Fenster auf! Schulen müssen ohne fest installierte Luftfilter durch den Winter Anja Peper Minden. Zum Greifen nah: Am Dienstag, 22. September, ist offiziell Herbstanfang. Die Temperaturen sinken und die Diskussion um Luftfilter wird hitziger. Seit Dienstagabend ist klar: An Mindener Schulen wird es keinen flächendeckenden Einsatz der Geräte geben. Um Schüler und Lehrer gegen eine Infektion mit Coronaviren zu schützen, setzt das Mindener Schulbüro auf die klassische Empfehlung des Umweltbundesamtes zum Lüften: Alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten. Durchzug im Unterricht sei zwar nicht erforderlich, wohl aber über die gesamte Dauer der Pausen. Die Raumtemperatur sinke auf diese Weise auch im Winter nur um zwei bis drei Grad. Dennoch stellen sich die Lehrer erneut auf Gemecker in den Klassen ein. Auf Suche nach dem Königsweg Sind Luftfilter wirklich der Königsweg zum Infektionsschutz an Schulen? Was sorgt am besten für virenfreie Luft? Die Meinungen gehen auch in dieser Frage auseinander. Kleine mobile Luftfiltergeräte werden oft kritisiert, am häufigsten wegen der Lautstärke. Manche Eltern haben in anderthalb Jahren Pandemie schon ins eigene Portemonnaie gegriffen und für die Klassenräume ihrer Kinder ein Gerät spendiert. Eine gut gemeinte Geste, aber nicht alle Schulen sind damit glücklich geworden. „Wir möchten keinen weiteren Kühlschrank in unsere Räume stellen", formulierte es eine Lehrerin am Dienstagabend im Ausschuss. Als langfristig bessere Lösung gelten fest installierte Lüftungsanlagen. Doch der nachträgliche Einbau ist aufwendig und teuer. Um die Luft wirksam zu erneuern, muss die Außenluft angesaugt und die verbrauchte Luft abgeleitet werden. Folglich sind Bauarbeiten erforderlich: Tischler, Trockenbauer und Maurer müssten anrücken, um die Lüftung einzubauen. Ein wesentlicher Eingriff in die Bausubstanz. Mitarbeiter der städtischen Gebäudewirtschaft haben die Kosten für diese so genannten Raumlufttechnischen Anlagen (RLT) durchgerechnet. Das Ergebnis ist ernüchternd: Pro Klasse kostet eine Anlage 22.000 Euro. Flächendeckend würde die nachträgliche Ausstattung – für Räume mit unter Zwölfjährigen – 4,8 Millionen kosten. Angesichts dieser Summe sei eine Umsetzung gemäß den Förderrichtlinien und der derzeitigen Marktlage innerhalb von zwölf Monaten ohnehin nicht möglich, so die Gebäudewirtschaft. RLT-Anlagen verbrauchen viel Strom. Unterm Strich kommt die Stadtverwaltung zu dem Schluss: „Die hohen Investitionskosten und der hohen Personalsatz stehen nicht im Verhältnis zum Einsatz bzw. zu der Nachrüstung von stationären Anlagen im Gebäudebestand." Bei Neubauten hingegen könne der Einsatz der Anlagen zu Beginn der Planung in der Energiebilanz berücksichtigt und der erhöhte Verbrauch durch regenerative Stromerzeugung kompensiert werden. Das sei zum Beispiel für die Sekundarschule am Wiehen der Fall. FDP und BBM hatten auf andere Lösung gesetzt Jetzt bleibt es beim regelmäßigen Lüften, viele Schüler werden also wieder mit Winterjacke im Unterricht sitzen. Das hatte sich die FDP-Fraktion anders erhofft: „Der Einsatz von Luftfiltergeräten darf nicht auf schlecht zu belüftende Räume beschränkt werden", heißt es in einem Antrag der Partei, den das Bürger-Bündnis Minden (BBM) ausdrücklich unterstützt. Gerade Kinder seien aktuell besonders gefährdet, an Corona zu erkranken. Die Position der Liberalen untermauerte Mario Cichonczyk am Dienstag im Ausschuss: „Der Peak liegt gerade genau in der Altersgruppe um zwölf Jahre", sagte er. Tatsächlich trifft die vierte Welle laut Robert-Koch-Institut vor allem Jüngere. Seiner Ansicht nach sei die Ausstattung mit Luftfiltern an Schulen wichtiger als die geplanten Anti-Terror-Poller in der Innenstadt, sagte Mario Cichonczyk. Man solle das Geld lieber dafür verwenden. Kämmerer Norbert Kresse entgegnete, die Entscheidung gegen flächendeckende Filter sei nicht in erster Linie eine Frage des Geldes. „Es macht keinen Sinn, die Maßnahmen gegeneinander auszuspielen." CO2-Messgeräte sollen die Klasse warnen Wenn lange nicht gelüftet wurde, ist umgangssprachlich von „verbrauchter Luft" die Rede . Gemeint ist aber die Anreicherung der Luft mit Kohlenstoffdioxid. Um im Blick zu behalten, wann es an der Zeit zum Durchlüften ist, hat die Stadt Minden etwa hundert CO2-Messgeräte an die Schulen verteilt, sagte Rainer Printz (Schulbüro). „Wenn diese Ampel auf Rot zeigt, ist das erträgliche Maß überschritten." Nach einer Stunde Unterricht hat sich der CO2-Gehalt oft mehr als verzehnfacht: Das wirkt sich aufs Wohlbefinden aus, macht müde und unkonzentriert. „Mobile Lüftungsgeräte ersetzen das Lüften nicht", sagte Kämmerer Norbert Kresse nicht zum ersten Mal. So richtig optimistisch schaute am Dienstagabend in der KTG-Mensa niemand Richtung Herbst und Winter. Viele Eltern haben Bauchschmerzen, zum Beispiel weil sich Politik und Wissenschaft nicht einig sind in Bezug auf Impfungen für Kinder. Sie möchten, dass die Schule sicherer wird. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte: „Bildung muss überall pandemiesicher werden." Dafür müsse die Landesregierung jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, sagte der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Sebastian Krebs der Deutschen Presse-Agentur. Es brauche neben dem Lüften dringend flächendeckend Luftfilter und eine engmaschigere Teststrategie. Mit Blick auf die ansteckendere Delta-Variante und steigende Inzidenzen müssten alle Register gezogen werden, dass Kinder- und Jugendliche nicht noch stärker zu Verlierern der Corona-Krise würden. Dieses Ziel verfolgt auch das Programm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche in NRW". Damit sollen die gravierenden Auswirkungen auf Bildung und Gesundheit abgefedert und Lernrückstände aufgeholt werden. Für Mindener Schulen sei eine Pauschale in Höhe von 884.153 Euro vorgesehen, erläuterte Tobias Haring (Schulbüro) im Ausschuss.

Fenster auf! Schulen müssen ohne fest installierte Luftfilter durch den Winter

CO2-Messgeräte weisen in Klassenräumen darauf hin, wie gut oder schlecht die Raumluftqualität ist. Foto: Christoph Reichwein/Imago Images © imago images/Reichwein

Minden. Zum Greifen nah: Am Dienstag, 22. September, ist offiziell Herbstanfang. Die Temperaturen sinken und die Diskussion um Luftfilter wird hitziger. Seit Dienstagabend ist klar: An Mindener Schulen wird es keinen flächendeckenden Einsatz der Geräte geben. Um Schüler und Lehrer gegen eine Infektion mit Coronaviren zu schützen, setzt das Mindener Schulbüro auf die klassische Empfehlung des Umweltbundesamtes zum Lüften: Alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten. Durchzug im Unterricht sei zwar nicht erforderlich, wohl aber über die gesamte Dauer der Pausen. Die Raumtemperatur sinke auf diese Weise auch im Winter nur um zwei bis drei Grad. Dennoch stellen sich die Lehrer erneut auf Gemecker in den Klassen ein.

Auf Suche nach dem Königsweg

Sind Luftfilter wirklich der Königsweg zum Infektionsschutz an Schulen? Was sorgt am besten für virenfreie Luft? Die Meinungen gehen auch in dieser Frage auseinander. Kleine mobile Luftfiltergeräte werden oft kritisiert, am häufigsten wegen der Lautstärke. Manche Eltern haben in anderthalb Jahren Pandemie schon ins eigene Portemonnaie gegriffen und für die Klassenräume ihrer Kinder ein Gerät spendiert. Eine gut gemeinte Geste, aber nicht alle Schulen sind damit glücklich geworden. „Wir möchten keinen weiteren Kühlschrank in unsere Räume stellen", formulierte es eine Lehrerin am Dienstagabend im Ausschuss.


Als langfristig bessere Lösung gelten fest installierte Lüftungsanlagen. Doch der nachträgliche Einbau ist aufwendig und teuer. Um die Luft wirksam zu erneuern, muss die Außenluft angesaugt und die verbrauchte Luft abgeleitet werden. Folglich sind Bauarbeiten erforderlich: Tischler, Trockenbauer und Maurer müssten anrücken, um die Lüftung einzubauen. Ein wesentlicher Eingriff in die Bausubstanz.

Regelmäßiges Lüften in den Klassen, auch im Herbst und Winter: An vielen Schulen sorgt das für Beschwerden. Foto: epd/Matthias Rietschel - © epd-bild/Matthias Rietschel
Regelmäßiges Lüften in den Klassen, auch im Herbst und Winter: An vielen Schulen sorgt das für Beschwerden. Foto: epd/Matthias Rietschel - © epd-bild/Matthias Rietschel

Mitarbeiter der städtischen Gebäudewirtschaft haben die Kosten für diese so genannten Raumlufttechnischen Anlagen (RLT) durchgerechnet. Das Ergebnis ist ernüchternd: Pro Klasse kostet eine Anlage 22.000 Euro. Flächendeckend würde die nachträgliche Ausstattung – für Räume mit unter Zwölfjährigen – 4,8 Millionen kosten. Angesichts dieser Summe sei eine Umsetzung gemäß den Förderrichtlinien und der derzeitigen Marktlage innerhalb von zwölf Monaten ohnehin nicht möglich, so die Gebäudewirtschaft. RLT-Anlagen verbrauchen viel Strom. Unterm Strich kommt die Stadtverwaltung zu dem Schluss: „Die hohen Investitionskosten und der hohen Personalsatz stehen nicht im Verhältnis zum Einsatz bzw. zu der Nachrüstung von stationären Anlagen im Gebäudebestand."

Bei Neubauten hingegen könne der Einsatz der Anlagen zu Beginn der Planung in der Energiebilanz berücksichtigt und der erhöhte Verbrauch durch regenerative Stromerzeugung kompensiert werden. Das sei zum Beispiel für die Sekundarschule am Wiehen der Fall.

FDP und BBM hatten auf andere Lösung gesetzt

Jetzt bleibt es beim regelmäßigen Lüften, viele Schüler werden also wieder mit Winterjacke im Unterricht sitzen. Das hatte sich die FDP-Fraktion anders erhofft: „Der Einsatz von Luftfiltergeräten darf nicht auf schlecht zu belüftende Räume beschränkt werden", heißt es in einem Antrag der Partei, den das Bürger-Bündnis Minden (BBM) ausdrücklich unterstützt. Gerade Kinder seien aktuell besonders gefährdet, an Corona zu erkranken. Die Position der Liberalen untermauerte Mario Cichonczyk am Dienstag im Ausschuss: „Der Peak liegt gerade genau in der Altersgruppe um zwölf Jahre", sagte er. Tatsächlich trifft die vierte Welle laut Robert-Koch-Institut vor allem Jüngere. Seiner Ansicht nach sei die Ausstattung mit Luftfiltern an Schulen wichtiger als die geplanten Anti-Terror-Poller in der Innenstadt, sagte Mario Cichonczyk. Man solle das Geld lieber dafür verwenden.

Kämmerer Norbert Kresse entgegnete, die Entscheidung gegen flächendeckende Filter sei nicht in erster Linie eine Frage des Geldes. „Es macht keinen Sinn, die Maßnahmen gegeneinander auszuspielen."

CO2-Messgeräte sollen die Klasse warnen

Wenn lange nicht gelüftet wurde, ist umgangssprachlich von „verbrauchter Luft" die Rede . Gemeint ist aber die Anreicherung der Luft mit Kohlenstoffdioxid. Um im Blick zu behalten, wann es an der Zeit zum Durchlüften ist, hat die Stadt Minden etwa hundert CO2-Messgeräte an die Schulen verteilt, sagte Rainer Printz (Schulbüro). „Wenn diese Ampel auf Rot zeigt, ist das erträgliche Maß überschritten." Nach einer Stunde Unterricht hat sich der CO2-Gehalt oft mehr als verzehnfacht: Das wirkt sich aufs Wohlbefinden aus, macht müde und unkonzentriert. „Mobile Lüftungsgeräte ersetzen das Lüften nicht", sagte Kämmerer Norbert Kresse nicht zum ersten Mal.

So richtig optimistisch schaute am Dienstagabend in der KTG-Mensa niemand Richtung Herbst und Winter. Viele Eltern haben Bauchschmerzen, zum Beispiel weil sich Politik und Wissenschaft nicht einig sind in Bezug auf Impfungen für Kinder. Sie möchten, dass die Schule sicherer wird.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte: „Bildung muss überall pandemiesicher werden." Dafür müsse die Landesregierung jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, sagte der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Sebastian Krebs der Deutschen Presse-Agentur. Es brauche neben dem Lüften dringend flächendeckend Luftfilter und eine engmaschigere Teststrategie. Mit Blick auf die ansteckendere Delta-Variante und steigende Inzidenzen müssten alle Register gezogen werden, dass Kinder- und Jugendliche nicht noch stärker zu Verlierern der Corona-Krise würden.

Dieses Ziel verfolgt auch das Programm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche in NRW". Damit sollen die gravierenden Auswirkungen auf Bildung und Gesundheit abgefedert und Lernrückstände aufgeholt werden. Für Mindener Schulen sei eine Pauschale in Höhe von 884.153 Euro vorgesehen, erläuterte Tobias Haring (Schulbüro) im Ausschuss.

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