Ein Weg zurück in die Gesellschaft Jürgen Langenkämper Minden (mt). Auch in Mitteleuropa scheinen junge Menschen anfällig zu sein für religiös fundierten Extremismus. Vor allem junge Männer und Jugendliche lassen sich für Gewalt instrumentalisieren und sind sogar bereit, in den Krieg zu ziehen. Der Islamwissenschaftler und Judaist Elhakam Sukhni befasst sich wissenschaftlich mit politischem Islam, Salafismus und Djihadismus. In Minden diskutierte er kürzlich mit Vertretern der Stadt und der türkischen Moscheegemeinde, mit Eltern und Interessierten. Die MT-Redaktion stellte ein paar Nachfragen.Welche Hauptfehler hat die deutsche Mehrheitsgesellschaft nach 9/11 im Umgang mit gerade heranwachsenden Muslimen gemacht?Besonders an Schulen werden als muslimisch wahrgenommene Kinder von Mitschülern, aber insbesondere auch von Lehrern dazu gedrängt, sich zu politischen Ereignissen und islamischen Positionen zu äußern und „ihre“ Religion zu erklären, so als seien sie Botschafter der islamischen Welt. Dadurch werden sie in eine Ecke gedrängt und sozusagen „politisiert“ und „islamisiert“.Spricht daraus auch ein wenig persönliche Erfahrung im Freundeskreis, in der Schule und an der Uni?Ja, ich selbst bezeichne mich gerne als post-9/11 Kind, da dieses Ereignis mich in die intensivere Beschäftigung mit dem Islam drängte, vorrangig, um mich gegen die Vorwürfe und Vorurteile an meiner Schule zu verteidigen. Nach Charlie Hebdo berichteten mir zwölfjährige Kinder von ähnlichen Stigmatisierungserfahrungen. Manche hat dies schließlich in die Radikalisierung geführt.Wie haben muslimische Gemeinschaften, vor allem Moscheegemeinden darauf reagiert?Von den Anschlägen des 11. Septembers, wie auch von allen anderen sog. islamisch begründeten Anschlägen, haben sich die muslimischen Gemeinden immer öffentlich distanziert und so auch in die eigene Gemeinde kommuniziert. Das waren, wenn auch oft unbeachtet, wichtige Signale in Zeiten großer Verunsicherung unter Muslimen und auch Nichtmuslimen.Haben einige, wenn auch nicht alle etwas falsch gemacht? Allgemeine oder persönliche Entwicklungen falsch eingeschätzt?Da radikalisierte Jugendliche in der Regel nicht in den bekannten und etablierten Moscheen der Gemeinden verkehren, haben einige Moscheen keine Notwendigkeit in Präventionsarbeit gesehen. Die meisten Moscheen sind außerdem einem bestimmten Kulturkreis zugehörig (türkische, arabische oder albanische Moscheen), sodass Konvertierte oder in Deutschland sozialisierte und vom jeweiligen Kulturkreis entfremdete Muslime sich in diesen Moscheen nicht aufgenommen fühlten und dadurch an problematische Gruppen geraten sind, die ihnen Gemeinschaft und Brüderlichkeit vermitteln konnten. Manche Moscheen haben Jugendliche mit extremen Ansichten aus ihren Moscheen verdrängt, aus Angst in das Visier der Sicherheitsbehörden zu geraten. Das war nicht immer die richtige Entscheidung.Wie ist es zu erklären, dass gerade nicht als Moslems geborene junge Menschen konvertieren und sich offenbar stärker radikalisieren?Genau wie die meisten radikalisierten „geborenen“ Muslime, die „zurück zum Islam“ finden, haben Konvertierte keine religiöse Erziehung genossen. Beide sind nicht Moschee-sozialisiert und kennen keine islamische Tradition mit klarer Identität, sie sind bei falscher Anleitung anfällig für Extremismus.Sind früh zu einer fundamentalistischen Interpretation des Koran neigende junge Menschen wie Salafisten auf alle Zeit „verloren“? Oder was muss passieren, um sie in die Realität, in die Gesellschaft, auch in die mehrheitlich vertretene Interpretation des Islam „zurückzuholen“?So wie es im Christentum und Judentum vielfältige Auslegungen der Religion gibt, so wird es sie auch im Islam immer geben. Problematisch ist die Konstruktion von Feindbildern, die durch positive Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft bekämpft werden können. Daran müssen alle gemeinsam arbeiten, Muslime und Nichtmuslime. Die Etablierung der islamischen Theologie an Universitäten, sowie des islamischen Unterrichts an Schulen sind ebenfalls ein positiver Beitrag.Gerade Selbstmordattentate werden nach landläufiger Meinung dem Islam zugeschrieben. Sie haben in Ihrer Magisterarbeit eine andere Auffassung vertreten. Warum?Die erste beabsichtigte Selbstsprengung im Nahen Osten verübte ein Mitglied der Japanischen Roten Armee aus Solidarität mit den Palästinensern während eines Anschlags auf den internationalen Flughafen von Tel Aviv 1972. Auch die Kamikaze-Flüge waren bereits eine Form des Selbstmordanschlags. Die Methodik wurde übernommen und später religiös gerechtfertigt.Sehen Sie Gefahren durch Syrien- oder Irak-Rückkehrer? Wie kann dem begegnet werden?Eine Gefahr kann man nicht völlig ausschließen, wie es Fälle in anderen Ländern gezeigt haben. Gleichzeitig sollte man keine unnötigen Angstszenarien aufbauen, da die meisten Rückkehrer unter Beobachtung stehen. Eine Maßnahme wäre die obligatorische Teilnahme an Aussteiger- und Resozialisierungsprogrammen, die gemeinsam mit Muslimen geleitet werden.Wie sollten Christen und Moslems in diesem Land - ich würde gern Juden und Yeziden als viel kleinere und deshalb schwächere und besonders schützenswerte Gruppen miteinbeziehen - in Zukunft miteinander umgehen?Auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und sitzen im gleichen Boot.

Ein Weg zurück in die Gesellschaft

Minden (mt). Auch in Mitteleuropa scheinen junge Menschen anfällig zu sein für religiös fundierten Extremismus. Vor allem junge Männer und Jugendliche lassen sich für Gewalt instrumentalisieren und sind sogar bereit, in den Krieg zu ziehen. Der Islamwissenschaftler und Judaist Elhakam Sukhni befasst sich wissenschaftlich mit politischem Islam, Salafismus und Djihadismus. In Minden diskutierte er kürzlich mit Vertretern der Stadt und der türkischen Moscheegemeinde, mit Eltern und Interessierten. Die MT-Redaktion stellte ein paar Nachfragen.

Welche Hauptfehler hat die deutsche Mehrheitsgesellschaft nach 9/11 im Umgang mit gerade heranwachsenden Muslimen gemacht?

Besonders an Schulen werden als muslimisch wahrgenommene Kinder von Mitschülern, aber insbesondere auch von Lehrern dazu gedrängt, sich zu politischen Ereignissen und islamischen Positionen zu äußern und „ihre“ Religion zu erklären, so als seien sie Botschafter der islamischen Welt. Dadurch werden sie in eine Ecke gedrängt und sozusagen „politisiert“ und „islamisiert“.

Spricht daraus auch ein wenig persönliche Erfahrung im Freundeskreis, in der Schule und an der Uni?

Ja, ich selbst bezeichne mich gerne als post-9/11 Kind, da dieses Ereignis mich in die intensivere Beschäftigung mit dem Islam drängte, vorrangig, um mich gegen die Vorwürfe und Vorurteile an meiner Schule zu verteidigen. Nach Charlie Hebdo berichteten mir zwölfjährige Kinder von ähnlichen Stigmatisierungserfahrungen. Manche hat dies schließlich in die Radikalisierung geführt.

Wie haben muslimische Gemeinschaften, vor allem Moscheegemeinden darauf reagiert?

Von den Anschlägen des 11. Septembers, wie auch von allen anderen sog. islamisch begründeten Anschlägen, haben sich die muslimischen Gemeinden immer öffentlich distanziert und so auch in die eigene Gemeinde kommuniziert. Das waren, wenn auch oft unbeachtet, wichtige Signale in Zeiten großer Verunsicherung unter Muslimen und auch Nichtmuslimen.

Haben einige, wenn auch nicht alle etwas falsch gemacht? Allgemeine oder persönliche Entwicklungen falsch eingeschätzt?

Da radikalisierte Jugendliche in der Regel nicht in den bekannten und etablierten Moscheen der Gemeinden verkehren, haben einige Moscheen keine Notwendigkeit in Präventionsarbeit gesehen. Die meisten Moscheen sind außerdem einem bestimmten Kulturkreis zugehörig (türkische, arabische oder albanische Moscheen), sodass Konvertierte oder in Deutschland sozialisierte und vom jeweiligen Kulturkreis entfremdete Muslime sich in diesen Moscheen nicht aufgenommen fühlten und dadurch an problematische Gruppen geraten sind, die ihnen Gemeinschaft und Brüderlichkeit vermitteln konnten. Manche Moscheen haben Jugendliche mit extremen Ansichten aus ihren Moscheen verdrängt, aus Angst in das Visier der Sicherheitsbehörden zu geraten. Das war nicht immer die richtige Entscheidung.

Wie ist es zu erklären, dass gerade nicht als Moslems geborene junge Menschen konvertieren und sich offenbar stärker radikalisieren?

Genau wie die meisten radikalisierten „geborenen“ Muslime, die „zurück zum Islam“ finden, haben Konvertierte keine religiöse Erziehung genossen. Beide sind nicht Moschee-sozialisiert und kennen keine islamische Tradition mit klarer Identität, sie sind bei falscher Anleitung anfällig für Extremismus.

Sind früh zu einer fundamentalistischen Interpretation des Koran neigende junge Menschen wie Salafisten auf alle Zeit „verloren“? Oder was muss passieren, um sie in die Realität, in die Gesellschaft, auch in die mehrheitlich vertretene Interpretation des Islam „zurückzuholen“?

So wie es im Christentum und Judentum vielfältige Auslegungen der Religion gibt, so wird es sie auch im Islam immer geben. Problematisch ist die Konstruktion von Feindbildern, die durch positive Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft bekämpft werden können. Daran müssen alle gemeinsam arbeiten, Muslime und Nichtmuslime. Die Etablierung der islamischen Theologie an Universitäten, sowie des islamischen Unterrichts an Schulen sind ebenfalls ein positiver Beitrag.

Gerade Selbstmordattentate werden nach landläufiger Meinung dem Islam zugeschrieben. Sie haben in Ihrer Magisterarbeit eine andere Auffassung vertreten. Warum?

Die erste beabsichtigte Selbstsprengung im Nahen Osten verübte ein Mitglied der Japanischen Roten Armee aus Solidarität mit den Palästinensern während eines Anschlags auf den internationalen Flughafen von Tel Aviv 1972. Auch die Kamikaze-Flüge waren bereits eine Form des Selbstmordanschlags. Die Methodik wurde übernommen und später religiös gerechtfertigt.

Sehen Sie Gefahren durch Syrien- oder Irak-Rückkehrer? Wie kann dem begegnet werden?

Eine Gefahr kann man nicht völlig ausschließen, wie es Fälle in anderen Ländern gezeigt haben. Gleichzeitig sollte man keine unnötigen Angstszenarien aufbauen, da die meisten Rückkehrer unter Beobachtung stehen. Eine Maßnahme wäre die obligatorische Teilnahme an Aussteiger- und Resozialisierungsprogrammen, die gemeinsam mit Muslimen geleitet werden.

Wie sollten Christen und Moslems in diesem Land - ich würde gern Juden und Yeziden als viel kleinere und deshalb schwächere und besonders schützenswerte Gruppen miteinbeziehen - in Zukunft miteinander umgehen?

Auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und sitzen im gleichen Boot.

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