Eine Rundfahrt: Jens Minden über die Corona-Krise, seinen beruflichen Alltag und die Faszination Busfahrer Sebastian Radermacher Minden. Die Nähe zu den Fahrgästen – das ist es, was Jens Minden an seinem Beruf als Busfahrer so sehr mag. Ein kurzes „Hallo, wie geht's?“ beim Einsteigen, ein Plausch beim Lösen des Fahrscheins oder einfach nur ein „Danke“ beim Ausstieg an der Haltestelle. All das ist in den vergangenen Wochen weniger geworden – schuld ist Corona. Zum einen fahren weniger Menschen mit dem Bus, die Verluste sind enorm (das MT berichtete). Zum anderen trennt zurzeit rot-weißes Flatterband den 50-jährigen Fahrer und seine Gäste voneinander. Die vordere Tür muss geschlossen bleiben, der Ein- und Ausstieg ist nur hinten möglich. Und Fahrscheine darf Jens Minden im Bus auch nicht wieder verkaufen, um sich und Fahrgäste zu schützen. Der Umgang ist ein anderer geworden. „Manche Fahrgäste gehen einem schon etwas aus dem Weg“, ist Mindens Einschätzung mit Blick auf den coronabedingten Arbeitsalltag. Zum Glück gibt es aber auch die, die sich weiter normal verhalten, was ihn freut. So wie die ältere Frau, die an diesem Vormittag mit der Linie 7 Richtung Leteln möchte und dem Busfahrer nach dem Einsteigen ein freundliches „Guten Morgen“ durch ihre Corona-Schutzmaske entgegenruft. Es sind solche kleinen Gesten, die dem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Seit 1992 arbeitet Jens Minden als Busfahrer in Minden und Umgebung. Zuvor war er in der Baubranche tätig, doch so richtig erfüllt habe ihn dieser Job nie, gibt er zu. Im Hinterkopf schwirrte immer dieser eine Gedanke: „Ich will Busfahrer werden.“ Als er in der Zeitung las, dass Personal gesucht werde, fasste er den Entschluss zu einem beruflichen Neustart. „Busfahrer zu sein – das war immer mein Kindheitstraum“, sagt Minden. Seine Augen strahlen. Davon habe er sogar früher bereits den Männern am Steuer der Schulbusse erzählt. „Einige von ihnen waren dann viele Jahre später meine Kollegen. Wahnsinn.“ Jens Minden fuhr für verschiedene Unternehmen, darunter für die Bahn und auch die Mindener Kreisbahnen.Mittlerweile ist er beim Unternehmen Teutoburger Wald Verkehr (TWV) angestellt, das seit dem vergangenen Dezember für den Busverkehr in Minden zuständig ist. Der 50-Jährige fährt täglich unterschiedliche Routen, überwiegend im Mindener Stadtgebiet, es geht aber auch nach Bad Oeynhausen, Porta Westfalica oder Petershagen. „Auf den Stadtlinien fühle ich mich am wohlsten. Ich brauche den Trubel“, sagt Minden, der verheiratet ist und in Barkhausen wohnt. In Minden gebe es eigentlich keine Straße, die er nicht kenne, sagt er in seiner ruhigen und zurückhaltenden Art. Dann lächelt er wieder. Seine gute Ortskenntnis ist nämlich nicht nur die Folge der etlichen Busfahrten, die er in seiner beruflichen Laufbahn bereits absolviert hat: „Während des Zivildienstes bin ich nebenbei noch Taxi gefahren. Ein Navi brauche ich hier nicht.“ Die Schichten wechseln regelmäßig. Mal fährt er frühmorgens, an anderen Tagen bis in den Abend hinein, mitunter steht auch eine geteilte Schicht an – morgens Schülerverkehr, nachmittags normale Linien. An einigen Tagen ist der Bus rappelvoll, manchmal steigen nur wenige Fahrgäste ein. Fakt ist aber: Auf den Touren ist für Abwechslung gesorgt. Und für kuriose Erlebnisse. Ein Fahrgast ist ihm besonders in Erinnerung geblieben, erzählt Minden. Der Mann stieg ganz normal vorne in den Bus, hielt ihm aber zur Begrüßung plötzlich ohne Vorwarnung eine riesige Spinne vors Gesicht. Diese hatte der Mann zuvor in einer Tierhandlung gekauft und wollte sie unbedingt präsentieren. „Ich war geschockt, das hatte ich noch nie erlebt. Dieses Bild ist bis heute präsent.“ Teilweise erlebt er auf seinen Fahrten auch ärgerliche Situationen. Schön sei es nicht, wenn sich Fahrgäste danebenbenehmen und nicht an die Regeln halten, sagt Minden in seiner nüchternen Art. Sein Gesichtsausdruck verrät: Irgendwie gehört das wohl zum Beruf dazu, es lässt sich nicht verhindern. Ein Vorfall ist immer noch präsent: Vor einigen Jahren, als er noch viel nachts im Kreisgebiet fuhr, hätten junge Leute plötzlich im Bus angefangen zu zündeln und dabei fast einen Sitz abgefackelt. „Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert“, erzählt Minden. Die Polizei habe die Sache geregelt. Ändern solche Vorfälle etwas an seiner Begeisterung für den Beruf? Einklares Nein! „Es macht einfach Spaß, Menschen von A nach B zu bringen“, sagt Minden. Ohne Freude bei der Arbeit? Dann wäre es nicht der richtige Job. Und letztlich ist sein Eindruck durchaus positiv: Wer freundlich zu den Fahrgästen sei, rufe damit meist auch positive Reaktionen hervor. Auch über die Rahmenbedingungen in der Branche sagt er nichts Negatives. Und die Bezahlung? Unzufriedenheit drückt Jens Minden nicht aus. Er überlegt kurz, dann sagt er: „Es könnte in Zukunft aufwärts gehen – das wäre für viele ein Anreiz.“ Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Erst recht nicht daran, noch einmal die Branche zu wechseln. In regelmäßigen Abständen müssen sich Busfahrer einem Fahrtauglichkeits-Check unterziehen, erzählt Minden. Neben einer Überprüfung der körperlichen Eignung und des Sehvermögens müssen sich Fahrer ab dem 50. Lebensjahr auch leistungspsychologisch untersuchen lassen. Dabei geht es um Belastbarkeit, Orientierungsleistung, Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit. Jens Minden erfüllt alle Voraussetzungen. Ist der Job für ihn manchmal belastend oder stressig? Er schüttelt den Kopf. Lediglich die ersten Fahrten im Stadtverkehr seien wegen der engen Taktung gewöhnungsbedürftig gewesen. Nach einiger Zeit habe sich das eingespielt. Und dann äußert er doch noch ein wenig Kritik. Die Ampeln im Mindener Stadtgebiet, vor allem im Zentrum, könnten besser auf den Busverkehr abgestimmt sein, sagt er. Dann wäre es einfacher, die vorgegebenen Zeiten einzuhalten. Stadt und TWV arbeiten an einer Lösung dieses Problems (das MT berichtete). Er sei auch mit dem Bus schon einmal geblitzt worden – zehn Stundenkilometer drüber, Verwarngeld. „Kann passieren“, sagt Minden. Und privat? Gibt er da zwischendurch mehr Gas auf den Straßen? Fehlanzeige. „Ich versuche in meiner Freizeit, so viel wie möglich mit dem Fahrrad zu erledigen. Das ist ein guter Ausgleich zum Busfahren.“ Auf seiner Rundfahrt vom ZOB nach Leteln und wieder zurück erlebt er an diesem Morgen keine Auffälligkeiten. Eine ruhige Tour. Und alle Fahrgäste tragen ihre Corona-Schutzmasken. Letzteres sei nicht immer der Fall, sagt der Fahrer. Aber: „Der Großteil hält sich an die Regelungen.“ Er selbst ist während der Fahrt von der Maskenpflicht befreit, beim Tanken des Busses müsse auch er einen Schutz tragen. Minden hofft, dass es nun Schritt für Schritt zurück in die Normalität geht. Pünktlich auf die Minute erreicht der Bus nach knapp 30 Minuten Fahrt wieder den ZOB. Eine Frage muss er nun aber noch beantworten, bevor sich die Wege trennen. Wie ist das eigentlich, als Jens Minden durch Minden zu fahren? Auf seinen Nachnamen werde er immer mal wieder angesprochen, erzählt er. Für ihn sei das aber kein Problem. Früher habe es deutlich mehr Gespräche, auch mit Fahrgästen, darüber gegeben. Damals trugen er und seine Kollegen nämlich noch Namensschilder. „Ich fand das immer lustig“, sagt Minden. Am ZOB hat er nun ein paar Minuten Ruhe, dann startet die nächste Fahrt. Linie 2 nach Minderheide. „Ich freue mich“, sagt Minden. Und lächelt zufrieden. Zu wenig Busfahrer - auch in Minden ist dieses Problem spürbar - Der Mangel an Busfahrern ist ein weit verbreitetes Problem. Branchenverbände rechnen damit, dass in den kommenden zehn Jahren bundesweit etwa 70.000 Busfahrer fehlen könnten. - Auch in Minden ist dieses Problem spürbar, bestätigt Stephan Malenica vom Unternehmen Teutoburger Wald Verkehr (TWV), das hier für den Busverkehr zuständig ist. „Derzeit ist es extrem schwierig, Kolleginnen und Kollegen im Fahrdienst zu rekrutieren. Es herrscht ein absoluter Fachkräftemangel“, sagt er und fügt an: „Wir würden uns wünschen, dass die Politik nachhaltig in dem Bereich Verbesserungen voranbringt.“ Die Bundesregierung müsse den Beruf als genau so wichtig erachten, wie es etwa bei Piloten oder Triebfahrzeugführern bereits der Fall sei, fordert Malenica. Gesellschaftliche Anerkennung und eine faire Vergütung für einen anspruchsvollen Beruf mit hoher Verantwortung müsse angestrebt werden. „Die Vergabeunterlagen aus der Ausschreibung geben den Rahmen vor. Wir stimmen uns eng mit unseren Aufgabenträgern ab, um dauerhaft ein geeignete Lösung zu erarbeiten.“ Wichtig sei, dass alle Fahrer nach einem in NRW als repräsentativ anerkannten Tarifvertrag entlohnt würden, was bei TWV und allen zugehörigen Partnerunternehmen der Fall sei. - In der Corona-Krise sei der Busfahrer ein Paradebeispiel für systemrelevante Berufe. Entscheidend sei, so betont Malenica, die Attraktivität des Berufsbildes zu steigern. „Das versuchen wir, indem wir unseren Kolleginnen und Kollegen ein möglichst angenehmes Umfeld bieten.“ Das habe mit Verantwortung als Arbeitgeber sowie einer sozialen Verträglichkeit zu tun – neue Fahrzeuge stellen, eine ausgewogene Dienstplangestaltung, geregelte Urlaubsabwicklung, Unterstützung in Notsituationen oder ein kollegiales Arbeitsklima seien nur einige Beispiele. „Wir kümmern uns bestmöglich.“ - Auch für Lars Bursian sind Busfahrer ein typisches Beispiel für systemrelevante Berufe. „Wir müssen uns als Gesellschaft Gedanken machen, wie wir solche wichtigen Berufe attraktiv halten und noch attraktiver machen“, sagt der Beigeordnete der Stadt Minden, deren Einflussmöglichkeiten aber begrenzt seien. Busfahrer tragen eine hohe Verantwortung, „wie gut dieser Job erfüllt wird, kann man daran sehen, wie wenig Unfälle es im Busverkehr bei uns gibt“, sagt Bursian. (rad) Serie "Helden des Alltags" - Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während viele andere im Home Office sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein. - Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.

Eine Rundfahrt: Jens Minden über die Corona-Krise, seinen beruflichen Alltag und die Faszination Busfahrer

Der Name ist Programm: Jens Minden sich im Stadtgebiet bestens aus. Seit 28 Jahren ist er als Busfahrer in Minden und Umgebung tätig. „Ein Navi brauche ich nicht“, sagt der 50-Jährige. MT- © Foto: Sebastian Radermacher

Minden. Die Nähe zu den Fahrgästen – das ist es, was Jens Minden an seinem Beruf als Busfahrer so sehr mag. Ein kurzes „Hallo, wie geht's?“ beim Einsteigen, ein Plausch beim Lösen des Fahrscheins oder einfach nur ein „Danke“ beim Ausstieg an der Haltestelle. All das ist in den vergangenen Wochen weniger geworden – schuld ist Corona. Zum einen fahren weniger Menschen mit dem Bus, die Verluste sind enorm (das MT berichtete). Zum anderen trennt zurzeit rot-weißes Flatterband den 50-jährigen Fahrer und seine Gäste voneinander. Die vordere Tür muss geschlossen bleiben, der Ein- und Ausstieg ist nur hinten möglich. Und Fahrscheine darf Jens Minden im Bus auch nicht wieder verkaufen, um sich und Fahrgäste zu schützen.

Der Umgang ist ein anderer geworden. „Manche Fahrgäste gehen einem schon etwas aus dem Weg“, ist Mindens Einschätzung mit Blick auf den coronabedingten Arbeitsalltag. Zum Glück gibt es aber auch die, die sich weiter normal verhalten, was ihn freut. So wie die ältere Frau, die an diesem Vormittag mit der Linie 7 Richtung Leteln möchte und dem Busfahrer nach dem Einsteigen ein freundliches „Guten Morgen“ durch ihre Corona-Schutzmaske entgegenruft. Es sind solche kleinen Gesten, die dem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Busfahrermangel ist auch in Minden spürbar.

MT-Foto: Lehn - © Lehn,Alexander
Busfahrermangel ist auch in Minden spürbar.
MT-Foto: Lehn - © Lehn,Alexander

Seit 1992 arbeitet Jens Minden als Busfahrer in Minden und Umgebung. Zuvor war er in der Baubranche tätig, doch so richtig erfüllt habe ihn dieser Job nie, gibt er zu. Im Hinterkopf schwirrte immer dieser eine Gedanke: „Ich will Busfahrer werden.“ Als er in der Zeitung las, dass Personal gesucht werde, fasste er den Entschluss zu einem beruflichen Neustart. „Busfahrer zu sein – das war immer mein Kindheitstraum“, sagt Minden. Seine Augen strahlen. Davon habe er sogar früher bereits den Männern am Steuer der Schulbusse erzählt. „Einige von ihnen waren dann viele Jahre später meine Kollegen. Wahnsinn.“

Jens Minden fuhr für verschiedene Unternehmen, darunter für die Bahn und auch die Mindener Kreisbahnen.Mittlerweile ist er beim Unternehmen Teutoburger Wald Verkehr (TWV) angestellt, das seit dem vergangenen Dezember für den Busverkehr in Minden zuständig ist. Der 50-Jährige fährt täglich unterschiedliche Routen, überwiegend im Mindener Stadtgebiet, es geht aber auch nach Bad Oeynhausen, Porta Westfalica oder Petershagen. „Auf den Stadtlinien fühle ich mich am wohlsten. Ich brauche den Trubel“, sagt Minden, der verheiratet ist und in Barkhausen wohnt.

In Minden gebe es eigentlich keine Straße, die er nicht kenne, sagt er in seiner ruhigen und zurückhaltenden Art. Dann lächelt er wieder. Seine gute Ortskenntnis ist nämlich nicht nur die Folge der etlichen Busfahrten, die er in seiner beruflichen Laufbahn bereits absolviert hat: „Während des Zivildienstes bin ich nebenbei noch Taxi gefahren. Ein Navi brauche ich hier nicht.“

Die Schichten wechseln regelmäßig. Mal fährt er frühmorgens, an anderen Tagen bis in den Abend hinein, mitunter steht auch eine geteilte Schicht an – morgens Schülerverkehr, nachmittags normale Linien. An einigen Tagen ist der Bus rappelvoll, manchmal steigen nur wenige Fahrgäste ein. Fakt ist aber: Auf den Touren ist für Abwechslung gesorgt. Und für kuriose Erlebnisse. Ein Fahrgast ist ihm besonders in Erinnerung geblieben, erzählt Minden. Der Mann stieg ganz normal vorne in den Bus, hielt ihm aber zur Begrüßung plötzlich ohne Vorwarnung eine riesige Spinne vors Gesicht. Diese hatte der Mann zuvor in einer Tierhandlung gekauft und wollte sie unbedingt präsentieren. „Ich war geschockt, das hatte ich noch nie erlebt. Dieses Bild ist bis heute präsent.“

Teilweise erlebt er auf seinen Fahrten auch ärgerliche Situationen. Schön sei es nicht, wenn sich Fahrgäste danebenbenehmen und nicht an die Regeln halten, sagt Minden in seiner nüchternen Art. Sein Gesichtsausdruck verrät: Irgendwie gehört das wohl zum Beruf dazu, es lässt sich nicht verhindern. Ein Vorfall ist immer noch präsent: Vor einigen Jahren, als er noch viel nachts im Kreisgebiet fuhr, hätten junge Leute plötzlich im Bus angefangen zu zündeln und dabei fast einen Sitz abgefackelt. „Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert“, erzählt Minden. Die Polizei habe die Sache geregelt. Ändern solche Vorfälle etwas an seiner Begeisterung für den Beruf? Einklares Nein! „Es macht einfach Spaß, Menschen von A nach B zu bringen“, sagt Minden. Ohne Freude bei der Arbeit? Dann wäre es nicht der richtige Job. Und letztlich ist sein Eindruck durchaus positiv: Wer freundlich zu den Fahrgästen sei, rufe damit meist auch positive Reaktionen hervor.

Auch über die Rahmenbedingungen in der Branche sagt er nichts Negatives. Und die Bezahlung? Unzufriedenheit drückt Jens Minden nicht aus. Er überlegt kurz, dann sagt er: „Es könnte in Zukunft aufwärts gehen – das wäre für viele ein Anreiz.“

Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Erst recht nicht daran, noch einmal die Branche zu wechseln. In regelmäßigen Abständen müssen sich Busfahrer einem Fahrtauglichkeits-Check unterziehen, erzählt Minden. Neben einer Überprüfung der körperlichen Eignung und des Sehvermögens müssen sich Fahrer ab dem 50. Lebensjahr auch leistungspsychologisch untersuchen lassen. Dabei geht es um Belastbarkeit, Orientierungsleistung, Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit. Jens Minden erfüllt alle Voraussetzungen.

Ist der Job für ihn manchmal belastend oder stressig? Er schüttelt den Kopf. Lediglich die ersten Fahrten im Stadtverkehr seien wegen der engen Taktung gewöhnungsbedürftig gewesen. Nach einiger Zeit habe sich das eingespielt. Und dann äußert er doch noch ein wenig Kritik. Die Ampeln im Mindener Stadtgebiet, vor allem im Zentrum, könnten besser auf den Busverkehr abgestimmt sein, sagt er. Dann wäre es einfacher, die vorgegebenen Zeiten einzuhalten. Stadt und TWV arbeiten an einer Lösung dieses Problems (das MT berichtete). Er sei auch mit dem Bus schon einmal geblitzt worden – zehn Stundenkilometer drüber, Verwarngeld. „Kann passieren“, sagt Minden. Und privat? Gibt er da zwischendurch mehr Gas auf den Straßen? Fehlanzeige. „Ich versuche in meiner Freizeit, so viel wie möglich mit dem Fahrrad zu erledigen. Das ist ein guter Ausgleich zum Busfahren.“

Auf seiner Rundfahrt vom ZOB nach Leteln und wieder zurück erlebt er an diesem Morgen keine Auffälligkeiten. Eine ruhige Tour. Und alle Fahrgäste tragen ihre Corona-Schutzmasken. Letzteres sei nicht immer der Fall, sagt der Fahrer. Aber: „Der Großteil hält sich an die Regelungen.“ Er selbst ist während der Fahrt von der Maskenpflicht befreit, beim Tanken des Busses müsse auch er einen Schutz tragen. Minden hofft, dass es nun Schritt für Schritt zurück in die Normalität geht.

Pünktlich auf die Minute erreicht der Bus nach knapp 30 Minuten Fahrt wieder den ZOB. Eine Frage muss er nun aber noch beantworten, bevor sich die Wege trennen. Wie ist das eigentlich, als Jens Minden durch Minden zu fahren? Auf seinen Nachnamen werde er immer mal wieder angesprochen, erzählt er. Für ihn sei das aber kein Problem. Früher habe es deutlich mehr Gespräche, auch mit Fahrgästen, darüber gegeben. Damals trugen er und seine Kollegen nämlich noch Namensschilder. „Ich fand das immer lustig“, sagt Minden.

Am ZOB hat er nun ein paar Minuten Ruhe, dann startet die nächste Fahrt. Linie 2 nach Minderheide. „Ich freue mich“, sagt Minden. Und lächelt zufrieden.

Zu wenig Busfahrer - auch in Minden ist dieses Problem spürbar

- Der Mangel an Busfahrern ist ein weit verbreitetes Problem. Branchenverbände rechnen damit, dass in den kommenden zehn Jahren bundesweit etwa 70.000 Busfahrer fehlen könnten.

- Auch in Minden ist dieses Problem spürbar, bestätigt Stephan Malenica vom Unternehmen Teutoburger Wald Verkehr (TWV), das hier für den Busverkehr zuständig ist. „Derzeit ist es extrem schwierig, Kolleginnen und Kollegen im Fahrdienst zu rekrutieren. Es herrscht ein absoluter Fachkräftemangel“, sagt er und fügt an: „Wir würden uns wünschen, dass die Politik nachhaltig in dem Bereich Verbesserungen voranbringt.“ Die Bundesregierung müsse den Beruf als genau so wichtig erachten, wie es etwa bei Piloten oder Triebfahrzeugführern bereits der Fall sei, fordert Malenica. Gesellschaftliche Anerkennung und eine faire Vergütung für einen anspruchsvollen Beruf mit hoher Verantwortung müsse angestrebt werden. „Die Vergabeunterlagen aus der Ausschreibung geben den Rahmen vor. Wir stimmen uns eng mit unseren Aufgabenträgern ab, um dauerhaft ein geeignete Lösung zu erarbeiten.“ Wichtig sei, dass alle Fahrer nach einem in NRW als repräsentativ anerkannten Tarifvertrag entlohnt würden, was bei TWV und allen zugehörigen Partnerunternehmen der Fall sei.

- In der Corona-Krise sei der Busfahrer ein Paradebeispiel für systemrelevante Berufe. Entscheidend sei, so betont Malenica, die Attraktivität des Berufsbildes zu steigern. „Das versuchen wir, indem wir unseren Kolleginnen und Kollegen ein möglichst angenehmes Umfeld bieten.“ Das habe mit Verantwortung als Arbeitgeber sowie einer sozialen Verträglichkeit zu tun – neue Fahrzeuge stellen, eine ausgewogene Dienstplangestaltung, geregelte Urlaubsabwicklung, Unterstützung in Notsituationen oder ein kollegiales Arbeitsklima seien nur einige Beispiele. „Wir kümmern uns bestmöglich.“

- Auch für Lars Bursian sind Busfahrer ein typisches Beispiel für systemrelevante Berufe. „Wir müssen uns als Gesellschaft Gedanken machen, wie wir solche wichtigen Berufe attraktiv halten und noch attraktiver machen“, sagt der Beigeordnete der Stadt Minden, deren Einflussmöglichkeiten aber begrenzt seien. Busfahrer tragen eine hohe Verantwortung, „wie gut dieser Job erfüllt wird, kann man daran sehen, wie wenig Unfälle es im Busverkehr bei uns gibt“, sagt Bursian. (rad)

Serie "Helden des Alltags"

- Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während viele andere im Home Office sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein.

- Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.

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