Ein Platz zum Durchatmen - die Notschlafstelle "SleepIn" für Jugendliche Doris Christoph Porta Westfalica/Minden. Manche haben eine Reisetasche dabei, andere fünf Umzugskartons, wenn sie im „SleepIn“ ankommen. Und dann ist da noch das unsichtbare Gepäck der Jugendlichen: Traumata, psychische Gewalt, Missbrauch, Bindungsverluste. „Viele haben eine heftige Vergangenheit“, sagt Erziehungsleiterin Christina Rommel über ihre Schützlinge. Sie spricht von „Systemsprengern“, bei denen keine Jugendhilfeeinrichtung wie etwa ein Heim mehr hilft. Stattdessen gebe es da den „Drehtüreffekt“: Die Jugendlichen gingen in eine Maßnahme rein und wieder raus. Einer der vier „SleepIn“-Bewohner hat bereits 24 von ihnen hinter sich. „Die sind ständig auf der Flucht“, sagt Rommel. Die Einrichtung der Kinderheimat der Diakonie Stiftung Salem in Porta Westfalica ist somit irgendwie ein Endpunkt: Wenn das Jugendhilfesystem nicht weiter weiß, schickt es Jugendliche her, die massiv von Obdachlosigkeit bedroht sind. Und gleichzeitig soll hier der Startpunkt für etwas Neues sein. Jungen und Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren können hier zur Ruhe kommen, möglichst ohne Zwänge. Das gehört zum Konzept. „Wir wollen nicht viel von denen. Die sollen erstmal hier ankommen, wir akzeptieren ihr Leben“, erklärt die Erziehungsleiterin. Der große Unterschied etwa zum Rudolf-Winzer-Haus am Schwarzen Weg, einer Obdachlosenunterkunft für Männer: Dort finden sogenannte Selbstmelder eine Übernachtungsmöglichkeit, beim „SleepIn“ ist das nicht möglich. Hier werden die Jugendlichen direkt vom Jugendamt angemeldet. Vom Jugendamt Minden kam auch der Anstoß zu der Notschlafstelle. Es registrierte vermehrt Jugendliche, bei denen die bisherigen Angebote der Jugendhilfe nicht griffen und denen das Abrutschen in die Obdachlosigkeit drohte. „In der Stadt gab es vor gut zwei Jahren einen erhöhten Bedarf (zwei bis drei Fälle) und die Idee, ein niedrigschwelliges Angebot für diese Zielgruppe zu entwickeln, nahm Gestalt an“, erklärt die Pressestelle der Stadt Minden. Die Notschlafstelle solle den Jugendlichen helfen, ihre riskante Lebenssituation „auf der Straße“ zu verändern. Von hier solle Kontakt zu den jungen Menschen aufgenommen werden, um zu motivieren und alternative Lebensperspektiven zu entwickeln. Einen Ort weit weg vom Zentrum mit den Freunden und Problemen zu finden, an dem die anderen Bewohner bereit waren, mit solchen Jugendlichen zu leben, war nicht einfach. Schließlich kam die Diakonie auf die Hausanlage in Porta Westfalica-Nammen, in der auch Seniorenwohnungen untergebracht sind. Der Blick aus den Fenstern fällt auf Bäume und grüne Felder – das Ganze wirkt wie aus einem Ferienprospekt. Das Altenpflegeheim Haus Laurentius liegt auf dem gleichen Gelände, ansonsten ist hier: Nichts. Ein großer Vorteil. „In der ländlichen Gegend kommen die Jugendlichen runter“, weiß Christina Rommel. Bevor die ersten Jugendlichen im vergangenen Juli in zwei Wohnungen unterkamen, lud sie die Senioren ein und stellte ihnen das Konzept vor. „Das war ganz toll“, sagt sie über die Reaktion der Nachbarn. Respekt und Grüßen gehören zum guten Umgangston, daran halten sich auch die Jugendlichen. Ansonsten gibt es nicht viele Regeln: Räume sauber hinterlassen, nicht dealen, Waffen und Messer sowie Gewalt – egal ob verbal oder körperlich – und schwere Diebstähle sind verboten, ebenso wie Alkohol- und Drogenkonsum. Wer betrunken oder bekifft ankommt, wird trotzdem reingelassen. Und wer einmal abgehauen ist, darf wieder kommen. Das kommt durchaus vor: Manchmal sind die Jugendlichen wochenlang weg. Die „SleepIn“-Mitarbeiter informieren dann das Jugendamt und geben in manchen Fällen eine Vermisstenanzeige auf. Auf Vorwürfe und Zwänge wird hier verzichtet, das kennen die Jugendlichen ja schon. Es hat nicht funktioniert. „Sie haben immer korrigierende Erfahrungen gemacht“, sagt Rommel. Die Zurückhaltung sei am Anfang eine richtige Herausforderung für die Mitarbeiter gewesen. „Ich sage ihnen immer: Was in den Akten steht, interessiert mich nicht“, ergänzt Steffen Rommel. Er ist einer von vier pädagogischen Mitarbeitern, darunter eine Frau, die das Nachtbereitschaftsteam bilden. Dann gibt es noch eine pädagogische Fachkraft mit einer halben Stelle. Jeweils ein Mitarbeiter hat Dienst und schläft in einem kleinen Apartment zwischen den beiden Zwei-Zimmer-Wohnungen. Die Zimmer hier sehen aus wie bei den meisten Jugendlichen: Klamotten, Haarspray und Süßigkeiten liegen verstreut herum, hier und da stehen Fotos. Am Tag sind die Wohnungen verlassen, denn die Jugendlichen bleiben nur über Nacht. Um 17.30 Uhr holt sie ein Fahrdienst an einem Treffpunkt in Minden ab. Auf der Fahrt planen sie mit dem Betreuer, was gekocht wird und halten noch schnell beim Supermarkt. Beim gemeinsamen Kochen komme man gut ins Gespräch, berichtet Steffen Rommel. Und es soll hier auch leichte Momente geben, betont Christina Rommel. In der Woche ist um 22 Uhr Nachtruhe, um 9 Uhr am nächsten Morgen werden die Jugendlichen wieder in der Stadt abgesetzt – egal bei welchem Wetter. Beim MT-Besuch schüttet es gerade wie aus Eimern. Würden die Jugendlichen nicht gerne auch tagsüber hier bleiben? Ja, das würden sie. „Aber letztendlich haben sie entschieden, dass sie nicht in einer Regelgruppe sind“, meint Christina Rommel. Die sei mit bestimmten Ansprüchen verbunden. „Und das wollen sie nicht mehr.“ In der Unterkunft können die Jugendlichen duschen, Wäsche waschen, ins Gespräch kommen. Und, wenn gewünscht, Hilfe erhalten: Die Mitarbeiter bieten Gespräche zu Zukunftsperspektiven, Sexualpädagogik, Drogen- und Berufsberatung an, begleiten tagsüber auch zu Ämtern. „Nach einer gewissen Zeit stellen sie ihr Leben in Frage“, weiß Christina Rommel über die Bewohner. Und dann nehmen die „Systemsprenger“ auch Beratung an. Sieben Jugendliche haben seit ihrem Start in der Einrichtung gelebt, vier hat das Jugendamt Minden geschickt, drei kamen aus anderen Kommunen. Manche bleiben nur eine Woche, andere über Monate. Zwei haben es zurück in Jugendhilfemaßnahmen geschafft, berichtet Christina Rommel. Derzeit wohnen zwei Jungen und zwei Mädchen hier. Bis Ende September finanziert die Stadt Minden noch die Einrichtung, so die Diakonie. Ob es weitergeht? Auf Nachfrage teilt die Stadt Minden mit, der Bedarf sei schwankend und es müsse geprüft werden, ob dieses Angebot auf Dauer aufrechtzuerhalten sei. „Zudem ist zusammen mit der Heimaufsicht des Landesjugendamtes das pädagogische Konzept dieses Projektes vereinbarungsgemäß zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen“, heißt es weiter. Zu den Kosten äußert sich die Stadt bis Redaktionsschluss nicht. Christina Rommel blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft der Einrichtung: Was sollten die Jugendämter sonst mit den Jugendlichen machen? „Dann müssten die Kinder wieder in Obhut genommen werden.“ Und was dann käme, ist ihr klar: der Eintritt in die Drehtür.

Ein Platz zum Durchatmen - die Notschlafstelle "SleepIn" für Jugendliche

Im „SleepInn“ der Diakonie Stiftung Salem finden Jugendliche einen Platz zum Schlafen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Jugendhilfemaßnahmen erreichen sie nicht mehr. Sie leben lieber auf der Straße als in einer Einrichtung. MT- © Foto: Alex Lehn

Porta Westfalica/Minden. Manche haben eine Reisetasche dabei, andere fünf Umzugskartons, wenn sie im „SleepIn“ ankommen. Und dann ist da noch das unsichtbare Gepäck der Jugendlichen: Traumata, psychische Gewalt, Missbrauch, Bindungsverluste. „Viele haben eine heftige Vergangenheit“, sagt Erziehungsleiterin Christina Rommel über ihre Schützlinge. Sie spricht von „Systemsprengern“, bei denen keine Jugendhilfeeinrichtung wie etwa ein Heim mehr hilft. Stattdessen gebe es da den „Drehtüreffekt“: Die Jugendlichen gingen in eine Maßnahme rein und wieder raus. Einer der vier „SleepIn“-Bewohner hat bereits 24 von ihnen hinter sich. „Die sind ständig auf der Flucht“, sagt Rommel.

Die Einrichtung der Kinderheimat der Diakonie Stiftung Salem in Porta Westfalica ist somit irgendwie ein Endpunkt: Wenn das Jugendhilfesystem nicht weiter weiß, schickt es Jugendliche her, die massiv von Obdachlosigkeit bedroht sind. Und gleichzeitig soll hier der Startpunkt für etwas Neues sein. Jungen und Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren können hier zur Ruhe kommen, möglichst ohne Zwänge. Das gehört zum Konzept. „Wir wollen nicht viel von denen. Die sollen erstmal hier ankommen, wir akzeptieren ihr Leben“, erklärt die Erziehungsleiterin.

Der große Unterschied etwa zum Rudolf-Winzer-Haus am Schwarzen Weg, einer Obdachlosenunterkunft für Männer: Dort finden sogenannte Selbstmelder eine Übernachtungsmöglichkeit, beim „SleepIn“ ist das nicht möglich. Hier werden die Jugendlichen direkt vom Jugendamt angemeldet.

Vom Jugendamt Minden kam auch der Anstoß zu der Notschlafstelle. Es registrierte vermehrt Jugendliche, bei denen die bisherigen Angebote der Jugendhilfe nicht griffen und denen das Abrutschen in die Obdachlosigkeit drohte. „In der Stadt gab es vor gut zwei Jahren einen erhöhten Bedarf (zwei bis drei Fälle) und die Idee, ein niedrigschwelliges Angebot für diese Zielgruppe zu entwickeln, nahm Gestalt an“, erklärt die Pressestelle der Stadt Minden. Die Notschlafstelle solle den Jugendlichen helfen, ihre riskante Lebenssituation „auf der Straße“ zu verändern. Von hier solle Kontakt zu den jungen Menschen aufgenommen werden, um zu motivieren und alternative Lebensperspektiven zu entwickeln.

Einen Ort weit weg vom Zentrum mit den Freunden und Problemen zu finden, an dem die anderen Bewohner bereit waren, mit solchen Jugendlichen zu leben, war nicht einfach. Schließlich kam die Diakonie auf die Hausanlage in Porta Westfalica-Nammen, in der auch Seniorenwohnungen untergebracht sind. Der Blick aus den Fenstern fällt auf Bäume und grüne Felder – das Ganze wirkt wie aus einem Ferienprospekt. Das Altenpflegeheim Haus Laurentius liegt auf dem gleichen Gelände, ansonsten ist hier: Nichts. Ein großer Vorteil. „In der ländlichen Gegend kommen die Jugendlichen runter“, weiß Christina Rommel.

Bevor die ersten Jugendlichen im vergangenen Juli in zwei Wohnungen unterkamen, lud sie die Senioren ein und stellte ihnen das Konzept vor. „Das war ganz toll“, sagt sie über die Reaktion der Nachbarn. Respekt und Grüßen gehören zum guten Umgangston, daran halten sich auch die Jugendlichen.

Ansonsten gibt es nicht viele Regeln: Räume sauber hinterlassen, nicht dealen, Waffen und Messer sowie Gewalt – egal ob verbal oder körperlich – und schwere Diebstähle sind verboten, ebenso wie Alkohol- und Drogenkonsum. Wer betrunken oder bekifft ankommt, wird trotzdem reingelassen. Und wer einmal abgehauen ist, darf wieder kommen. Das kommt durchaus vor: Manchmal sind die Jugendlichen wochenlang weg. Die „SleepIn“-Mitarbeiter informieren dann das Jugendamt und geben in manchen Fällen eine Vermisstenanzeige auf.

Auf Vorwürfe und Zwänge wird hier verzichtet, das kennen die Jugendlichen ja schon. Es hat nicht funktioniert. „Sie haben immer korrigierende Erfahrungen gemacht“, sagt Rommel. Die Zurückhaltung sei am Anfang eine richtige Herausforderung für die Mitarbeiter gewesen. „Ich sage ihnen immer: Was in den Akten steht, interessiert mich nicht“, ergänzt Steffen Rommel. Er ist einer von vier pädagogischen Mitarbeitern, darunter eine Frau, die das Nachtbereitschaftsteam bilden. Dann gibt es noch eine pädagogische Fachkraft mit einer halben Stelle. Jeweils ein Mitarbeiter hat Dienst und schläft in einem kleinen Apartment zwischen den beiden Zwei-Zimmer-Wohnungen.

Die Zimmer hier sehen aus wie bei den meisten Jugendlichen: Klamotten, Haarspray und Süßigkeiten liegen verstreut herum, hier und da stehen Fotos. Am Tag sind die Wohnungen verlassen, denn die Jugendlichen bleiben nur über Nacht. Um 17.30 Uhr holt sie ein Fahrdienst an einem Treffpunkt in Minden ab. Auf der Fahrt planen sie mit dem Betreuer, was gekocht wird und halten noch schnell beim Supermarkt. Beim gemeinsamen Kochen komme man gut ins Gespräch, berichtet Steffen Rommel. Und es soll hier auch leichte Momente geben, betont Christina Rommel.

In der Woche ist um 22 Uhr Nachtruhe, um 9 Uhr am nächsten Morgen werden die Jugendlichen wieder in der Stadt abgesetzt – egal bei welchem Wetter. Beim MT-Besuch schüttet es gerade wie aus Eimern. Würden die Jugendlichen nicht gerne auch tagsüber hier bleiben? Ja, das würden sie. „Aber letztendlich haben sie entschieden, dass sie nicht in einer Regelgruppe sind“, meint Christina Rommel. Die sei mit bestimmten Ansprüchen verbunden. „Und das wollen sie nicht mehr.“

In der Unterkunft können die Jugendlichen duschen, Wäsche waschen, ins Gespräch kommen. Und, wenn gewünscht, Hilfe erhalten: Die Mitarbeiter bieten Gespräche zu Zukunftsperspektiven, Sexualpädagogik, Drogen- und Berufsberatung an, begleiten tagsüber auch zu Ämtern. „Nach einer gewissen Zeit stellen sie ihr Leben in Frage“, weiß Christina Rommel über die Bewohner. Und dann nehmen die „Systemsprenger“ auch Beratung an.

Sieben Jugendliche haben seit ihrem Start in der Einrichtung gelebt, vier hat das Jugendamt Minden geschickt, drei kamen aus anderen Kommunen. Manche bleiben nur eine Woche, andere über Monate. Zwei haben es zurück in Jugendhilfemaßnahmen geschafft, berichtet Christina Rommel. Derzeit wohnen zwei Jungen und zwei Mädchen hier.

Bis Ende September finanziert die Stadt Minden noch die Einrichtung, so die Diakonie. Ob es weitergeht? Auf Nachfrage teilt die Stadt Minden mit, der Bedarf sei schwankend und es müsse geprüft werden, ob dieses Angebot auf Dauer aufrechtzuerhalten sei. „Zudem ist zusammen mit der Heimaufsicht des Landesjugendamtes das pädagogische Konzept dieses Projektes vereinbarungsgemäß zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen“, heißt es weiter. Zu den Kosten äußert sich die Stadt bis Redaktionsschluss nicht.

Christina Rommel blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft der Einrichtung: Was sollten die Jugendämter sonst mit den Jugendlichen machen? „Dann müssten die Kinder wieder in Obhut genommen werden.“ Und was dann käme, ist ihr klar: der Eintritt in die Drehtür.

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