Früher Disco – heute Supermarkt: So hat sich das Einsatzgebiet der Sicherheitsbranche mit Corona gewandelt Fabian Terwey Minden. Plötzlich stürmt ein Mann wutentbrannt auf Nicole Vormschlag zu und versucht, die 26-Jährige mit voller Wucht zu treten. „Er stand unter Drogen und hat mich zum Glück verfehlt“, erinnert sich die Sicherheitskraft an den Vorfall auf einem Festival in Osnabrück. Das Erlebnis ist ihr nachhaltig in Erinnerung geblieben: „Denn es zeigt, es geht schneller, als du blinzeln kannst.“ Nicole Vormschlag ist seitdem zwar nochmal mehr auf der Hut, den Kontakt zu Menschen liebt sie aber weiterhin. Der war schon ihr Antrieb, als sie ihren Job als Ordnungshüterin vor sieben Jahren ergriff. In der Corona-Pandemie hat sich ihr Aufgabengebiet jedoch ebenso wie die komplette Sicherheitsbranche stark verändert. „Die Hygienemaßnahmen haben den Veranstaltungsbereich ersetzt“, berichtet Patrick Vormschlag. Nicole Vormschlags 32-jähriger Bruder führt das Mindener Sicherheitsunternehmen „K9 Save House“, bei dem auch seine Schwester angestellt ist. „Finanzielle Einbußen oder Kurzarbeit hatten wir durch Corona nicht. Aber was früher für uns das Konzert war, ist heute der Supermarkt oder der Einzelhandel“, erklärt Patrick Vormschlag. Seine derzeitigen 90 Mitarbeiter mussten sich deshalb in der Pandemie umstellen. Statt darauf zu achten, ob Disco-, Stadion oder Hallenbesucher auch friedlich und nüchtern genug für den Einlass sind und keine verbotenen Utensilien mitführen, kontrollieren sie nun, ob Kunden Maske tragen und zur Einhaltung der Abstandsregeln einen Einkaufswagen vor sich herschieben. Denn bei coronabedingten Geisterspielen von Auftraggebern wie Handball-Bundesligist GWD Minden und Fußball-Vereinen von der Bundes- bis zur Regionalliga sind derzeit keine Zuschauer zugelassen. Verstärkt nachgefragt seien bei dem Sicherheitsdienst dagegen nun nächtliche Reviertouren – etwa vor Schulen und in Wohnbezirken. Auch am Impfzentrum in Hille arbeiten die Sicherheitskräfte von „K9 Save House“ nun. „Corona hat in der Sicherheitsbranche vieles verändert“, sagt auch Frank Schiewe, Geschäftsbereichsleiter für den Sicherheitsdienst der der Sicherheitsfirma Prosure Service in Minden: „Hauptauftraggeber sind für uns jetzt Supermärkte und Einzelhändler. Da ist die Nachfrage gerade im vergangenen Jahr explodiert. Wir mussten dafür innerhalb kürzester Zeit 150 Personen abstellen.“ Mittlerweile flache die Nachfrage aber wieder langsam ab. Zu der Zeit, als Bau- und Elektrofachmärkte coronabedingt schließen mussten, habe seine Firma aber auch zehn Mitarbeiter für ein paar Monate in Kurzarbeit schicken müssen. „Die Nachfrage nach Einsätzen für die öffentliche Sicherheit wie etwa Streifenfahrten zur Unterstützung der Polizei hat in der Pandemie zugenommen und ist ungebrochen“, erklärt Frank Schiewe weiter: „Aber auch Industriekontrollen und Werkschutz gehören zu unserem Service.“ „Die Reaktionen auf unsere Arbeit fallen in der Corona-Krise extremer aus“, berichtet Patrick Vormschlag von einer weiteren Veränderung: „Während einige Leute anfangs gereizter auf Hinweise reagiert haben und zuweilen beratungsresistent waren, danken uns mittlerweile teilweise die Leute für unsere Arbeit und schenken uns sogar mal ein Brötchen vom nebenliegenden Bäcker.“ Montags bis freitags ist die Oberlübberin Nicole Vormschlag für ihren Arbeitgeber als Empfangsdame bei einem größeren Osnabrücker Unternehmen tätig: „Meine Hauptaufgabe besteht darin, Lkw-Fahrer in Empfang zu nehmen. Viele sind wegen fehlender Deutschkenntnisse unsicher und wissen oft nicht, wie sie sich wegen der Corona-Auflagen verhalten sollen.“ Nicole Vormschlag gehe stets offen und freundlich auf alle zu: „Mein Motto ist: So wie ich mit jemandem umgehe, so werde auch ich behandelt.“ Beim Empfang der Lkw habe das größte Konfliktpotenzial wegen des Infrarotgeräts bestanden, das bei den Fahrern in der Einlassschleuse coronabedingt Fieber messen musste: „Das wollten viele nicht. Mittlerweile haben sich die meisten daran gewöhnt.“ Nachdem Nicole Vormschlag mit 19 Jahren in einer Mindener Spielhalle als Kellnerin gearbeitet hatte, orientierte sie sich um. Die heute 26-Jährige qualifizierte sich bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Beruf im Sicherheitsbereich und ist seitdem in der Branche tätig: „Im Service habe ich nur Getränke gebracht. Jetzt sehe ich viel mehr.“ Zu ihren Befugnissen gehört, das Hausrecht des jeweiligen Auftraggebers durchzusetzen. Das kann auch das Aussprechen von Platzverweisen beinhalten. Waffen darf sie bei ihren Einsätzen derzeit nicht tragen. Sollte die Sache zu eskalieren drohen, ist die Polizei hinzuziehen. Letztlich habe sie als Frau viele positive Reaktionen für ihr Auftreten wahrgenommen: „In Notunterkünften für Flüchtlinge waren einige Männer beispielsweise erstmal überrascht, dass dort eine Frau als Sicherheitskraft arbeitet. Das hat sich aber schnell gelegt.“ Patrick Vormschlag erklärt: „Durch ein professionelles Auftreten wird man akzeptiert und es kommt weder auf das Geschlecht noch auf die körperliche Größe an.“ Frank Schiewe erklärt, dass auch bei Prosure immer mehr Frauen den Job als Sicherheitskraft ergriffen, wenngleich Männer in der Mehrzahl blieben: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht. Frauen übernehmen dieselben Aufgaben wie Männer und wirken oft eher deeskalierend.“ Patrick Vormschlag berichtet: „Ich brauchte Mitarbeiter und bei meiner Schwester wusste ich, dass sie einen 100-prozentigen Job macht. Deshalb habe ich sie eingestellt. Der Männeranteil in der Branche ist zwar nach wie vor höher. Doch auch bei uns bewerben sich immer mehr Frauen.“ Auch eine Friseurin habe sich bei ihm nach einem Job erkundigt, als ihr Salon coronabedingt schließen musste. „Wer nur fürs Geld arbeitet, ist aber falsch in dem Job“, betont Patrick Vormschlag: „Es muss schon Spaß machen.“ Auch seine Schwester hebt hervor: „Einsätze an Wochenenden, Weihnachten und Silvester sind die Regel. Auf der anderen Seite komme ich viel herum und erlebe Dinge, die für andere nicht möglich sind.“ Bei ihren bundesweiten Einsätzen in der Vor-Coronazeit habe sie unter anderem im VIP-Bereich gearbeitet und ist auch mit Musiker Max Giesinger und den Comedians Atze Schröder und Carolin Kebekus ins Gespräch gekommen. Den engeren Kontakt wünscht sich Nicole Vormschlag auch wegen solcher Erlebnisse schnell zurück: „Ich hoffe, dass ich bald wieder auf Festivals kann.“ Nur auf Vorfälle wie den in Osnabrück kann sie getrost verzichten.

Früher Disco – heute Supermarkt: So hat sich das Einsatzgebiet der Sicherheitsbranche mit Corona gewandelt

Sie stehen für Sicherheit: Patrick Vormschlag (links) führt das Mindener Unternehmen „K9 Save House“. Das Tätigkeitsfeld seiner Schwester Nicole Vormschlag hat sich coronabedingt verändert. MT-Foto: Fabian Terwey

Minden. Plötzlich stürmt ein Mann wutentbrannt auf Nicole Vormschlag zu und versucht, die 26-Jährige mit voller Wucht zu treten. „Er stand unter Drogen und hat mich zum Glück verfehlt“, erinnert sich die Sicherheitskraft an den Vorfall auf einem Festival in Osnabrück. Das Erlebnis ist ihr nachhaltig in Erinnerung geblieben: „Denn es zeigt, es geht schneller, als du blinzeln kannst.“ Nicole Vormschlag ist seitdem zwar nochmal mehr auf der Hut, den Kontakt zu Menschen liebt sie aber weiterhin. Der war schon ihr Antrieb, als sie ihren Job als Ordnungshüterin vor sieben Jahren ergriff. In der Corona-Pandemie hat sich ihr Aufgabengebiet jedoch ebenso wie die komplette Sicherheitsbranche stark verändert.

„Die Hygienemaßnahmen haben den Veranstaltungsbereich ersetzt“, berichtet Patrick Vormschlag. Nicole Vormschlags 32-jähriger Bruder führt das Mindener Sicherheitsunternehmen „K9 Save House“, bei dem auch seine Schwester angestellt ist. „Finanzielle Einbußen oder Kurzarbeit hatten wir durch Corona nicht. Aber was früher für uns das Konzert war, ist heute der Supermarkt oder der Einzelhandel“, erklärt Patrick Vormschlag. Seine derzeitigen 90 Mitarbeiter mussten sich deshalb in der Pandemie umstellen. Statt darauf zu achten, ob Disco-, Stadion oder Hallenbesucher auch friedlich und nüchtern genug für den Einlass sind und keine verbotenen Utensilien mitführen, kontrollieren sie nun, ob Kunden Maske tragen und zur Einhaltung der Abstandsregeln einen Einkaufswagen vor sich herschieben. Denn bei coronabedingten Geisterspielen von Auftraggebern wie Handball-Bundesligist GWD Minden und Fußball-Vereinen von der Bundes- bis zur Regionalliga sind derzeit keine Zuschauer zugelassen. Verstärkt nachgefragt seien bei dem Sicherheitsdienst dagegen nun nächtliche Reviertouren – etwa vor Schulen und in Wohnbezirken. Auch am Impfzentrum in Hille arbeiten die Sicherheitskräfte von „K9 Save House“ nun.

„Corona hat in der Sicherheitsbranche vieles verändert“, sagt auch Frank Schiewe, Geschäftsbereichsleiter für den Sicherheitsdienst der der Sicherheitsfirma Prosure Service in Minden: „Hauptauftraggeber sind für uns jetzt Supermärkte und Einzelhändler. Da ist die Nachfrage gerade im vergangenen Jahr explodiert. Wir mussten dafür innerhalb kürzester Zeit 150 Personen abstellen.“ Mittlerweile flache die Nachfrage aber wieder langsam ab. Zu der Zeit, als Bau- und Elektrofachmärkte coronabedingt schließen mussten, habe seine Firma aber auch zehn Mitarbeiter für ein paar Monate in Kurzarbeit schicken müssen. „Die Nachfrage nach Einsätzen für die öffentliche Sicherheit wie etwa Streifenfahrten zur Unterstützung der Polizei hat in der Pandemie zugenommen und ist ungebrochen“, erklärt Frank Schiewe weiter: „Aber auch Industriekontrollen und Werkschutz gehören zu unserem Service.“

Malina Reckordt

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„Die Reaktionen auf unsere Arbeit fallen in der Corona-Krise extremer aus“, berichtet Patrick Vormschlag von einer weiteren Veränderung: „Während einige Leute anfangs gereizter auf Hinweise reagiert haben und zuweilen beratungsresistent waren, danken uns mittlerweile teilweise die Leute für unsere Arbeit und schenken uns sogar mal ein Brötchen vom nebenliegenden Bäcker.“

Montags bis freitags ist die Oberlübberin Nicole Vormschlag für ihren Arbeitgeber als Empfangsdame bei einem größeren Osnabrücker Unternehmen tätig: „Meine Hauptaufgabe besteht darin, Lkw-Fahrer in Empfang zu nehmen. Viele sind wegen fehlender Deutschkenntnisse unsicher und wissen oft nicht, wie sie sich wegen der Corona-Auflagen verhalten sollen.“ Nicole Vormschlag gehe stets offen und freundlich auf alle zu: „Mein Motto ist: So wie ich mit jemandem umgehe, so werde auch ich behandelt.“ Beim Empfang der Lkw habe das größte Konfliktpotenzial wegen des Infrarotgeräts bestanden, das bei den Fahrern in der Einlassschleuse coronabedingt Fieber messen musste: „Das wollten viele nicht. Mittlerweile haben sich die meisten daran gewöhnt.“

Nachdem Nicole Vormschlag mit 19 Jahren in einer Mindener Spielhalle als Kellnerin gearbeitet hatte, orientierte sie sich um. Die heute 26-Jährige qualifizierte sich bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Beruf im Sicherheitsbereich und ist seitdem in der Branche tätig: „Im Service habe ich nur Getränke gebracht. Jetzt sehe ich viel mehr.“ Zu ihren Befugnissen gehört, das Hausrecht des jeweiligen Auftraggebers durchzusetzen. Das kann auch das Aussprechen von Platzverweisen beinhalten. Waffen darf sie bei ihren Einsätzen derzeit nicht tragen. Sollte die Sache zu eskalieren drohen, ist die Polizei hinzuziehen.

Letztlich habe sie als Frau viele positive Reaktionen für ihr Auftreten wahrgenommen: „In Notunterkünften für Flüchtlinge waren einige Männer beispielsweise erstmal überrascht, dass dort eine Frau als Sicherheitskraft arbeitet. Das hat sich aber schnell gelegt.“ Patrick Vormschlag erklärt: „Durch ein professionelles Auftreten wird man akzeptiert und es kommt weder auf das Geschlecht noch auf die körperliche Größe an.“

Frank Schiewe erklärt, dass auch bei Prosure immer mehr Frauen den Job als Sicherheitskraft ergriffen, wenngleich Männer in der Mehrzahl blieben: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht. Frauen übernehmen dieselben Aufgaben wie Männer und wirken oft eher deeskalierend.“

Patrick Vormschlag berichtet: „Ich brauchte Mitarbeiter und bei meiner Schwester wusste ich, dass sie einen 100-prozentigen Job macht. Deshalb habe ich sie eingestellt. Der Männeranteil in der Branche ist zwar nach wie vor höher. Doch auch bei uns bewerben sich immer mehr Frauen.“ Auch eine Friseurin habe sich bei ihm nach einem Job erkundigt, als ihr Salon coronabedingt schließen musste. „Wer nur fürs Geld arbeitet, ist aber falsch in dem Job“, betont Patrick Vormschlag: „Es muss schon Spaß machen.“ Auch seine Schwester hebt hervor: „Einsätze an Wochenenden, Weihnachten und Silvester sind die Regel. Auf der anderen Seite komme ich viel herum und erlebe Dinge, die für andere nicht möglich sind.“ Bei ihren bundesweiten Einsätzen in der Vor-Coronazeit habe sie unter anderem im VIP-Bereich gearbeitet und ist auch mit Musiker Max Giesinger und den Comedians Atze Schröder und Carolin Kebekus ins Gespräch gekommen. Den engeren Kontakt wünscht sich Nicole Vormschlag auch wegen solcher Erlebnisse schnell zurück: „Ich hoffe, dass ich bald wieder auf Festivals kann.“ Nur auf Vorfälle wie den in Osnabrück kann sie getrost verzichten.

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