Ein Herz für die Fischerstadt: Wie Bewohner ihr Viertel fördern Benjamin Piel Minden (mt). In die Fischerstadt hatten Jürgen Niemann und seine Frau eigentlich gar nicht ziehen wollen. Ein Haus in der oberen Altstadt hatten sie gesucht, aber nie gefunden. Durch eine Veranstaltung in der damaligen Literaturlounge kamen sie eines Tages in die Fischerstadt. Das marode Haus gegenüber stand zufällig zum Verkauf. „Es sah schlimm aus“, erinnert sich Niemann. Der Hof war vollgemüllt, das Fachwerk angegriffen. Das Paar hätte den Gedanken, sich des Hauses in Arme-Leute-Bauweise aus dem 18. Jahrhundert anzunehmen, gleich verworfen, wäre nicht dummerweise ihr Herz für die Immobilie und das Viertel entflammt. Der Plan ließ sich nicht mehr los und so bauten und werkelten sie viereinhalb Jahre lang an der Immobilie herum, rissen Wände ein, legten Balken frei, räumten Müllberge weg, legten einen Garten an. Wäre Niemann seiner vieljährigen Tätigkeit als Holzhändler wegen nicht sehr im Thema gewesen, hätte er vermutlich nicht bis zum Ende des Projekts durchgehalten. Doch gelohnt hat es sich. Wer durch die enge Rosengasse läuft, nähert sich einer weißen Tür mit Treibholzgriff und Bullauge - ein Blickfang. Die Gassen der Fischerstadt gehören vielleicht zu den schönsten in Minden. Trotzdem hat Niemann das Gefühl, dass selbst viele Mindener diese Gassen wahlweise entweder noch nie wahrgenommen haben oder den Eindruck, die Gassen seien Privatwege. „Das ist aber nicht so“, betont er und hofft, dass noch mehr Menschen die Fischerstadt als einen ihrer Lieblingsorte entdecken. Auch deshalb lädt er seit vier Jahren zusammen mit den anderen „Zeitdieben“ an jedem ersten Mittwoch im Monat zu Rundgängen durch das Viertel ein. Dann lernen jeweils um die 20 Teilnehmer historische Persönlichkeiten aus der Fischerstadt kennen. Etwa Jobst Hinrich Lohmann, ein einfacher Bürger, der 1759 die Schlacht bei Minden mitentschieden haben soll. Weil er den Schlachtplan der Franzosen belauscht und weitergetragen haben soll, soll die Koalition aus Preußen, Briten, Kurhannoveranern und Hessen-Kasselern die Franzosen und Sachsen besiegt haben. Die Zeitdiebe stellen Lohmann und andere Persönlichkeiten aus der Fischerstadt dar. Die Mitglieder der Gruppe hatten sich schon vorher für die Fischerstadt eingesetzt, haben sich vor vier Jahren eher zufällig zusammengefunden. „Wir haben noch viele Ideen, die Fischerstadt bekannter zu machen“, sagt Niemann. Den Zusammenhang im Viertel beschreibt Niemann als „doch noch recht groß“, die Mischung sei bunt. Dort leben Studenten und junge Leute ebenso wie Alteingesessene. Man kennt sich, man grüßt sich, man hält einen Plausch. Oder wie Niemann es ausdrückt: „Ich wohne auf dem Dorf mitten in der Stadt.“ Er vermutet, dass das einer der Gründe ist, warum er viele Leute kennt, die gerne ins Viertel ziehen würden. Doch die Enge und Dichte, die müsse man mögen, gibt er zu bedenken, viel Platz zum Ausweichen gebe es nicht. Die Zeiten, in denen vorwiegend Fischer und Schiffer dort wohnten und andere die etwas verwegene Fischerstadt und ihre Kneipe, die Kajüte, mieden, sind längst vorbei. Wie viele Menschen im Viertel leben, weiß Niemann nicht. Aber: „Eines Abends werde ich losgehen und eine Strichliste machen.“

Ein Herz für die Fischerstadt: Wie Bewohner ihr Viertel fördern

Jürgen Niemann liebt die Fischerstadt. Er möchte, dass mehr Mindener das Stadtviertel als besonders schönen Ort für sich entdecken. © Benjamin Piel

Minden (mt). In die Fischerstadt hatten Jürgen Niemann und seine Frau eigentlich gar nicht ziehen wollen. Ein Haus in der oberen Altstadt hatten sie gesucht, aber nie gefunden. Durch eine Veranstaltung in der damaligen Literaturlounge kamen sie eines Tages in die Fischerstadt. Das marode Haus gegenüber stand zufällig zum Verkauf. „Es sah schlimm aus“, erinnert sich Niemann. Der Hof war vollgemüllt, das Fachwerk angegriffen. Das Paar hätte den Gedanken, sich des Hauses in Arme-Leute-Bauweise aus dem 18. Jahrhundert anzunehmen, gleich verworfen, wäre nicht dummerweise ihr Herz für die Immobilie und das Viertel entflammt.

Der Plan ließ sich nicht mehr los und so bauten und werkelten sie viereinhalb Jahre lang an der Immobilie herum, rissen Wände ein, legten Balken frei, räumten Müllberge weg, legten einen Garten an. Wäre Niemann seiner vieljährigen Tätigkeit als Holzhändler wegen nicht sehr im Thema gewesen, hätte er vermutlich nicht bis zum Ende des Projekts durchgehalten. Doch gelohnt hat es sich. Wer durch die enge Rosengasse läuft, nähert sich einer weißen Tür mit Treibholzgriff und Bullauge - ein Blickfang.

Die Gassen der Fischerstadt gehören vielleicht zu den schönsten in Minden. Trotzdem hat Niemann das Gefühl, dass selbst viele Mindener diese Gassen wahlweise entweder noch nie wahrgenommen haben oder den Eindruck, die Gassen seien Privatwege. „Das ist aber nicht so“, betont er und hofft, dass noch mehr Menschen die Fischerstadt als einen ihrer Lieblingsorte entdecken. Auch deshalb lädt er seit vier Jahren zusammen mit den anderen „Zeitdieben“ an jedem ersten Mittwoch im Monat zu Rundgängen durch das Viertel ein.

Dann lernen jeweils um die 20 Teilnehmer historische Persönlichkeiten aus der Fischerstadt kennen. Etwa Jobst Hinrich Lohmann, ein einfacher Bürger, der 1759 die Schlacht bei Minden mitentschieden haben soll. Weil er den Schlachtplan der Franzosen belauscht und weitergetragen haben soll, soll die Koalition aus Preußen, Briten, Kurhannoveranern und Hessen-Kasselern die Franzosen und Sachsen besiegt haben. Die Zeitdiebe stellen Lohmann und andere Persönlichkeiten aus der Fischerstadt dar. Die Mitglieder der Gruppe hatten sich schon vorher für die Fischerstadt eingesetzt, haben sich vor vier Jahren eher zufällig zusammengefunden. „Wir haben noch viele Ideen, die Fischerstadt bekannter zu machen“, sagt Niemann.

Den Zusammenhang im Viertel beschreibt Niemann als „doch noch recht groß“, die Mischung sei bunt. Dort leben Studenten und junge Leute ebenso wie Alteingesessene. Man kennt sich, man grüßt sich, man hält einen Plausch. Oder wie Niemann es ausdrückt: „Ich wohne auf dem Dorf mitten in der Stadt.“ Er vermutet, dass das einer der Gründe ist, warum er viele Leute kennt, die gerne ins Viertel ziehen würden. Doch die Enge und Dichte, die müsse man mögen, gibt er zu bedenken, viel Platz zum Ausweichen gebe es nicht. Die Zeiten, in denen vorwiegend Fischer und Schiffer dort wohnten und andere die etwas verwegene Fischerstadt und ihre Kneipe, die Kajüte, mieden, sind längst vorbei. Wie viele Menschen im Viertel leben, weiß Niemann nicht. Aber: „Eines Abends werde ich losgehen und eine Strichliste machen.“

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