Freizeitangebote und Ferienspiele der Lebenshilfe starten schleppend - mit Folgen für die Mitarbeiter Doris Christoph Minden. Carsten ging es in den vergangenen Wochen schlecht: Sein regelmäßiger Samstagabendtreff für Menschen mit Behinderung fiel aus, die Kochgruppe ebenfalls – und auch Rehasport wurde wegen der Corona-Einschränkungen nicht mehr bei der Lebenshilfe angeboten. „Meine Depressionen sind verstärkt worden“, berichtet der 45-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch Anja Nahrwold, die im Ambulant Betreuten Wohnen der Lebenshilfe eine eigene Wohnung hat, fehlten die Angebote. „Ich habe viel weniger Leute als sonst gesehen“, sagt die 52-Jährige über die Zeit der Corona-Zwangspause. Seit ein paar Wochen hat sich die Stimmung der beiden verbessert: Einige Angebote des Vereins sind wieder im Lebenshilfe-Center an der Alten Sandtrift gestartet. Doch die – wie auch die derzeit laufenden Ferienspiele für Kinder mit Förderbedarf – haben noch nicht zu alter Stärke zurückgefunden: Von 50 Gruppen im Monat konnten nach der schrittweisen Öffnung nur etwa zwölf wieder angeboten werden, berichtet Lebenshilfe-Geschäftsführer Jochen Rogmann. Das hat nicht nur mit den neuen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften zu tun. „Viele unserer Besucher sind besorgt wegen der Ansteckungsgefahr“, berichtet Rogmann. Wer sich nicht an Regeln halten kann, wurde zudem zu den Angeboten nicht mehr eingeladen. Deshalb kamen insgesamt für viele Gruppen nicht genügend Teilnehmer zusammen. Ähnlich sieht es bei den jeweils einwöchigen Ferienspielen aus. Rogmann und sein Team haben ein Abstands- und Hygienekonzept ausgearbeitet: Die Platzzahl wurde verringert. Es gibt zwei Gruppen, die sich aber nicht begegnen. Mitarbeiter tragen Mund-Nasenschutz. Jeden Morgen fragen sie zudem den Gesundheitszustand der Teilnehmer ab. Trotzdem meldeten sich nur zehn bis 15 Kinder an. In den vorigen Jahren waren es 40 bis 50, es gab Wartelisten. Auch hier vermutet Rogmann Angst um die Kinder. „Viele gehören zur Risikogruppe“, weiß er. „Kinder mit Förderbedarf haben häufig Nebenerkrankungen.“ Was hingegen in den Ferien zugenommen hat: die Nachfrage nach Eins-zu-eins-Betreuung. Dafür kommt ein Mitarbeiter der Lebenshilfe in die Familien und übernimmt die Betreuung, um die Eltern zu entlasten. „Das wurde sonst in den Ferien wenig oder gar nicht gebucht“, sagt Rogmann. Die Nachfrage war bereits mit den Schulschließungen gestiegen. Der Rückzug ins Private, der mit den Corona-Einschränkungen begann, hält so auch nach den Lockerungen weiter an. Bei den Ferienspielen geht es nicht nur um Spiel und Spaß für die Kinder, betont Pirkko Kleine aus Hille: „Die soziale Komponente ist riesig.“ Ihre Tochter Brianna (15) besucht bei der Lebenshilfe die Psychomotorik-Gruppe, die mangels Nachfrage nicht wieder angeboten wurde. Auch die Cuxhaven-Freizeit fiel für die 15-Jährige aus. Stattdessen organisierte die Lebenshilfe täglich Unternehmungen. „Wir haben zum Beispiel Magnetangeln von der Fußgängerbrücke gemacht“, berichtet Brianna. Kinder mit Behinderung könnten sich nicht einfach so mit anderen zum Spielen verabreden, erklärt Jochen Rogmann. Für die Pflege müsse meistens ein Elternteil dabei sein. Die Klassenkameraden leben – wegen des großen Einzugsgebiets von Förderschulen – zudem oft weit verstreut. „Bei den Ferienspielen kann Brianna mit anderen Kindern von hier zusammen sein“, sagt Pirkko Kleine. Sie versteht aber auch die Entscheidung anderer Eltern: „Viele der Kinder haben Atemwegsprobleme. Nicht zu den Ferienspielen zu können, ist zwar nicht schön für sie, aber notwendig.“ Auch Carsten fühlte sich in den vergangenen Wochen wegen des Wegfalls seiner Gruppen sozial isoliert. „Ich habe kaum jemanden gesehen in dieser Zeit“, berichtet er. Zumindest konnte er im Lebenshilfe-Center zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen vorbeischauen. Getroffen hat er aber auch dort kaum jemanden. Ähnlich ging es Anja Nahrwold. Als der Anruf kam, dass ihr Gruppentreffen wieder startet, war sie Feuer und Flamme. „Ich habe sofort Ja gesagt. Aber wir müssen Abstand halten.“ Mal wieder jemanden in den Arm zu nehmen, fehlt ihr aber weiterhin. Wie es mit den Gruppen weitergeht? Rogmann spricht von einem langsamen Herantasten. Der Geschäftsführer macht sich dabei aber auch Sorgen um seine Mitarbeiter. 90 von 135 sind in Kurzarbeit. Betroffen sind vor allem die, die sonst vormittags als Schulbegleiter und nachmittags in der Gruppenbetreuung im Einsatz waren. Einige von ihnen sind nun stattdessen in der Eins-zu-eins-Betreuung tätig. Die Kurzarbeit sei gleich nach der Schließung der Schulen mit dem Betriebsrat vereinbart worden, erklärt Jochen Rogmann. Enttäuscht ist er darüber, dass von den Kostenträgern keine finanzielle Hilfe für seine Angestellten kam. „Sie sparen ja das im Haushalt bereitgestellte Geld für die Schulstunden.“ Als gemeinnütziges Unternehmen habe die Lebenshilfe selber keine Rücklagen, um diese weiterzugeben. Derzeit beantragt der Geschäftsführer Kompensationsleistungen für Sozialunternehmen. „Aber das ist sehr kompliziert.“ Als Arbeitgeber fühle er sich machtlos, er sehe, dass es den Mitarbeitern derzeit nicht gut gehe. Einige haben sich bereits wegbeworben. Und Rogmann sorgt sich insgesamt um die derzeitige Situation behinderter Menschen. Kinder, die zur Risikogruppe gehören, durften die Förderschulen auch nach der schrittweisen Öffnung nicht besuchen. Dürfen sie es nach den Ferien? Und wie sieht es mit den Gruppenaktivitäten aus, deren Besuch über Leistungen etwa des Landschaftsverbands oder der Pflegekassen finanziert wird – und für die ja zurzeit Geld eingespart wird? Die Corona-Krise könnte den Nutzen solcher Dinge generell in Frage stellen, fürchtet Jochen Rogmann. „Ich habe die Sorge, dass Normalität für Menschen mit Behinderung in den Hintergrund tritt.“

Freizeitangebote und Ferienspiele der Lebenshilfe starten schleppend - mit Folgen für die Mitarbeiter

Brianna (15) und ihre Mutter Pirkko Kleine sind regelmäßige Besucher des Lebenshilfe-Zenters Centers. Hier hatte die 15-Jährige sonst Gruppen wie Psychomotorik, in denen sie zum Beispiel Hockey spielte, um ihre rechte Hand zu trainieren. MT- © Foto: Doris Christoph

Minden. Carsten ging es in den vergangenen Wochen schlecht: Sein regelmäßiger Samstagabendtreff für Menschen mit Behinderung fiel aus, die Kochgruppe ebenfalls – und auch Rehasport wurde wegen der Corona-Einschränkungen nicht mehr bei der Lebenshilfe angeboten. „Meine Depressionen sind verstärkt worden“, berichtet der 45-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch Anja Nahrwold, die im Ambulant Betreuten Wohnen der Lebenshilfe eine eigene Wohnung hat, fehlten die Angebote. „Ich habe viel weniger Leute als sonst gesehen“, sagt die 52-Jährige über die Zeit der Corona-Zwangspause.

Seit ein paar Wochen hat sich die Stimmung der beiden verbessert: Einige Angebote des Vereins sind wieder im Lebenshilfe-Center an der Alten Sandtrift gestartet. Doch die – wie auch die derzeit laufenden Ferienspiele für Kinder mit Förderbedarf – haben noch nicht zu alter Stärke zurückgefunden: Von 50 Gruppen im Monat konnten nach der schrittweisen Öffnung nur etwa zwölf wieder angeboten werden, berichtet Lebenshilfe-Geschäftsführer Jochen Rogmann.

Das hat nicht nur mit den neuen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften zu tun. „Viele unserer Besucher sind besorgt wegen der Ansteckungsgefahr“, berichtet Rogmann. Wer sich nicht an Regeln halten kann, wurde zudem zu den Angeboten nicht mehr eingeladen. Deshalb kamen insgesamt für viele Gruppen nicht genügend Teilnehmer zusammen.

Ähnlich sieht es bei den jeweils einwöchigen Ferienspielen aus. Rogmann und sein Team haben ein Abstands- und Hygienekonzept ausgearbeitet: Die Platzzahl wurde verringert. Es gibt zwei Gruppen, die sich aber nicht begegnen. Mitarbeiter tragen Mund-Nasenschutz. Jeden Morgen fragen sie zudem den Gesundheitszustand der Teilnehmer ab. Trotzdem meldeten sich nur zehn bis 15 Kinder an. In den vorigen Jahren waren es 40 bis 50, es gab Wartelisten. Auch hier vermutet Rogmann Angst um die Kinder. „Viele gehören zur Risikogruppe“, weiß er. „Kinder mit Förderbedarf haben häufig Nebenerkrankungen.“ Was hingegen in den Ferien zugenommen hat: die Nachfrage nach Eins-zu-eins-Betreuung.

Dafür kommt ein Mitarbeiter der Lebenshilfe in die Familien und übernimmt die Betreuung, um die Eltern zu entlasten. „Das wurde sonst in den Ferien wenig oder gar nicht gebucht“, sagt Rogmann. Die Nachfrage war bereits mit den Schulschließungen gestiegen. Der Rückzug ins Private, der mit den Corona-Einschränkungen begann, hält so auch nach den Lockerungen weiter an.

Bei den Ferienspielen geht es nicht nur um Spiel und Spaß für die Kinder, betont Pirkko Kleine aus Hille: „Die soziale Komponente ist riesig.“ Ihre Tochter Brianna (15) besucht bei der Lebenshilfe die Psychomotorik-Gruppe, die mangels Nachfrage nicht wieder angeboten wurde. Auch die Cuxhaven-Freizeit fiel für die 15-Jährige aus. Stattdessen organisierte die Lebenshilfe täglich Unternehmungen. „Wir haben zum Beispiel Magnetangeln von der Fußgängerbrücke gemacht“, berichtet Brianna.

Kinder mit Behinderung könnten sich nicht einfach so mit anderen zum Spielen verabreden, erklärt Jochen Rogmann. Für die Pflege müsse meistens ein Elternteil dabei sein. Die Klassenkameraden leben – wegen des großen Einzugsgebiets von Förderschulen – zudem oft weit verstreut. „Bei den Ferienspielen kann Brianna mit anderen Kindern von hier zusammen sein“, sagt Pirkko Kleine. Sie versteht aber auch die Entscheidung anderer Eltern: „Viele der Kinder haben Atemwegsprobleme. Nicht zu den Ferienspielen zu können, ist zwar nicht schön für sie, aber notwendig.“

Auch Carsten fühlte sich in den vergangenen Wochen wegen des Wegfalls seiner Gruppen sozial isoliert. „Ich habe kaum jemanden gesehen in dieser Zeit“, berichtet er. Zumindest konnte er im Lebenshilfe-Center zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen vorbeischauen. Getroffen hat er aber auch dort kaum jemanden.

Ähnlich ging es Anja Nahrwold. Als der Anruf kam, dass ihr Gruppentreffen wieder startet, war sie Feuer und Flamme. „Ich habe sofort Ja gesagt. Aber wir müssen Abstand halten.“ Mal wieder jemanden in den Arm zu nehmen, fehlt ihr aber weiterhin.

Wie es mit den Gruppen weitergeht? Rogmann spricht von einem langsamen Herantasten. Der Geschäftsführer macht sich dabei aber auch Sorgen um seine Mitarbeiter. 90 von 135 sind in Kurzarbeit. Betroffen sind vor allem die, die sonst vormittags als Schulbegleiter und nachmittags in der Gruppenbetreuung im Einsatz waren. Einige von ihnen sind nun stattdessen in der Eins-zu-eins-Betreuung tätig. Die Kurzarbeit sei gleich nach der Schließung der Schulen mit dem Betriebsrat vereinbart worden, erklärt Jochen Rogmann.

Enttäuscht ist er darüber, dass von den Kostenträgern keine finanzielle Hilfe für seine Angestellten kam. „Sie sparen ja das im Haushalt bereitgestellte Geld für die Schulstunden.“ Als gemeinnütziges Unternehmen habe die Lebenshilfe selber keine Rücklagen, um diese weiterzugeben. Derzeit beantragt der Geschäftsführer Kompensationsleistungen für Sozialunternehmen. „Aber das ist sehr kompliziert.“ Als Arbeitgeber fühle er sich machtlos, er sehe, dass es den Mitarbeitern derzeit nicht gut gehe. Einige haben sich bereits wegbeworben.

Und Rogmann sorgt sich insgesamt um die derzeitige Situation behinderter Menschen. Kinder, die zur Risikogruppe gehören, durften die Förderschulen auch nach der schrittweisen Öffnung nicht besuchen. Dürfen sie es nach den Ferien? Und wie sieht es mit den Gruppenaktivitäten aus, deren Besuch über Leistungen etwa des Landschaftsverbands oder der Pflegekassen finanziert wird – und für die ja zurzeit Geld eingespart wird? Die Corona-Krise könnte den Nutzen solcher Dinge generell in Frage stellen, fürchtet Jochen Rogmann. „Ich habe die Sorge, dass Normalität für Menschen mit Behinderung in den Hintergrund tritt.“

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