Enthemmte Gewalt gegen Wohnungslose Willkürliche Übergriffe: Jedes Jahr sterben Menschen ohne feste Bleibe nach heftigen Attacken meist junger Tätergruppen Von Jürgen Langenkämper Minden (mt). "Allein im vergangenen Jahr sind mindestens fünf wohnungslose Männer und eine Frau von Tätern außerhalb der Wohnungslosenszene getötet worden." Werena Rosenke nennt erschreckende Zahlen. Jahr für Jahr werden Menschen ohne Wohnung Opfer willkürlicher, brutaler Attacken. Mehr als 40 Wohnungslose seien 2012 zum Teil schwer verletzt worden, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) aus Bielefeld in ihrem Vortrag zu Diskriminierung und Gewalt gegen die Randgruppe ohne Lobby. In der Öffentlichkeit werden die Gewalttaten jedoch nur wahrgenommen, wenn die Täter besonders brutal vorgehen, indem sie zum Beispiel ihre Opfer anzünden.Und auch Rosenkes Zahlen - 195 Tote seit 1989 und 478 Verletzte - sind lediglich die untere Grenze. Denn eine offizielle Statistik gibt es nicht, und auch die BAGW kann sich bei ihrer Dokumentation lediglich auf Presseberichte stützen. Das wahre Ausmaß der Gewalt liegt aber im Dunkeln. Wohl nur die Spitze des Eisbergs kommt durch Pressemitteilungen der Polizei an die Öffentlichkeit."Die überwiegende Zahl der bekannt gewordenen Opfer ist männlich", teilt Rosenke mit. "Aber es hat in den letzten Jahren auch immer wieder einige weibliche Opfer gegeben." Die überwiegende Zahl sind ältere Männer über 40 Jahre. Unter den 93 seit 2000 getöteten Wohnungslosen waren 28 Männer zwischen 40 und 49 Jahren, ebenso viele zwischen 50 und 59 und sechs über 60 Jahre. Zehn waren jünger als 29 Jahren, 16 zwischen 30 und 39. Vier der fünf getöteten Frauen waren 40 bis 49, eine zwischen 30 und 39 Jahre alt."Sie fallen ihren Peinigern auf Parkbänken, Bushaltestellen und Picknickplätzen in die Hände", führt Rosenke die Schutzlosigkeit der - häufig im Schlaf angegriffenen - Opfer vor Augen. Aber sie werden auch in Fallen gelockt, "in eine Wohnung mitgenommen oder eingeladen und dort getötet".Bandenüberfälle haben deutlich zugenommenDoch was sind das für Menschen, die so etwas tun, Mitmenschen demütigen, quälen, brutal schlagen und manchmal sogar verbrennen? "Die Täter außerhalb der Wohnungslosenszene sind männlich und jung", sagt Rosenke. Seit 2006 habe sich dieser Trend sogar noch verstärkt. Die größte Gruppe der ermittelten Täter seit 2000 sind 19- bis 29-Jährige (196), gefolgt von unter 19-Jährigen (159). 34 Täter waren 30 bis 39 Jahre alt, 15 40 bis 49 und drei älter als 50.Frauen waren wie bei Körperverletzungsdelikten üblich unterrepräsentiert, aber auffällig jung. 17 waren noch nicht erwachsen, sieben weitere bis 29 Jahre alt und eine über 40.Die hohe Zahl der Täter zeige, "dass im Laufe der Jahre die Bandenüberfälle deutlich zugenommen haben", sagt Werena Rosenke. Frauen seien nie Einzeltäter, sondern handelten stets aus einer Gruppe heraus oder als Paar.Motive für die Übergriffe werden in der Presse kaum genannt - "außer, dass sie Lust darauf hatten, den ,Penner` zusammenzuschlagen". Manchmal werden Wohnungslose ihrer wenigen Habseligkeiten, Zigaretten und geringe Geldbeträge, beraubt und anschließend der Frust über die magere Beute an den Opfern gewalttätig ausgelassen. "Das Opfer wird für sein Versagen als Raubopfer bestraft", sagt Rosenke."Neben der Beiläufigkeit und fast schon Zufälligkeit der Überfälle ist deren Brutalität auffällig", hebt Rosenke hervor. Schläge und Tritte gegen den Kopf mit Springerstiefel und Baseball-Schläger, Übergießen mit Benzin und Anzünden - fast für jedes Jahr kann die Fachfrau mindestens einen Gewaltexzess belegen, und dies deutschlandweit. Gelegentlich wird ein rechtsradikaler Hintergrund erwähnt, aber oft genug auch verschwiegen - selbst, wenn ein Täter ein Hakenkreuz-Tattoo trägt.Strukturelle Gewalt prinzipiell hingenommenAuch Polizisten und Wachleute von Sicherheitsdiensten, "Schwarze Sheriffs", lassen sich Übergriffe zuschulden kommen - bis hin zum Aussetzen eines betrunkenen Wohnungslosen im Winter, der im Dezember 2002 in Stralsund erfriert.Gegenüber dem Anfang der 1990er-Jahre, als allein von 1992 bis 1994 47 Wohnungslose gewaltsam starben, hat sich die Situation etwas gebessert. Es gibt Fälle, in denen Passanten einschreiten, Zeugen die Polizei frühzeitig alarmieren und Schlimmeres verhindern. Dennoch beklagt die BAGW-Geschäftsführerin mangelndes Interesse der Öffentlichkeit und zu wenig Nachhaltigkeit in der Berichterstattung der Medien über exzessive Einzelfälle vor Ort. "Strukturelle Gewalt" gegen Wohnungslose werde "prinzipiell hingenommen, als gebe es keine Alternativen zu Containern und Baracken, die für manche zu tödlichen Fallen werden", beklagt Rosenke und nennt eine weitere Zahl, die für sich allein erschreckt: In den vergangenen 20 Jahren sind 274 Wohnungslose erfroren.Die Ausstellung "Wohnungslose im Nationalsozialismus" ist bis zum 23. März in der Offenen Kirche St. Simeonis zu sehen. Forderungen der BAGWDie Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) fordert in den Städten und Gemeinden ein Klima der Toleranz und der Zivilcourage - gegen das Klima der Gewalt und der Ausgrenzung. Das bedeutet: Erhalt der Freizügigkeit auf Straßen; diskriminierende und rechtswidrige Straßensatzungen müssen außer Kraft gesetzt werden; Schluss mit der Vertreibung Wohnungsloser aus den Innenstädten.Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) fordert in den Städten und Gemeinden ein Klima der Toleranz und der Zivilcourage - gegen das Klima der Gewalt und der Ausgrenzung. Das bedeutet: Erhalt der Freizügigkeit auf Straßen; diskriminierende und rechtswidrige Straßensatzungen müssen außer Kraft gesetzt werden; Schluss mit der Vertreibung Wohnungsloser aus den Innenstädten.Die Landesinnenminister sind in der Pflicht, ihre Kommunen anzuweisen, nicht gerichtsfeste Satzungen außer Kraft zu setzen.Die Bürger dürfen Pöbeleien gegen Bettler und Wohnungslose nicht hinnehmen. Sie sollten ermutigt werden, nicht wegzusehen.Die Jugend(sozial)arbeit muss es wirklich als ihre Aufgabe akzeptieren, Konzepte gegen rechtsextreme Jugendgewalt zu entwickeln.Das Erfassungssystem rechtsextrem motivierter Straftaten muss nach Auffassung der BAGW verbessert werden, sodass eine Verdrängung und Leugnung dieser Taten unmöglich wird.

Enthemmte Gewalt gegen Wohnungslose

Minden (mt). "Allein im vergangenen Jahr sind mindestens fünf wohnungslose Männer und eine Frau von Tätern außerhalb der Wohnungslosenszene getötet worden." Werena Rosenke nennt erschreckende Zahlen. Jahr für Jahr werden Menschen ohne Wohnung Opfer willkürlicher, brutaler Attacken.

Gewaltopfer: Seit 1989 kamen mindestens 195 Wohnungslose durch Attacken von Tätern außerhalb der Wohnungslosenszene ums Leben. MT-Grafik: Jörg Barner
Gewaltopfer: Seit 1989 kamen mindestens 195 Wohnungslose durch Attacken von Tätern außerhalb der Wohnungslosenszene ums Leben. MT-Grafik: Jörg Barner

Mehr als 40 Wohnungslose seien 2012 zum Teil schwer verletzt worden, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) aus Bielefeld in ihrem Vortrag zu Diskriminierung und Gewalt gegen die Randgruppe ohne Lobby. In der Öffentlichkeit werden die Gewalttaten jedoch nur wahrgenommen, wenn die Täter besonders brutal vorgehen, indem sie zum Beispiel ihre Opfer anzünden.

Und auch Rosenkes Zahlen - 195 Tote seit 1989 und 478 Verletzte - sind lediglich die untere Grenze. Denn eine offizielle Statistik gibt es nicht, und auch die BAGW kann sich bei ihrer Dokumentation lediglich auf Presseberichte stützen. Das wahre Ausmaß der Gewalt liegt aber im Dunkeln. Wohl nur die Spitze des Eisbergs kommt durch Pressemitteilungen der Polizei an die Öffentlichkeit.

"Die überwiegende Zahl der bekannt gewordenen Opfer ist männlich", teilt Rosenke mit. "Aber es hat in den letzten Jahren auch immer wieder einige weibliche Opfer gegeben." Die überwiegende Zahl sind ältere Männer über 40 Jahre. Unter den 93 seit 2000 getöteten Wohnungslosen waren 28 Männer zwischen 40 und 49 Jahren, ebenso viele zwischen 50 und 59 und sechs über 60 Jahre. Zehn waren jünger als 29 Jahren, 16 zwischen 30 und 39. Vier der fünf getöteten Frauen waren 40 bis 49, eine zwischen 30 und 39 Jahre alt.

"Sie fallen ihren Peinigern auf Parkbänken, Bushaltestellen und Picknickplätzen in die Hände", führt Rosenke die Schutzlosigkeit der - häufig im Schlaf angegriffenen - Opfer vor Augen. Aber sie werden auch in Fallen gelockt, "in eine Wohnung mitgenommen oder eingeladen und dort getötet".

Bandenüberfälle haben deutlich zugenommen

Doch was sind das für Menschen, die so etwas tun, Mitmenschen demütigen, quälen, brutal schlagen und manchmal sogar verbrennen? "Die Täter außerhalb der Wohnungslosenszene sind männlich und jung", sagt Rosenke. Seit 2006 habe sich dieser Trend sogar noch verstärkt. Die größte Gruppe der ermittelten Täter seit 2000 sind 19- bis 29-Jährige (196), gefolgt von unter 19-Jährigen (159). 34 Täter waren 30 bis 39 Jahre alt, 15 40 bis 49 und drei älter als 50.

Frauen waren wie bei Körperverletzungsdelikten üblich unterrepräsentiert, aber auffällig jung. 17 waren noch nicht erwachsen, sieben weitere bis 29 Jahre alt und eine über 40.

Die hohe Zahl der Täter zeige, "dass im Laufe der Jahre die Bandenüberfälle deutlich zugenommen haben", sagt Werena Rosenke. Frauen seien nie Einzeltäter, sondern handelten stets aus einer Gruppe heraus oder als Paar.

Motive für die Übergriffe werden in der Presse kaum genannt - "außer, dass sie Lust darauf hatten, den ,Penner` zusammenzuschlagen". Manchmal werden Wohnungslose ihrer wenigen Habseligkeiten, Zigaretten und geringe Geldbeträge, beraubt und anschließend der Frust über die magere Beute an den Opfern gewalttätig ausgelassen. "Das Opfer wird für sein Versagen als Raubopfer bestraft", sagt Rosenke.

Fürsprecherin für Wohnungslose: Werena Rosenke. - © MT-Foto: Langenkämper
Fürsprecherin für Wohnungslose: Werena Rosenke. - © MT-Foto: Langenkämper

"Neben der Beiläufigkeit und fast schon Zufälligkeit der Überfälle ist deren Brutalität auffällig", hebt Rosenke hervor. Schläge und Tritte gegen den Kopf mit Springerstiefel und Baseball-Schläger, Übergießen mit Benzin und Anzünden - fast für jedes Jahr kann die Fachfrau mindestens einen Gewaltexzess belegen, und dies deutschlandweit. Gelegentlich wird ein rechtsradikaler Hintergrund erwähnt, aber oft genug auch verschwiegen - selbst, wenn ein Täter ein Hakenkreuz-Tattoo trägt.

Strukturelle Gewalt prinzipiell hingenommen

Auch Polizisten und Wachleute von Sicherheitsdiensten, "Schwarze Sheriffs", lassen sich Übergriffe zuschulden kommen - bis hin zum Aussetzen eines betrunkenen Wohnungslosen im Winter, der im Dezember 2002 in Stralsund erfriert.

Gegenüber dem Anfang der 1990er-Jahre, als allein von 1992 bis 1994 47 Wohnungslose gewaltsam starben, hat sich die Situation etwas gebessert. Es gibt Fälle, in denen Passanten einschreiten, Zeugen die Polizei frühzeitig alarmieren und Schlimmeres verhindern. Dennoch beklagt die BAGW-Geschäftsführerin mangelndes Interesse der Öffentlichkeit und zu wenig Nachhaltigkeit in der Berichterstattung der Medien über exzessive Einzelfälle vor Ort. "Strukturelle Gewalt" gegen Wohnungslose werde "prinzipiell hingenommen, als gebe es keine Alternativen zu Containern und Baracken, die für manche zu tödlichen Fallen werden", beklagt Rosenke und nennt eine weitere Zahl, die für sich allein erschreckt: In den vergangenen 20 Jahren sind 274 Wohnungslose erfroren.

Die Ausstellung "Wohnungslose im Nationalsozialismus" ist bis zum 23. März in der Offenen Kirche St. Simeonis zu sehen.

Forderungen der BAGW
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) fordert in den Städten und Gemeinden ein Klima der Toleranz und der Zivilcourage - gegen das Klima der Gewalt und der Ausgrenzung. Das bedeutet: Erhalt der Freizügigkeit auf Straßen; diskriminierende und rechtswidrige Straßensatzungen müssen außer Kraft gesetzt werden; Schluss mit der Vertreibung Wohnungsloser aus den Innenstädten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) fordert in den Städten und Gemeinden ein Klima der Toleranz und der Zivilcourage - gegen das Klima der Gewalt und der Ausgrenzung. Das bedeutet: Erhalt der Freizügigkeit auf Straßen; diskriminierende und rechtswidrige Straßensatzungen müssen außer Kraft gesetzt werden; Schluss mit der Vertreibung Wohnungsloser aus den Innenstädten. Die Landesinnenminister sind in der Pflicht, ihre Kommunen anzuweisen, nicht gerichtsfeste Satzungen außer Kraft zu setzen. Die Bürger dürfen Pöbeleien gegen Bettler und Wohnungslose nicht hinnehmen. Sie sollten ermutigt werden, nicht wegzusehen. Die Jugend(sozial)arbeit muss es wirklich als ihre Aufgabe akzeptieren, Konzepte gegen rechtsextreme Jugendgewalt zu entwickeln. Das Erfassungssystem rechtsextrem motivierter Straftaten muss nach Auffassung der BAGW verbessert werden, sodass eine Verdrängung und Leugnung dieser Taten unmöglich wird.

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