Filmregisseur Sebastian Heinzel und sein "innerer Krieg" Claudia Hyna Minden. „Von außen war mein Leben völlig in Ordnung. Aber nachts bin ich als Soldat in Russland. Schweißgebadet wache ich auf.“ Mit der Schilderung seiner Träume packt Sebastian Heinzel die Zuschauer im BÜZ gleich zu Beginn seines Films. Und die dokumentarische Reise in seine persönliche Vergangenheit lässt das Publikum bis zum Schluss nicht los. „Der Krieg in mir“ ist der Auftakt der Reihe „Kino und Hospiz“. Es sind diese und andere Szenen, die hängenbleiben: Sebastian Heinzel trifft sich mit der 88-jährigen Valentina, die das Konzentrationslager in Lesnaja (Weißrussland) überlebt hat – und dennoch Humor und Lebensmut bewahrt hat. Er zeigt ihr Fotos seines Opas Hans, der als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg in Russland gekämpft hat. Erkennen tut sie ihn nicht. Und sie sagt ihm, sie glaube auch nicht, dass der Großvater Schlimmes getan habe. „Er sieht aus wie ein guter Mensch.“ Diese Begegnungen sind es, die den Film besonders machen. Aufgelockert wird die Dokumentation mit animierten Szenen und vielen Experten-Gesprächen. Dazu kommt, dass Sebastian Heinzel (41) dem Zuschauer einen tiefen Blick in sein Inneres gewährt. Komisch sei, dass er sich als relativ junger Mann immer wieder mit dem Thema Krieg auseinandersetze. Seit mehr als 15 Jahren reist er für seine Filme nach Weißrussland – dorthin, wo seine Großväter Fritz und Hans im Krieg waren. Während Fritz von seiner Zeit an der Ostfront und der Verwundung sprach, wusste selbst Sebastian Heinzels Vater Klaus nicht von seinem Vater Hans, dass dieser an der Ostfront war. Im Film sagt er, er habe mittlerweile den Verdacht, dass sein Vater nicht nur Opfer, sondern auch Täter war. „Er explodierte bei jeder Kleinigkeit.“ Das könne ein Indiz dafür sein, dass etwas in ihm brodelte. Der Vater habe vor allem durch Abwesenheit geglänzt. „Ich hatte keinen Vater, sondern eine Fata Morgana.“ Klaus Heinzel hatte bisher nicht den Impuls, sich auf die Spuren der Vorfahren zu begeben – doch Sohn Sebastian kennt nur ein Thema. Von Zeit zu Zeit frage er sich, warum er sich immer wieder in Gefahr begibt. Er macht ohne Vorbereitung einen Fallschirmsprung, reist in strahlenverseuchte Gebiete nahe Tschernobyl und eben nach Weißrussland. „Will ich eine Schuld aufarbeiten?“ Mit Hilfe von Therapeuten und Wissenschaftlern erforscht der Regisseur, wie einschneidende kollektive Ereignisse wie Flucht, Vertreibung und Völkermord bis in die zweite und dritte Generation hineinreichen. Neue Forschungen aus der Epigenetik geben Hinweise darauf, dass enorme Stresserfahrungen das Erbgut verändern. Als er im Wehrmachtsarchiv von den Orten erfährt, an denen Opa Hans stationiert war, macht er konkrete Pläne – und bezieht auch seinen Vater mit ein. Gemeinsam begeben sie sich auf die Reise, die Vater und Sohn einander näherbringt. Sebastian Heinzel entdeckt erstaunliche Verbindungen zu seiner eigenen Geschichte und den Kriegsträumen, die ihn seit Jahren verfolgen. Der Film zeigt, wie sich Knoten in der Familiengeschichte lösen lassen und so Platz für Veränderungen schaffen. Am Ende liest Vater Klaus aus seinem Russlandtagebuch vor. Die Reise hat auch ihn verändert. Er spricht vom „Frieden in mir“. Rund 50 Zuschauer hatten zum Auftakt der Filmreihe „Kino und Hospiz“ den Weg ins BÜZ gefunden. Die Veranstaltungen zeichnen sich dadurch aus, dass jeweils der Regisseur für ein Gespräch anwesend ist. Eigentlich wäre die Deutschland-Premiere des Films bereits im März gewesen, doch Corona kam dazwischen. „Das war ein harter Schlag für unsere kleine Produktionsfirma“, kommentiert Sebastian Heinzel. Erstmals wurde „Der Krieg in mir“ 2019 beim Filmfestival in München gezeigt. Wie voll der Saal sei, spiele für ihn keine Rolle, sagt der Filmemacher. Entscheidend sei der Austausch mit den Menschen. „Diese Momente genieße ich“, zumal in diesen Zeiten, wo sie nicht mehr selbstverständlich seien. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit, eine Brücke in den Osten zu schlagen. „Ich hatte wunderbare Begegnungen mit Menschen auf dem Land.“ So habe er Entlastung erfahren. Statt auf das Negative fokussiert zu sein, sollten „wir mehr auf das Verbindende schauen“, meint er. Die Zuschauer interessieren sich vor allem für das Gebiet der Epigenetik (wie die Erfahrungen im Leben der Eltern einen Einfluss auf die Gene der Nachkommen haben) und die Traumatherapie. Heinzel spricht von der Bedeutung der Ahnen für unser Leben. „Uns fehlt etwas, wenn wir nicht wissen, was unsere Vorfahren erlebt haben.“ Die Neuseeländer glaubten sogar, dass man vier Generationen zurückblicken sollte. Einige aus dem Publikum fragen nach den Quellen, sie möchten selbst im Bundesarchiv Berlin oder im Militärarchiv in Freiburg nach Wehrmachtsakten der Vorfahren forschen. Eine Szene des Films zeigt, wie der Regisseur im russischen Freilichtmuseum Stalin Line in die Rolle eines deutschen Kommandanten schlüpft. „Das war fremd und faszinierend für mich.“ Er selber hatte die Idee, sich im „Gefecht“ verwunden zu lassen. Seine Großväter verdanken es schließlich ihrer Verwundung, dass sie in die Heimat zurück kamen – im anderen Fall hätte es Sebastian Heinzels Geschichte nicht gegeben. Filmreihe 4. November, 20 Uhr, BÜZ: „Das innere Leuchten“, Dokumentarfilm von Stefan Sick. 18. November, 20 Uhr, Hospizkreis am Simeonsplatz 3: „Im Feuer der tanzenden Stille, Reflektionen über Vimala Thakar“, Dokumentarfilm von Renata Keller. Bei beiden Filmen sind die Regisseure anschließend zu einem Filmgespräch anwesend. Der Eintritt kostet jeweils fünf Euro.

Filmregisseur Sebastian Heinzel und sein "innerer Krieg"

Begegnungen machen den Reiz des Films aus. Foto: Heinzelfilm © Ilya Kuzniatsou ikbelarus@gmail.com

Minden. „Von außen war mein Leben völlig in Ordnung. Aber nachts bin ich als Soldat in Russland. Schweißgebadet wache ich auf.“ Mit der Schilderung seiner Träume packt Sebastian Heinzel die Zuschauer im BÜZ gleich zu Beginn seines Films. Und die dokumentarische Reise in seine persönliche Vergangenheit lässt das Publikum bis zum Schluss nicht los. „Der Krieg in mir“ ist der Auftakt der Reihe „Kino und Hospiz“.

Es sind diese und andere Szenen, die hängenbleiben: Sebastian Heinzel trifft sich mit der 88-jährigen Valentina, die das Konzentrationslager in Lesnaja (Weißrussland) überlebt hat – und dennoch Humor und Lebensmut bewahrt hat. Er zeigt ihr Fotos seines Opas Hans, der als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg in Russland gekämpft hat. Erkennen tut sie ihn nicht. Und sie sagt ihm, sie glaube auch nicht, dass der Großvater Schlimmes getan habe. „Er sieht aus wie ein guter Mensch.“

Diese Begegnungen sind es, die den Film besonders machen. Aufgelockert wird die Dokumentation mit animierten Szenen und vielen Experten-Gesprächen. Dazu kommt, dass Sebastian Heinzel (41) dem Zuschauer einen tiefen Blick in sein Inneres gewährt. Komisch sei, dass er sich als relativ junger Mann immer wieder mit dem Thema Krieg auseinandersetze. Seit mehr als 15 Jahren reist er für seine Filme nach Weißrussland – dorthin, wo seine Großväter Fritz und Hans im Krieg waren.

Während Fritz von seiner Zeit an der Ostfront und der Verwundung sprach, wusste selbst Sebastian Heinzels Vater Klaus nicht von seinem Vater Hans, dass dieser an der Ostfront war. Im Film sagt er, er habe mittlerweile den Verdacht, dass sein Vater nicht nur Opfer, sondern auch Täter war. „Er explodierte bei jeder Kleinigkeit.“ Das könne ein Indiz dafür sein, dass etwas in ihm brodelte. Der Vater habe vor allem durch Abwesenheit geglänzt. „Ich hatte keinen Vater, sondern eine Fata Morgana.“

- © Ilya Kuzniatsou ikbelarus@gmail.com
© Ilya Kuzniatsou ikbelarus@gmail.com

Klaus Heinzel hatte bisher nicht den Impuls, sich auf die Spuren der Vorfahren zu begeben – doch Sohn Sebastian kennt nur ein Thema. Von Zeit zu Zeit frage er sich, warum er sich immer wieder in Gefahr begibt. Er macht ohne Vorbereitung einen Fallschirmsprung, reist in strahlenverseuchte Gebiete nahe Tschernobyl und eben nach Weißrussland. „Will ich eine Schuld aufarbeiten?“ Mit Hilfe von Therapeuten und Wissenschaftlern erforscht der Regisseur, wie einschneidende kollektive Ereignisse wie Flucht, Vertreibung und Völkermord bis in die zweite und dritte Generation hineinreichen. Neue Forschungen aus der Epigenetik geben Hinweise darauf, dass enorme Stresserfahrungen das Erbgut verändern.

Im Anschluss an den Film signierte Sebastian Heinzel (rechts) – hier mit Hospizkreiskoordinator Helmut Dörmann – für Interessierte sein Buch „Der Krieg in mir“. - © MT-Foto: Claudia Hyna
Im Anschluss an den Film signierte Sebastian Heinzel (rechts) – hier mit Hospizkreiskoordinator Helmut Dörmann – für Interessierte sein Buch „Der Krieg in mir“. - © MT-Foto: Claudia Hyna

Als er im Wehrmachtsarchiv von den Orten erfährt, an denen Opa Hans stationiert war, macht er konkrete Pläne – und bezieht auch seinen Vater mit ein. Gemeinsam begeben sie sich auf die Reise, die Vater und Sohn einander näherbringt. Sebastian Heinzel entdeckt erstaunliche Verbindungen zu seiner eigenen Geschichte und den Kriegsträumen, die ihn seit Jahren verfolgen. Der Film zeigt, wie sich Knoten in der Familiengeschichte lösen lassen und so Platz für Veränderungen schaffen. Am Ende liest Vater Klaus aus seinem Russlandtagebuch vor. Die Reise hat auch ihn verändert. Er spricht vom „Frieden in mir“.

Rund 50 Zuschauer hatten zum Auftakt der Filmreihe „Kino und Hospiz“ den Weg ins BÜZ gefunden. Die Veranstaltungen zeichnen sich dadurch aus, dass jeweils der Regisseur für ein Gespräch anwesend ist. Eigentlich wäre die Deutschland-Premiere des Films bereits im März gewesen, doch Corona kam dazwischen. „Das war ein harter Schlag für unsere kleine Produktionsfirma“, kommentiert Sebastian Heinzel. Erstmals wurde „Der Krieg in mir“ 2019 beim Filmfestival in München gezeigt. Wie voll der Saal sei, spiele für ihn keine Rolle, sagt der Filmemacher. Entscheidend sei der Austausch mit den Menschen. „Diese Momente genieße ich“, zumal in diesen Zeiten, wo sie nicht mehr selbstverständlich seien.

Es sei ihm eine Herzensangelegenheit, eine Brücke in den Osten zu schlagen. „Ich hatte wunderbare Begegnungen mit Menschen auf dem Land.“ So habe er Entlastung erfahren. Statt auf das Negative fokussiert zu sein, sollten „wir mehr auf das Verbindende schauen“, meint er.

Die Zuschauer interessieren sich vor allem für das Gebiet der Epigenetik (wie die Erfahrungen im Leben der Eltern einen Einfluss auf die Gene der Nachkommen haben) und die Traumatherapie. Heinzel spricht von der Bedeutung der Ahnen für unser Leben. „Uns fehlt etwas, wenn wir nicht wissen, was unsere Vorfahren erlebt haben.“ Die Neuseeländer glaubten sogar, dass man vier Generationen zurückblicken sollte. Einige aus dem Publikum fragen nach den Quellen, sie möchten selbst im Bundesarchiv Berlin oder im Militärarchiv in Freiburg nach Wehrmachtsakten der Vorfahren forschen.

Eine Szene des Films zeigt, wie der Regisseur im russischen Freilichtmuseum Stalin Line in die Rolle eines deutschen Kommandanten schlüpft. „Das war fremd und faszinierend für mich.“ Er selber hatte die Idee, sich im „Gefecht“ verwunden zu lassen. Seine Großväter verdanken es schließlich ihrer Verwundung, dass sie in die Heimat zurück kamen – im anderen Fall hätte es Sebastian Heinzels Geschichte nicht gegeben.

Filmreihe

4. November, 20 Uhr, BÜZ: „Das innere Leuchten“, Dokumentarfilm von Stefan Sick.

18. November, 20 Uhr, Hospizkreis am Simeonsplatz 3: „Im Feuer der tanzenden Stille, Reflektionen über Vimala Thakar“, Dokumentarfilm von Renata Keller.

Bei beiden Filmen sind die Regisseure anschließend zu einem Filmgespräch anwesend. Der Eintritt kostet jeweils fünf Euro.

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