Frauen beim Mindener Bürgerbataillon? Urteil aus Bayern sorgt für Aufsehen Henning Wandel Minden. Das Vereinswesen hat in Deutschland eine Jahrhunderte alte Tradition. Und in vielen Vereinen spielt Tradition eine entscheidende Rolle. Das Mindener Bürgerbataillon etwa hat sich „Erhalt, Pflege und Förderung alten Mindener Brauchtums“ als Zweck in die Satzung geschrieben. Immer wieder aber geraten solche Vereinigungen politisch und gesellschaftlich in Bedrängnis, weil mit Blick auf eben diese Tradition eine Mitgliedschaft ausschließlich Männern vorbehalten ist. Es ist gerade einmal eineinhalb Jahre her, als der Bundesfinanzminister und jetzige SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in solchen Fällen die Gemeinnützigkeit und damit auch wichtige steuerliche Privilegien aberkennen wollte. Doch der Vorstoß verlief im Sande. Jetzt sorgt ein Urteil aus dem bayerischen Memmingen für Aufsehen: Eine Frau hat in erster Instanz vor dem Amtsgericht erfolgreich ihre Teilnahme am Fischertag erstritten, die eigentlich nur Jungen und Männern erlaubt ist. Jetzt befasst sich das Landgericht damit, ein Urteil wird im Juli erwartet. Die Anlässe, über eine Öffnung hin zur Gleichberechtigung zu sprechen, kommen also anscheinend in immer kürzeren Abständen. Auch das Bürgerbataillon hat das Thema grundsätzlich auf der Agenda, steht in der Diskussion aber noch ganz am Anfang, wie Stadtmajor Heinz Joachim Pecher gegenüber dem MT sagt. Der Vereinsvorsitzende spricht von einem Prozess: „Es ist gut, dass der jetzt stattfindet, die nötige Dreiviertelmehrheit für eine Satzungsänderung ist aber im Moment noch nicht absehbar.“ Die Mitglieder des Bataillons sind in der Frage gespalten, wie aus den Ergebnissen eine Umfrage hervorgeht, die das Bataillon intern, aber auch in der Mindener Gesellschaft gemacht hat. Darin wurde auch die Zustimmung zu dem Satz „Wir müssen uns mit dem Thema Frauen im Bataillon beschäftigen“ abgefragt. Mit 48 Prozent hatte hier knapp die Hälfte der Bataillonsmitglieder das Ja angekreuzt. Obwohl die Formulierung sehr vage gehalten war, fand sich also keine Mehrheit. Im Mai 2020 hatten sich von 415 Mitgliedern 265 beteiligt. Ganz anders haben sich die Mindener in dieser Frage positioniert: Hier lag die Zustimmung unter den 770 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei 73 Prozent. Für das Bataillon bedeutet das laut Pecher, dass in der weiteren Aufarbeitung der Umfrageergebnisse auch das Frauen-Thema zu den Hauptfeldern zählt. Bisher habe es nach einer Klausurtagung zu den Umfrageergebnissen wegen der Pandemie erst einen Workshop gegeben, weitere sollen aber folgen. Pecher erklärt die Mitgliedschaft allein für Männer mit der Historie des Bürgerbataillons, das in der Vergangenheit Festungsdienste geleistet und auch die Aufgabe der Feuerwehr übernommen hat. Die Kompanien waren für den Schutz der Stadt also von überragender Bedeutung – in einer Zeit, als eine solche Rolle für Frauen undenkbar war. Im heutigen Bürgerbataillon sind Frauen zwar bei vielen Anlässen mit dabei, der Kontakt kommt aber in aller Regel durch die Männer zustande und eben nicht durch eine eigene Mitgliedschaft. Aber gibt es überhaupt ein reales Interesse? „Bisher ist noch keine Frau wegen einer Mitgliedschaft an mich herangetreten“, sagt Pecher, der schon seit acht Jahren Stadtmajor ist und auch schon vorher dem Vorstand angehört hatte. Und wenn es doch einmal zu einer Öffnung kommen sollte? „Dann müssen wir sehen, wie wir die Frauen einbinden“, so Pecher. Eine eigene Frauenkompanie könne eine Option sein. Doch die Mitgliedschaft verpflichte zur Darstellung der Tradition – auch in Uniform. Wie die für weibliche Mitglieder aussehen könnte, ist völlig offen. Pecher macht aber auch klar, dass es nicht um grundsätzliche Ablehnung geht. Der ehemalige Berufssoldat hat bei der Bundeswehr aus erster Hand erfahren, wie eine Öffnung für alle Geschlechter funktionieren kann. Als sich die erste Frau den Zugang zum aktiven Militärdienst ebenfalls über ein Gericht erstritten hatte, hätten sich viele die Frage gestellt, ob Frauen das können. Inzwischen sei längst klar: „Ja, die können das“, sagt Pecher. Mit dem aktuellen Fall des Memminger Fischertagsvereins lässt sich das Bürgerbataillon ohnehin nicht eins zu eins vergleichen. Dort dürfen Frauen nämlich Mitglied werden, der traditionelle Sprung in den Stadtbach bleibt ihnen aber verwehrt. Das wäre so, als würde das Bürgerbataillon Frauen zwar aufnehmen, ihnen aber die Teilnahme am Ausmarsch oder am Schießen verbieten. Und die Debatte um den vorläufig gescheiterten Vorstoß des Finanzministers zeigt auch, dass eine Mitgliedschaft nur für Männer nicht zwingend diskriminierend sein muss. Bei Olaf Scholz ging es um einen Ausschluss ohne sachliche Begründung. Aber schon sein Parteikollege und jetzige SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans sagte damals der „Welt“, dass die Gemeinnützigkeit für Vereine, die sich der Traditionspflege verschrieben hätten und hohes soziales Engagement zeigten, nicht infrage gestellt werden dürfe. Wie sich aber der Memminger Fall auf Vereine wie das Bürgerbataillon auswirkt, ist völlig offen. Wie die „Augsburger Allgemeine“ berichtet, hatte der Richter am Landgericht auch deshalb auf eine gütliche Einigung gedrängt. Und falls es durch alle Instanzen geht, dürften bis zu einer endgültigen Entscheidung Jahre vergehen. Sicher scheint nur: Die Vereine werden sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen. Das zeigen nicht nur Prozesse wie in Memmingen oder Debatten um Gemeinnützigkeit, sondern auch das deutliche Ergebnis der Umfrage unter den Mindener Bürgerinnen und Bürgern.

Frauen beim Mindener Bürgerbataillon? Urteil aus Bayern sorgt für Aufsehen

Paradetag zum Freischießen: Mit seiner langen Tradition ist das Bürgerbataillon ein Verein nur für Männer. Doch die Debatte um eine Öffnung solcher Vereine erreicht auch Minden. MT-Archivfoto: Alex Lehn © Lehn, Alexander

Minden. Das Vereinswesen hat in Deutschland eine Jahrhunderte alte Tradition. Und in vielen Vereinen spielt Tradition eine entscheidende Rolle. Das Mindener Bürgerbataillon etwa hat sich „Erhalt, Pflege und Förderung alten Mindener Brauchtums“ als Zweck in die Satzung geschrieben. Immer wieder aber geraten solche Vereinigungen politisch und gesellschaftlich in Bedrängnis, weil mit Blick auf eben diese Tradition eine Mitgliedschaft ausschließlich Männern vorbehalten ist. Es ist gerade einmal eineinhalb Jahre her, als der Bundesfinanzminister und jetzige SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in solchen Fällen die Gemeinnützigkeit und damit auch wichtige steuerliche Privilegien aberkennen wollte. Doch der Vorstoß verlief im Sande.

Jetzt sorgt ein Urteil aus dem bayerischen Memmingen für Aufsehen: Eine Frau hat in erster Instanz vor dem Amtsgericht erfolgreich ihre Teilnahme am Fischertag erstritten, die eigentlich nur Jungen und Männern erlaubt ist. Jetzt befasst sich das Landgericht damit, ein Urteil wird im Juli erwartet.

Die Anlässe, über eine Öffnung hin zur Gleichberechtigung zu sprechen, kommen also anscheinend in immer kürzeren Abständen. Auch das Bürgerbataillon hat das Thema grundsätzlich auf der Agenda, steht in der Diskussion aber noch ganz am Anfang, wie Stadtmajor Heinz Joachim Pecher gegenüber dem MT sagt. Der Vereinsvorsitzende spricht von einem Prozess: „Es ist gut, dass der jetzt stattfindet, die nötige Dreiviertelmehrheit für eine Satzungsänderung ist aber im Moment noch nicht absehbar.“


Die Mitglieder des Bataillons sind in der Frage gespalten, wie aus den Ergebnissen eine Umfrage hervorgeht, die das Bataillon intern, aber auch in der Mindener Gesellschaft gemacht hat. Darin wurde auch die Zustimmung zu dem Satz „Wir müssen uns mit dem Thema Frauen im Bataillon beschäftigen“ abgefragt. Mit 48 Prozent hatte hier knapp die Hälfte der Bataillonsmitglieder das Ja angekreuzt. Obwohl die Formulierung sehr vage gehalten war, fand sich also keine Mehrheit. Im Mai 2020 hatten sich von 415 Mitgliedern 265 beteiligt.

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Sollten Frauen auch Mitglieder im Mindener Bürgerbataillon werden dürfen?

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Ganz anders haben sich die Mindener in dieser Frage positioniert: Hier lag die Zustimmung unter den 770 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei 73 Prozent. Für das Bataillon bedeutet das laut Pecher, dass in der weiteren Aufarbeitung der Umfrageergebnisse auch das Frauen-Thema zu den Hauptfeldern zählt. Bisher habe es nach einer Klausurtagung zu den Umfrageergebnissen wegen der Pandemie erst einen Workshop gegeben, weitere sollen aber folgen.

Pecher erklärt die Mitgliedschaft allein für Männer mit der Historie des Bürgerbataillons, das in der Vergangenheit Festungsdienste geleistet und auch die Aufgabe der Feuerwehr übernommen hat. Die Kompanien waren für den Schutz der Stadt also von überragender Bedeutung – in einer Zeit, als eine solche Rolle für Frauen undenkbar war. Im heutigen Bürgerbataillon sind Frauen zwar bei vielen Anlässen mit dabei, der Kontakt kommt aber in aller Regel durch die Männer zustande und eben nicht durch eine eigene Mitgliedschaft.

Aber gibt es überhaupt ein reales Interesse? „Bisher ist noch keine Frau wegen einer Mitgliedschaft an mich herangetreten“, sagt Pecher, der schon seit acht Jahren Stadtmajor ist und auch schon vorher dem Vorstand angehört hatte. Und wenn es doch einmal zu einer Öffnung kommen sollte? „Dann müssen wir sehen, wie wir die Frauen einbinden“, so Pecher. Eine eigene Frauenkompanie könne eine Option sein. Doch die Mitgliedschaft verpflichte zur Darstellung der Tradition – auch in Uniform. Wie die für weibliche Mitglieder aussehen könnte, ist völlig offen. Pecher macht aber auch klar, dass es nicht um grundsätzliche Ablehnung geht. Der ehemalige Berufssoldat hat bei der Bundeswehr aus erster Hand erfahren, wie eine Öffnung für alle Geschlechter funktionieren kann. Als sich die erste Frau den Zugang zum aktiven Militärdienst ebenfalls über ein Gericht erstritten hatte, hätten sich viele die Frage gestellt, ob Frauen das können. Inzwischen sei längst klar: „Ja, die können das“, sagt Pecher.

Mit dem aktuellen Fall des Memminger Fischertagsvereins lässt sich das Bürgerbataillon ohnehin nicht eins zu eins vergleichen. Dort dürfen Frauen nämlich Mitglied werden, der traditionelle Sprung in den Stadtbach bleibt ihnen aber verwehrt. Das wäre so, als würde das Bürgerbataillon Frauen zwar aufnehmen, ihnen aber die Teilnahme am Ausmarsch oder am Schießen verbieten. Und die Debatte um den vorläufig gescheiterten Vorstoß des Finanzministers zeigt auch, dass eine Mitgliedschaft nur für Männer nicht zwingend diskriminierend sein muss. Bei Olaf Scholz ging es um einen Ausschluss ohne sachliche Begründung. Aber schon sein Parteikollege und jetzige SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans sagte damals der „Welt“, dass die Gemeinnützigkeit für Vereine, die sich der Traditionspflege verschrieben hätten und hohes soziales Engagement zeigten, nicht infrage gestellt werden dürfe.

Wie sich aber der Memminger Fall auf Vereine wie das Bürgerbataillon auswirkt, ist völlig offen. Wie die „Augsburger Allgemeine“ berichtet, hatte der Richter am Landgericht auch deshalb auf eine gütliche Einigung gedrängt. Und falls es durch alle Instanzen geht, dürften bis zu einer endgültigen Entscheidung Jahre vergehen. Sicher scheint nur: Die Vereine werden sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen. Das zeigen nicht nur Prozesse wie in Memmingen oder Debatten um Gemeinnützigkeit, sondern auch das deutliche Ergebnis der Umfrage unter den Mindener Bürgerinnen und Bürgern.

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