"Eine Art Heiratsschwindler": Antiquitätenhändler bekommt Bewährungsstrafe Kerstin Rickert Minden. Stand der Tresor offen, als der Angeklagte den Keller im Haus einer verwitweten Mindenerin im Spätsommer 2017 entrümpelte? Oder verschaffte er sich Zugang mit dem Schlüssel, dessen Versteck er kannte, und entwendete die darin aufbewahrten Goldbarren von erheblichem Wert? Eindeutig bewiesen werden konnte im Prozess gegen einen wegen Betrugs und Diebstahls in vier Fällen angeklagten 64-jährigen Antiquitätenhändler aus Hüllhorst vor dem Schöffengericht Minden (MT berichtete) weder das eine noch das andere. Als in sich schlüssig erachtete das Gericht jedoch die zweite Version der inzwischen verstorbenen Geschädigten, während es die erste, vom Angeklagten behauptete Schilderung als „ausgedacht“ wertete. Am Ende der vierten und letzten Verhandlung sprach der Vorsitzende Richter den Angeklagten des Diebstahls der Goldbarren schuldig. In drei weiteren Anklagepunkten fiel das Urteil ebenfalls gegen den Angeklagten aus. Er erhielt eine Gesamt-Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sowie eine Geldstrafe in Höhe von 2.500 Euro, zu zahlen in monatlichen Raten von je 80 Euro. Außerdem ordnete das Gericht die Einziehung von 122.100 Euro bei dem Angeklagten an. In dieser Summe macht der mit 90.000 Euro angesetzte Wert für drei Kilogramm Goldbarren den größten Posten aus. Das Gericht war überzeugt, dass der Angeklagte den Diebstahl begangen und sich darüber hinaus 30.000 Euro von der Witwe erschlichen hatte. Dazu kam nach Ansicht des Gerichts ein Versuch, die Frau um weiteres Geld zu betrügen. Dabei ging es um 5.000 Euro, die sie dem Angeklagten angeboten hatte, nachdem er sich von ihr noch einmal 25.000 Euro „leihen“ wollte – angeblich, um damit die Zwangsversteigerung seines Hauses zu verhindern. Um sein Ziel zu erreichen, schreckte er nicht davor zurück, mit Selbstmord zu drohen. Zur Aushändigung der 5.000 Euro kam es nicht mehr, da die Frau skeptisch geworden war und sich an ihre Freundin und ihre Tochter gewandt hatte, die die Übergabe verhinderten. Die Höhe der Schäden und die Dreistigkeit des Angeklagten wertete das Gericht zu seinen Ungunsten. Zu seinen Gunsten sprach, dass er während der ersten drei von vier angeklagten Taten nicht vorbestraft war. Zusammen mit dem vierten Anklagepunkt, dem Diebstahl von Schmuck bei einer Witwe aus Schloß Holte-Stukenbrock, sah der Vorsitzende Richter Dr. Homeier bei dem Angeklagten „eine Art Heiratsschwindler-Tätigkeit, die Sie da ausführen“. Als „etwas unglücklich“ erachtete der Richter den Umstand, dass das Gericht sich von der geschädigten Mindenerin keinen persönlichen Eindruck verschaffen konnte. Sie verstarb kurz vor ihrem 73. Geburtstag im April dieses Jahres. Gegen den Angeklagten hatte sie im Februar 2018 im Beisein ihres Rechtsanwaltes Strafanzeige erstattet. Der Polizeibeamte, der ihre Aussage damals zu Protokoll genommen hatte und auch an der späteren Hausdurchsuchung bei dem Angeklagten beteiligt gewesen war, sagte am letzten Verhandlungstag als Zeuge aus. Vom Richter nach seinem Eindruck von der Frau und ihren Ausführungen gefragt, gab er an, sie sei „gut beisammen“ gewesen, „konnte vernünftig erzählen“ und ihre Schilderungen seien „in sich schlüssig“ gewesen. Bei der Urteilsfindung stützte sich das Gericht im Wesentlichen auf ihre Angaben bei der Polizei, die sie so auch mehrfach gegenüber ihrer Tochter und ihrer Freundin geäußert haben soll. Deren Schilderungen vor Gericht hätten sich mit den Aussagen der Geschädigten gedeckt, das sei eine „stringente Angelegenheit“, so der Richter in der Urteilsbegründung. In den Aussagen des Angeklagten und dessen Enkel als Zeugen, der Tresor habe bei der Entrümpelung des Kellers offen gestanden, sah das Gericht wegen des „gleichen Wortlauts bei unwichtigen Details“ deutliche Hinweise darauf, dass diese abgesprochen waren, um den 64-Jährigen zu entlasten. Dieser bestritt die ihm zur Last gelegten Taten bis zuletzt. An dem Versuch, seine Unschuld zu beweisen, scheiterte auch sein Strafverteidiger. Zum Vorwurf, der Angeklagte habe von der Witwe 30.000 Euro in bar erhalten und nicht wie vereinbart zurückgezahlt, führte er noch an, sein Mandant habe diese Summe nicht bekommen. Die Frau habe dem Angeklagten gegenüber angegeben, sie wolle sich ein neues Auto kaufen, erklärte der Anwalt zum Verbleib des Geldes. Seinen Beweisantrag auf Halterabfrage beim Straßenverkehrsamt lehnte das Gericht ab. Zur Begründung führte der Richter an, eine Halterabfrage sei zur Klärung des Sachverhaltes nicht geeignet: „Halter ist nicht zwingend auch der Eigentümer.“ So lasse sich nicht ermitteln, ob ein Fahrzeug angeschafft wurde und erst recht nicht die Höhe des Kaufpreises. Den Kontoauszug, der belegt, dass die Witwe die Summe von ihrem Konto abgehoben hat, wertete der Richter hingegen als Indiz dafür, ihre Schilderungen als glaubwürdig zu erachten. Die Strafe fiel milder aus als die geforderten zwei Jahre und vier Monate des Staatsanwaltes, der dem Angeklagten eine „hohe kriminelle Energie“ bescheinigte. Unter Berücksichtigung der zusätzlichen Geldstrafe und der Anordnung des Gerichts, 122.100 Euro zurückzuzahlen, kam der 64-Jährige jedoch keineswegs glimpflich davon. In seiner Urteilsverkündung ließ der Vorsitzende Richter nicht unerwähnt, dass die Geschädigte gelitten habe unter den „unschönen Umständen zum Lebensabend“. Dem Angeklagten gab er mit auf den Weg, sich an die Bewährungsauflagen zu halten und als „letzte Ermahnung, keine Straftaten mehr zu begehen“.

"Eine Art Heiratsschwindler": Antiquitätenhändler bekommt Bewährungsstrafe

Mit einem komplizierten Fall von Diebstahl und Betrug bekam es das Amtsgericht Minden zu tun. Mittlerweile ist das Opfer des Angeklagten verstorben. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Minden. Stand der Tresor offen, als der Angeklagte den Keller im Haus einer verwitweten Mindenerin im Spätsommer 2017 entrümpelte? Oder verschaffte er sich Zugang mit dem Schlüssel, dessen Versteck er kannte, und entwendete die darin aufbewahrten Goldbarren von erheblichem Wert? Eindeutig bewiesen werden konnte im Prozess gegen einen wegen Betrugs und Diebstahls in vier Fällen angeklagten 64-jährigen Antiquitätenhändler aus Hüllhorst vor dem Schöffengericht Minden (MT berichtete) weder das eine noch das andere. Als in sich schlüssig erachtete das Gericht jedoch die zweite Version der inzwischen verstorbenen Geschädigten, während es die erste, vom Angeklagten behauptete Schilderung als „ausgedacht“ wertete.

Am Ende der vierten und letzten Verhandlung sprach der Vorsitzende Richter den Angeklagten des Diebstahls der Goldbarren schuldig. In drei weiteren Anklagepunkten fiel das Urteil ebenfalls gegen den Angeklagten aus. Er erhielt eine Gesamt-Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sowie eine Geldstrafe in Höhe von 2.500 Euro, zu zahlen in monatlichen Raten von je 80 Euro. Außerdem ordnete das Gericht die Einziehung von 122.100 Euro bei dem Angeklagten an.

In dieser Summe macht der mit 90.000 Euro angesetzte Wert für drei Kilogramm Goldbarren den größten Posten aus. Das Gericht war überzeugt, dass der Angeklagte den Diebstahl begangen und sich darüber hinaus 30.000 Euro von der Witwe erschlichen hatte. Dazu kam nach Ansicht des Gerichts ein Versuch, die Frau um weiteres Geld zu betrügen. Dabei ging es um 5.000 Euro, die sie dem Angeklagten angeboten hatte, nachdem er sich von ihr noch einmal 25.000 Euro „leihen“ wollte – angeblich, um damit die Zwangsversteigerung seines Hauses zu verhindern. Um sein Ziel zu erreichen, schreckte er nicht davor zurück, mit Selbstmord zu drohen. Zur Aushändigung der 5.000 Euro kam es nicht mehr, da die Frau skeptisch geworden war und sich an ihre Freundin und ihre Tochter gewandt hatte, die die Übergabe verhinderten.

Die Höhe der Schäden und die Dreistigkeit des Angeklagten wertete das Gericht zu seinen Ungunsten. Zu seinen Gunsten sprach, dass er während der ersten drei von vier angeklagten Taten nicht vorbestraft war. Zusammen mit dem vierten Anklagepunkt, dem Diebstahl von Schmuck bei einer Witwe aus Schloß Holte-Stukenbrock, sah der Vorsitzende Richter Dr. Homeier bei dem Angeklagten „eine Art Heiratsschwindler-Tätigkeit, die Sie da ausführen“.

Als „etwas unglücklich“ erachtete der Richter den Umstand, dass das Gericht sich von der geschädigten Mindenerin keinen persönlichen Eindruck verschaffen konnte. Sie verstarb kurz vor ihrem 73. Geburtstag im April dieses Jahres. Gegen den Angeklagten hatte sie im Februar 2018 im Beisein ihres Rechtsanwaltes Strafanzeige erstattet. Der Polizeibeamte, der ihre Aussage damals zu Protokoll genommen hatte und auch an der späteren Hausdurchsuchung bei dem Angeklagten beteiligt gewesen war, sagte am letzten Verhandlungstag als Zeuge aus. Vom Richter nach seinem Eindruck von der Frau und ihren Ausführungen gefragt, gab er an, sie sei „gut beisammen“ gewesen, „konnte vernünftig erzählen“ und ihre Schilderungen seien „in sich schlüssig“ gewesen.

Bei der Urteilsfindung stützte sich das Gericht im Wesentlichen auf ihre Angaben bei der Polizei, die sie so auch mehrfach gegenüber ihrer Tochter und ihrer Freundin geäußert haben soll. Deren Schilderungen vor Gericht hätten sich mit den Aussagen der Geschädigten gedeckt, das sei eine „stringente Angelegenheit“, so der Richter in der Urteilsbegründung.

In den Aussagen des Angeklagten und dessen Enkel als Zeugen, der Tresor habe bei der Entrümpelung des Kellers offen gestanden, sah das Gericht wegen des „gleichen Wortlauts bei unwichtigen Details“ deutliche Hinweise darauf, dass diese abgesprochen waren, um den 64-Jährigen zu entlasten. Dieser bestritt die ihm zur Last gelegten Taten bis zuletzt. An dem Versuch, seine Unschuld zu beweisen, scheiterte auch sein Strafverteidiger. Zum Vorwurf, der Angeklagte habe von der Witwe 30.000 Euro in bar erhalten und nicht wie vereinbart zurückgezahlt, führte er noch an, sein Mandant habe diese Summe nicht bekommen. Die Frau habe dem Angeklagten gegenüber angegeben, sie wolle sich ein neues Auto kaufen, erklärte der Anwalt zum Verbleib des Geldes. Seinen Beweisantrag auf Halterabfrage beim Straßenverkehrsamt lehnte das Gericht ab. Zur Begründung führte der Richter an, eine Halterabfrage sei zur Klärung des Sachverhaltes nicht geeignet: „Halter ist nicht zwingend auch der Eigentümer.“ So lasse sich nicht ermitteln, ob ein Fahrzeug angeschafft wurde und erst recht nicht die Höhe des Kaufpreises. Den Kontoauszug, der belegt, dass die Witwe die Summe von ihrem Konto abgehoben hat, wertete der Richter hingegen als Indiz dafür, ihre Schilderungen als glaubwürdig zu erachten.

Die Strafe fiel milder aus als die geforderten zwei Jahre und vier Monate des Staatsanwaltes, der dem Angeklagten eine „hohe kriminelle Energie“ bescheinigte. Unter Berücksichtigung der zusätzlichen Geldstrafe und der Anordnung des Gerichts, 122.100 Euro zurückzuzahlen, kam der 64-Jährige jedoch keineswegs glimpflich davon. In seiner Urteilsverkündung ließ der Vorsitzende Richter nicht unerwähnt, dass die Geschädigte gelitten habe unter den „unschönen Umständen zum Lebensabend“. Dem Angeklagten gab er mit auf den Weg, sich an die Bewährungsauflagen zu halten und als „letzte Ermahnung, keine Straftaten mehr zu begehen“.

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