Familienfest - Die Freiheit der Ketten Benjamin Piel Minden. Was ist Weihnachten am ehesten? Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus. „Eine Zeit, die sich noch einsamer anfühlt als sonst“, antwortet die alleinstehende Seniorin. „Tage, an denen ich die Zähne zusammenbeißen muss“, antwortet der Sohn, der seine Eltern zwar nicht alleine lassen will, dem es aber vor der plötzlichen Nähe graut. „Geschenke und Süßigkeiten“, antworten der Sohn aus dem gut situierten Haushalt. „Wenn ich noch mehr als sonst merke, dass wir weniger haben als andere“, sagt das Mädchen von Eltern, die mit wenig Geld auskommen müssen. Für mich lautete die Antwort bisher immer: ein Familienfest. Zu Weihnachten kommen alle zusammen, die weit auseinander wohnen und haben gemeinsam entspannte Tage. Es bleibt Zeit für ein Gespräch, das im Alltag zu kurz kommt. Und schon wochenlang in der Adventszeit: Vorfreude. Die kommt in diesem Jahr nicht auf. Kein Weihnachtsmarkt, kein Duft gebrannter Mandeln, die Weihnachtspläne laufen ins Leere. Vor und an Weihnachten wusste man bisher genau, was man hatte. Das ist ja der Vorteil der guten Tradition – dass sie Verlässlichkeit schafft, immer gleich, egal, was sonst gerade so los ist im Leben. Wie soll man nun planen, wie soll man sich entscheiden? Ist es zu riskant, die 80-jährigen Eltern zu treffen? Oder bereut man die Vorsicht nachher, weil es das letzte Weihnachten miteinander gewesen wäre? Plötzlich hat die Vorbereitung auf die Weihnachtstage nicht mehr die Verlässlichkeit des Traditionellen, sondern ist mit ethischen Zwickmühlen belastet. Weitreichende, geradezu existenziell erscheinende Entscheidungen sind zu treffen. Rational gibt es eine klare Antwort: Wer verantwortungsvoll handeln will, bleibt zu Hause und trifft möglichst keine Familienmitglieder aus anderen Haushalten. Einerseits, um niemanden aus dem eigenen Umfeld zu gefährden. Aber auch im Sinne der Allgemeinheit, damit Deutschland nicht in der Nach-Weihnachtszeit mit steigenden Corona-Zahlen in allen Regionen zu kämpfen hat. Aber wir Menschen bestehen nun einmal nicht nur aus Ratio und so liegen die Tatsachen zwar unzweifelhaft auf dem Tisch, aber die Entscheidung gegen ein gemeinsames Weihnachtsfest fällt trotzdem ungeheuer schwer. Diese Adventszeit, die eigentlich für eine Zeit der ankommenden Hoffnung steht, fühlt sich an wie eine Zeit in Ketten. Kein schöner Gedanke, unfrei zu sein, wie an eine schwere Kugel gebunden – kaum bewegungsfähig. Darin lässt sich erstmal kein Vorteil erkennen. Aber ich habe mir vorgenommen, das Bindende und Verhindernde möglichst als Befreiung umzuinterpretieren. Als Chance, nicht verreisen zu müssen, sondern an Ort und Stelle zur Ruhe zu kommen. Mich auf die eigene kleine Familie zu besinnen. Vielleicht sogar die Möglichkeit zu sehen, mehr als sonst anwesend und unabgelenkt zu sein. Vielleicht liegt in diesem Weihnachten viel mehr Besinnliches als wir auf ersten Blick sehen?

Familienfest - Die Freiheit der Ketten

© Alex Lehn

Minden. Was ist Weihnachten am ehesten? Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus. „Eine Zeit, die sich noch einsamer anfühlt als sonst“, antwortet die alleinstehende Seniorin. „Tage, an denen ich die Zähne zusammenbeißen muss“, antwortet der Sohn, der seine Eltern zwar nicht alleine lassen will, dem es aber vor der plötzlichen Nähe graut. „Geschenke und Süßigkeiten“, antworten der Sohn aus dem gut situierten Haushalt. „Wenn ich noch mehr als sonst merke, dass wir weniger haben als andere“, sagt das Mädchen von Eltern, die mit wenig Geld auskommen müssen.

Für mich lautete die Antwort bisher immer: ein Familienfest. Zu Weihnachten kommen alle zusammen, die weit auseinander wohnen und haben gemeinsam entspannte Tage. Es bleibt Zeit für ein Gespräch, das im Alltag zu kurz kommt. Und schon wochenlang in der Adventszeit: Vorfreude.

Die kommt in diesem Jahr nicht auf. Kein Weihnachtsmarkt, kein Duft gebrannter Mandeln, die Weihnachtspläne laufen ins Leere. Vor und an Weihnachten wusste man bisher genau, was man hatte. Das ist ja der Vorteil der guten Tradition – dass sie Verlässlichkeit schafft, immer gleich, egal, was sonst gerade so los ist im Leben.

Wie soll man nun planen, wie soll man sich entscheiden? Ist es zu riskant, die 80-jährigen Eltern zu treffen? Oder bereut man die Vorsicht nachher, weil es das letzte Weihnachten miteinander gewesen wäre? Plötzlich hat die Vorbereitung auf die Weihnachtstage nicht mehr die Verlässlichkeit des Traditionellen, sondern ist mit ethischen Zwickmühlen belastet. Weitreichende, geradezu existenziell erscheinende Entscheidungen sind zu treffen.

Rational gibt es eine klare Antwort: Wer verantwortungsvoll handeln will, bleibt zu Hause und trifft möglichst keine Familienmitglieder aus anderen Haushalten. Einerseits, um niemanden aus dem eigenen Umfeld zu gefährden. Aber auch im Sinne der Allgemeinheit, damit Deutschland nicht in der Nach-Weihnachtszeit mit steigenden Corona-Zahlen in allen Regionen zu kämpfen hat. Aber wir Menschen bestehen nun einmal nicht nur aus Ratio und so liegen die Tatsachen zwar unzweifelhaft auf dem Tisch, aber die Entscheidung gegen ein gemeinsames Weihnachtsfest fällt trotzdem ungeheuer schwer.

Diese Adventszeit, die eigentlich für eine Zeit der ankommenden Hoffnung steht, fühlt sich an wie eine Zeit in Ketten. Kein schöner Gedanke, unfrei zu sein, wie an eine schwere Kugel gebunden – kaum bewegungsfähig. Darin lässt sich erstmal kein Vorteil erkennen. Aber ich habe mir vorgenommen, das Bindende und Verhindernde möglichst als Befreiung umzuinterpretieren. Als Chance, nicht verreisen zu müssen, sondern an Ort und Stelle zur Ruhe zu kommen. Mich auf die eigene kleine Familie zu besinnen. Vielleicht sogar die Möglichkeit zu sehen, mehr als sonst anwesend und unabgelenkt zu sein.

Vielleicht liegt in diesem Weihnachten viel mehr Besinnliches als wir auf ersten Blick sehen?

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