Eingeholt von der digitalen Vergangenheit: Das können Jugendsünden im Internet anrichten Stefan Koch,Sebastian Radermacher,Lea Oetjen,Monika Jäger Minden. Sarah-Lee Heinrich machte mit 13 oder 14 Jahren aus ihren Ansichten im Internet keinen Hehl. Das ist sieben Jahre her. Jetzt wurde sie Bundessprecherin der Grünen Jugend und erntet Hassmails und einen Shitstorm dafür – eine Kampagne, denkt sie. Und tweetet: „Ihr dürft meine Story gern in Zukunft am Küchentisch und in der Schule als Abschreck-Beispiel verwenden, damit junge Menschen lernen, verantwortungsbewusst mit dem Internet umzugehen." Ein Fall, der viele bewegt und beschäftigt. Der Medienpädagoge Prof. Dr. Uwe Sander ist Experte für Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Medienpädagogik und Jugendforschung an der Universität Bielefeld. Er meint, dass Portale wie TikTok, Snapchat, Twitter & Co. Jugendlichen die Möglichkeit böten, „Flaggensignale" zu setzten, also auf ihre Existenz im Netz aufmerksam zu machen. Es komme darauf an, Reaktionen von Followern zu generieren und allgemein den sozialen Austausch aufrecht zu erhalten. „An sich ist das nicht problematisch", so Sander. Inhalte aus der Zeit der Pubertät können im späteren Erwachsenenalter aber nicht nur für Personen des öffentlichen Lebens zum Problem werden. Mitunter nutzen Arbeitgeber das Netz als Quelle, um sich über die Persönlichkeit von Bewerbern zu informieren. Wenn dann obszöne Inhalte und Ähnliches aus der Vergangenheit auftaucht, kann das problematisch werden. „Ich denke aber, dass Jugendliche heutzutage durch die schulische und außerschulische Medienpädagogik ausreichend sensibilisiert sind", sagt Sander. Dennoch gebe es immer wieder Fälle, wo Betroffene die notwendige Vorsicht vernachlässigt hätten, was später den Ruf zerstöre. „Solche Fälle können dann tragisch enden." "Hey Leute, habt ihr gesehen was Sarah-Lee Heinrich vor 6 Jahren gepostet hat, also das geht echt garnicht." pic.twitter.com/4T3IX1Nwvh — Der süße Hund mit dem Kopftuch (@cute_entity1) October 11, 2021Der Erziehungswissenschaftler merkt an, dass in der Forschung auch diskutiert werde, dass einzelne Anbieter von sozialen Netzwerken das Posten emotionaler, polarisierender oder extremer Inhalte belohnten, weil damit Aufmerksamkeit und Sensationslust erzeugt würden. Damit soll die Reichweite der Plattform insgesamt erhöht werden. Der Marketingchef Die wichtigsten Bewertungskriterien bei Bewerbungen seien nach wie vor ein vernünftiges und vor allem fehlerfreies Anschreiben und ein vollständiger Lebenslauf, erklärt Andreas Franke, Marketingleiter in der Follmann-Gruppe. Aber: „In der Tat spielen auch die Sozialen Medien bei Bewerbungen eine Rolle." Man schaue sich schon an, welche Profile ein interessanter Bewerber oder Bewerberin habe und was dort gepostet werde, berichtet Franke. Der Senior „Ich bin sehr vorsichtig und gehe Konfrontationen aus dem Weg", bekennt Dieter Pohl, unter anderem langjähriger Vorsitzender des Mindener Seniorenbeirates. Da er auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft 60plus Minden-Lübbecke der SPD ist, wurde vor einigen Jahren an ihn der Vorschlag herangetragen, sich auf Facebook zu präsentieren. Dort meldet er sich gelegentlich zu politischen Themen zu Wort und bezieht auch manchmal persönlich Stellung. „Probleme habe ich noch nie damit bekommen", sagt der 82-Jährige. Wenn doch einmal jemand in der Kommentarfunktion eine Attacke gegen Pohls Post reitet, sieht er meist darüber hinweg. Die politisch Aktiven „Meine Oma ist ne alte Umweltsau" – bei dem parodistischen Kinderlied ist der CDU-Landtagsabgeordneten Kirstin Korte 2019 „der Kragen geplatzt", wie sie sagt, und sie schrieb nicht nur an den WDR-Intendanten, sondern verlinkte den Brief auch auf ihrem Social-Media-Account. „Da bekam ich dann leider auch jede Menge Kommentare und Zuschriften von einer Gruppierung, mit der ich nichts zu tun haben wollte." Seither lässt sie das mit dem Verlinken. Ansonsten hat die heimische Politikerin keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber auch, weil sie „sehr, sehr vorsichtig" sei. Sie war 56, als sie 2011 ihren ersten Social-Media-Account bei Facebook anlegte. Da half noch die Tochter. Als vor etwa vier Jahren Instagram dazu kam, unterstützte ein Mitarbeiter. Ihren öffentlichen Account bestückt Korte größtenteils selbst, mit Infos aus der Landtagsarbeit, mal auch Politischem. Dann aber „nicht kompliziert. Das ist kein Medium, wo ich mich mit anderen über politische Inhalte auseinandersetze." Vieles – wie Twitter – nutzt sie vor allem, um aktuell auf dem Laufenden zu blieben. „Das gehört zu meiner Jobbescheribung". Einen Einblick in seine politische Arbeit will SPD-Bundestagsabgeordenter Achim Post Facebook, Instagram und Twitter geben. Beim Bestücken hilft einer seiner Mitarbeiter. Privat poste Post nichts. Und so ist nur logisch, dass er keinen Grund hat, irgendeinen Beitrag oder ein Like zu bereuen oder zu löschen. Worauf es ihm beim Posten besonders ankommt? „Auf die Richtigkeit meiner Angaben. Und darauf, mit anderen fair umzugehen." Er halte es für sehr wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern über die Möglichkeiten und auch die Risiken der sozialen Medien sprechen. „Und auch die Politik hat hier eine Verantwortung, gerade Kindern und Jugendlichen gegenüber." Jule Kegel (20) ist Kreissprecherin der Linken. „Ich habe definitiv als jüngerer Teenager auch Dinge gepostet, die mir heute peinlich wären", schreibt sie – das sei allerdings eher „harmloses" wie unangenehme Frisuren oder Outfits gewesen oder übertriebene Begeisterung für Bands und Serien. Politisches habe sie damals „zum Glück" nicht gepostet, weil sie sich damit zu der Zeit noch nicht befasst hat. Dann nutzte sie einige Zeit keine Social Media und löschte die alten Accounts. Mit 16 fing sie mit anderen Accounts auf Facebook und Twitter neu an. „Seitdem achte ich aber sehr auf die Privatsphäre-Einstellungen." Politisch nutze sie Social Media selbst im Wahlkampf eher selten, weil sie findet, dass dort oft ein sehr harscher Umgangston herrscht. „So etwas finde ich sehr kräftezehrend und beteilige mich daher nur ungern." Micha Heitkamp führt seine Profile in den Sozialen Netzwerken selbst. „Wer viel in Social Media unterwegs ist, macht da natürlich auch Fehler. In Diskussionen reagiert man oft viel härter und emotionaler als in persönlichen Gesprächen. Das geht mir nicht anders", sagt Heitkamp, der stellvertretender Vorsitzender der Kreis-SPD ist und zehn Jahre dem Vorstand der Jusos OWL angehörte. „Wenn ich den Eindruck habe, dass ich übers Ziel hinausgeschossen bin, lösche ich Posts und Tweets auch schon mal." Das komme aber sehr selten vor. Grundsätzlich versuche er einen Ton zu treffen, der das nicht notwendig mache, so der 31-Jährige. Dass er heute Positionen anders formuliere als mit 18 Jahren, sei logisch. Heitkamp findet: „Junge Menschen brauchen auf jeden Fall die Möglichkeiten, sich weiterentwickeln zu dürfen." Zwei Punkte sind ihm bei dem Thema allgemein wichtig: Zum einen gerieten junge Menschen, die politisch aktiv sind, durch unbedachte Äußerungen plötzlich in einen öffentlichen Fokus, mit dem sie kaum umgehen könnten. Vor allem bei Twitter hätten sie nämlich die Chance, innerhalb kurzer Zeit eine große Reichweite zu bekommen – „spontane und emotionale Äußerungen klicken sich besser als abgestimmte Partei-Statements". Es sei die gemeinsame Aufgabe von Parteien, Journalisten und der Gesellschaft, junge politisch Aktive „vor solchen Mechanismen zu schützen". Zum anderen fordert Heitkamp, digitale Medien mehr in Schulen einzusetzen. Denn wenn der Umgang damit – also die Einordnung von Quellen oder auch das Thema Privatsphäre – nicht in der Schule behandelt werde, „führt das auch zu sozialen Problemen". Die jungen Nutzer Luis Bosse äußert sich in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter hauptsächlich im Namen von verschiedenen Gruppierungen und Vereinen, in denen er sich engagiert – zum Beispiel für die Mindener Aktiven von „Fridays for Future". „Wir sind eine Fünfer-Gruppe, die sich abspricht und mit dem Posten auf den unterschiedlichen Plattformen abwechselt", berichtet der 18-Jährige. Dabei sei er in der Vergangenheit aus der Emotion heraus auch schon einmal zu stark vorgeprescht, als er einen Beitrag zum Thema Massentierhaltung abgesetzt hatte. „Da hätte ich die Formulierung vorher noch einmal mit den anderen abstimmen sollen", gibt er rückblickend zu. Diese Situation habe ihn sensibilisiert, vorher genau zu überlegen, was er genau schreiben und wen er damit erreichen wolle. Denn eine Sache sei klar: „Bei heiklen Themen wie Klimaschutz gibt es immer negative Rückmeldungen." Er selbst sei in solchen Fällen aber zum Glück noch nicht bedroht worden. Privat hält sich Luis Bosse in den Sozialen Netzwerken im Hintergrund, er postet nichts und seine Profile sind nicht öffentlich. Ganz im Gegenteil zu Isabell Brinkmeier aus Porta Westfalica, einigen besser bekannt als „Isaayoooo". Die Studentin ist sehr aktiv auf Instagram. Fast 14.000 Abonnenten verfolgen das Leben der jungen Frau. Zwischenzeitlich hat sich sogar ein Management um ihre Inhalte gekümmert. Inzwischen entscheidet sie aber wieder alleine, was auf ihrem 2012 erstellten Profil passiert. Und obwohl sie schon so lang dabei ist, habe sie noch keinen Beitrag bereut. Dennoch sind längst nicht mehr alle veröffentlichten Fotos auf ihrem Profil zu finden. Warum? „Mittlerweile mache ich Instagram nicht mehr nur aus Spaß. Da passen dann so zehn Jahre alte, private Bilder nicht mehr so in das Gesamtbild", findet Isabell Brinkmeier. In der Tat: Alle Fotos, die die junge Frau hochlädt, ähneln sich in der farblichen Gestaltung und folgen einem Muster. Nicht selten ist auch mal eine Aufnahme dabei, in der sie sich leicht bekleidet zeigt. Könnte das – in Zeiten, wo das Internet nie vergisst – für eine Jura-Studentin nicht irgendwann zu Problemen führen? Nein, denkt Brinkmeier. „Heutzutage ist alles lockerer geworden. Ich finde es nicht schlimm, solche Bilder zu posten – so lange sie nicht billig rüberkommen", erklärt die 27-Jährige. Zumal viele Beiträge inzwischen in Verbindung mit einer bezahlten Kooperationen entstehen würden. „Sollte man einen Job einschlagen, in dem das nicht so angesehen ist, würde ich mich natürlich vorher darum bemühen, zumindest auf meinem Account die Bilder zu verbergen", räumt die junge Frau dennoch ein. Ein ganz privater Instagram-Account sei für sie dennoch kein Thema. Dafür würde die Zeit fehlen. Nur auf Twitter sei sie momentan „privat" unterwegs. Ihren Nutzernamen kennt aber keiner – und das soll auch so bleiben. View this post on Instagram Ein Beitrag geteilt von Isabell 👱🏽‍♀️ (@isayoooo)

Eingeholt von der digitalen Vergangenheit: Das können Jugendsünden im Internet anrichten

© imago images/Shotshop

Minden. Sarah-Lee Heinrich machte mit 13 oder 14 Jahren aus ihren Ansichten im Internet keinen Hehl. Das ist sieben Jahre her. Jetzt wurde sie Bundessprecherin der Grünen Jugend und erntet Hassmails und einen Shitstorm dafür – eine Kampagne, denkt sie. Und tweetet: „Ihr dürft meine Story gern in Zukunft am Küchentisch und in der Schule als Abschreck-Beispiel verwenden, damit junge Menschen lernen, verantwortungsbewusst mit dem Internet umzugehen." Ein Fall, der viele bewegt und beschäftigt.

Der Medienpädagoge

Prof. Dr. Uwe Sander ist Experte für Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Medienpädagogik und Jugendforschung an der Universität Bielefeld. Er meint, dass Portale wie TikTok, Snapchat, Twitter & Co. Jugendlichen die Möglichkeit böten, „Flaggensignale" zu setzten, also auf ihre Existenz im Netz aufmerksam zu machen. Es komme darauf an, Reaktionen von Followern zu generieren und allgemein den sozialen Austausch aufrecht zu erhalten. „An sich ist das nicht problematisch", so Sander.


Inhalte aus der Zeit der Pubertät können im späteren Erwachsenenalter aber nicht nur für Personen des öffentlichen Lebens zum Problem werden. Mitunter nutzen Arbeitgeber das Netz als Quelle, um sich über die Persönlichkeit von Bewerbern zu informieren. Wenn dann obszöne Inhalte und Ähnliches aus der Vergangenheit auftaucht, kann das problematisch werden. „Ich denke aber, dass Jugendliche heutzutage durch die schulische und außerschulische Medienpädagogik ausreichend sensibilisiert sind", sagt Sander. Dennoch gebe es immer wieder Fälle, wo Betroffene die notwendige Vorsicht vernachlässigt hätten, was später den Ruf zerstöre. „Solche Fälle können dann tragisch enden."

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Der Erziehungswissenschaftler merkt an, dass in der Forschung auch diskutiert werde, dass einzelne Anbieter von sozialen Netzwerken das Posten emotionaler, polarisierender oder extremer Inhalte belohnten, weil damit Aufmerksamkeit und Sensationslust erzeugt würden. Damit soll die Reichweite der Plattform insgesamt erhöht werden.

Der Marketingchef

Die wichtigsten Bewertungskriterien bei Bewerbungen seien nach wie vor ein vernünftiges und vor allem fehlerfreies Anschreiben und ein vollständiger Lebenslauf, erklärt Andreas Franke, Marketingleiter in der Follmann-Gruppe. Aber: „In der Tat spielen auch die Sozialen Medien bei Bewerbungen eine Rolle." Man schaue sich schon an, welche Profile ein interessanter Bewerber oder Bewerberin habe und was dort gepostet werde, berichtet Franke.

Der Senior

„Ich bin sehr vorsichtig und gehe Konfrontationen aus dem Weg", bekennt Dieter Pohl, unter anderem langjähriger Vorsitzender des Mindener Seniorenbeirates. Da er auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft 60plus Minden-Lübbecke der SPD ist, wurde vor einigen Jahren an ihn der Vorschlag herangetragen, sich auf Facebook zu präsentieren. Dort meldet er sich gelegentlich zu politischen Themen zu Wort und bezieht auch manchmal persönlich Stellung. „Probleme habe ich noch nie damit bekommen", sagt der 82-Jährige. Wenn doch einmal jemand in der Kommentarfunktion eine Attacke gegen Pohls Post reitet, sieht er meist darüber hinweg.

Die politisch Aktiven

„Meine Oma ist ne alte Umweltsau" – bei dem parodistischen Kinderlied ist der CDU-Landtagsabgeordneten Kirstin Korte 2019 „der Kragen geplatzt", wie sie sagt, und sie schrieb nicht nur an den WDR-Intendanten, sondern verlinkte den Brief auch auf ihrem Social-Media-Account. „Da bekam ich dann leider auch jede Menge Kommentare und Zuschriften von einer Gruppierung, mit der ich nichts zu tun haben wollte." Seither lässt sie das mit dem Verlinken. Ansonsten hat die heimische Politikerin keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber auch, weil sie „sehr, sehr vorsichtig" sei. Sie war 56, als sie 2011 ihren ersten Social-Media-Account bei Facebook anlegte. Da half noch die Tochter. Als vor etwa vier Jahren Instagram dazu kam, unterstützte ein Mitarbeiter. Ihren öffentlichen Account bestückt Korte größtenteils selbst, mit Infos aus der Landtagsarbeit, mal auch Politischem. Dann aber „nicht kompliziert. Das ist kein Medium, wo ich mich mit anderen über politische Inhalte auseinandersetze." Vieles – wie Twitter – nutzt sie vor allem, um aktuell auf dem Laufenden zu blieben. „Das gehört zu meiner Jobbescheribung".

Einen Einblick in seine politische Arbeit will SPD-Bundestagsabgeordenter Achim Post Facebook, Instagram und Twitter geben. Beim Bestücken hilft einer seiner Mitarbeiter. Privat poste Post nichts. Und so ist nur logisch, dass er keinen Grund hat, irgendeinen Beitrag oder ein Like zu bereuen oder zu löschen. Worauf es ihm beim Posten besonders ankommt? „Auf die Richtigkeit meiner Angaben. Und darauf, mit anderen fair umzugehen." Er halte es für sehr wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern über die Möglichkeiten und auch die Risiken der sozialen Medien sprechen. „Und auch die Politik hat hier eine Verantwortung, gerade Kindern und Jugendlichen gegenüber."

Jule Kegel (20) ist Kreissprecherin der Linken. „Ich habe definitiv als jüngerer Teenager auch Dinge gepostet, die mir heute peinlich wären", schreibt sie – das sei allerdings eher „harmloses" wie unangenehme Frisuren oder Outfits gewesen oder übertriebene Begeisterung für Bands und Serien. Politisches habe sie damals „zum Glück" nicht gepostet, weil sie sich damit zu der Zeit noch nicht befasst hat. Dann nutzte sie einige Zeit keine Social Media und löschte die alten Accounts. Mit 16 fing sie mit anderen Accounts auf Facebook und Twitter neu an. „Seitdem achte ich aber sehr auf die Privatsphäre-Einstellungen." Politisch nutze sie Social Media selbst im Wahlkampf eher selten, weil sie findet, dass dort oft ein sehr harscher Umgangston herrscht. „So etwas finde ich sehr kräftezehrend und beteilige mich daher nur ungern."

Micha Heitkamp führt seine Profile in den Sozialen Netzwerken selbst. „Wer viel in Social Media unterwegs ist, macht da natürlich auch Fehler. In Diskussionen reagiert man oft viel härter und emotionaler als in persönlichen Gesprächen. Das geht mir nicht anders", sagt Heitkamp, der stellvertretender Vorsitzender der Kreis-SPD ist und zehn Jahre dem Vorstand der Jusos OWL angehörte. „Wenn ich den Eindruck habe, dass ich übers Ziel hinausgeschossen bin, lösche ich Posts und Tweets auch schon mal." Das komme aber sehr selten vor. Grundsätzlich versuche er einen Ton zu treffen, der das nicht notwendig mache, so der 31-Jährige. Dass er heute Positionen anders formuliere als mit 18 Jahren, sei logisch. Heitkamp findet: „Junge Menschen brauchen auf jeden Fall die Möglichkeiten, sich weiterentwickeln zu dürfen."

Zwei Punkte sind ihm bei dem Thema allgemein wichtig: Zum einen gerieten junge Menschen, die politisch aktiv sind, durch unbedachte Äußerungen plötzlich in einen öffentlichen Fokus, mit dem sie kaum umgehen könnten. Vor allem bei Twitter hätten sie nämlich die Chance, innerhalb kurzer Zeit eine große Reichweite zu bekommen – „spontane und emotionale Äußerungen klicken sich besser als abgestimmte Partei-Statements". Es sei die gemeinsame Aufgabe von Parteien, Journalisten und der Gesellschaft, junge politisch Aktive „vor solchen Mechanismen zu schützen".

Zum anderen fordert Heitkamp, digitale Medien mehr in Schulen einzusetzen. Denn wenn der Umgang damit – also die Einordnung von Quellen oder auch das Thema Privatsphäre – nicht in der Schule behandelt werde, „führt das auch zu sozialen Problemen".

Die jungen Nutzer

Luis Bosse äußert sich in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter hauptsächlich im Namen von verschiedenen Gruppierungen und Vereinen, in denen er sich engagiert – zum Beispiel für die Mindener Aktiven von „Fridays for Future". „Wir sind eine Fünfer-Gruppe, die sich abspricht und mit dem Posten auf den unterschiedlichen Plattformen abwechselt", berichtet der 18-Jährige.

Dabei sei er in der Vergangenheit aus der Emotion heraus auch schon einmal zu stark vorgeprescht, als er einen Beitrag zum Thema Massentierhaltung abgesetzt hatte. „Da hätte ich die Formulierung vorher noch einmal mit den anderen abstimmen sollen", gibt er rückblickend zu. Diese Situation habe ihn sensibilisiert, vorher genau zu überlegen, was er genau schreiben und wen er damit erreichen wolle. Denn eine Sache sei klar: „Bei heiklen Themen wie Klimaschutz gibt es immer negative Rückmeldungen." Er selbst sei in solchen Fällen aber zum Glück noch nicht bedroht worden. Privat hält sich Luis Bosse in den Sozialen Netzwerken im Hintergrund, er postet nichts und seine Profile sind nicht öffentlich.

Ganz im Gegenteil zu Isabell Brinkmeier aus Porta Westfalica, einigen besser bekannt als „Isaayoooo". Die Studentin ist sehr aktiv auf Instagram. Fast 14.000 Abonnenten verfolgen das Leben der jungen Frau. Zwischenzeitlich hat sich sogar ein Management um ihre Inhalte gekümmert. Inzwischen entscheidet sie aber wieder alleine, was auf ihrem 2012 erstellten Profil passiert. Und obwohl sie schon so lang dabei ist, habe sie noch keinen Beitrag bereut. Dennoch sind längst nicht mehr alle veröffentlichten Fotos auf ihrem Profil zu finden. Warum? „Mittlerweile mache ich Instagram nicht mehr nur aus Spaß. Da passen dann so zehn Jahre alte, private Bilder nicht mehr so in das Gesamtbild", findet Isabell Brinkmeier.

In der Tat: Alle Fotos, die die junge Frau hochlädt, ähneln sich in der farblichen Gestaltung und folgen einem Muster. Nicht selten ist auch mal eine Aufnahme dabei, in der sie sich leicht bekleidet zeigt. Könnte das – in Zeiten, wo das Internet nie vergisst – für eine Jura-Studentin nicht irgendwann zu Problemen führen? Nein, denkt Brinkmeier. „Heutzutage ist alles lockerer geworden. Ich finde es nicht schlimm, solche Bilder zu posten – so lange sie nicht billig rüberkommen", erklärt die 27-Jährige. Zumal viele Beiträge inzwischen in Verbindung mit einer bezahlten Kooperationen entstehen würden. „Sollte man einen Job einschlagen, in dem das nicht so angesehen ist, würde ich mich natürlich vorher darum bemühen, zumindest auf meinem Account die Bilder zu verbergen", räumt die junge Frau dennoch ein.

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