Einsatz auf Distanz: Jürgen R. von den Mindener Pionieren berichtet aus Litauen Jan Henning Rogge Minden. Zwölf Grad waren es, als Hauptfeldwebel Jürgen R. von den Mindener Pionieren im Februar in Litauen ankam – allerdings unter Null. Die Temperaturen waren nicht das einzig Ungewohnte, an dass sich der Berufssoldat bei seiner Stationierung in dem baltischen Land gewöhnen musste: Neue Abläufe, neue Kameraden, aber auch deutlich mehr Distanz zu den Soldatinnen und Soldaten der anderen dort stationierten NATO-Kräfte, als er sich wünschen würde. „Das ist schon sehr schade. Denn das fördert ja den Zusammenhalt unter den Nationen und es ist spannend, einfach mal zu quatschen.“ Für sechs Monate ist der Zugführer des Minenverlegezuges der 3. Kompanie des Mindener Panzerpionierbataillon 130 im Rahmen der Mission „Enhanced Forward Presence“ in Litauen stationiert, mit der die NATO Präsenz an ihrer Ostgrenze zeigen will. Für das MT gibt er Einblicke in seine Erfahrungen im Einsatz. Der unterscheidet sich – was die tägliche Arbeit angeht – allerdings wenig von dem in Deutschland: „Wir haben täglich an sechs Tagen in der Woche von 8 bis 18 Uhr Dienst. In dieser Zeit führen wir unsere Übungsvorhaben durch, ähnlich wie in Deutschland.“ Zugeteilt ist R., dessen Nachname wie bei der Bundeswehr üblich nicht genannt werden soll, einer Kompanie aus Münster. „Da habe ich ein bisschen Zeit gebraucht, um mich da einzufinden, die Abläufe sind einfach ein bisschen anders.“ Inzwischen haben sich die Soldatinnen und Soldaten aber aneinander gewöhnt. Untergebracht ist er in einer VierMann-Stube. „Das haben wir vorher schon festgelegt, mit wem wir da zusammen auf der Stube sind. Jeder hat seinen eigenen kleinen Bereich, eine eigene Ecke und dann haben wir noch zusammen einen Platz, wo wir zusammen sitzen können.“ Das ist auch wichtig für die Soldaten, denn die Freizeitmöglichkeiten sind stark eingeschränkt – sie sind den Corona-Schutzmaßnahmen zum Opfer gefallen. Gemeinsame Veranstaltungen in größeren Gruppen dürfen nicht stattfinden. Und auch Ausflüge in die Umgebung, mal ein Eis essen gehen oder andere Freizeitbeschäftigungen außerhalb des Lagers, fallen flach. „Viel ist da nicht möglich. Das schlägt schon auf die Stimmung, auch weil man weiß, was die Kontingente vor uns durften.“ Immerhin, inzwischen werden die deutschen Soldaten vor Ort geimpft. „Ich glaube aber nicht, dass das in den letzten beiden Monaten jetzt noch viel ändern wird“, sagt Jürgen R.. Die Freizeit verbringt er also wie die meisten seiner Kameradinnen und Kameraden mit Sport. „Es gibt ein Fitnesszelt, in dem wir Kraft- und Ausdauersport betreiben können. Außerdem gibt es eine Laufstrecke innerhalb und eine außerhalb der Kaserne.“ Für die Moral ebenfalls wichtig, ist die Verpflegung – und zumindest dem Hauptfeldwebel gefällt sie. „Es gibt litauische Küche, ich komme damit gut klar. Es gibt viel Reis und das Essen ist eher fleischlastig. Hier wird viel mit Kümmel gekocht und Zucchini wird scheinbar auch gerne gegessen – verhungern muss hier niemand.“ Allerdings kommen die Deutschen kaum in Kontakt mit den anderen Nationen. „Die Litauer haben für die Verpflegung ein separates Gebäude. Außerdem sind wir aus Corona-Schutzgründen noch in Kohorten unterteilt, die keinen persönlichen Kontakt untereinander haben.“ Immerhin: Vor einigen Wochen lernten die Soldatinnen und Soldaten aus R.’s Kompanie die Waffen der ebenfalls in der Kaserne stationierten Belgier, Niederländer und Norweger aus der Nähe kennen. „Das ist schon wichtig für uns, wir sind viel mit den Belgiern und Norwegern unterwegs, um Abläufe zu üben. Da ist es gut, die Fähigkeiten der anderen zu kennen.“ Doch auch in diesem Fall blieb es bei Kontakten auf der Dienstebene. „Das ist schon schade, man spricht ja auch einfach anders über die Arbeit, wenn man abends zusammensitzt.“ Ein Höhepunkt war für den Soldaten die Übergabe des „Bandes der Verbundenheit“ aus Minden vor einigen Wochen (Das MT berichtete). Vertreter der Stadt, des Bürgerbataillons, aber auch Privatpersonen und Familienangehörige hatten auf dem langen gelben Band Grüße an die Mindener Soldaten geschickt. Für den Hauptfeldwebel ist die Botschaft aus der Heimat etwas Besonderes. „Ich kenne das schon aus meinem Einsatz in Afghanistan 2010. Jetzt hat mich das sehr gefreut, weil da auch meine Familie mit einem Foto dabei war.“ Natürlich ist der Einsatz in vielerlei Hinsicht nicht mit dem in Afghanistan vergleichbar. Neben der ungleich höheren Gefährdung ist jetzt der Kontakt zu den Angehörigen wesentlich einfacher. „Damals konnte man alle ein, zwei Wochen zuhause anrufen. Da hat man kaum etwas mitbekommen. Das ist jetzt in einem NATO- und EU-Land natürlich ganz anders. Die Internetverbindung ist sehr gut.“ Über Videotelefonate bleibt der Vater zweier Kinder so auf dem Laufenden und ist so sogar manchmal zu besonderen Anlässen zugeschaltet. „Aber natürlich vermisse ich meine Familie und freue mich darauf, sie in zwei Monaten wieder in den Arm nehmen zu können.“ Die Rückkehr soll nach derzeitiger Planung auch unkomplizierter verlaufen als die Hinreise nach Litauen – damals wurden R. und seine Kameraden vor dem Abflug zwei Wochen in Hotelzimmern isoliert, um eine verdeckte Covid-Infektion auszuschließen (das MT berichtete). „Eine Quarantäne ist nach derzeitigem Stand nicht geplant, höchstens eine häusliche Isolation.“ Und dann? „Dann machen wir Urlaub an der Nordsee – da haben wir ein abgelegenes Haus.“ Und dann wird es auch nicht mehr lange dauern, bis der Dienst in der Heimat wieder startet – bei den Mindener Pionieren. Der Einsatz in Litauen

Einsatz auf Distanz: Jürgen R. von den Mindener Pionieren berichtet aus Litauen

Hauptfeldwebel Jürgen R. ist derzeit in Litauen stationiert. Noch zwei Monate dauert sein Auslandseinsatz. Foto: Bundeswehr/eFP PAP © Foto: Bundeswehr

Minden. Zwölf Grad waren es, als Hauptfeldwebel Jürgen R. von den Mindener Pionieren im Februar in Litauen ankam – allerdings unter Null. Die Temperaturen waren nicht das einzig Ungewohnte, an dass sich der Berufssoldat bei seiner Stationierung in dem baltischen Land gewöhnen musste: Neue Abläufe, neue Kameraden, aber auch deutlich mehr Distanz zu den Soldatinnen und Soldaten der anderen dort stationierten NATO-Kräfte, als er sich wünschen würde. „Das ist schon sehr schade. Denn das fördert ja den Zusammenhalt unter den Nationen und es ist spannend, einfach mal zu quatschen.“

Für sechs Monate ist der Zugführer des Minenverlegezuges der 3. Kompanie des Mindener Panzerpionierbataillon 130 im Rahmen der Mission „Enhanced Forward Presence“ in Litauen stationiert, mit der die NATO Präsenz an ihrer Ostgrenze zeigen will. Für das MT gibt er Einblicke in seine Erfahrungen im Einsatz. Der unterscheidet sich – was die tägliche Arbeit angeht – allerdings wenig von dem in Deutschland: „Wir haben täglich an sechs Tagen in der Woche von 8 bis 18 Uhr Dienst. In dieser Zeit führen wir unsere Übungsvorhaben durch, ähnlich wie in Deutschland.“ Zugeteilt ist R., dessen Nachname wie bei der Bundeswehr üblich nicht genannt werden soll, einer Kompanie aus Münster. „Da habe ich ein bisschen Zeit gebraucht, um mich da einzufinden, die Abläufe sind einfach ein bisschen anders.“ Inzwischen haben sich die Soldatinnen und Soldaten aber aneinander gewöhnt.

Untergebracht ist er in einer VierMann-Stube. „Das haben wir vorher schon festgelegt, mit wem wir da zusammen auf der Stube sind. Jeder hat seinen eigenen kleinen Bereich, eine eigene Ecke und dann haben wir noch zusammen einen Platz, wo wir zusammen sitzen können.“ Das ist auch wichtig für die Soldaten, denn die Freizeitmöglichkeiten sind stark eingeschränkt – sie sind den Corona-Schutzmaßnahmen zum Opfer gefallen. Gemeinsame Veranstaltungen in größeren Gruppen dürfen nicht stattfinden.


Und auch Ausflüge in die Umgebung, mal ein Eis essen gehen oder andere Freizeitbeschäftigungen außerhalb des Lagers, fallen flach. „Viel ist da nicht möglich. Das schlägt schon auf die Stimmung, auch weil man weiß, was die Kontingente vor uns durften.“ Immerhin, inzwischen werden die deutschen Soldaten vor Ort geimpft. „Ich glaube aber nicht, dass das in den letzten beiden Monaten jetzt noch viel ändern wird“, sagt Jürgen R.. Die Freizeit verbringt er also wie die meisten seiner Kameradinnen und Kameraden mit Sport. „Es gibt ein Fitnesszelt, in dem wir Kraft- und Ausdauersport betreiben können. Außerdem gibt es eine Laufstrecke innerhalb und eine außerhalb der Kaserne.“

Für die Moral ebenfalls wichtig, ist die Verpflegung – und zumindest dem Hauptfeldwebel gefällt sie. „Es gibt litauische Küche, ich komme damit gut klar. Es gibt viel Reis und das Essen ist eher fleischlastig. Hier wird viel mit Kümmel gekocht und Zucchini wird scheinbar auch gerne gegessen – verhungern muss hier niemand.“ Allerdings kommen die Deutschen kaum in Kontakt mit den anderen Nationen. „Die Litauer haben für die Verpflegung ein separates Gebäude. Außerdem sind wir aus Corona-Schutzgründen noch in Kohorten unterteilt, die keinen persönlichen Kontakt untereinander haben.“

Immerhin: Vor einigen Wochen lernten die Soldatinnen und Soldaten aus R.’s Kompanie die Waffen der ebenfalls in der Kaserne stationierten Belgier, Niederländer und Norweger aus der Nähe kennen. „Das ist schon wichtig für uns, wir sind viel mit den Belgiern und Norwegern unterwegs, um Abläufe zu üben. Da ist es gut, die Fähigkeiten der anderen zu kennen.“ Doch auch in diesem Fall blieb es bei Kontakten auf der Dienstebene. „Das ist schon schade, man spricht ja auch einfach anders über die Arbeit, wenn man abends zusammensitzt.“

Ein Höhepunkt war für den Soldaten die Übergabe des „Bandes der Verbundenheit“ aus Minden vor einigen Wochen (Das MT berichtete). Vertreter der Stadt, des Bürgerbataillons, aber auch Privatpersonen und Familienangehörige hatten auf dem langen gelben Band Grüße an die Mindener Soldaten geschickt. Für den Hauptfeldwebel ist die Botschaft aus der Heimat etwas Besonderes. „Ich kenne das schon aus meinem Einsatz in Afghanistan 2010. Jetzt hat mich das sehr gefreut, weil da auch meine Familie mit einem Foto dabei war.“

Natürlich ist der Einsatz in vielerlei Hinsicht nicht mit dem in Afghanistan vergleichbar. Neben der ungleich höheren Gefährdung ist jetzt der Kontakt zu den Angehörigen wesentlich einfacher. „Damals konnte man alle ein, zwei Wochen zuhause anrufen. Da hat man kaum etwas mitbekommen. Das ist jetzt in einem NATO- und EU-Land natürlich ganz anders. Die Internetverbindung ist sehr gut.“ Über Videotelefonate bleibt der Vater zweier Kinder so auf dem Laufenden und ist so sogar manchmal zu besonderen Anlässen zugeschaltet. „Aber natürlich vermisse ich meine Familie und freue mich darauf, sie in zwei Monaten wieder in den Arm nehmen zu können.“

Die Rückkehr soll nach derzeitiger Planung auch unkomplizierter verlaufen als die Hinreise nach Litauen – damals wurden R. und seine Kameraden vor dem Abflug zwei Wochen in Hotelzimmern isoliert, um eine verdeckte Covid-Infektion auszuschließen (das MT berichtete). „Eine Quarantäne ist nach derzeitigem Stand nicht geplant, höchstens eine häusliche Isolation.“ Und dann? „Dann machen wir Urlaub an der Nordsee – da haben wir ein abgelegenes Haus.“ Und dann wird es auch nicht mehr lange dauern, bis der Dienst in der Heimat wieder startet – bei den Mindener Pionieren.

Der Einsatz in Litauen

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