Eingeschränkt tätig - Behindertenbeirat konnte seit einem halben Jahr nicht mehr tagen Doris Christoph Minden. Zwei Sitzungen, dann war Schluss: Seit Oktober hat der neue Beirat für Menschen mit Behinderungen nicht mehr getagt. „Die Sitzungen abzusagen, haben wir uns nicht leicht gemacht“, erklärt der Vorsitzende Eckhard Rüter. Er hätte das gerne anders gehandhabt: Sitzungen mit negativem Coronatest konnte er sich durchaus vorstellen. „Aber das hat selbst der Rat nicht verabschiedet bekommen.“ Und es wären aus Sorge vor einer Ansteckung auch nicht alle Mitglieder gekommen – zwei Drittel von ihnen haben einen Schwerbehindertenausweis. Und so gab es ein Abwägen zwischen Mitwirkung und persönlichem Schutz. „Wir sind wahrscheinlich das vulnerabelste Gremium“, sagt der 60-Jährige und betont gleichzeitig, dass die Beiratsmitglieder aber nicht als schwach angesehen werden wollen. Dennoch hat sie die Pandemie besonders hart getroffen. Seit mehr als 25 Jahren gibt es den Beirat für Menschen mit Behinderungen in Minden, seine Geschäftsstelle ist im Rathaus angesiedelt. Fast so lange ist Rüter auch der Vorsitzende. Das Gremium soll die Belange von Behinderten vertreten, in Minden sind das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung. In den Fachausschüssen und in der Verwaltung beraten und erklären die Mitglieder, welche Auswirkungen ein Beschluss auf Beeinträchtigte haben kann oder was diese brauchen. Stimmberechtigt sind sie aber nicht. Dennoch haben Rüter und seine Stellvertreterin Funda Baumeister das Gefühl, beteiligt zu werden, dass dem Beirat zugehört werde. „Wir erklären, warum etwas so ist. Und das immer und immer wieder. Dadurch können wir Dinge beeinflussen.“ Die Arbeit in den Ausschüssen sei das Kerngeschäft. Und das hat trotz Corona bislang geklappt. Die Besetzung der Ausschüsse haben die Mitglieder in der zweiten Sitzung nach der Wahl noch geregelt. „Wir haben das Tagesgeschäft zum Laufen gebracht“, meint der Vorsitzende dazu. Für die neuen Mitglieder ist es allerdings eine Herausforderung, sich in das Ehrenamt und die Themen einzufinden. Und das betrifft etwa die Hälfte des Gremiums, denn bei der vergangenen Wahl gab es so viele neue Bewerber wie noch nie. „Entweder haben wir so gut gearbeitet, dass alle mitmachen wollten – oder so schlecht, dass sie es besser machen wollen“, scherzt Rüter darüber. In die Fachausschüsse sind die Mitglieder im Tandem gegangen: immer ein altes und ein neues – bis das neue Mitglied die Aufgabe alleine bewältigt. Aber die Beiratssitzungen fehlen für die Einarbeitung und um den anderen die Ausschuss-Themen vorzustellen. Man müsse bedenken, dass der Beirat ja keine Fraktionen habe, in denen man sich kurzschließen könne, erklärt Rüter. Über Telefonate oder Whatsapp-Nachrichten wurde versucht, die Männer und Frauen auf dem Laufenden zu halten. Aber alles mit allen zu besprechen, war nicht möglich. „Videokonferenzen gehen nicht“, sagt Funda Baumeister. Wegen der kognitiven Einschränkung mancher Mitglieder oder weil sie schlicht keinen Internetanschluss haben. Um niemanden auszuschließen, hätten sie ganz darauf verzichtet. Vieles soll nachgeholt werden, wen es wieder Sitzungen gibt. Die nächste ist für Montag, 28. Juni, um 16 Uhr im Preußen-Museum geplant. Wenn der Beirat wieder zusammen kommen kann, soll es auch endlich um die inhaltliche Arbeit gehen. Um Themen, die der Beirat selber angehen will, wie Leichte Sprache oder die Entwicklung der Oberen Altstadt. Auch Soziale Gerechtigkeit oder der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) liegen den Mitgliedern am Herzen. „In den Ausschüssen reagieren wir ja nur“, erklärt der Vorsitzende. Der ÖPNV zum Beispiel sei für Menschen mit Handicap besonders wichtig, eine bessere Taktung am Abend und an den Wochenenden wäre wünschenswert. „Menschen mit einer geistigen, einer Lern- oder Sehbehinderung fahren kein Auto oder Fahrrad. Die sind auf den ÖPNV angewiesen“, erklärt Rüter. Manchmal höre er dazu, Betroffene könnten doch einen Fahrdienst nutzen. „Der kostet aber viel Geld.“ Um etwa zu Sitzungen zu kommen, sind manche Mitglieder auf einen Fahrer angewiesen. Denn später mit dem Bus nach Hause zu kommen, sei kaum möglich, Geld für einen Fahrdienst oder ein Taxi bekommen die Beiratsmitglieder nicht. Dass mit Corona noch stärker in den Fokus gerückte Thema Digitalisierung hat für Rüter zwei Seiten: Es kann Behinderte ausschließen, weil die Technik für Lernbehinderte schwierig zu bedienen ist. Eine Steuerung von Geräten per Sprache kann aber auch eine Erleichterung sein. Hieran zeigt sich auch die Bandbreite der Menschen, die der Beirat vertritt. Ein Problem, das hingegen viele Behinderte betrifft: „Sie können sich einen Internetanschluss nicht leisten“, so Funda Baumeister. Dass Corona nicht nur die Beiratsarbeit ausgebremst hat, sondern die Inklusion insgesamt, ist eine große Sorge der beiden: Während der Pandemie fielen Angebote und wichtige Unterstützung für Betroffene weg, die Werkstätten waren zeitweise geschlossen. Isolation nahm zu. „Wir müssen aufpassen, dass Corona nicht zu Rückschritten führt“, mahnt Eckhard Rüter.

Eingeschränkt tätig - Behindertenbeirat konnte seit einem halben Jahr nicht mehr tagen

Eckhard Rüter und Funda Baumeister vom Behindertenbeirat hoffen, dass das Gremium bald wieder für Sitzungen zusammenkommen kann. MT-Foto: Doris Christoph © Doris Christoph

Minden. Zwei Sitzungen, dann war Schluss: Seit Oktober hat der neue Beirat für Menschen mit Behinderungen nicht mehr getagt. „Die Sitzungen abzusagen, haben wir uns nicht leicht gemacht“, erklärt der Vorsitzende Eckhard Rüter. Er hätte das gerne anders gehandhabt: Sitzungen mit negativem Coronatest konnte er sich durchaus vorstellen. „Aber das hat selbst der Rat nicht verabschiedet bekommen.“ Und es wären aus Sorge vor einer Ansteckung auch nicht alle Mitglieder gekommen – zwei Drittel von ihnen haben einen Schwerbehindertenausweis.

Und so gab es ein Abwägen zwischen Mitwirkung und persönlichem Schutz. „Wir sind wahrscheinlich das vulnerabelste Gremium“, sagt der 60-Jährige und betont gleichzeitig, dass die Beiratsmitglieder aber nicht als schwach angesehen werden wollen. Dennoch hat sie die Pandemie besonders hart getroffen.

Seit mehr als 25 Jahren gibt es den Beirat für Menschen mit Behinderungen in Minden, seine Geschäftsstelle ist im Rathaus angesiedelt. Fast so lange ist Rüter auch der Vorsitzende. Das Gremium soll die Belange von Behinderten vertreten, in Minden sind das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung. In den Fachausschüssen und in der Verwaltung beraten und erklären die Mitglieder, welche Auswirkungen ein Beschluss auf Beeinträchtigte haben kann oder was diese brauchen. Stimmberechtigt sind sie aber nicht. Dennoch haben Rüter und seine Stellvertreterin Funda Baumeister das Gefühl, beteiligt zu werden, dass dem Beirat zugehört werde. „Wir erklären, warum etwas so ist. Und das immer und immer wieder. Dadurch können wir Dinge beeinflussen.“


Die Arbeit in den Ausschüssen sei das Kerngeschäft. Und das hat trotz Corona bislang geklappt. Die Besetzung der Ausschüsse haben die Mitglieder in der zweiten Sitzung nach der Wahl noch geregelt. „Wir haben das Tagesgeschäft zum Laufen gebracht“, meint der Vorsitzende dazu. Für die neuen Mitglieder ist es allerdings eine Herausforderung, sich in das Ehrenamt und die Themen einzufinden. Und das betrifft etwa die Hälfte des Gremiums, denn bei der vergangenen Wahl gab es so viele neue Bewerber wie noch nie. „Entweder haben wir so gut gearbeitet, dass alle mitmachen wollten – oder so schlecht, dass sie es besser machen wollen“, scherzt Rüter darüber.

In die Fachausschüsse sind die Mitglieder im Tandem gegangen: immer ein altes und ein neues – bis das neue Mitglied die Aufgabe alleine bewältigt. Aber die Beiratssitzungen fehlen für die Einarbeitung und um den anderen die Ausschuss-Themen vorzustellen. Man müsse bedenken, dass der Beirat ja keine Fraktionen habe, in denen man sich kurzschließen könne, erklärt Rüter.

Über Telefonate oder Whatsapp-Nachrichten wurde versucht, die Männer und Frauen auf dem Laufenden zu halten. Aber alles mit allen zu besprechen, war nicht möglich. „Videokonferenzen gehen nicht“, sagt Funda Baumeister. Wegen der kognitiven Einschränkung mancher Mitglieder oder weil sie schlicht keinen Internetanschluss haben. Um niemanden auszuschließen, hätten sie ganz darauf verzichtet. Vieles soll nachgeholt werden, wen es wieder Sitzungen gibt. Die nächste ist für Montag, 28. Juni, um 16 Uhr im Preußen-Museum geplant.

Wenn der Beirat wieder zusammen kommen kann, soll es auch endlich um die inhaltliche Arbeit gehen. Um Themen, die der Beirat selber angehen will, wie Leichte Sprache oder die Entwicklung der Oberen Altstadt. Auch Soziale Gerechtigkeit oder der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) liegen den Mitgliedern am Herzen. „In den Ausschüssen reagieren wir ja nur“, erklärt der Vorsitzende. Der ÖPNV zum Beispiel sei für Menschen mit Handicap besonders wichtig, eine bessere Taktung am Abend und an den Wochenenden wäre wünschenswert. „Menschen mit einer geistigen, einer Lern- oder Sehbehinderung fahren kein Auto oder Fahrrad. Die sind auf den ÖPNV angewiesen“, erklärt Rüter. Manchmal höre er dazu, Betroffene könnten doch einen Fahrdienst nutzen. „Der kostet aber viel Geld.“

Um etwa zu Sitzungen zu kommen, sind manche Mitglieder auf einen Fahrer angewiesen. Denn später mit dem Bus nach Hause zu kommen, sei kaum möglich, Geld für einen Fahrdienst oder ein Taxi bekommen die Beiratsmitglieder nicht.

Dass mit Corona noch stärker in den Fokus gerückte Thema Digitalisierung hat für Rüter zwei Seiten: Es kann Behinderte ausschließen, weil die Technik für Lernbehinderte schwierig zu bedienen ist. Eine Steuerung von Geräten per Sprache kann aber auch eine Erleichterung sein. Hieran zeigt sich auch die Bandbreite der Menschen, die der Beirat vertritt. Ein Problem, das hingegen viele Behinderte betrifft: „Sie können sich einen Internetanschluss nicht leisten“, so Funda Baumeister.

Dass Corona nicht nur die Beiratsarbeit ausgebremst hat, sondern die Inklusion insgesamt, ist eine große Sorge der beiden: Während der Pandemie fielen Angebote und wichtige Unterstützung für Betroffene weg, die Werkstätten waren zeitweise geschlossen. Isolation nahm zu. „Wir müssen aufpassen, dass Corona nicht zu Rückschritten führt“, mahnt Eckhard Rüter.

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