Ein Mindener Unikat: Seit 60 Jahren tingelt Alleinunterhalter Dieter "Didi" Böhning umher Anja Peper Minden (mt). Ein Akkordeon, ein Bart, ein zum Singen geöffneter Mund: Erstaunlich, wie wenige Pinselstriche dem Mindener Künstler Jo Klaffki (1943 – 1997) für eine Charakterisierung ausreichten. Das Porträt entstand damals „so aus dem Lameng“, erinnert sich Dieter Böhning. Soll heißen: Klaffki konnte solche Zeichnungen quasi nebenbei aus dem Ärmel schütteln, einen Skizzenblock hatte er immer dabei. Das Bild samt Widmung („Für Didi“) hat einen Ehrenplatz bei Dieter Böhning zuhause. Darüber hinaus gibt es ungezählte Fotos, diverse Zeitungsausschnitte und Buttjer-Geschichten aus 60 Jahren. So lange steht Didi schon auf der Bühne, anfangs mit Band, meist als Alleinunterhalter. Ob Weinfest, Oktoberfest oder Goldhochzeit, Sommernachtsgartenfest der Rebenkompanie oder Karneval: Wenn die Gäste eintrafen, war Didi meist schon da – und ging als einer der Letzten. Bevor Corona alles ausgebremst hat, war der 77-Jährige an den Wochenenden ständig auf Achse. „Leider habe ich seit März 2020 keinen Musikjob mehr gehabt.“ Aktuell spielt er nur im kleinen Kreis, zum Beispiel im Seniorenheim. Das Auftreten fehlt ihm. Als Jugendlicher hatte er nur das Akkordeon und spielte auf der Obermarktstraße vorm Eiscafé seiner Familie. Über die Jahre kam jede Menge Equipment dazu: Sein Anhänger ist voll gepackt mit Verstärkern, Hallgerät, Lichtanlage und vielem mehr. Alles muss in den Festsaal bugsiert werden. Bevor das Programm gegen 18 Uhr mit der Begleitmusik zum Essen starten kann, ist also einiges zu tun. Offenbar hat das auch fit gehalten: Die Gäste bespaßen bis morgens um drei, das muss man erstmal schaffen. Heute erkundigt er sich schon mal: „Wie lange soll’s denn gehen?“, bevor er sich entschließt, ob er einen Job annimmt oder nicht. Denn auch Abbau und Heimfahrt kosten schließlich Zeit. Meist tritt Böhning, der mit seiner Frau in Leteln wohnt, in der näheren Umgebung auf. Über 20 Jahre hinweg ist er jedes Jahr beim Weinfest aufgetreten, auch beim Sommernachtsgartenfest gehört er quasi zum Inventar. Der Dritten Kompanie, die die Feier organisiert, gehört er selber an. Überhaupt ist er ein waschechter Buttjer, in Minden aufgewachsen und tief verwurzelt. Böhning ist Mitbegründer der Facebook-Gruppe „Du lebst schon lange in Minden, wenn ...“ Die Heimatliebe spiegeln auch diverse Titel auf seinen eigenen CDs wider, mehrfach besingt er seine Stadt. Modern ist diese Art der Unterhaltung nicht mehr: Wer gerne von Party zu Party tingelt und die Nacht zum Tag macht, wird heute eher DJ. Die großen Zeiten der Tanztees sind vorbei. Gut möglich, dass „Didi Minden“, wie er sich auch nennt, einer der Letzten seiner Art ist. Neben rund 1.000 Liedern hat der 77-Jährige auch eine Reihe von Gags im Repertoire. Manchmal holt er bei runden Geburtstagen einzelne Gäste auf die Bühne, die dann mit der Aufgabe konfrontiert werden, das Geburtstagskind zu malen. Die eher unbeholfenen Zeichnungen, die dabei entstehen, sind meist ein verlässlicher Lacher zum Aufwärmen. Didi findet es übrigens völlig okay, wenn man ihn als „Rampensau“ bezeichnet. Das ist keine Beleidigung, sondern steht im Lexikon als saloppe Bezeichnung für einen „leidenschaftlichen Bühnenkünstler“. Darum hat er auch keine Hemmungen, für sein Publikum in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Das kann seine Paraderolle sein, Mindener Buttjer, aber hin und wieder greift er zum skurrilen Outfit: „Ich habe auch schon als Nana Mouskouri auf der Bühne gestanden.“ Für diesen Auftritt als griechische Sängerin mit der markanten Hornbrille hat er extra den Bart abrasiert. Zum Glück macht sich Dieter Böhning keine großen Gedanken darüber, „was wohl die Leute denken könnten“. Was das betrifft, tickt seine Frau Elisabeth anders: Sie ist eher die Introvertierte. Obwohl sie seit Kindesbeinen toll singen kann, hat sie sich bei seinen Auftritten nie mit auf die Bühne schleifen lassen. Dass sie oft am Wochenende auf ihren Mann verzichten musste, hat sie weniger gestört, als man erwarten könnte: „Ich hatte als Krankenschwester damals auch viele Spät- und Nachtdienste.“ Gerade die junge Familie Böhning mit den beiden Söhnen konnte die Gagen gut gebrauchen. Aber wie ist ein Abend zu retten, wenn der Alleinunterhalter mal richtig mies drauf ist? Wie kriegt er dann die Kurve? Bei der Frage kann Dieter Böhning nur die Schultern zucken: „Schlecht drauf sein kenne ich nicht.“ Seine Frau bestätigt das: „Wenn er früher von der Arbeit nach Hause kam, hat er sich als erstes das Akkordeon gegriffen – zum Entspannen.“ Darum hat er auch heute sein Lieblingsinstrument unterwegs oft dabei: Allzeit bereit. Das ist eine Gemeinsamkeit, die ihn mit dem 1997 verstorbenen Jo Klaffki verband: „Der hatte damals auch überall seinen Skizzenblock bei sich.“ Zwei Jahre, nachdem er als Kind das erste Instrument bekommen hatte, nahm er auch Akkordeon-Unterricht bei einer Musiklehrerin. Das Spielen klappte gut, aber mit Noten kann er sich bis heute nicht anfreunden. Aber das hat keinen gestört, auch nicht in Norwegen. In der Stadt Stavanger gibt es einen Nato-Stützpunkt. Jede dort vertretene Nation sollte einmal pro Jahr ein landestypisches Fest ausrichten. Fürs Oktoberfest brachte Böhnings Sohn damals seinen Vater für die Musik ins Spiel, der fünfmal vor internationalem Publikum in Stavanger spielte. Daran erinnert er sich gerne: „Die Amis konnten am besten feiern. Und die Frauen hatten die schönsten Dirndl.“

Ein Mindener Unikat: Seit 60 Jahren tingelt Alleinunterhalter Dieter "Didi" Böhning umher

Minden (mt). Ein Akkordeon, ein Bart, ein zum Singen geöffneter Mund: Erstaunlich, wie wenige Pinselstriche dem Mindener Künstler Jo Klaffki (1943 – 1997) für eine Charakterisierung ausreichten. Das Porträt entstand damals „so aus dem Lameng“, erinnert sich Dieter Böhning. Soll heißen: Klaffki konnte solche Zeichnungen quasi nebenbei aus dem Ärmel schütteln, einen Skizzenblock hatte er immer dabei. Das Bild samt Widmung („Für Didi“) hat einen Ehrenplatz bei Dieter Böhning zuhause. Darüber hinaus gibt es ungezählte Fotos, diverse Zeitungsausschnitte und Buttjer-Geschichten aus 60 Jahren.

Der Künstler Josef Klaffki („Joki“) zeichnete vor Jahrzehnten dieses Porträt „für Didi“. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper
Der Künstler Josef Klaffki („Joki“) zeichnete vor Jahrzehnten dieses Porträt „für Didi“. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper

So lange steht Didi schon auf der Bühne, anfangs mit Band, meist als Alleinunterhalter. Ob Weinfest, Oktoberfest oder Goldhochzeit, Sommernachtsgartenfest der Rebenkompanie oder Karneval: Wenn die Gäste eintrafen, war Didi meist schon da – und ging als einer der Letzten. Bevor Corona alles ausgebremst hat, war der 77-Jährige an den Wochenenden ständig auf Achse.

„Leider habe ich seit März 2020 keinen Musikjob mehr gehabt.“ Aktuell spielt er nur im kleinen Kreis, zum Beispiel im Seniorenheim. Das Auftreten fehlt ihm. Als Jugendlicher hatte er nur das Akkordeon und spielte auf der Obermarktstraße vorm Eiscafé seiner Familie. Über die Jahre kam jede Menge Equipment dazu: Sein Anhänger ist voll gepackt mit Verstärkern, Hallgerät, Lichtanlage und vielem mehr. Alles muss in den Festsaal bugsiert werden. Bevor das Programm gegen 18 Uhr mit der Begleitmusik zum Essen starten kann, ist also einiges zu tun. Offenbar hat das auch fit gehalten: Die Gäste bespaßen bis morgens um drei, das muss man erstmal schaffen. Heute erkundigt er sich schon mal: „Wie lange soll’s denn gehen?“, bevor er sich entschließt, ob er einen Job annimmt oder nicht. Denn auch Abbau und Heimfahrt kosten schließlich Zeit.


Meist tritt Böhning, der mit seiner Frau in Leteln wohnt, in der näheren Umgebung auf. Über 20 Jahre hinweg ist er jedes Jahr beim Weinfest aufgetreten, auch beim Sommernachtsgartenfest gehört er quasi zum Inventar. Der Dritten Kompanie, die die Feier organisiert, gehört er selber an. Überhaupt ist er ein waschechter Buttjer, in Minden aufgewachsen und tief verwurzelt. Böhning ist Mitbegründer der Facebook-Gruppe „Du lebst schon lange in Minden, wenn ...“ Die Heimatliebe spiegeln auch diverse Titel auf seinen eigenen CDs wider, mehrfach besingt er seine Stadt. Modern ist diese Art der Unterhaltung nicht mehr: Wer gerne von Party zu Party tingelt und die Nacht zum Tag macht, wird heute eher DJ. Die großen Zeiten der Tanztees sind vorbei. Gut möglich, dass „Didi Minden“, wie er sich auch nennt, einer der Letzten seiner Art ist.

In jungen Jahren: 1958 starteten die Auftritte mit Akkordeon. - © privat
In jungen Jahren: 1958 starteten die Auftritte mit Akkordeon. - © privat

Neben rund 1.000 Liedern hat der 77-Jährige auch eine Reihe von Gags im Repertoire. Manchmal holt er bei runden Geburtstagen einzelne Gäste auf die Bühne, die dann mit der Aufgabe konfrontiert werden, das Geburtstagskind zu malen. Die eher unbeholfenen Zeichnungen, die dabei entstehen, sind meist ein verlässlicher Lacher zum Aufwärmen. Didi findet es übrigens völlig okay, wenn man ihn als „Rampensau“ bezeichnet. Das ist keine Beleidigung, sondern steht im Lexikon als saloppe Bezeichnung für einen „leidenschaftlichen Bühnenkünstler“. Darum hat er auch keine Hemmungen, für sein Publikum in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Das kann seine Paraderolle sein, Mindener Buttjer, aber hin und wieder greift er zum skurrilen Outfit: „Ich habe auch schon als Nana Mouskouri auf der Bühne gestanden.“ Für diesen Auftritt als griechische Sängerin mit der markanten Hornbrille hat er extra den Bart abrasiert.

Bei Feiern schlüpft Dieter Böhning in diverse Rollen: meist als Buttjer, mal als Bauarbeiter, als Papst, tatsächlich auch mal als Nana Mouskouri. - © privat
Bei Feiern schlüpft Dieter Böhning in diverse Rollen: meist als Buttjer, mal als Bauarbeiter, als Papst, tatsächlich auch mal als Nana Mouskouri. - © privat

Zum Glück macht sich Dieter Böhning keine großen Gedanken darüber, „was wohl die Leute denken könnten“. Was das betrifft, tickt seine Frau Elisabeth anders: Sie ist eher die Introvertierte. Obwohl sie seit Kindesbeinen toll singen kann, hat sie sich bei seinen Auftritten nie mit auf die Bühne schleifen lassen. Dass sie oft am Wochenende auf ihren Mann verzichten musste, hat sie weniger gestört, als man erwarten könnte: „Ich hatte als Krankenschwester damals auch viele Spät- und Nachtdienste.“ Gerade die junge Familie Böhning mit den beiden Söhnen konnte die Gagen gut gebrauchen.

Aber wie ist ein Abend zu retten, wenn der Alleinunterhalter mal richtig mies drauf ist? Wie kriegt er dann die Kurve? Bei der Frage kann Dieter Böhning nur die Schultern zucken: „Schlecht drauf sein kenne ich nicht.“ Seine Frau bestätigt das: „Wenn er früher von der Arbeit nach Hause kam, hat er sich als erstes das Akkordeon gegriffen – zum Entspannen.“ Darum hat er auch heute sein Lieblingsinstrument unterwegs oft dabei: Allzeit bereit. Das ist eine Gemeinsamkeit, die ihn mit dem 1997 verstorbenen Jo Klaffki verband: „Der hatte damals auch überall seinen Skizzenblock bei sich.“

Zwei Jahre, nachdem er als Kind das erste Instrument bekommen hatte, nahm er auch Akkordeon-Unterricht bei einer Musiklehrerin. Das Spielen klappte gut, aber mit Noten kann er sich bis heute nicht anfreunden. Aber das hat keinen gestört, auch nicht in Norwegen. In der Stadt Stavanger gibt es einen Nato-Stützpunkt. Jede dort vertretene Nation sollte einmal pro Jahr ein landestypisches Fest ausrichten. Fürs Oktoberfest brachte Böhnings Sohn damals seinen Vater für die Musik ins Spiel, der fünfmal vor internationalem Publikum in Stavanger spielte. Daran erinnert er sich gerne: „Die Amis konnten am besten feiern. Und die Frauen hatten die schönsten Dirndl.“

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