Es gibt zu viele Katzen: Tierschützer fordern Kastrationspflicht in Minden Doris Christoph Minden. Alle Käfige und Plätze sind belegt – das ist auch früher schon vorgekommen. „Dann haben wir befreundete Tierheime angerufen, ob sie ein paar unserer Fundtiere für einige Zeit aufnehmen können. Das war aber in diesem Jahr überhaupt nicht möglich", berichtet Tanja Tiedtke, Leiterin des Tierheims Bückeburg. In fast allen Einrichtungen der Region gibt es im Moment einen Aufnahmestopp. Der Grund sind die vielen, vielen Katzen. Gemeinsames Problem Tiedtke reichte es: Sie organisierte ein Treffen heimischer Tierheime und Tierschutzorganisationen, Mittwochabend fand es in der Mindener Einrichtung statt. Auch hier herrscht seit Wochen Ausnahmezustand: Die Mitarbeitenden kümmern sich im Moment um rund 130 Katzen, weitere sind bei Pflegestellen untergebracht. Im Tierheim Stadthagen gibt es eigentlich 30 Plätze, zurzeit müssen 50 Tiere betreut werden, wie dessen Leiterin Kerstin Kassner erklärt. Wieder helfen Pflegestellen aus. Sina Schneider vom Franziskushof in Kalletal berichtet von 179 Katzen, die bislang aufgenommen worden seien. „Wenn es wirklich hart war, waren es um die 100, sonst um die 70 Katzen", sagt die Leiterin. Vor allem Kitten oder trächtige Katzen kommen zurzeit an. Viele sind in einem schlechten Zustand, verwurmt, schwer krank. Und viele überleben trotz intensiver Pflege nicht. „Das Elend ist emotional und finanziell nicht tragbar", sagt Tanja Berger, Vorsitzende des Vereins „Menschen für Tierrechte Minden und Umgebung". Dessen Mitglieder kümmern sich um die Kastration und Versorgung von verwilderten Katzen. Das wird aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. „Wir kommen nicht mehr hinterher", so Berger. Mythen, Kosten und Corona Ein Grund für die große Zahl an Katzen: Viele Menschen hatten junge Fundtiere während der Einschränkungen im Frühjahr behalten und versäumt, sie kastrieren zu lassen. Das berichtete Petra Yarwood vom Tierschutzverein Minden, Träger des heimischen Tierheims, vor kurzem dem MT. Und nun landen in den Tierheimen sehr viele tragende Katzen oder Mütter mit Kitten. Tierschützerin Tanja Berger betont, dass es das Katzenproblem aber auch schon vor der Pandemie gab – und es nicht irgendwann wieder verschwinden werde. In der Mittwochs-Runde nennen die Tierschützer weitere Ursachen, die Erfahrungen ähneln sich. Beispielsweise seien die Zeiten, in denen es nur Nachwuchs im Mai und Herbst gab, vorbei. Immer früher im Jahr kommt der erste Wurf zur Welt und teilweise gibt es auch im November und Dezember noch Katzenbabys. Der Klimawandel und das mildere Wetter werden als Grund vermutet. Ein Katze kann so dreimal im Jahr Junge bekommen. Manchmal werde aus Glaubensgründen nicht kastriert. Mythen spielen aber scheinbar eine noch größere Rolle: „Es gibt den Irrglauben, dass eine kastrierte Katze keine Mäuse mehr fangen kann", sagt Tanja Tiedtke, die Tierheimleiterin aus Bückeburg. Vor allem unter Landwirten sei das Vorurteil verbreitet. Auch Tierschützer aus anderen Kommunen berichten das. „Wenn eine Katze mehrmals pro Jahr sechs bis zwölf Junge bekommt, hat sie viel weniger Kraft, um gut Mäuse zu fangen", hält Tierärztin Sandra Schuster aus Meerbeck bei Stadthagen dagegen. Sie hat viel mit verwilderten Hauskatzen zu tun, für die sich keiner zuständig fühle. Der Nachwuchs habe oft Krankheiten wie Katzenseuche, eine in vielen Fällen tödlich verlaufende Durchfallerkrankung – gegen die es eine Impfung gibt. Doch die in der Wildnis geborenen Tiere haben diese nicht. „Es ist ein unheimliches Elend", sagt Schuster. Um die Katzenbabys durchzubringen, sei man Tag und Nacht im Einsatz. „Das Grundübel aber ist fehlende Einsicht", findet Schuster. Und die herrscht nicht nur auf dem Land. Auch in der Stadt lassen Besitzer ihre Tiere nicht kastrieren. „Da gibt es die Einstellung: Ich hab nur einen Kater, der bringt es ja nur weg", sagt Tiedtke. Die Zahl der verwilderten Hauskatzen reduziert das aber nicht. Die Tierschützerinnen berichten zudem von einem Markt mit unkastrierten Tieren, der nun eingebrochen sei: Während der Corona-Einschränkungen, als es eine große Nachfrage nach Haustieren gab, ließen die Katzen sich für viel Geld bei Ebay verkaufen – mittlerweile würden sie verschenkt. Oder es gibt sie gegen einen geringen Betrag. Die Kosten für eine Kastration – Schuster nennt rund 140 Euro bei einer Katze, etwa 90 Euro bei einem Kater – können oder wollen die Besitzer dann aber nicht zahlen. „Das können wir uns nicht leisten", höre sie oft. Ohne Kastration, die ab dem fünften Lebensmonat möglich sei, ergebe sich aber ein exponentielles Wachstum. Sie und die niedersächsischen Tierschützer sind froh, dass das Nachbarbundesland wieder Mittel zur Verfügung gestellt hat, mit denen ab Dezember Wildkatzen kostenlos kastriert werden können. Im vergangenen Jahr seien die rund 300.000 Euro binnen weniger Tage aufgebraucht gewesen, berichtet Schuster. Forderung nach Kastrationspflicht Das Treffen habe ein Ziel, sagt Sabrina Driftmann, Leiterin des Mindener Tierheims: „Wie kann eine Kastrationspflicht auch hier eingeführt werden?" Denn ohne eine sogenannte Katzenschutzverordnung sehen die Tierschützer kein Ende des Elends. „Minden ist da mittelalterlich unterwegs", meint Agnes Strasheim vom Tierrechte-Verein Minden. „Der Rat weiß um die Forderung, in anderen Kommunen ist die Entscheidung bereits gefallen", sagt Tanja Berger mit Hinweis auf Porta Westfalica und Petershagen. Auch der Tierschutzverein Minden habe es bereits versucht, ergänzt Petra Yarwood. Und dann das Argument zu hören bekommen, es bestehe keine Gefährdung für Mensch und Tier. Zuletzt haben die Tierschützer vergangenes Jahr mit Unterstützung von Claudia Herziger-Möhlmann vom Bürger-Bündnis Minden versucht, das Thema voranzubringen. Die Politikerin bestätigt auf MT-Nachfrage, im Mai 2020 einen Prüfauftrag zur Aufnahme der Kastrationspflicht in die „Ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet der Stadt Minden" im Rat eingebracht zu haben. Sie bekam aber keine Mehrheit zustande. Eine Frage der Gefahr Laut Pressestelle der Stadt könnten in diese sogenannte Gefahrenabwehrverordnung nur Regelungen zum Schutz vor einer von den Katzen ausgehenden Gefahr aufgenommen werden, etwa wenn diese Krankheitserreger auf den Menschen übertragen würden. „Hierzu liegen der Stadtverwaltung jedoch keinerlei Anhaltspunkte vor." Die Kastrationsverordnung wäre also rechtswidrig. Durch sie würde zudem ein erheblicher Sach- und Personalaufwand sowie ein hohes Kostenrisiko entstehen. Die Stadt verweist außerdem auf praktische Probleme, von denen ihr Kommunen mit Kastrationspflicht berichtet hätten: So habe die Ordnungsbehörde keine Möglichkeit, streunende Katzen von Freigängern zu unterscheiden. Überprüfungen seien problematisch, da sich die Tiere nicht einfangen ließen. Auch das Eigentum an Katzen lasse sich kaum nachweisen. „Bei der Diskussion um die Kastrationspflicht geht es vielmehr um die Abwehr einer Gefahr für die Katzen, die sich aus der Verwilderung und gegebenenfalls Mangelernährung ergeben", teilt die Stadt Minden mit. Dann seien laut Tierschutzgesetz die Kreisordnungsbehörden zuständig. Ob der Kreis eine Gefahr sieht und einen entsprechenden Erlass plant, konnte bis Redaktionsschluss nicht beantwortet werden. Städte mit Verboten In Petershagen gibt es seit August 2015 eine Kastrationspflicht ab dem fünften Monat für Freigänger-Katzen. Allerdings gibt es bei Verstoß kein Bußgeld. „Die Handhabe der Verwaltung ist also nicht groß", sagt Pressesprecherin Tatjana Brast. Vordergründig sei es der Politik um einen Appell im Sinne des Tierschutzes gegangen. Die Ordnungsamt-Mitarbeiter erhielten aber auch nur vereinzelt Nachfragen zu dem Thema. Dann würden die Besitzer angeschrieben – als Katzenhalter gilt, wer freilebenden Katzen regelmäßig Futter zur Verfügung stellt. Die Besitzer müssen dann schriftlich die Kastration nachweisen. Wenn es Probleme gebe, könnten auch Zwangsmittel eingesetzt werden, so Brast. In Porta Westfalica wurde die Kastrationspflicht 2011 eingeführt. Laut Pressesprecherin Babette Lissner führe die Ordnungsbehörde Kontrollen im Außendienst durch und gehe Meldungen von Bürgern nach. „Sollte ein Verstoß festgestellt werden, werden die betreffenden Personen angeschrieben und darauf hingewiesen, dass eine Kastration erforderlich ist. Bei Nichtbeachtung ist es möglich, ein Bußgeld zu verhängen." Die Höhe sei nicht festgelegt. Es sei aber bislang auch noch keines verhängt worden, in der Regel werde der Aufforderung nachgekommen. Im Auftrag des Ordnungsamts Wie eine Umsetzung in Zusammenarbeit zwischen Ordnungsamt und Tierschützern funktionieren kann, berichtet am Mittwoch Monika Schermer. Sie ist seit 40 Jahren als freie Tierschützerin vor allem im Bereich Rinteln und Extertal im Einsatz – dort gibt es eine Kastrationspflicht. Schermer fährt etwa zu Bauernhöfen und fängt Katzen ein, lässt sie kastrieren und bringt sie den Besitzern zurück – auch wenn die oft verneinen, dass das ihr Tier sei. Manchmal wird Schermer vom Ordnungsamt geschickt. Sie werde nicht immer freundlich empfangen, berichtet sie. Dann helfe ihr aber die Behörde und stelle ein Schreiben mit einer Bußgeldandrohung aus, das sie vorlegen könne. Das habe dann schon eine andere Wirkung. Politiker ansprechen Die Mindener Tierschützer wollen nun wieder an die Politiker herantreten. „Wir können die Notwendigkeit mit Zahlen belegen", sagt Tanja Berger. Bislang komme es ihnen aber so vor, als würden sie ignoriert, nach dem Motto: Jemand werde es schon richten. „Aber die Kapazitäten sind erschöpft. Nicht nur die Tierheime sind betroffen, sondern auch private Helfer", sagt Berger. „Wir als Zusammenschluss der Tierschutzvereine sagen: Es reicht."

Es gibt zu viele Katzen: Tierschützer fordern Kastrationspflicht in Minden

Vor allem junge Katzen sind zurzeit im Tierheim Minden untergebracht. MT-Foto: Leonie Meyer © x

Minden. Alle Käfige und Plätze sind belegt – das ist auch früher schon vorgekommen. „Dann haben wir befreundete Tierheime angerufen, ob sie ein paar unserer Fundtiere für einige Zeit aufnehmen können. Das war aber in diesem Jahr überhaupt nicht möglich", berichtet Tanja Tiedtke, Leiterin des Tierheims Bückeburg. In fast allen Einrichtungen der Region gibt es im Moment einen Aufnahmestopp. Der Grund sind die vielen, vielen Katzen.

Gemeinsames Problem

Tiedtke reichte es: Sie organisierte ein Treffen heimischer Tierheime und Tierschutzorganisationen, Mittwochabend fand es in der Mindener Einrichtung statt. Auch hier herrscht seit Wochen Ausnahmezustand: Die Mitarbeitenden kümmern sich im Moment um rund 130 Katzen, weitere sind bei Pflegestellen untergebracht. Im Tierheim Stadthagen gibt es eigentlich 30 Plätze, zurzeit müssen 50 Tiere betreut werden, wie dessen Leiterin Kerstin Kassner erklärt. Wieder helfen Pflegestellen aus. Sina Schneider vom Franziskushof in Kalletal berichtet von 179 Katzen, die bislang aufgenommen worden seien. „Wenn es wirklich hart war, waren es um die 100, sonst um die 70 Katzen", sagt die Leiterin.

Malina Reckordt

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Vor allem Kitten oder trächtige Katzen kommen zurzeit an. Viele sind in einem schlechten Zustand, verwurmt, schwer krank. Und viele überleben trotz intensiver Pflege nicht. „Das Elend ist emotional und finanziell nicht tragbar", sagt Tanja Berger, Vorsitzende des Vereins „Menschen für Tierrechte Minden und Umgebung". Dessen Mitglieder kümmern sich um die Kastration und Versorgung von verwilderten Katzen. Das wird aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. „Wir kommen nicht mehr hinterher", so Berger.

Mythen, Kosten und Corona

Ein Grund für die große Zahl an Katzen: Viele Menschen hatten junge Fundtiere während der Einschränkungen im Frühjahr behalten und versäumt, sie kastrieren zu lassen. Das berichtete Petra Yarwood vom Tierschutzverein Minden, Träger des heimischen Tierheims, vor kurzem dem MT. Und nun landen in den Tierheimen sehr viele tragende Katzen oder Mütter mit Kitten.

Tierschützerin Tanja Berger betont, dass es das Katzenproblem aber auch schon vor der Pandemie gab – und es nicht irgendwann wieder verschwinden werde. In der Mittwochs-Runde nennen die Tierschützer weitere Ursachen, die Erfahrungen ähneln sich. Beispielsweise seien die Zeiten, in denen es nur Nachwuchs im Mai und Herbst gab, vorbei. Immer früher im Jahr kommt der erste Wurf zur Welt und teilweise gibt es auch im November und Dezember noch Katzenbabys. Der Klimawandel und das mildere Wetter werden als Grund vermutet. Ein Katze kann so dreimal im Jahr Junge bekommen.

Manchmal werde aus Glaubensgründen nicht kastriert. Mythen spielen aber scheinbar eine noch größere Rolle: „Es gibt den Irrglauben, dass eine kastrierte Katze keine Mäuse mehr fangen kann", sagt Tanja Tiedtke, die Tierheimleiterin aus Bückeburg. Vor allem unter Landwirten sei das Vorurteil verbreitet. Auch Tierschützer aus anderen Kommunen berichten das.

„Wenn eine Katze mehrmals pro Jahr sechs bis zwölf Junge bekommt, hat sie viel weniger Kraft, um gut Mäuse zu fangen", hält Tierärztin Sandra Schuster aus Meerbeck bei Stadthagen dagegen. Sie hat viel mit verwilderten Hauskatzen zu tun, für die sich keiner zuständig fühle. Der Nachwuchs habe oft Krankheiten wie Katzenseuche, eine in vielen Fällen tödlich verlaufende Durchfallerkrankung – gegen die es eine Impfung gibt. Doch die in der Wildnis geborenen Tiere haben diese nicht. „Es ist ein unheimliches Elend", sagt Schuster. Um die Katzenbabys durchzubringen, sei man Tag und Nacht im Einsatz.

„Das Grundübel aber ist fehlende Einsicht", findet Schuster. Und die herrscht nicht nur auf dem Land. Auch in der Stadt lassen Besitzer ihre Tiere nicht kastrieren. „Da gibt es die Einstellung: Ich hab nur einen Kater, der bringt es ja nur weg", sagt Tiedtke. Die Zahl der verwilderten Hauskatzen reduziert das aber nicht. Die Tierschützerinnen berichten zudem von einem Markt mit unkastrierten Tieren, der nun eingebrochen sei: Während der Corona-Einschränkungen, als es eine große Nachfrage nach Haustieren gab, ließen die Katzen sich für viel Geld bei Ebay verkaufen – mittlerweile würden sie verschenkt.

Oder es gibt sie gegen einen geringen Betrag. Die Kosten für eine Kastration – Schuster nennt rund 140 Euro bei einer Katze, etwa 90 Euro bei einem Kater – können oder wollen die Besitzer dann aber nicht zahlen. „Das können wir uns nicht leisten", höre sie oft. Ohne Kastration, die ab dem fünften Lebensmonat möglich sei, ergebe sich aber ein exponentielles Wachstum.

Sie und die niedersächsischen Tierschützer sind froh, dass das Nachbarbundesland wieder Mittel zur Verfügung gestellt hat, mit denen ab Dezember Wildkatzen kostenlos kastriert werden können. Im vergangenen Jahr seien die rund 300.000 Euro binnen weniger Tage aufgebraucht gewesen, berichtet Schuster.

Forderung nach Kastrationspflicht

Das Treffen habe ein Ziel, sagt Sabrina Driftmann, Leiterin des Mindener Tierheims: „Wie kann eine Kastrationspflicht auch hier eingeführt werden?" Denn ohne eine sogenannte Katzenschutzverordnung sehen die Tierschützer kein Ende des Elends. „Minden ist da mittelalterlich unterwegs", meint Agnes Strasheim vom Tierrechte-Verein Minden. „Der Rat weiß um die Forderung, in anderen Kommunen ist die Entscheidung bereits gefallen", sagt Tanja Berger mit Hinweis auf Porta Westfalica und Petershagen. Auch der Tierschutzverein Minden habe es bereits versucht, ergänzt Petra Yarwood. Und dann das Argument zu hören bekommen, es bestehe keine Gefährdung für Mensch und Tier.

Zuletzt haben die Tierschützer vergangenes Jahr mit Unterstützung von Claudia Herziger-Möhlmann vom Bürger-Bündnis Minden versucht, das Thema voranzubringen. Die Politikerin bestätigt auf MT-Nachfrage, im Mai 2020 einen Prüfauftrag zur Aufnahme der Kastrationspflicht in die „Ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet der Stadt Minden" im Rat eingebracht zu haben. Sie bekam aber keine Mehrheit zustande.

Eine Frage der Gefahr

Laut Pressestelle der Stadt könnten in diese sogenannte Gefahrenabwehrverordnung nur Regelungen zum Schutz vor einer von den Katzen ausgehenden Gefahr aufgenommen werden, etwa wenn diese Krankheitserreger auf den Menschen übertragen würden. „Hierzu liegen der Stadtverwaltung jedoch keinerlei Anhaltspunkte vor." Die Kastrationsverordnung wäre also rechtswidrig. Durch sie würde zudem ein erheblicher Sach- und Personalaufwand sowie ein hohes Kostenrisiko entstehen.

Die Stadt verweist außerdem auf praktische Probleme, von denen ihr Kommunen mit Kastrationspflicht berichtet hätten: So habe die Ordnungsbehörde keine Möglichkeit, streunende Katzen von Freigängern zu unterscheiden. Überprüfungen seien problematisch, da sich die Tiere nicht einfangen ließen. Auch das Eigentum an Katzen lasse sich kaum nachweisen.

„Bei der Diskussion um die Kastrationspflicht geht es vielmehr um die Abwehr einer Gefahr für die Katzen, die sich aus der Verwilderung und gegebenenfalls Mangelernährung ergeben", teilt die Stadt Minden mit. Dann seien laut Tierschutzgesetz die Kreisordnungsbehörden zuständig. Ob der Kreis eine Gefahr sieht und einen entsprechenden Erlass plant, konnte bis Redaktionsschluss nicht beantwortet werden.

Städte mit Verboten

In Petershagen gibt es seit August 2015 eine Kastrationspflicht ab dem fünften Monat für Freigänger-Katzen. Allerdings gibt es bei Verstoß kein Bußgeld. „Die Handhabe der Verwaltung ist also nicht groß", sagt Pressesprecherin Tatjana Brast. Vordergründig sei es der Politik um einen Appell im Sinne des Tierschutzes gegangen.

Die Ordnungsamt-Mitarbeiter erhielten aber auch nur vereinzelt Nachfragen zu dem Thema. Dann würden die Besitzer angeschrieben – als Katzenhalter gilt, wer freilebenden Katzen regelmäßig Futter zur Verfügung stellt. Die Besitzer müssen dann schriftlich die Kastration nachweisen. Wenn es Probleme gebe, könnten auch Zwangsmittel eingesetzt werden, so Brast.

In Porta Westfalica wurde die Kastrationspflicht 2011 eingeführt. Laut Pressesprecherin Babette Lissner führe die Ordnungsbehörde Kontrollen im Außendienst durch und gehe Meldungen von Bürgern nach. „Sollte ein Verstoß festgestellt werden, werden die betreffenden Personen angeschrieben und darauf hingewiesen, dass eine Kastration erforderlich ist. Bei Nichtbeachtung ist es möglich, ein Bußgeld zu verhängen." Die Höhe sei nicht festgelegt. Es sei aber bislang auch noch keines verhängt worden, in der Regel werde der Aufforderung nachgekommen.

Im Auftrag des Ordnungsamts

Wie eine Umsetzung in Zusammenarbeit zwischen Ordnungsamt und Tierschützern funktionieren kann, berichtet am Mittwoch Monika Schermer. Sie ist seit 40 Jahren als freie Tierschützerin vor allem im Bereich Rinteln und Extertal im Einsatz – dort gibt es eine Kastrationspflicht. Schermer fährt etwa zu Bauernhöfen und fängt Katzen ein, lässt sie kastrieren und bringt sie den Besitzern zurück – auch wenn die oft verneinen, dass das ihr Tier sei. Manchmal wird Schermer vom Ordnungsamt geschickt. Sie werde nicht immer freundlich empfangen, berichtet sie. Dann helfe ihr aber die Behörde und stelle ein Schreiben mit einer Bußgeldandrohung aus, das sie vorlegen könne. Das habe dann schon eine andere Wirkung.

Politiker ansprechen

Die Mindener Tierschützer wollen nun wieder an die Politiker herantreten. „Wir können die Notwendigkeit mit Zahlen belegen", sagt Tanja Berger. Bislang komme es ihnen aber so vor, als würden sie ignoriert, nach dem Motto: Jemand werde es schon richten. „Aber die Kapazitäten sind erschöpft. Nicht nur die Tierheime sind betroffen, sondern auch private Helfer", sagt Berger. „Wir als Zusammenschluss der Tierschutzvereine sagen: Es reicht."

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