter würde. Den Entwicklungsunterschied merkt sie bis heute: Während bei Klassenkameraden die Pubertät beginnt, ist ihr Nachwuchs noch sehr kindlich, auch bei seinen Interessen. Anschluss zu finden, sei schwierig, die schulischen Leistungen hingegen kein Problem. Die Mutter hatte mit Lehrern gesprochen und versucht, die Einschulung und später den Übergang in die weiterführende Schule hinauszuzögern – vergeblich.

Das sagen Kritiker

„Jedes Kind hat einen bestimmten Zeitraum, in dem es etwas lernt. Wenn ein Kind zur Schule kommt, bevor es es so weit ist, kann etwas anderes nicht beendet werden", sagt Britta Czoske vom Netzwerk gegen Früheinschulung (Negef) NRW. Seit 2014 gibt es die Gruppe, die auch die Petitionen für die Verlegung des Stichtags unterstützte und zu Zurückstellungen berät. Czoske verweist auf die soziale Schulreife, die ein Kind mitbringen müsse, um sich behaupten zu können. Manche der jungen Schüler litten unter der Überforderung, entwickelten Ticks oder nässten wieder ein. Auch ADHS (Aufmerksamkeitsfefizit-/Hyperaktivitätsstörung) betreffe meist die jüngeren Jahrgänge in einer Klasse.

Fit für die Schule machen

Der Begriff „Schulreife" sei längst überholt, stattdessen spreche man von „Schulfähigkeit", erklärt Mirko Fridrici, stellvertretender Leiter der Regionalen Schulberatungsstelle für Eltern und Lehrer beim Kreis. Beratungen zu Früheinschulungen gibt es hier immer mal wieder. „Das ist ein schwieriges Thema", sagt er. Verschiedene Interessen prallten da aufeinander.

Er erklärt: „Die politische Idee ist: Wir machen die Grundschule fit für alle Kinder." Den Entwicklungsstand könne man auch nicht allein am Alter festmachen. Aber er sagt auch: „Je später der Stichtag, desto größer ist die Gefahr, dass sich Kinder von der Entwicklung her mit Schule schwer tun." Anzeichen hierfür seien, dass sie sich beispielsweise nicht so lange konzentrieren könnten, sie noch verspielt seien, eine geringe Frustrationstoleranz hätten und sich überfordert fühlten. Mirko Fridrici kennt auch die Studien zu ADHS: „Sie besagen, dass jüngere Kinder eines Jahrgangs eher Gefahr laufen, diese Diagnose zu erhalten. Aber sie kriegen deswegen nicht eher ADHS."

Um alle Kinder in der Schule mitzunehmen, gebe es zum Beispiel jahrgangsübergreifenden Unterricht oder eine flexible Schuleingangsphase. Die Mädchen und Jungen sollen dort ihrem Entwicklungsstand entsprechend gefördert werden. Dabei komme es laut Fridrici aber natürlich auf Rahmenbedingungen wie die Klassenstärke und die Durchmischung an, also brauchen dort viele Schüler Unterstützung. Er sowie das Gesundheitsamt weisen zudem auf Fördermöglichkeiten schon vor Beginn der Schulzeit hin, Kinderärzte und Erzieher berieten hierzu.

Zurückstellung beantragen

Um die Einschulung ihres Kindes zu verschieben, können Eltern eine Zurückstellung bei der Schulleitung beantragen. „Viele schrecken davor zurück, weil es meistens nicht klappt", erklärt Britta Czoske von Negef. Sie rät Eltern dann zu einer Einzelpetition an den Landtag, das habe oft Erfolg.

Denn eine Rückstellung ist an Auflagen geknüpft. „Die Schulpflicht ist im Landesrecht geregelt, damit sind auch die Ausnahmen geregelt: Zurückstellung bei erheblichen gesundheitlichen Gründen", teilt das Gesundheitsamt mit. Ein Amtsarzt muss das Kind untersuchen, das Gutachten geht an die Schulleitung.

Das geschieht im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung. Dabei würden nach einem standardisierten Untersuchungsprogramm Kriterien der Gesundheit, der körperlichen, der intellektuellen und der sozial-emotionalen Entwicklung erfasst, erklärt das Amt. Einen absoluten, zeitlosen Maßstab für das Kriterium „fit" für die Schule gebe es dabei nicht.

Amtsuntersuchungen finden wegen der Corona-Pandemie derzeit kaum statt. Auch bei den Rückstellungsanträgen gibt es laut Kreis Verzögerungen. Man habe darum nach anderen Lösungen gesucht. „Wir haben uns mit dem Schulamt zusammengetan und die Eltern angeschrieben", berichtet Kreis-Dezernent Hans-Joerg Deichholz. Sie wurden gebeten, medizinische Nachweise einzureichen. Dann werde auf Aktenbasis entschieden. In dringenden Fällen würden Kinder aber auch untersucht.

Antrag gescheitert

Markus Reimer hatte seinem Antrag auf Zurückstellung ein Schreiben des Kinderarztes beigefügt. „Der hat bestätigt, dass es für Hannas emotionale Reife besser wäre, mit der Einschulung zu warten." Auch die Leitung der Portaner Schule habe seine Beweggründe nachvollziehen können. Reimer musste mit seinem Kind dann doch zur Untersuchung beim Amtsarzt. „Da wurde einfach nur ein Katalog abgearbeitet und gar nicht gefragt, wie wir auf die Rückstellung gekommen sind." Das Ergebnis: „Hanna sei absolut schulreif." Die Untersuchung habe einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, er fühlte sich nicht gut behandelt: „Da werden Kinder nach Tabellen und Büchern bewertet." Dass ein Kind Angst zeige, spiele keine Rolle. „Eigentlich geht man überall auf Menschen ein, nur bei der Einschulung nicht", meint er.

Auch Beatrix A., die selber Ärztin ist, kritisiert die medizinischen Gutachten als Entscheidungsgrundlage. Sie findet, die Einschätzung des Kindergartens und der Eltern müsse mehr Gewicht bekommen.

Eltern müssen von der Schulleitung angehört werden – so steht es in den Hinweisen zur Zurückstellung, die 2017 unter Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) präzisiert wurden. Scheinbar hatte es in der praktischen Anwendung Unsicherheiten gegeben. Demnach reicht das schulärztliche Gutachten allein nicht aus, Eltern können fachärztliche oder fachtherapeutische Stellungnahmen vorlegen. Marita Stein-Willemsen, Leiterin der Domschule, erhält beispielsweise jährlich ein bis zwei solcher Anträge. Diese prüfe sie sorgfältig und entscheide in enger Abstimmung mit allen Beteiligten, auch mit der Kindertagesstätte, mit besonderem Blick auf das Wohl des Kindes, berichtet sie.

Markus Reimer erhielt den Hinweis, er könne einen Psychologen wegen eines Gutachtens kontaktieren. „Es hatte aber keiner Zeit oder einen freien Platz", berichtet der 28-Jährige. Sein Antrag wurde schließlich abgelehnt. Mittlerweile hat er seinen Frieden damit gemacht. „Ich habe es jetzt akzeptiert und hoffe, dass es ihr damit gut geht."

Ein Kommentar von Doris Christoph: Mehr Mitsprache für Eltern

Die Einschulung wird von vielen Eltern als krasser Einschnitt erlebt: Eben noch im Kindergarten, startet für den Nachwuchs jetzt der Ernst des Lebens. Das zu akzeptieren dürfte bei Jungen und Mädchen, die beim Schulstart erst oder noch fünf Jahre alt sind, noch schwerer fallen.

Kritiker mögen nun sagen: Da kann jemand nicht loslassen. Das mag sein. Doch Eltern so gar keine Mitsprache beim Einschulungszeitpunkt zu geben, ist falsch. Die meisten können ihr Kind schon richtig einschätzen. Stattdessen werden sie in NRW bei der Zurückstellung vor schier unüberwindbare Hürden gestellt und müssen ihr Kind als körperlich oder seelisch beeinträchtigt stigmatisieren lassen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass nur Eltern diesen Weg gehen, die über entsprechendes Wissen und langen Atem verfügen.

Eine Korridorregelung wie in Bayern gibt Eltern Entscheidungsfreiheit und entlastet gleichzeitig die Schulleitungen, die als letzte Instanz über die Rückstellungsanträge entscheiden müssen. Aber sie sorgt auch für Unwägbarkeiten: bei der Zahl der Erstklässler, für die Unterricht organisiert werden muss, und bei den eh schon raren Kindergartenplätzen, die weiter vorgehalten werden müssten. Vielleicht sind auch das Gründe, warum die Umstellung auf einen früheren Stichtag oder die Einführung der Korridorregelung in weiter Ferne sind.

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