Fall Tönnies: Viele Verbindungen in die Region Henning Wandel,Benjamin Piel Minden. Rund 1.700 Frauen und Männer pendeln auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag zwischen Minden-Lübbecke und den Kreisen Gütersloh und Warendorf. So zumindest sagt es die amtliche Statistik von IT NRW. Trotz des Lockdowns dort ist das weiterhin möglich, wirtschaftliche Aktivitäten sollen nicht eingeschränkt werden. Doch was bedeutet das für benachbarte Regionen, etwa den Mühlenkreis? Einen ersten positiven Corona-Test bei einem Tönnies-Mitarbeiter hatte der Kreis bereits bestätigt, weitere sind denkbar. Etwa bei drei Patienten eines Mindener Hausarztes, die Schweinetransporter zu Tönnies fahren. Diese werde er nun auf das Corona-Virus testen, sagt der Arzt. Er hält es nicht für unwahrscheinlich, dass sich auch Menschen aus anderen Berufsgruppen, die auf dem Tönnies-Gelände arbeiten oder gearbeitet haben, mit dem Virus angesteckt haben. Der Mediziner hat „große Sorge, dass sich das Virus gewissermaßen durch die Hintertüre auch in Minden-Lübbecke wieder ausbreitet". Das dürfe auf gar keinen Fall passieren, denn: „Wir haben das Virus im Kreis so gut in den Griff bekommen, da wäre es fahrlässig, nun zu riskieren, dass es wieder eingeschleppt wird und sich ausbreitet." Er fordert deshalb alle Unternehmen, die mit Tönnies zusammenarbeiten, auf, ihre Mitarbeiter engmaschig testen zu lassen, um ein mögliches Infektionsgeschehen schnell zu erkennen. Der Kreis Minden-Lübbecke, dessen Gesundheitsamt für die Eindämmung des Virus' zuständig ist, hält zunächst unverändert an den bisherigen Abläufen fest: Wird eine Person nach einem Verdacht positiv getestet, starte die Behörde mit der Rückverfolgung der Kontaktpersonen, sagt Sprecherin Sabine Ohnesorge. Grundlage dafür sei die geltende Verfügung des Landes. Einen Überblick über die tatsächliche Zahl der Personen, die zwischen Minden und dem Lockdown-Gebiet pendeln, hat der Kreis nicht. Folglich wird auch nicht vorsorglich getestet. Das wäre aber wohl schon rechtlich kaum umzusetzen, würden doch damit sämtliche Einwohner der betroffenen Kreise Gütersloh und Warendorf unter Generalverdacht gestellt. Auch dort sind Tests freiwillig – wenngleich sich jeder kostenlos testen lassen kann. Das Land gebe den Unternehmen in den betroffenen Gebieten viel Handlungsspielraum, sagt Jörg Deibert, Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen. Nach der Erfahrungen der vergangenen Wochen wolle die Politik die Wirtschaft offenbar nicht noch einmal lahmlegen, gleichzeitig aber eine weitere Ausbreitung des Virus' verhindern. „Wir empfehlen daher dringend, von den kostenlosen Tests Gebrauch zu machen", sagt Deibert. Die Firmen selbst gingen im Rahmen der Vorgaben sehr unterschiedlich mit der Entwicklung um. So würden zum Beispiel Termine mit Handelsvertretern häufiger abgesagt. Viele Unternehmen setzten wieder verstärkt auf das Homeoffice. Das gilt zum Beispiel auch für die Mindener Melitta-Gruppe. Auch hier seien vereinzelt Mitarbeiter aus dem Raum Gütersloh beschäftigt, sagt Sprecherin Tanja Wucherpfennig: „Wir empfehlen ihnen, weiter im Homeoffice zu bleiben." Melitta sei mit Lockerungen bisher aber ohnehin zurückhaltend. Noch immer arbeiteten die meisten Mitarbeiter – wenn möglich – von zuhause. Für viele Arbeitgeber im Mühlenkreis sind die Ereignisse rund um Tönnies auch eine Art Weckruf. „Es ist ein Anlass, noch einmal auf die Abstands- und Hygieneregelungen hinzuweisen", sagt André M. Fechner, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes: „Es kann ganz schnell neue Hotspots geben, es ist noch nicht vorbei." Mitarbeiter nach Hause zu schicken, nur weil sie Kontakte in die betroffenen Kreise hätten, sei aber schon arbeitsrechtlich nicht möglich. Und schließlich ist da noch die enge Verbindung zwischen Tönnies und dem Mindener Hafen. Hier werden Container vom Lkw auf die Bahn verladen, Tönnies zählt so zu den wichtigsten Kunden: Im vergangenen Jahr lag der Anteil am Gesamtumsatz bei rund 53 Prozent, sagt Hafen-Geschäftsführer Joachim Schmidt. Der hohe Anteil sei darauf zurückzuführen, dass die Container nicht nur umgeschlagen, sondern zwischenzeitlich auch an eine Kühlcontainerstation angeschlossen würden. Einen direkten Kontakt zwischen Fahrern und Hafenmitarbeitern gebe es nicht, versichert Schmidt. Alle externen Fahrer dürfen sich dem Büro demnach nur einzeln und mit Maske nähern, die Hafenmitarbeiter desinfizieren sich regelmäßig. Ein direkter Kontakt zu den Containern finde ebenfalls nicht statt, weil die Arbeitsplätze etwa in den Container-Kränen weit genug entfernt seien. Aktuell allerdings gebe es keinen Umschlag mit Containern der Firma Tönnies. Entsprechend rechnet Schmidt in den nächsten Tagen mit einem deutlichen Mengenrückgang: „Sobald die Produktion dort wieder anläuft, sollte sich das Geschäft auf Normalniveau fortsetzen lassen."

Fall Tönnies: Viele Verbindungen in die Region

Der Fleischkonzern Tönnies ist der wichtigste Kunde des Mindener Hafens. Wegen des Corona-Ausbruchs in dem Schlachtbetrieb ruht der Umschlag mit Kühlcontainern aktuell. MT-Archivfoto: Thomas Lieske © Alex Lehn

Minden. Rund 1.700 Frauen und Männer pendeln auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag zwischen Minden-Lübbecke und den Kreisen Gütersloh und Warendorf. So zumindest sagt es die amtliche Statistik von IT NRW. Trotz des Lockdowns dort ist das weiterhin möglich, wirtschaftliche Aktivitäten sollen nicht eingeschränkt werden.

Doch was bedeutet das für benachbarte Regionen, etwa den Mühlenkreis? Einen ersten positiven Corona-Test bei einem Tönnies-Mitarbeiter hatte der Kreis bereits bestätigt, weitere sind denkbar. Etwa bei drei Patienten eines Mindener Hausarztes, die Schweinetransporter zu Tönnies fahren. Diese werde er nun auf das Corona-Virus testen, sagt der Arzt. Er hält es nicht für unwahrscheinlich, dass sich auch Menschen aus anderen Berufsgruppen, die auf dem Tönnies-Gelände arbeiten oder gearbeitet haben, mit dem Virus angesteckt haben.

Der Mediziner hat „große Sorge, dass sich das Virus gewissermaßen durch die Hintertüre auch in Minden-Lübbecke wieder ausbreitet". Das dürfe auf gar keinen Fall passieren, denn: „Wir haben das Virus im Kreis so gut in den Griff bekommen, da wäre es fahrlässig, nun zu riskieren, dass es wieder eingeschleppt wird und sich ausbreitet." Er fordert deshalb alle Unternehmen, die mit Tönnies zusammenarbeiten, auf, ihre Mitarbeiter engmaschig testen zu lassen, um ein mögliches Infektionsgeschehen schnell zu erkennen.

Der Kreis Minden-Lübbecke, dessen Gesundheitsamt für die Eindämmung des Virus' zuständig ist, hält zunächst unverändert an den bisherigen Abläufen fest: Wird eine Person nach einem Verdacht positiv getestet, starte die Behörde mit der Rückverfolgung der Kontaktpersonen, sagt Sprecherin Sabine Ohnesorge. Grundlage dafür sei die geltende Verfügung des Landes. Einen Überblick über die tatsächliche Zahl der Personen, die zwischen Minden und dem Lockdown-Gebiet pendeln, hat der Kreis nicht. Folglich wird auch nicht vorsorglich getestet.

Das wäre aber wohl schon rechtlich kaum umzusetzen, würden doch damit sämtliche Einwohner der betroffenen Kreise Gütersloh und Warendorf unter Generalverdacht gestellt. Auch dort sind Tests freiwillig – wenngleich sich jeder kostenlos testen lassen kann. Das Land gebe den Unternehmen in den betroffenen Gebieten viel Handlungsspielraum, sagt Jörg Deibert, Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen. Nach der Erfahrungen der vergangenen Wochen wolle die Politik die Wirtschaft offenbar nicht noch einmal lahmlegen, gleichzeitig aber eine weitere Ausbreitung des Virus' verhindern. „Wir empfehlen daher dringend, von den kostenlosen Tests Gebrauch zu machen", sagt Deibert.

Die Firmen selbst gingen im Rahmen der Vorgaben sehr unterschiedlich mit der Entwicklung um. So würden zum Beispiel Termine mit Handelsvertretern häufiger abgesagt. Viele Unternehmen setzten wieder verstärkt auf das Homeoffice. Das gilt zum Beispiel auch für die Mindener Melitta-Gruppe. Auch hier seien vereinzelt Mitarbeiter aus dem Raum Gütersloh beschäftigt, sagt Sprecherin Tanja Wucherpfennig: „Wir empfehlen ihnen, weiter im Homeoffice zu bleiben." Melitta sei mit Lockerungen bisher aber ohnehin zurückhaltend. Noch immer arbeiteten die meisten Mitarbeiter – wenn möglich – von zuhause.

Für viele Arbeitgeber im Mühlenkreis sind die Ereignisse rund um Tönnies auch eine Art Weckruf. „Es ist ein Anlass, noch einmal auf die Abstands- und Hygieneregelungen hinzuweisen", sagt André M. Fechner, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes: „Es kann ganz schnell neue Hotspots geben, es ist noch nicht vorbei." Mitarbeiter nach Hause zu schicken, nur weil sie Kontakte in die betroffenen Kreise hätten, sei aber schon arbeitsrechtlich nicht möglich.

Und schließlich ist da noch die enge Verbindung zwischen Tönnies und dem Mindener Hafen. Hier werden Container vom Lkw auf die Bahn verladen, Tönnies zählt so zu den wichtigsten Kunden: Im vergangenen Jahr lag der Anteil am Gesamtumsatz bei rund 53 Prozent, sagt Hafen-Geschäftsführer Joachim Schmidt. Der hohe Anteil sei darauf zurückzuführen, dass die Container nicht nur umgeschlagen, sondern zwischenzeitlich auch an eine Kühlcontainerstation angeschlossen würden.

Einen direkten Kontakt zwischen Fahrern und Hafenmitarbeitern gebe es nicht, versichert Schmidt. Alle externen Fahrer dürfen sich dem Büro demnach nur einzeln und mit Maske nähern, die Hafenmitarbeiter desinfizieren sich regelmäßig. Ein direkter Kontakt zu den Containern finde ebenfalls nicht statt, weil die Arbeitsplätze etwa in den Container-Kränen weit genug entfernt seien. Aktuell allerdings gebe es keinen Umschlag mit Containern der Firma Tönnies. Entsprechend rechnet Schmidt in den nächsten Tagen mit einem deutlichen Mengenrückgang: „Sobald die Produktion dort wieder anläuft, sollte sich das Geschäft auf Normalniveau fortsetzen lassen."

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