Finanziell aus dem Ruder gelaufen: Bauarbeiten am Mindener Rathauskomplex im Fokus der Prüfer Benjamin Piel Minden. Unter dem besten Stern hat die Sanierung des Mindener Rathauskomplexes nie gestanden. Wobei: Welche astronomische Jahrhundert-Konstellation wäre auch nötig gewesen, um ein so aufwendiges und komplexes Unterfangen reibungsfrei gelingen zu lassen? Bauen im laufenden Betrieb ist eine Herausforderung. Arbeiten an einem Gebäude, das aus unterschiedlichen Epochen stammt, sind es sowieso. So eine Immobilie, noch dazu denkmalgeschützt, steckt voller Überraschungen. Es war deshalb nicht die größte Überraschung, dass Kostendeckel um Kostendeckel erst beschlossen und dann doch wieder gelupft wurde. Als der Haupt- und Finanzausschuss 2016 mehrheitlich die Sanierung beschloss, gingen seine Mitglieder von Kosten in Höhe von 34 Millionen Euro aus. In den Jahren danach stiegen die prognostizierten Gesamtausgaben auf 37 Millionen (2018), 42 Millionen (2019), und zuletzt auf bis zu 49 Millionen Euro. Sind diese Kosten nachvollziehbar? Haben die Verantwortlichen die Aufträge wirtschaftlich sinnvoll vergeben? Lief das Projektmanagement gut? Derlei Fragen ist das Rechnungsprüfungsamt (RPA) der Stadt Minden nachgegangen (bezogen auf Ende 2020). Ergebnis der Arbeit ist ein 50 Seiten starkes Dokument, das dem MT vorliegt. Das Fazit der Prüfer in dem nicht-öffentlichen Papier: ein gutes Projektmanagement, aber eine „nicht zufriedenstellende" Anzahl kritisierter Vergaben von Aufträgen. Wie schon im Fall des umstrittenen SKM-Gutachtens haben die Verantwortlichen teilweise am RPA vorbei gearbeitet. Teure Armaturen Der Verwaltungsvorstand beschloss 2019, ohne öffentliche Ausschreibung 15 wesentlich teurere und wartungsintensivere Spültischgarnituren für die Teeküchen zu beauftragen als ursprünglich geplant. Stückpreis inklusive Einbau: 3.800 Euro (Typ „Grohe Blue"). Gesamtpreis inklusive Wartungsarbeiten für vier Jahre (so die Laufzeit des Wartungsvertrags): 120.000 Euro. Die jährlichen Wartungskosten betragen 16.000 Euro. Das alles werteten die Prüfer als eine Art Luxus, der nicht zur finanziellen Lage der Stadt passe. Die Projektgruppe widerspricht dieser Sichtweise. Weil die Armaturen gekühltes Leitungswasser aufsprudeln können, entfalle bei hohen Temperaturen die Verpflichtung, die Mitarbeiter mit Mineralwasser zu versorgen (Kostenpunkt: 3.000 Euro pro Jahr). Auch sei eine Kaltgetränke-Versorgung bei Besprechungen nicht mehr nötig (4.500 Euro jährlich). Außerdem komme der Schritt der Gesundheit der Mitarbeiter zugute und steigere die Attraktivität der Arbeitsplätze. Auf den Einbau einer mehrere Millionen Euro teuren Klimaanlage sei verzichtet worden. Die Armaturen wurden beauftragt, allerdings per öffentlicher Ausschreibung, wie vom RPA gefordert. Spiegelwand Vor dem Großen Rathaussaal soll die Spiegelwand erneuert werden. Kostenpunkt: 45.000 Euro. Der Auftrag sollte als Nachtrag an die bereits tätige Firma vergeben werden. Das RPA forderte eine gesonderte Ausschreibung, die dann erfolgte. Aber warum überhaupt eine so teure Ausgabe für eine schon vorhandene Spiegelwand? Auch die stehe unter Denkmalschutz und müsse „wegen Mängeln in der Befestigungskonstruktion" erneuert werden, betont Andreas Fabry aus der Projektgruppe. Brandschutztüren Das Architekturbüro beauftragte laut Bericht eine Firma ohne Rücksprache mit der Stadt und ohne Zustimmung des RPA mit dem Einbau von sechs Brandschutztüren (Volumen: 17.000 Euro). Die Projektgruppe stimmte der Kritik zu und wies das Büro an, sich an die Vorgaben zu halten. Die Brandschutztüren seien allerdings „erforderlich zur brandschutzkonformen Abschottung des Rettungsweg-Treppenhauses" zwischen Baustelle und laufendem Rathausbetrieb gewesen. Zeitmanagement Im Zusammenhang mit der Überwachung von Terminen üben die Prüfer einige Kritik. Terminpläne seien nicht vollständig oder an der falschen Stelle hinterlegt gewesen. Elemente innerhalb der Rahmenterminpläne stimmten „sowohl untereinander als auch teilweise mit Detailterminplänen nicht überein". Außerdem mahnen die Prüfer eine stetige Aktualisierung der Detailterminplanung an. Auch der Bauzeitenplan, also die Planung des Bauablaufs, sei „nicht immer aktuell oder nur unvollständig" gewesen. Die Projektgruppe spricht von Einzelfällen, in denen „nachgebessert werden" müsse. Vergaben freiberuflicher Leistungen Das RPA hat von 81 Vergabevorschlägen 31 beanstandet. Teilweise sei es erst während der Bauausführung zu unerwarteten Schadensbefunden der vorhandenen Bausubstanz gekommen". Unter anderem war eine Firma für 448.000 Euro mit der Schadstoffsanierung beauftragt worden. Letztlich rechnete die Firma aber 914.000 Euro ab, weil mehr Schadstoffe als erwartet gefunden worden waren. Hätte das durch genauere Voruntersuchungen verhindert werden können? Nein, antwortet die Projektgruppe – jedenfalls nicht wirtschaftlich vertretbar. Auch merken die Prüfer an, dass 73 Nachtragsvereinbarungen nötig gewesen seien – eine aus RPA-Sicht zu hohe Zahl. Grund aus Sicht der Prüfer unter anderem: keine vollständige Erfassung der Bausubstanz. Die Prüfer lassen durchblicken, dass dies eine Frage der Qualität der Vorarbeiten sein könnte. Dem widerspricht die Projektgruppe: „Die hohe Zahl von Nachträgen ist nicht Folge einer unzureichenden Voruntersuchung." Schäden an der Bausubstanz hätten zwar zuvor stärker entdeckt werden können. Allerdings seien 120 sogenannte Bauteilöffnungen durchgeführt worden, um Schäden auszumachen (inzwischen seien es sogar 180). Das bewertet Fabry bei laufendem Betriebs als viel. Und: „Diese zahlreichen Bauteilöffnungen" sollten „deutlich Sicherheit" vor weiteren Überraschungen bieten. An den Prüfern vorbei Das Rechnungsprüfungsamt moniert, es sei bei einigen Vorgängen nicht eingebunden worden – anders als vorgegeben. Beispielsweise wurden im Zusammenhang mit der Innenausstattung der Bürgerhalle schon Abschlagszahlungen getätigt, obwohl die RPA-Zustimmung noch gar nicht vorlag. Auch wurde eine Rechnung in Höhe von knapp einer halben Million Euro ohne Beteiligung des RPA überwiesen. Risikomanagement Die Prüfer mahnen an, die Risiken stärker in den Blick zu nehmen und dadurch zu minimieren. Risiken würden zwar benannt, aber nicht systematisch genug weiterverfolgt. So bleibe teilweise unklar, ob ein Risiko nicht mehr bestehe oder ob es bloß vergessen worden sei. Fortschritte seien so kaum nachvollziehbar. Das RPA schlägt für mehr Übersicht ein Risikoregister vor. Die Stadt folgte dieser Empfehlung nicht. „Die derzeitige Form des Risikomanagements halten wir nicht nur für ausreichend, sondern für deutlich weitergehend als die von der Rechnungsprüfung beschriebene Variante", betont Fabry. Das Risikomanagement sei an die permanente Projektsteuerung gekoppelt, offene Risiken würden „bis zur Lösung protokolliert". Zu hohes Honorar In zwei Fällen kritisieren die Prüfer ein zu hohes beziehungsweise nicht gerechtfertigtes Honorar. Im ersten Fall geht es um die Planung der Heizungs-, Elektro- und Sanitäranlagen im Geschäftshaus am Scharn. Die Stadt hatte die Räumlichkeiten für Büroflächen im Rohbau übernommen und selbst ausstatten lassen. Für einen laut Projektgruppe „erhöhten Koordinierungsbedarf" forderte die beauftragte Firma 65.000 Euro an zusätzlichem Honorar. Das RPA bezeichnet diesen Wert als „überhöht". Die Stadt schlug trotzdem ein, weil die Firma drohte, sonst den gesamten Auftrag abzulehnen. Die Beantwortung weitergehender Fragen zu dem Fall lehnte die Stadtverwaltung gegenüber dem MT ab. Im zweiten Fall geht es um eine aus Sicht der Prüfer „nicht gerechtfertigte" Honorarerhöhung eines Planungsunternehmens. Wegen einer Bauverzögerung von zehn Monaten ergaben sich 149.000 Euro an zusätzlicher Honorarforderung. Die Prüfer bemängeln, dass „kein Anreiz bestand, die Projektlaufzeit einzuhalten". Die Auseinandersetzung um dieses Thema dauert dem Bericht zufolge allerdings an, da der Stadt Nachforderungen fraglich erscheinen. Das hatte eine rechtliche Überprüfung des Vertrags ergeben. Was die Prüfer loben Der Bericht enthält auch eine ganze Reihe positiver Ergebnisse. Das RPA hebt unter anderem hervor, dass die Kommunikationsstruktur gut aufgebaut und ein regelmäßiger Austausch zwischen den Projektteams sichergestellt sei. Ein Organisationshandbuch gliedere übersichtlich die Abläufe und benenne klare Verantwortlichkeiten. Das Einwerben der Fördermittel sei nachvollziehbar dokumentiert, die Finanzierung und Ermittlung der benötigten Kredite plausibel. Das sagen Ratsmitglieder Die Gruppen und Fraktionen im Mindener Rat interpretieren den Bericht unterschiedlich. „Angesichts der Komplexität des Projekts" werde „im Gesamtergebnis ein gutes Projektmanagement bescheinigt", betont SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Kock. „Ganz überwiegend entsprechen die Maßnahmen den Regeln", unterstreicht er. Bei einer Sanierung im Altbestand seien „Nachträge normal". Die SPD-Fraktion gehe davon aus, „dass im Risikomanagement alle Fragen in der Kostensteuerung geklärt und zukünftig weitere Differenzen vermieden werden". Mit der nur ratsinternen Veröffentlichung ist Kock einverstanden. Es gehe darum, die Rechte Dritter zu schützen, die in dem Bericht genannt seien. So argumentiert auch die Verwaltung. Das sehen die Wählergruppen „Bürger-Bündnis Minden" (BBM) und „Wir für Minden" (WfM) anders. Sie sind unzufrieden, dass der Bericht nicht allen Bürgern zugänglich ist. Das hatten die beiden Gruppen beantragt. Die Mehrheit des Rates hatte abgelehnt. Die Nicht-Veröffentlichung könne den Eindruck erwecken, es solle etwas verheimlicht werden, finden BBM und WfM. Weil eine Veröffentlichung nicht erfolgt sei, wollen sie nicht konkret Stellung zum Bericht nehmen. Sie lassen allerdings durchblicken, dass sie die Bewertung des Projektmanagements als „gut" nicht teilen. Die immer wieder gestiegenen Kosten seien als mangelhaft zu bewerten. Auch das Risikomanagement verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonen Claudia Herziger-Möhlmann (BBM) und Thorsten Vogt (WfM). Die CDU-Fraktion wollte aufgrund der Nicht-Öffentlichkeit nichts Konkretes sagen. Der Modus der Beratung hinter der verschlossenen Tür ist laut Fraktionsvorsitzender Sabine Fecht in der Gemeindeordnung für Rechnungsprüfungsangelegenheiten vorgesehen. Allerdings: „Ob die Nichtöffentlichkeit in diesem Fall sinnvoll und gerechtfertigt ist, ist zu diskutieren." Wie es weitergeht Der nächste Bericht ist nach Abschluss des zweiten Bauabschnitts geplant. Die Prüfer werden sich vermutlich genau anschauen, ob dann weniger an ihnen vorbei gearbeitet wurde.

Finanziell aus dem Ruder gelaufen: Bauarbeiten am Mindener Rathauskomplex im Fokus der Prüfer

Einige Monate war das alte Rathaus am Mindener Marktplatz im Zuge der Sanierung eingerüstet. Inzwischen ziert es die Innenstadt frisch aufbereitet. Foto: Alex Lehn

Minden. Unter dem besten Stern hat die Sanierung des Mindener Rathauskomplexes nie gestanden. Wobei: Welche astronomische Jahrhundert-Konstellation wäre auch nötig gewesen, um ein so aufwendiges und komplexes Unterfangen reibungsfrei gelingen zu lassen? Bauen im laufenden Betrieb ist eine Herausforderung. Arbeiten an einem Gebäude, das aus unterschiedlichen Epochen stammt, sind es sowieso. So eine Immobilie, noch dazu denkmalgeschützt, steckt voller Überraschungen.

Es war deshalb nicht die größte Überraschung, dass Kostendeckel um Kostendeckel erst beschlossen und dann doch wieder gelupft wurde. Als der Haupt- und Finanzausschuss 2016 mehrheitlich die Sanierung beschloss, gingen seine Mitglieder von Kosten in Höhe von 34 Millionen Euro aus. In den Jahren danach stiegen die prognostizierten Gesamtausgaben auf 37 Millionen (2018), 42 Millionen (2019), und zuletzt auf bis zu 49 Millionen Euro.

Sind diese Kosten nachvollziehbar? Haben die Verantwortlichen die Aufträge wirtschaftlich sinnvoll vergeben? Lief das Projektmanagement gut? Derlei Fragen ist das Rechnungsprüfungsamt (RPA) der Stadt Minden nachgegangen (bezogen auf Ende 2020). Ergebnis der Arbeit ist ein 50 Seiten starkes Dokument, das dem MT vorliegt.

Malina Reckordt

Gendern bei MT - überflüssig oder überfällig?

Nehmen Sie jetzt an der Umfrage zum Thema Gendern teil

Das Fazit der Prüfer in dem nicht-öffentlichen Papier: ein gutes Projektmanagement, aber eine „nicht zufriedenstellende" Anzahl kritisierter Vergaben von Aufträgen. Wie schon im Fall des umstrittenen SKM-Gutachtens haben die Verantwortlichen teilweise am RPA vorbei gearbeitet.

Teure Armaturen

Der Verwaltungsvorstand beschloss 2019, ohne öffentliche Ausschreibung 15 wesentlich teurere und wartungsintensivere Spültischgarnituren für die Teeküchen zu beauftragen als ursprünglich geplant. Stückpreis inklusive Einbau: 3.800 Euro (Typ „Grohe Blue"). Gesamtpreis inklusive Wartungsarbeiten für vier Jahre (so die Laufzeit des Wartungsvertrags): 120.000 Euro. Die jährlichen Wartungskosten betragen 16.000 Euro. Das alles werteten die Prüfer als eine Art Luxus, der nicht zur finanziellen Lage der Stadt passe.

Die Projektgruppe widerspricht dieser Sichtweise. Weil die Armaturen gekühltes Leitungswasser aufsprudeln können, entfalle bei hohen Temperaturen die Verpflichtung, die Mitarbeiter mit Mineralwasser zu versorgen (Kostenpunkt: 3.000 Euro pro Jahr). Auch sei eine Kaltgetränke-Versorgung bei Besprechungen nicht mehr nötig (4.500 Euro jährlich). Außerdem komme der Schritt der Gesundheit der Mitarbeiter zugute und steigere die Attraktivität der Arbeitsplätze. Auf den Einbau einer mehrere Millionen Euro teuren Klimaanlage sei verzichtet worden. Die Armaturen wurden beauftragt, allerdings per öffentlicher Ausschreibung, wie vom RPA gefordert.

Spiegelwand

Vor dem Großen Rathaussaal soll die Spiegelwand erneuert werden. Kostenpunkt: 45.000 Euro. Der Auftrag sollte als Nachtrag an die bereits tätige Firma vergeben werden. Das RPA forderte eine gesonderte Ausschreibung, die dann erfolgte. Aber warum überhaupt eine so teure Ausgabe für eine schon vorhandene Spiegelwand? Auch die stehe unter Denkmalschutz und müsse „wegen Mängeln in der Befestigungskonstruktion" erneuert werden, betont Andreas Fabry aus der Projektgruppe.

Brandschutztüren

Das Architekturbüro beauftragte laut Bericht eine Firma ohne Rücksprache mit der Stadt und ohne Zustimmung des RPA mit dem Einbau von sechs Brandschutztüren (Volumen: 17.000 Euro). Die Projektgruppe stimmte der Kritik zu und wies das Büro an, sich an die Vorgaben zu halten. Die Brandschutztüren seien allerdings „erforderlich zur brandschutzkonformen Abschottung des Rettungsweg-Treppenhauses" zwischen Baustelle und laufendem Rathausbetrieb gewesen.

Zeitmanagement

Im Zusammenhang mit der Überwachung von Terminen üben die Prüfer einige Kritik. Terminpläne seien nicht vollständig oder an der falschen Stelle hinterlegt gewesen. Elemente innerhalb der Rahmenterminpläne stimmten „sowohl untereinander als auch teilweise mit Detailterminplänen nicht überein". Außerdem mahnen die Prüfer eine stetige Aktualisierung der Detailterminplanung an. Auch der Bauzeitenplan, also die Planung des Bauablaufs, sei „nicht immer aktuell oder nur unvollständig" gewesen. Die Projektgruppe spricht von Einzelfällen, in denen „nachgebessert werden" müsse.

Vergaben freiberuflicher Leistungen

Das RPA hat von 81 Vergabevorschlägen 31 beanstandet. Teilweise sei es erst während der Bauausführung zu unerwarteten Schadensbefunden der vorhandenen Bausubstanz gekommen". Unter anderem war eine Firma für 448.000 Euro mit der Schadstoffsanierung beauftragt worden. Letztlich rechnete die Firma aber 914.000 Euro ab, weil mehr Schadstoffe als erwartet gefunden worden waren. Hätte das durch genauere Voruntersuchungen verhindert werden können? Nein, antwortet die Projektgruppe – jedenfalls nicht wirtschaftlich vertretbar. Auch merken die Prüfer an, dass 73 Nachtragsvereinbarungen nötig gewesen seien – eine aus RPA-Sicht zu hohe Zahl. Grund aus Sicht der Prüfer unter anderem: keine vollständige Erfassung der Bausubstanz. Die Prüfer lassen durchblicken, dass dies eine Frage der Qualität der Vorarbeiten sein könnte.

Dem widerspricht die Projektgruppe: „Die hohe Zahl von Nachträgen ist nicht Folge einer unzureichenden Voruntersuchung." Schäden an der Bausubstanz hätten zwar zuvor stärker entdeckt werden können. Allerdings seien 120 sogenannte Bauteilöffnungen durchgeführt worden, um Schäden auszumachen (inzwischen seien es sogar 180). Das bewertet Fabry bei laufendem Betriebs als viel. Und: „Diese zahlreichen Bauteilöffnungen" sollten „deutlich Sicherheit" vor weiteren Überraschungen bieten.

An den Prüfern vorbei

Das Rechnungsprüfungsamt moniert, es sei bei einigen Vorgängen nicht eingebunden worden – anders als vorgegeben. Beispielsweise wurden im Zusammenhang mit der Innenausstattung der Bürgerhalle schon Abschlagszahlungen getätigt, obwohl die RPA-Zustimmung noch gar nicht vorlag. Auch wurde eine Rechnung in Höhe von knapp einer halben Million Euro ohne Beteiligung des RPA überwiesen.

Risikomanagement

Die Prüfer mahnen an, die Risiken stärker in den Blick zu nehmen und dadurch zu minimieren. Risiken würden zwar benannt, aber nicht systematisch genug weiterverfolgt. So bleibe teilweise unklar, ob ein Risiko nicht mehr bestehe oder ob es bloß vergessen worden sei. Fortschritte seien so kaum nachvollziehbar. Das RPA schlägt für mehr Übersicht ein Risikoregister vor.

Die Stadt folgte dieser Empfehlung nicht. „Die derzeitige Form des Risikomanagements halten wir nicht nur für ausreichend, sondern für deutlich weitergehend als die von der Rechnungsprüfung beschriebene Variante", betont Fabry. Das Risikomanagement sei an die permanente Projektsteuerung gekoppelt, offene Risiken würden „bis zur Lösung protokolliert".

Zu hohes Honorar

In zwei Fällen kritisieren die Prüfer ein zu hohes beziehungsweise nicht gerechtfertigtes Honorar. Im ersten Fall geht es um die Planung der Heizungs-, Elektro- und Sanitäranlagen im Geschäftshaus am Scharn. Die Stadt hatte die Räumlichkeiten für Büroflächen im Rohbau übernommen und selbst ausstatten lassen. Für einen laut Projektgruppe „erhöhten Koordinierungsbedarf" forderte die beauftragte Firma 65.000 Euro an zusätzlichem Honorar. Das RPA bezeichnet diesen Wert als „überhöht". Die Stadt schlug trotzdem ein, weil die Firma drohte, sonst den gesamten Auftrag abzulehnen. Die Beantwortung weitergehender Fragen zu dem Fall lehnte die Stadtverwaltung gegenüber dem MT ab.

Im zweiten Fall geht es um eine aus Sicht der Prüfer „nicht gerechtfertigte" Honorarerhöhung eines Planungsunternehmens. Wegen einer Bauverzögerung von zehn Monaten ergaben sich 149.000 Euro an zusätzlicher Honorarforderung. Die Prüfer bemängeln, dass „kein Anreiz bestand, die Projektlaufzeit einzuhalten". Die Auseinandersetzung um dieses Thema dauert dem Bericht zufolge allerdings an, da der Stadt Nachforderungen fraglich erscheinen. Das hatte eine rechtliche Überprüfung des Vertrags ergeben.

Was die Prüfer loben

Der Bericht enthält auch eine ganze Reihe positiver Ergebnisse. Das RPA hebt unter anderem hervor, dass die Kommunikationsstruktur gut aufgebaut und ein regelmäßiger Austausch zwischen den Projektteams sichergestellt sei. Ein Organisationshandbuch gliedere übersichtlich die Abläufe und benenne klare Verantwortlichkeiten. Das Einwerben der Fördermittel sei nachvollziehbar dokumentiert, die Finanzierung und Ermittlung der benötigten Kredite plausibel.

Das sagen Ratsmitglieder

Die Gruppen und Fraktionen im Mindener Rat interpretieren den Bericht unterschiedlich. „Angesichts der Komplexität des Projekts" werde „im Gesamtergebnis ein gutes Projektmanagement bescheinigt", betont SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Kock. „Ganz überwiegend entsprechen die Maßnahmen den Regeln", unterstreicht er. Bei einer Sanierung im Altbestand seien „Nachträge normal". Die SPD-Fraktion gehe davon aus, „dass im Risikomanagement alle Fragen in der Kostensteuerung geklärt und zukünftig weitere Differenzen vermieden werden". Mit der nur ratsinternen Veröffentlichung ist Kock einverstanden. Es gehe darum, die Rechte Dritter zu schützen, die in dem Bericht genannt seien. So argumentiert auch die Verwaltung.

Das sehen die Wählergruppen „Bürger-Bündnis Minden" (BBM) und „Wir für Minden" (WfM) anders. Sie sind unzufrieden, dass der Bericht nicht allen Bürgern zugänglich ist. Das hatten die beiden Gruppen beantragt. Die Mehrheit des Rates hatte abgelehnt. Die Nicht-Veröffentlichung könne den Eindruck erwecken, es solle etwas verheimlicht werden, finden BBM und WfM. Weil eine Veröffentlichung nicht erfolgt sei, wollen sie nicht konkret Stellung zum Bericht nehmen. Sie lassen allerdings durchblicken, dass sie die Bewertung des Projektmanagements als „gut" nicht teilen. Die immer wieder gestiegenen Kosten seien als mangelhaft zu bewerten. Auch das Risikomanagement verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonen Claudia Herziger-Möhlmann (BBM) und Thorsten Vogt (WfM).

Die CDU-Fraktion wollte aufgrund der Nicht-Öffentlichkeit nichts Konkretes sagen. Der Modus der Beratung hinter der verschlossenen Tür ist laut Fraktionsvorsitzender Sabine Fecht in der Gemeindeordnung für Rechnungsprüfungsangelegenheiten vorgesehen. Allerdings: „Ob die Nichtöffentlichkeit in diesem Fall sinnvoll und gerechtfertigt ist, ist zu diskutieren."

Wie es weitergeht

Der nächste Bericht ist nach Abschluss des zweiten Bauabschnitts geplant. Die Prüfer werden sich vermutlich genau anschauen, ob dann weniger an ihnen vorbei gearbeitet wurde.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden