Entscheidung unter Druck: Die vielen Fragen zum Schwangerschaftsabbruch Monika Jäger Minden. 2021 könnte das Jahr sein, in dem sich für Frauen, die ungewollt schwanger werden, Grundsätzliches ändert. Seit 150 Jahren ist der Abbruch rechtswidrig – das möchten SPD und Grüne ändern. Ob sie sich damit bei den Koalitionsverhandlungen durchsetzen? Abwarten. Die individuelle Entscheidung würde das allerdings nicht erleichtern – „kaum eine Frau, die zu uns kommt, weiß, dass ein Abbruch rechtswidrig, aber unter bestimmten Bedingungen nicht strafbar ist“, sagt Katja Nahrwold von der Beratungsstelle Donum Vitae. Wer ungewollt schwanger ist, hat ganz andere Probleme: Innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters muss eine wichtige, möglicherweise eine Lebensentscheidung getroffen werden, die für nicht wenige auch eine Gewissensentscheidung ist. Zu den Frauen in dieser Situation gehören ebenso Schülerinnen, bei denen das mit der Verhütung schief gegangen ist, wie mehrfache Mütter, die sich nicht noch ein Kind zutrauen, Asylbewerberinnen, die während der Flucht schwanger wurden, und auch Berufstätige, denen ein Kind gerade überhaupt nicht in die Lebensplanung passt.In solch einer Situation nicht zu zweifeln, das kommt so gut wie nie vor. Selbst, wer theoretisch für sich immer dachte, dass eine Abtreibung ein logischer Schritt sein würde, steht in der konkreten Situation meist doch anders da. Die Beratung ist Pflicht – kann aber auch ein Segen sein. Denn mit Fachfrauen und in einem geschützten Rahmen redet es sich ganz anders als mit Freundinnen. „Wir begegnen den Frauen wertfrei und annehmend“ sagt Leona Schoppengerd-Brast von der Beratungsstelle „die fam“. „Die Entscheidung liegt bei der Frau – wir unterstützen, egal wie diese ausfällt“, sagt Nahrwold.Viele Frauen schämten sich, ungewollt schwanger geworden zu sein, sagt Schoppengerd-Brast. Viele fragten sich und die Beraterinnen, ob sie über Leben und Tod entscheiden dürften, so Nahrwold. Dass von Abtreibungsgegnern unterstellt wird, die Frauen würden diese Situation auf die leichte Schulter nehmen, ärgert die Beraterinnen. Sie erleben die Zweifel und die Ängste jeden Tag. Und: „Sich für eine Schwangerschaft zu entscheiden, heißt ja auch nicht unbedingt, dass man glücklich schwanger ist.“ Bei der Pflichtberatung wird zum einen über Unterstützungsmöglichkeiten für Mutter und Kind informiert, ebenso aber auch darüber, wie und wo in der Nähe Abbrüche vorgenommen werden. Das lässt sich auf anderem Wege nur schlecht feststellen, denn erst seit zwei Jahren dürfen Ärzte überhaupt darüber informieren, dass sie Abbrüche vornehmen – das dann aber auch nicht zu detailliert. Abtreibungsgegner haben Mediziner und Beratungsstellen im Fokus und strengen bundesweit Prozesse an. Auch im Kreisgebiet kommen Drohmails und Hassbriefe an, oft mit dem klaren Absender der Gegner-Organisationen. Während bundesweit die Zahl der Ärzte sinkt, die bereit sind, Abbrüche vorzunehmen, ist die Situation im Kreisgebiet stabil. Am Universitätsklinikum Minden leitet Professor Dr. Philipp Soergel die Frauenklinik. Hier werden im Jahr rund 15 medikamentöse und 50 operative Abbrüche durchgeführt. Ärzte können selbst entscheiden, ob sie zu dem Eingriff bereit sind, etwa die Hälfte des Teams macht von der Möglichkeit zum Nein Gebrauch. „Die Frauen sollen auf keinen Fall das Gefühl bekommen, dass sie hier nicht unterstützt werden“, sagt der Arzt. Darum werde bei der Dienstplanung auf die Einstellung des Personals geachtet.Auch in der Ausbildung spricht er das Thema Abtreibung an. Es gibt dafür keine eigene Vorlesung oder Übungen, aber wenn es um frühe Fehlgeburten geht, erläutert der Arzt, dass die in dem Fall verwendete Methode auch zur Schwangerschaftsbeendigung verwendet werden kann. Im Verlauf des Studiums wird auch die rechtliche Situation geklärt. Ob sie einen Abbruch will, müsse jede Frau für sich selbst entscheiden, so Soergel. „Aber man sollte auch keinen Arzt zu etwas zwingen, das er als unethisch empfindet.“1991 war das noch anders. Da wurde Dr. Rudolf Amendt Oberarzt in der gynäkologischen Abteilung des Klinikums Minden. „Ich hätte die Stelle nicht bekommen, wenn ich Abbrüche abgelehnt hätte.“ 1993 ließ er sich als Facharzt nieder, gemeinsam mit Dr. Binder als Partner. Amendt war bereit zu Abbrüchen, der Partner nicht. 1998 bauten sie mit weiteren Partnern die Tagesklinik in Bad Oeynhausen-Eidinghausen – eine gynäkologisch-anästhesistische Gemeinschaftspraxis, etwas in Deutschland seltenes. Hier werden im Jahr etwa 3.000 ambulante Operationen durchgeführt, 300 bis 400 davon sind Schwangerschaftsabbrüche. Kreisweit macht das operativ sonst niemand, und den Abbruch mit Medikamenten gibt es ebenfalls nur sehr vereinzelt. Andere niedergelassene Ärzte verweisen die Frauen nach Eidinghausen. „Wir leben in einer Gesellschaft, wo es heißt, dass Frauen sich frei entscheiden können. Dazu stehe ich“, sagt Amendt. Und nein, gern mache er den Eingriff nicht, aber das Angebot gehöre zur medizinischen Versorgung nun einmal dazu. „Wenn ich etwas anbiete, will ich das auch vernünftig machen.“ Die Frauen erleben den Abbruch in einer sachlich-medizinischen Umgebung – das ist für manche nicht leicht. Acht Betten stehen in der Klinik im Aufwachraum, da bekommt Amendt von Patientinnen auch schon mal die Rückmeldung, es gehe zu wie in einem Taubenschlag. Narkose, Aufwachraum, operative Kenntnis und auch das Wissen, was bei Komplikationen zu tun ist: All das gehört für Amendt selbstverständlich zu diesem medizinischen Eingriff dazu, das benötigt Ausstattung und Fachmediziner mit Erfahrung. „Ich bin froh, dass wir hier im Kreisgebiet zwei Anlaufstellen haben“, sagt Amendt – seine Praxis und das Klinikum ergänzten einander.Warum deutschlandweit die Zahl der Ärzte so drastisch zurückgeht – für Amendt ist der Wandel in der Medizin einer der Gründe. Der Beruf wird zunehmend weiblich – damit meint er nicht, dass Ärztinnen grundsätzlich anders zu Abtreibungen stünden als Ärzte. Aber viele möchten Familie und Beruf vereinbaren und arbeiten darum oft in Teilzeit oder angestellt. Nachwuchsmediziner suchten vermehrt nach Stellen, wo sie nicht die große Verantwortung für Operationen übernehmen müssen. All das trage zur Verschärfung der Situation bei.Amendt wird demnächst 68 Jahre alt. Ende des Jahres hört er auf. Doch das Angebot für ungewollt Schwangere wird es weiter geben – dafür hat er bei der Suche nach Nachfolgern gesorgt.Beratung ist wichtig, der § 218 jedoch sollte abgeschafft werden, sagt Amendt. Nach all den Jahren ist er fest überzeugt: Wenn es andere Möglichkeiten zur Unterstützung gäbe, würden sich weniger Frauen für einen Abbruch entscheiden. Mit Kind, alleinstehend – das heiße doch meist Verzicht und wenig Geld. „Wenn Mütter für sich und ihre Kinder sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen bekämen, dann könnten sie diese auch großziehen. Die Gesellschaft ist da nicht ehrlich und genug fürsorglich.“Leichten Herzens entscheide sich keine Frau für einen Abbruch. Und immer wieder erscheinen auch Patientinnen nicht zum Termin. Die haben es sich dann anders überlegt.

Entscheidung unter Druck: Die vielen Fragen zum Schwangerschaftsabbruch

Für Schwangerschaftsabbrüche gibt es die unterschiedlichsten Gründe. Vorab müssen sich Schwangere bei Beratungsstellen informieren. © Alex Lehn

Minden. 2021 könnte das Jahr sein, in dem sich für Frauen, die ungewollt schwanger werden, Grundsätzliches ändert. Seit 150 Jahren ist der Abbruch rechtswidrig – das möchten SPD und Grüne ändern. Ob sie sich damit bei den Koalitionsverhandlungen durchsetzen? Abwarten.

Die individuelle Entscheidung würde das allerdings nicht erleichtern – „kaum eine Frau, die zu uns kommt, weiß, dass ein Abbruch rechtswidrig, aber unter bestimmten Bedingungen nicht strafbar ist“, sagt Katja Nahrwold von der Beratungsstelle Donum Vitae. Wer ungewollt schwanger ist, hat ganz andere Probleme: Innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters muss eine wichtige, möglicherweise eine Lebensentscheidung getroffen werden, die für nicht wenige auch eine Gewissensentscheidung ist.

Zu den Frauen in dieser Situation gehören ebenso Schülerinnen, bei denen das mit der Verhütung schief gegangen ist, wie mehrfache Mütter, die sich nicht noch ein Kind zutrauen, Asylbewerberinnen, die während der Flucht schwanger wurden, und auch Berufstätige, denen ein Kind gerade überhaupt nicht in die Lebensplanung passt.

In solch einer Situation nicht zu zweifeln, das kommt so gut wie nie vor. Selbst, wer theoretisch für sich immer dachte, dass eine Abtreibung ein logischer Schritt sein würde, steht in der konkreten Situation meist doch anders da. Die Beratung ist Pflicht – kann aber auch ein Segen sein. Denn mit Fachfrauen und in einem geschützten Rahmen redet es sich ganz anders als mit Freundinnen. „Wir begegnen den Frauen wertfrei und annehmend“ sagt Leona Schoppengerd-Brast von der Beratungsstelle „die fam“. „Die Entscheidung liegt bei der Frau – wir unterstützen, egal wie diese ausfällt“, sagt Nahrwold.

Viele Frauen schämten sich, ungewollt schwanger geworden zu sein, sagt Schoppengerd-Brast. Viele fragten sich und die Beraterinnen, ob sie über Leben und Tod entscheiden dürften, so Nahrwold. Dass von Abtreibungsgegnern unterstellt wird, die Frauen würden diese Situation auf die leichte Schulter nehmen, ärgert die Beraterinnen. Sie erleben die Zweifel und die Ängste jeden Tag. Und: „Sich für eine Schwangerschaft zu entscheiden, heißt ja auch nicht unbedingt, dass man glücklich schwanger ist.“


Bei der Pflichtberatung wird zum einen über Unterstützungsmöglichkeiten für Mutter und Kind informiert, ebenso aber auch darüber, wie und wo in der Nähe Abbrüche vorgenommen werden. Das lässt sich auf anderem Wege nur schlecht feststellen, denn erst seit zwei Jahren dürfen Ärzte überhaupt darüber informieren, dass sie Abbrüche vornehmen – das dann aber auch nicht zu detailliert. Abtreibungsgegner haben Mediziner und Beratungsstellen im Fokus und strengen bundesweit Prozesse an. Auch im Kreisgebiet kommen Drohmails und Hassbriefe an, oft mit dem klaren Absender der Gegner-Organisationen.

Während bundesweit die Zahl der Ärzte sinkt, die bereit sind, Abbrüche vorzunehmen, ist die Situation im Kreisgebiet stabil. Am Universitätsklinikum Minden leitet Professor Dr. Philipp Soergel die Frauenklinik. Hier werden im Jahr rund 15 medikamentöse und 50 operative Abbrüche durchgeführt. Ärzte können selbst entscheiden, ob sie zu dem Eingriff bereit sind, etwa die Hälfte des Teams macht von der Möglichkeit zum Nein Gebrauch. „Die Frauen sollen auf keinen Fall das Gefühl bekommen, dass sie hier nicht unterstützt werden“, sagt der Arzt. Darum werde bei der Dienstplanung auf die Einstellung des Personals geachtet.

Auch in der Ausbildung spricht er das Thema Abtreibung an. Es gibt dafür keine eigene Vorlesung oder Übungen, aber wenn es um frühe Fehlgeburten geht, erläutert der Arzt, dass die in dem Fall verwendete Methode auch zur Schwangerschaftsbeendigung verwendet werden kann. Im Verlauf des Studiums wird auch die rechtliche Situation geklärt. Ob sie einen Abbruch will, müsse jede Frau für sich selbst entscheiden, so Soergel. „Aber man sollte auch keinen Arzt zu etwas zwingen, das er als unethisch empfindet.“

1991 war das noch anders. Da wurde Dr. Rudolf Amendt Oberarzt in der gynäkologischen Abteilung des Klinikums Minden. „Ich hätte die Stelle nicht bekommen, wenn ich Abbrüche abgelehnt hätte.“ 1993 ließ er sich als Facharzt nieder, gemeinsam mit Dr. Binder als Partner. Amendt war bereit zu Abbrüchen, der Partner nicht. 1998 bauten sie mit weiteren Partnern die Tagesklinik in Bad Oeynhausen-Eidinghausen – eine gynäkologisch-anästhesistische Gemeinschaftspraxis, etwas in Deutschland seltenes. Hier werden im Jahr etwa 3.000 ambulante Operationen durchgeführt, 300 bis 400 davon sind Schwangerschaftsabbrüche.

Kreisweit macht das operativ sonst niemand, und den Abbruch mit Medikamenten gibt es ebenfalls nur sehr vereinzelt. Andere niedergelassene Ärzte verweisen die Frauen nach Eidinghausen. „Wir leben in einer Gesellschaft, wo es heißt, dass Frauen sich frei entscheiden können. Dazu stehe ich“, sagt Amendt. Und nein, gern mache er den Eingriff nicht, aber das Angebot gehöre zur medizinischen Versorgung nun einmal dazu. „Wenn ich etwas anbiete, will ich das auch vernünftig machen.“ Die Frauen erleben den Abbruch in einer sachlich-medizinischen Umgebung – das ist für manche nicht leicht. Acht Betten stehen in der Klinik im Aufwachraum, da bekommt Amendt von Patientinnen auch schon mal die Rückmeldung, es gehe zu wie in einem Taubenschlag.

Narkose, Aufwachraum, operative Kenntnis und auch das Wissen, was bei Komplikationen zu tun ist: All das gehört für Amendt selbstverständlich zu diesem medizinischen Eingriff dazu, das benötigt Ausstattung und Fachmediziner mit Erfahrung. „Ich bin froh, dass wir hier im Kreisgebiet zwei Anlaufstellen haben“, sagt Amendt – seine Praxis und das Klinikum ergänzten einander.

Warum deutschlandweit die Zahl der Ärzte so drastisch zurückgeht – für Amendt ist der Wandel in der Medizin einer der Gründe. Der Beruf wird zunehmend weiblich – damit meint er nicht, dass Ärztinnen grundsätzlich anders zu Abtreibungen stünden als Ärzte. Aber viele möchten Familie und Beruf vereinbaren und arbeiten darum oft in Teilzeit oder angestellt. Nachwuchsmediziner suchten vermehrt nach Stellen, wo sie nicht die große Verantwortung für Operationen übernehmen müssen. All das trage zur Verschärfung der Situation bei.

Amendt wird demnächst 68 Jahre alt. Ende des Jahres hört er auf. Doch das Angebot für ungewollt Schwangere wird es weiter geben – dafür hat er bei der Suche nach Nachfolgern gesorgt.

Beratung ist wichtig, der § 218 jedoch sollte abgeschafft werden, sagt Amendt. Nach all den Jahren ist er fest überzeugt: Wenn es andere Möglichkeiten zur Unterstützung gäbe, würden sich weniger Frauen für einen Abbruch entscheiden. Mit Kind, alleinstehend – das heiße doch meist Verzicht und wenig Geld. „Wenn Mütter für sich und ihre Kinder sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen bekämen, dann könnten sie diese auch großziehen. Die Gesellschaft ist da nicht ehrlich und genug fürsorglich.“

Leichten Herzens entscheide sich keine Frau für einen Abbruch. Und immer wieder erscheinen auch Patientinnen nicht zum Termin. Die haben es sich dann anders überlegt.

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