Förderschule steht vor Veränderungen Nadine Conti Minden (mt). Es gibt Schulleitersorgen, die sind an allen Schulen ähnlich: Zu wenig Räume, zu wenig Personal, zu viel Sanierungsbedarf. Das ist an der Wichernschule nicht anders. Die Förderschule mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“ ist allerdings in mehr als einer Hinsicht ein besonderer Fall – nicht nur weil ganz oben auf der dringend gewünschten Sanierungsliste der Hubboden im Lehrschwimmbecken steht. Das fängt schon bei der Trägerschaft an: Die Wichernschule nimmt etwa zur Hälfte Schüler aus der Stadt Minden und dem Kreisgebiet auf, Schulträger ist die Diakonie Stiftung Salem. Wenn es um zusätzliche Mittel, Stellen oder Räume geht, muss sich die Schulleitung also gleich mit drei Verhandlungspartner an einen Tisch setzen. Immerhin hat die Schule zuletzt erfolgreich für eine Sozialarbeiterstelle gefochten und sie auch genehmigt bekommen – nach anderthalb Jahren. Das die Wichernschule einen Sozialarbeiter braucht, ist auch ein Zeichen dafür, dass sich hier ein paar Dinge geändert haben. „Wir erleben schon länger, dass sich die Zusammensetzung unsere Schülerschaft verändert“, konstatiert Anja Mensing nüchtern. Außenstehende mögen beim Stichwort „geistige Behinderung“ zuerst an eines dieser kleinen Sonnenschein-Kinder mit Downsyndrom denken – die sind aber eine seltener werdende Erscheinung. Stattdessen wächst auch an der Wichernschule der Anteil an Kindern, die neben ihrer Behinderung Verhaltensauffälligkeiten mitbringen. „Das liegt eben auch daran, dass diejenigen, die zusätzlich motorisch und körperlich eingeschränkt sind und einen höheren Pflegebedarf haben, eher an Schulen wie der Schule am Weserbogen oder dem Wittekindshof landen“, erläutert Mensing. In den Klassenzimmern der Wichernschule tummeln sich dafür zunehmend Inklusionshelfer für einzelne Kinder. 30 sind es aktuell. Sie assistieren den Kindern, die selbst mit dem Unterricht in den kleinen Klassen der Wichernschule nicht allein zurecht kommen. Es ist ein gewaltiges Spektrum, mit dem die Sonderpädagogen hier umgehen müssen. „Wir investieren viel harte Arbeit in Dinge, die andere Kinder mal eben so nebenbei lernen“, sagt Mensing. Für manche Schüler ist es schon eine Herausforderung ihren Garderobenhaken oder ihr Klassenzimmer wieder zu finden. Oder sich daran zu erinnern, dass man nach dem Toilettengang überhaupt wiederkommen muss. Grundsätzlich gilt aber eben für alle zwischen sechs und 18 Jahren die gesetzliche Schulpflicht. Und die sieht auch die Vermittlung der grundlegenden Kulturtechniken in Mathe, Deutsch und Sachkunde vor, dazu Fachunterricht, in den oberen Klassen auch Berufspraktisches: hier haben die Kinder die Wahl zwischen Gartenbau, Holz- oder Metallverarbeitung und der Großküche. Und vermerkt nicht ohne Stolz: „Wir haben durchaus Schüler, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen, wenn sie erst einmal ihre Pubertät überstanden haben.“ Auch wenn viele Eltern, die ihre Kinder hier anmelden, schon die Werkstätten der Diakonie im Blick haben. 220 Schüler in 21 Klassen hat Mensing aktuell unter ihren Fittichen. Das sind eigentlich zu viele, die Schule braucht dringend mehr Platz, ein Werkraum musste schon geopfert werden, um ein zusätzliches Klassenzimmer einrichten zu können. „Wir sind da in Gesprächen“, sagt Mensing verhalten optimistisch. „Wir werden eine Lösung finden.“ 30 Schüler hat sie allein zu diesem Schuljahr aufgenommen. Interessant dabei: Nur ein Drittel von ihnen sind Erstklässler, ein Drittel kommt aus anderen Förderschulen – und ein Drittel aus der Inklusion. Das erzählt die Schulleitung ganz offen. Fragt man allerdings bei den „Inklusionsrückläufern“ nach, tauschen Anja Mensing und Birgit Bleke einen raschen Blick und seufzen. „Wir finden Inklusion grundsätzlich richtig, aber eben nicht für jeden. Die Systeme sind einfach zu groß für manche“, sagt Bleke dann. Und man ahnt, dass sie das nicht zum ersten Mal sagt – und wie überdrüssig die beiden Fachfrauen dieser um sich selbst kreiselnden Grundsatzdebatten wohl sind. Vielleicht ist diese vorsichtige Haltung aber auch typisch dafür, wie die beiden erfahrenen Sonderpädagoginnen Probleme eben angehen: Erst einmal Dampf rausnehmen, tief durchatmen, dann einen halben Schritt zurückmachen und ganz pragmatisch gucken, was geht und was nicht. Das gilt auch im Hinblick auf ihre Führungsstrategie. Fragt man sie, was sie denn anders machen als ihre Vorgänger, ist nichts von großen Umstürzen zu hören. „Wir investieren viel Zeit in Gespräche“, sagen beide. Das Bilden von Teams noch einmal in den Blick nehmen, die Wünsche und Entwicklungsmöglichkeiten stärker berücksichtigen – das ist ihnen wichtig, bei dem höchst unterschiedlichen Personal der Schule, zu dem eben nicht nur Sonderpädagogen, sondern auch Erzieher, Ergotherapeuten, Handwerker, Inklusionshelfer, Praktikanten und FSJler gehören. Der Fachkräftemangel macht sich auch hier bemerkbar, eine nicht geringe Anzahl der Kollegen steht kurz vor der Pensionierung. „Das wird sicher eine der Schlüsselaufgaben der kommenden Jahre sein, sich zu überlegen, wie man Leute hierher bekommt und dafür sorgt, dass sie auch gerne bleiben“, sagt Mensing.

Förderschule steht vor Veränderungen

© Nadine Conti

Minden (mt). Es gibt Schulleitersorgen, die sind an allen Schulen ähnlich: Zu wenig Räume, zu wenig Personal, zu viel Sanierungsbedarf. Das ist an der Wichernschule nicht anders. Die Förderschule mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“ ist allerdings in mehr als einer Hinsicht ein besonderer Fall – nicht nur weil ganz oben auf der dringend gewünschten Sanierungsliste der Hubboden im Lehrschwimmbecken steht.

Das fängt schon bei der Trägerschaft an: Die Wichernschule nimmt etwa zur Hälfte Schüler aus der Stadt Minden und dem Kreisgebiet auf, Schulträger ist die Diakonie Stiftung Salem. Wenn es um zusätzliche Mittel, Stellen oder Räume geht, muss sich die Schulleitung also gleich mit drei Verhandlungspartner an einen Tisch setzen. Immerhin hat die Schule zuletzt erfolgreich für eine Sozialarbeiterstelle gefochten und sie auch genehmigt bekommen – nach anderthalb Jahren.

Das die Wichernschule einen Sozialarbeiter braucht, ist auch ein Zeichen dafür, dass sich hier ein paar Dinge geändert haben. „Wir erleben schon länger, dass sich die Zusammensetzung unsere Schülerschaft verändert“, konstatiert Anja Mensing nüchtern. Außenstehende mögen beim Stichwort „geistige Behinderung“ zuerst an eines dieser kleinen Sonnenschein-Kinder mit Downsyndrom denken – die sind aber eine seltener werdende Erscheinung.

Stattdessen wächst auch an der Wichernschule der Anteil an Kindern, die neben ihrer Behinderung Verhaltensauffälligkeiten mitbringen. „Das liegt eben auch daran, dass diejenigen, die zusätzlich motorisch und körperlich eingeschränkt sind und einen höheren Pflegebedarf haben, eher an Schulen wie der Schule am Weserbogen oder dem Wittekindshof landen“, erläutert Mensing. In den Klassenzimmern der Wichernschule tummeln sich dafür zunehmend Inklusionshelfer für einzelne Kinder. 30 sind es aktuell. Sie assistieren den Kindern, die selbst mit dem Unterricht in den kleinen Klassen der Wichernschule nicht allein zurecht kommen.

Es ist ein gewaltiges Spektrum, mit dem die Sonderpädagogen hier umgehen müssen. „Wir investieren viel harte Arbeit in Dinge, die andere Kinder mal eben so nebenbei lernen“, sagt Mensing. Für manche Schüler ist es schon eine Herausforderung ihren Garderobenhaken oder ihr Klassenzimmer wieder zu finden. Oder sich daran zu erinnern, dass man nach dem Toilettengang überhaupt wiederkommen muss.

Grundsätzlich gilt aber eben für alle zwischen sechs und 18 Jahren die gesetzliche Schulpflicht. Und die sieht auch die Vermittlung der grundlegenden Kulturtechniken in Mathe, Deutsch und Sachkunde vor, dazu Fachunterricht, in den oberen Klassen auch Berufspraktisches: hier haben die Kinder die Wahl zwischen Gartenbau, Holz- oder Metallverarbeitung und der Großküche. Und vermerkt nicht ohne Stolz: „Wir haben durchaus Schüler, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen, wenn sie erst einmal ihre Pubertät überstanden haben.“ Auch wenn viele Eltern, die ihre Kinder hier anmelden, schon die Werkstätten der Diakonie im Blick haben.

220 Schüler in 21 Klassen hat Mensing aktuell unter ihren Fittichen. Das sind eigentlich zu viele, die Schule braucht dringend mehr Platz, ein Werkraum musste schon geopfert werden, um ein zusätzliches Klassenzimmer einrichten zu können. „Wir sind da in Gesprächen“, sagt Mensing verhalten optimistisch. „Wir werden eine Lösung finden.“

30 Schüler hat sie allein zu diesem Schuljahr aufgenommen. Interessant dabei: Nur ein Drittel von ihnen sind Erstklässler, ein Drittel kommt aus anderen Förderschulen – und ein Drittel aus der Inklusion. Das erzählt die Schulleitung ganz offen. Fragt man allerdings bei den „Inklusionsrückläufern“ nach, tauschen Anja Mensing und Birgit Bleke einen raschen Blick und seufzen. „Wir finden Inklusion grundsätzlich richtig, aber eben nicht für jeden. Die Systeme sind einfach zu groß für manche“, sagt Bleke dann. Und man ahnt, dass sie das nicht zum ersten Mal sagt – und wie überdrüssig die beiden Fachfrauen dieser um sich selbst kreiselnden Grundsatzdebatten wohl sind.

Vielleicht ist diese vorsichtige Haltung aber auch typisch dafür, wie die beiden erfahrenen Sonderpädagoginnen Probleme eben angehen: Erst einmal Dampf rausnehmen, tief durchatmen, dann einen halben Schritt zurückmachen und ganz pragmatisch gucken, was geht und was nicht.

Das gilt auch im Hinblick auf ihre Führungsstrategie. Fragt man sie, was sie denn anders machen als ihre Vorgänger, ist nichts von großen Umstürzen zu hören. „Wir investieren viel Zeit in Gespräche“, sagen beide. Das Bilden von Teams noch einmal in den Blick nehmen, die Wünsche und Entwicklungsmöglichkeiten stärker berücksichtigen – das ist ihnen wichtig, bei dem höchst unterschiedlichen Personal der Schule, zu dem eben nicht nur Sonderpädagogen, sondern auch Erzieher, Ergotherapeuten, Handwerker, Inklusionshelfer, Praktikanten und FSJler gehören.

Der Fachkräftemangel macht sich auch hier bemerkbar, eine nicht geringe Anzahl der Kollegen steht kurz vor der Pensionierung. „Das wird sicher eine der Schlüsselaufgaben der kommenden Jahre sein, sich zu überlegen, wie man Leute hierher bekommt und dafür sorgt, dass sie auch gerne bleiben“, sagt Mensing.

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